Fremdeln und Abschied
Stranger wariness and goodbyes
Fremdeln und Trennungsangst erreichen im Kleinkindalter ihren Höhepunkt und sind ein Zeichen gelungener Bindung, kein Problem. Das Kind hat gelernt, vertraute von fremden Menschen zu unterscheiden und die Bezugsperson zu vermissen. Ein ehrlicher Abschied mit verlässlichem Ritual trägt besser als heimliches Wegschleichen.
Irgendwann, oft gegen Ende des ersten Jahres und ausgeprägt im zweiten, fremdelt dein Kind: Es klammert bei fremden Menschen, weint beim Abschied, obwohl es Oma doch „mag". Das fühlt sich wie ein Rückschritt an — ist aber das Gegenteil. Fremdeln und Trennungsangst sind ein Zeichen der Bindung, kein Problem: Das Kind unterscheidet jetzt klar zwischen dir und anderen und weiß, was es an dir verliert, wenn du gehst.
Der Ärger beim Abschied trägt zudem eine typische Struktur: ein kurzer, heftiger Protest-Gipfel, der schnell abklingt, und ein längerer, leiserer Ausklang, in dem das Kind Nähe sucht (Potegal & Davidson, 2003). Genau deshalb hilft es, den Abschied nicht in die Länge zu ziehen — und genau deshalb beruhigt sich dein Kind bei der Betreuungsperson meist schneller, als du denkst.
Das Wichtigste für den Abschied: ein verlässliches, kurzes Ritual — dieselben zwei, drei Handgriffe jedes Mal — und dann klar gehen, ohne sich wegzuschleichen. Verschwindest du heimlich, lernt das Kind, dass es dich nie aus den Augen lassen darf; das macht Trennungen schwerer, nicht leichter. Genau das ist auch der Kern einer guten Eingewöhnung in der Krippe: langsam, begleitet, mit einem berechenbaren Kommen und Gehen. Und, beruhigend: Fremdeln geht mit der Zeit von selbst zurück, wenn das Kind erfährt, dass du immer wiederkommst.