Die Polis auf ihre Weise verstehen — „später“ heißt nicht „besser“

Understanding the Polis on Its Own Terms — "Later" Isn't "Better"

Geschichte Klasse 6 8 Aufgaben
AndersartigkeitGegenwartsfallePräsentismusGeschichtsdenken

Weil unsere Demokratie mehr Menschen einschließt, klingt Geschichte schnell wie eine Treppe, die immer nach oben führt — von der „unfertigen“ athenischen zur „fertigen“ heutigen Demokratie. Dieser Denkfehler ist die Gegenwartsfalle (Präsentismus): die Vergangenheit mit den Maßstäben von heute messen. Chronologie ist aber kein moralischer Aufstieg — was später kommt, ist nicht automatisch besser. Der Historiker Sam Wineburg nennt präsentistisches Denken unseren bequemsten Zustand; historisch denken heißt, dagegen anzugehen. Man versteht die Polis zuerst auf ihre eigene Weise — was wollten die Athener, was war ihnen selbstverständlich? — und urteilt erst danach.

Können & Üben

Demokratie-Werkstatt — Vorhersagen, Beobachten, Erklären

workshop

45 min · project

klassenzimmer

Jede Gruppe bekommt fünf Personenkärtchen (freier Bürger, Bürgerin/Frau, Sklave, Metöke, Kind) und zwei Felder — „wahlberechtigt“ und „nicht wahlberechtigt“. Drei Schritte: (1) VORHERSAGEN — bevor ihr die Kärtchen sortiert: Schreibt auf, wie ähnlich die athenische Demokratie eurer Meinung nach unserer heutigen war. Wie viele der fünf Personen dürfen wohl mitbestimmen? Wie wurden Ämter vergeben — durch Wahl? (2) BEOBACHTEN — sortiert die fünf Kärtchen jetzt nach „wahlberechtigt“ und „nicht wahlberechtigt“. Haltet fest, was ihr über das Entscheiden herausfindet: In Athen stimmten die Bürger selbst ab (direkte Demokratie) und verlosten die meisten Ämter. Notiert nur, was belegt ist. (3) ERKLÄREN — vergleicht Vorhersage und Beobachtung. Füllt gemeinsam eine Damals/Heute-Tabelle aus: Wer darf mitbestimmen? Wie wird entschieden? Wie kommt man in ein Amt? Benennt die eine echte Gemeinsamkeit (Bürger bestimmen mit) und die großen Unterschiede. Achtet zum Schluss auf die Gegenwartsfalle: Habt ihr Athen als „unfertige Vorstufe“ von uns beurteilt — oder die Polis auf ihre eigene Weise verstanden? Jede Gruppe stellt ihr Ergebnis in einem Satz vor: „Die athenische Demokratie war … und unterschied sich von unserer, weil …“.

guide

2–4

Mittel
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Was bedeutet die „Gegenwartsfalle“ (Präsentismus)?

  • â—Ź die Vergangenheit mit den MaĂźstäben von heute messen
  • â—‹ nur ĂĽber die Gegenwart sprechen
  • â—‹ keine Quellen benutzen
  • â—‹ die Zukunft vorhersagen
In die Gegenwartsfalle tappt, wer die Menschen frĂĽher an unseren heutigen Vorstellungen misst, statt sie aus ihrer eigenen Zeit heraus zu verstehen.
Multiple Choice #2 18s â–¶ Testen

Welcher Satz tappt in die Gegenwartsfalle?

  • â—Ź „Die Athener waren dumm, weil sie Frauen ausschlossen.“
  • â—‹ „Die Athener schlossen Frauen aus — warum hielten sie das fĂĽr richtig?“
  • â—‹ „In Athen hatten Frauen keine politischen Rechte.“
Der erste Satz urteilt mit heutigen Maßstäben, bevor er versteht. Der zweite fragt nach den Gründen der Zeit, der dritte stellt fest.
Wahr / Falsch #3 15s â–¶ Testen

Wer die athenische Ordnung aus ihrer Zeit heraus versteht, muss die Sklaverei deshalb gut finden.

âś“ Falsch
Verstehen ist nicht Billigen. Erst das Sachurteil (wie war es, warum?), dann das Werturteil (wie beurteile ich es heute?).
Wahr / Falsch #4 12s â–¶ Testen

Spätere Ordnungen sind immer bessere Ordnungen — die Geschichte verläuft wie eine Treppe nach oben.

âś“ Falsch
Nach Athen folgten wieder Jahrhunderte ohne Demokratie. Später heißt nicht besser.
Multiple Choice #5 15s â–¶ Testen

Welche Frage stellt ein Historiker zuerst an die athenische Demokratie?

  • â—Ź Wie funktionierte sie, und was hielten die Athener fĂĽr gerecht?
  • â—‹ Warum war sie schlechter als unsere?
  • â—‹ Wer war schuld an ihren Fehlern?
Erst beschreiben und verstehen, dann vergleichen und urteilen.
Schwer
Wahr / Falsch #1 30s â–¶ Testen

Weil unsere Demokratie später kommt und mehr Menschen einschließt, ist sie automatisch der „richtige“ Endpunkt, auf den Athen nur hingearbeitet hat.

âś“ Falsch
Falsch. Chronologie ist kein moralischer Aufstieg — „später“ heißt nicht „besser“. Athen war eine eigene Art von Demokratie, keine unfertige Vorstufe unserer.
Multiple Choice #2 30s â–¶ Testen

Wie geht ein Historiker mit der athenischen Demokratie um, ohne in die Gegenwartsfalle zu tappen?

  • â—‹ Er verurteilt die Athener sofort, weil sie Frauen ausschlossen
  • â—Ź Er versteht die Polis zuerst auf ihre eigene Weise und urteilt erst danach
  • â—‹ Er behauptet, Athen sei genau wie unsere Demokratie
  • â—‹ Er ignoriert die Unterschiede
Historisch denken heißt, die Sache erst aus ihrer Zeit heraus zu verstehen (Andersartigkeit) — was wollten die Athener, was war ihnen selbstverständlich — und erst dann zu vergleichen und zu urteilen.
Multiple Choice #3 18s â–¶ Testen

Ein Athener sagt — „Das Los ist gerechter als die Wahl, denn Wahlen gewinnen die Reichen.“ Wie liest ein Historiker diesen Satz?

  • â—Ź Als BegrĂĽndung aus der Sicht der Zeit, die man prĂĽfen kann
  • â—‹ Als Beweis, dass die Athener falsch dachten
  • â—‹ Als heutige Meinung ĂĽber Wahlen
Die Quelle zeigt, wie Athener selbst dachten. Ernst nehmen heiĂźt hier nicht zustimmen, sondern verstehen.