„Welches Eis schmeckt am besten?“ hat viele Antworten, die alle gelten; „Wie viele Beine hat eine Spinne?“ hat eine, und die kann man nachzählen. Die Kinder ordnen Fragen ein — Geschmacksfrage, bei der mehrere Ansichten gleichberechtigt nebeneinanderstehen, oder Tatsachenfrage, die man nachprüfen kann — und erkennen, wenn jemand die beiden verwechselt: wer „Blau IST die schönste Farbe“ ruft, macht aus Geschmack eine Tatsache; wer „Ob Wale Fische sind, ist doch Geschmackssache“ sagt, macht aus einer Tatsache Geschmack. Kuhn, Cheney und Weinstock (2000, Cognitive Development 15, 309–328) beschreiben den Weg vom Absolutisten (nur eine Antwort ist richtig) über den Multiplisten (alles ist Meinung) zum Abwägenden; Wainryb, Shaw, Langley, Cottam und Lewis (2004, Child Development 75, 687–703) zeigen, dass schon Fünf- bis Neunjährige bei Geschmacksfragen eher akzeptieren, dass beide recht haben, als bei Tatsachen- und moralischen Fragen. Verhindert wird außerdem der Schluss, eine Ansicht gelte, weil ein Erwachsener sie hat. Moralische Fragen („Darf man …?“) werden hier bewusst weder als Geschmack noch als Tatsache geprüft: Sie stehen in den offenen Aufgaben, jede Position zählt, die Begründung wird bewertet (Martens 1999; Lipman, Sharp und Oscanyan 1980, *Philosophy in the Classroom*). LehrplanPLUS GS Ethik 3/4, 2.2 Individualität respektieren (zu manchen Fragen gibt es verschiedene, gleichberechtigte Ansichten; Meinungen, Bewertung, Kritik). Bereitet vor: `ethik.meta.relativismus` (Ethik 10/11, ob in der Moral alles Ansichtssache ist) und `ethik.meta.ist-soll`.
Ben sagt: „Man darf nie lügen, auch nicht, um jemanden zu trösten.“ Mila sagt: „Manchmal ist eine kleine Lüge in Ordnung.“ Wem stimmst du eher zu? Begründe.
âś“ Antwort: Ich stimme eher Mila zu. Wenn Oma ein Geschenk macht, das ich nicht mag, sage ich trotzdem danke und dass ich mich freue, damit sie nicht traurig ist. Aber Ben hat recht, dass man sonst niemandem mehr glaubt, wenn man oft lĂĽgt.
Elif und Jonas streiten, welcher Film besser ist, und werden laut. Wie könnten die beiden mit ihren verschiedenen Ansichten umgehen?
✓ Antwort: Sie könnten sich gegenseitig erzählen, was ihnen an ihrem Film gefällt. Dann merken sie, dass es Geschmack ist und beide recht haben dürfen. Nächstes Mal könnten sie abwechselnd einen Film aussuchen.