Sprache wächst in Runden, nicht in Wörtern
Language grows in turns, not in words
Die Hin-und-Her-Runden mit dem Kind sagen die spätere Sprachfähigkeit besser voraus als die bloße Wortmenge — in einer Studie samt stärkerer Aktivität in den Sprachregionen des Gehirns, unabhängig von Einkommen und Intelligenz (Romeo u. a., 2018). Die „30-Millionen-Wörter"-Geschichte ist als Zahl wacklig (nur 42 Familien), das Grundsignal aber unbestritten. Und zweisprachig aufzuwachsen verzögert die Sprache nicht: Über beide Sprachen zusammen liegt der Wortschatz im normalen Bereich.
Können & Üben
Dialogisches Vorlesen — das Buch als Gespräch
guided10 min · taeglich
zuhause, vorlesen
Statt nur vorzulesen, mach das Bilderbuch zum Gespräch: Stell offene Fragen („Was macht der Hund da?"), wiederhole und erweitere, was das Kind sagt („Genau — der Hund rennt schnell!"), und lass das Kind mitführen. Die Geschichte ist der Anlass, die Runden sind das Ziel. Funktioniert in jeder Sprache — auch zweisprachig.
bezugsperson
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Vielleicht hast du von der „30-Millionen-Wörter-Lücke" gehört: Kinder aus ärmeren Familien hörten bis zum dritten Geburtstag angeblich 30 Millionen Wörter weniger als Kinder aus wohlhabenden Familien (Hart & Risley, 1995). Die Zahl ist berühmt — und wacklig. Sie stammt aus nur 42 Familien; eine spätere Untersuchung fand die Lücke nicht wieder, sobald man auch das Reden mehrerer Bezugspersonen und das mitgehörte Reden mitzählte (Sperry u. a., 2019). Andere Forschende halten dagegen, die Grundrichtung stimme trotzdem (Golinkoff u. a., 2019). Ehrliche Bilanz: dass frühe Sprachumgebungen sich unterscheiden und zählen, ist unbestritten; die konkrete Zahl ist es nicht.
Wichtiger ist ohnehin etwas anderes. In einer eleganten Studie sagten nicht die rohen Wörter pro Stunde, sondern die Gesprächsrunden — das echte Hin und Her — die Sprachfähigkeit der Kinder voraus, und zwar zusammen mit stärkerer Aktivität in den Sprachregionen des Gehirns, unabhängig von Einkommen und Intelligenz (Romeo u. a., 2018). Nicht „mehr Wörter auf das Kind einreden", sondern mehr Runden mit dem Kind.
Und für die vielen mehrsprachigen Familien in München eine Entwarnung: Zweisprachig aufzuwachsen verzögert die Sprache nicht. Der Gesamtwortschatz über beide Sprachen folgt den normalen Werten; dass ein Kind in einer Sprache weniger Wörter hat, ist erwartbar und kein Mangel (Byers-Heinlein & Lew-Williams, 2013).