Als-ob beginnt: Nachahmen und erste Fantasie

11 Minuten · 3 Abschnitte
Ein Kleinkind hält vergnügt einen Bauklotz wie ein Telefon ans Ohr und füttert daneben einen Teddy mit einem leeren Löffel — eine erwachsene Person sitzt nah und aufmerksam dabei

Dein Kind nimmt den Bauklotz, hält ihn ans Ohr und sagt „Hallo?" — oder füttert den Teddy mit dem leeren Löffel. Gestern hast du gekehrt, heute schiebt es den eigenen kleinen Besen durchs Zimmer. Irgendwann zwischen einem und drei Jahren taucht beides auf: das Nachahmen und die ersten Als-ob-Momente.

Dieser Artikel ist für dich. Er zeigt, warum Nachahmen der wichtigste Lernmotor dieses Alters ist, wie aus dem Klotz ein Telefon wird — und warum dein Kind neben anderen Kindern spielt, noch nicht mit ihnen. Ehrlich dabei: Als-ob ist wertvoll und normal, aber kein bewiesenes Förderprogramm — es braucht keine Leistungsbegründung.

Drei Stufen: nachahmen, als-ob, nebeneinander

Im ersten Jahr lernt dein Baby mit dem Körper — mit Mund und Hand, durch Ursache und Wirkung. Das ist die Vorstufe, und sie hat ihr eigenes Kapitel („Spielen heißt begreifen"). Jetzt, im zweiten und dritten Jahr, kommt etwas Neues dazu: Der Kopf fängt an, die Welt zu kopieren und sie sich auszudenken. Das geschieht in einer erkennbaren Reihenfolge — erst nachahmen, dann als-ob, dann das Spielen nebeneinander. Tipp dich durch die drei Stufen:

1 Nachahmen 2 Als-ob 3 Nebeneinander

Nachahmen: „Ich mach das nach."

Du fegst — dein Kind schnappt sich den eigenen kleinen Besen und fegt mit. Es kopiert, was es an dir sieht, und lernt so schneller als durch jede Erklärung. Manchmal kommt die Kopie erst Stunden später, aus dem Gedächtnis. Das ist die Grundlage für alles Weitere.

Als-ob: „Das ist jetzt ein Telefon."

Der Bauklotz kommt ans Ohr: „Hallo?" Ein Ding steht auf einmal für ein anderes — das erste symbolische Spiel, meist ab etwa 18 Monaten. Genau diese Fähigkeit, dass ein Zeichen für etwas anderes steht, liegt auch unter der Sprache.

Nebeneinander: „Ich spiele neben dir."

Zwei Kleinkinder sitzen dicht beieinander im Sandkasten — jedes buddelt für sich, sie schielen zueinander, tauschen mal eine Schaufel. Noch kein gemeinsames Spiel, sondern ein nebeneinander. Das ist völlig normal für dieses Alter.

Drei Stufen, eine Richtung: erst nachahmen, dann als-ob, dann das Spiel nebeneinander. Kein Fahrplan mit festen Terminen — eine Reihenfolge, die sich von selbst entfaltet.

Nachahmen: der wichtigste Lernmotor

In diesem Alter ist Nachahmen der stärkste Lernweg, den dein Kind hat. Es schaut zu, wie du telefonierst, kehrst, umrührst, den Reißverschluss zuziehst — und macht es nach. Nicht, weil du es aufforderst, sondern weil Zusehen-und-Nachmachen genau die Art ist, wie kleine Kinder die Welt in sich aufnehmen. Deshalb ist das Beeindruckendste, was du dafür tun kannst, banal: es einfach am Alltag teilhaben lassen. Dein ganz normales Tun ist der Lehrplan.

Besonders verräterisch ist eine Variante: das verzögerte Nachahmen. Dein Kind kopiert etwas, das es Stunden oder Tage vorher gesehen hat — es tut beim Puppenwickeln plötzlich genau die Handgriffe nach, die es gestern bei dir beobachtet hat. Das klingt klein, ist aber ein großer kognitiver Schritt: Um etwas später nachzumachen, muss dein Kind es sich gemerkt und im Kopf ein inneres Bild davon behalten haben. Genau dieses innere Vorstellen ist auch die Zutat, aus der gleich das Als-ob-Spiel wird.

Ein praktischer Nebeneffekt: Kinder machen einen lebendigen Menschen ungleich lieber und genauer nach als einen Bildschirm. Wenn du mit den Händen zeigst, wie der Löffel in den Topf rührt, entsteht Nachahmung ganz von selbst — ein Video kann das nicht ersetzen. Der beste „Kurs" bist du, im Vorbeigehen.

Aus dem Klotz wird ein Telefon

Um etwa 18 Monate passiert etwas, das leicht zu übersehen und doch erstaunlich ist: Dein Kind lässt ein Ding für ein anderes stehen. Der Bauklotz wird zum Telefon, die Banane zum Hörer, der Karton zum Auto. Das ist das Als-ob-Spiel, und dahinter steckt eine mächtige Fähigkeit — die symbolische Ersetzung: Etwas Konkretes steht stellvertretend für etwas anderes.

Warum das so wichtig ist, wird an einer Parallele klar: Auch ein Wort ist nichts anderes als ein Zeichen, das für etwas anderes steht. „Hund" ist nicht der Hund — es steht bloß für ihn. Ein Kind, das begreift, dass ein Klotz ein Telefon sein kann, übt genau die Denkbewegung, die auch unter der Sprache liegt. Nicht zufällig blüht das Als-ob-Spiel in derselben Zeit auf wie die ersten kleinen Sätze.

Schau selbst, wie aus einem gewöhnlichen Ding im Spiel etwas ganz anderes wird — tipp ein Objekt an:

was es ist was es wird Bauklotz Telefon Banane Hörer Karton Auto

Ein eckiger Holzklotz ans Ohr — und schon wird telefoniert. Die Form stört nicht; im Kopf ist es ein Telefon.

Die Banane hat ungefähr die richtige Krümmung, also ist sie der Hörer. Kinder nutzen gern, was ein bisschen passt.

Der Karton wird zum Auto, in dem man sitzt und „brumm" macht. Je weniger das Ding schon vorgibt, desto mehr Als-ob.

Dasselbe Ding, zwei Blicke: Für dich bleibt es Klotz, Banane, Karton — für dein Kind wird es Telefon, Hörer, Auto. Dieses „lass es mal etwas anderes sein" ist die ganze Kunst des Als-ob.

Übrigens braucht das gute Als-ob-Spiel kein Spielzeug, das schon alles vormacht. Ein schlichter Klotz lädt mehr zum Umdeuten ein als ein Telefon mit Knöpfen und Klingelton — denn beim schlichten Ding muss dein Kind die Vorstellung selbst dazutun. Genau das ist die Arbeit, die sich lohnt.

Nebeneinander, noch nicht miteinander

Setzt du zwei Zweijährige zusammen, passiert oft etwas, das Eltern verunsichert: Sie spielen nicht miteinander. Jedes buddelt in seiner Ecke, baut seinen eigenen Turm, schaut mal rüber. Das ist das Parallelspiel — nebeneinander, noch nicht kooperativ. Und es ist kein soziales Defizit, sondern genau das, was für dieses Alter normal ist.

Der Entwicklungspsychologe hat dafür eine bekannte Beschreibung geliefert (Parten, 1932): Das gemeinsame, abgestimmte Spiel — zusammen eine Rolle übernehmen, sich absprechen, Regeln aushandeln — wächst erst später, ab etwa drei Jahren, und hat sein eigenes Kapitel („geführtes Spiel"). Bis dahin ist das Nebeneinander die Hauptbühne. Dein Kind lernt dabei durchaus viel voneinander: Es schaut ab, ahmt nach, tauscht mal ein Spielzeug — die Vorstufe des Miteinanders, gebaut aus genau dem Nachahmen vom Anfang.

Für dich heißt das vor allem: kein Grund zur Sorge, wenn dein Kind auf dem Spielplatz „für sich" spielt, und kein Grund, gemeinsames Spiel zu erzwingen. Zusammenspielen ist eine Fähigkeit, die reift — sie kommt, wenn ihre Zeit gekommen ist.

Ehrlich gesagt: Als-ob macht dein Kind nicht messbar klĂĽger — und das muss es auch nicht. Man liest oft, Fantasiespiel fördere Sprache, Kreativität und Selbstkontrolle. Die Wahrheit ist zurĂĽckhaltender: Kinder, die viel „als ob" spielen, sind später oft in manchem weiter — aber ob das Spiel die Ursache ist, ist nicht belegt. Die Zusammenhänge sind meist bloĂź Begleiterscheinungen, und die Forschung neigt dazu, Positives ĂĽber das Spiel lieber zu berichten (Lillard u. a., 2013). Kurz: Der Zusammenhang ist real, aber schwach und verwechselbar mit anderem. Das Schöne daran — du musst das Spiel deines Kindes nicht rechtfertigen. Es ist wertvoll, weil es das ist, was Kinder gern und von sich aus tun, nicht weil es ein heimliches Trainingsprogramm wäre.

Was das fĂĽr dich heiĂźt

Fasst man diese Jahre zusammen, wird es fast entlastend einfach: Dein Kind ahmt nach, es erfindet das Als-ob, und es spielt eine Weile lieber neben als mit anderen. Alles drei ist ernsthafte Kopfarbeit — Erinnern, Symbole bilden, sich in anderes hineinversetzen — und alles drei entfaltet sich von selbst, wenn du nur die Bühne dafür gibst.

Die Bühne ist billig: ein paar schlichte, echte Dinge zum Umdeuten, Zeit, und ein Erwachsener, dem man beim ganz normalen Alltag zuschauen darf. Das gemeinsame, geführte Spiel und die drei Spielarten kommen später — sie haben eigene Kapitel. Wenn dein Kind das nächste Mal mit dem Klotz „telefoniert", weißt du: Das ist kein Unsinn. Das ist ein kleiner Mensch, der gerade lernt, dass ein Ding für ein anderes stehen kann — und du bist das beste Vorbild, das es hat.

Nachahmen: der Motor

Kleinkinder lernen die meisten Alltagsdinge nicht durch Erklärungen, sondern durch Nachahmen. Sie schauen dir beim Kehren, Rühren, Telefonieren zu — und machen es nach. Das Nachmachen ist keine Spielerei am Rand, sondern der zentrale Lernweg dieses Alters: über die Nachahmung übernimmt dein Kind Handgriffe, Wörter, Tonfall und ganze Handlungsketten.

Stunden, Tage später 1 zuschauen 2 Pause — es bleibt im Kopf 3 später selbst nachmachen
Verzögertes Nachahmen: Dein Kind kopiert nicht nur, was es gerade sieht, sondern holt es sich Stunden oder Tage später aus der Erinnerung — ein sichtbarer Beleg dafür, dass es sich Handlungen innerlich merkt.

Besonders verräterisch ist das verzögerte Nachahmen: Dein Kind ahmt etwas nach, das es nicht gerade eben, sondern Stunden oder Tage vorher gesehen hat. Das geht nur, wenn es die Handlung im Kopf behalten und wieder abrufen kann — also ein Zeichen für Gedächtnis und innere Vorstellung, nicht bloß für flinke Finger.

Was du tun kannst, ist unspektakulär und wirksam: vormachen und dabei reden („Ich rühre die Suppe um"), und dein Kind bei echten Aufgaben mitmachen lassen — abstauben, Löffel eindecken, Wäsche einsortieren. Es muss nichts perfekt werden. Das Nachmachen selbst ist das Lernen.

Der Block wird zum Telefon

Irgendwann um die 18 Monate passiert etwas Neues: Dein Kind lässt ein Ding für ein anderes stehen. Der Bauklotz wird ans Ohr gehalten und ist ein Telefon. Der Teddy bekommt aus dem leeren Löffel zu essen. Ein Bauklotz fährt brummend als Auto über den Boden. Das nennt man Symbol- oder Als-ob-Spiel mit Objektsubstitution — und es taucht ungefähr zeitgleich mit der Wortschatz-Explosion auf (Smith & Jones, 2011).

das Ding wofĂĽr es gerade steht
Objektsubstitution: In deinem Kind läuft „der Klotz ist jetzt ein Telefon". Es trennt zum ersten Mal das Ding von seiner Bedeutung — genau die Fähigkeit, die auch der Sprache zugrunde liegt, wo ein Wort für eine Sache steht.

Warum das mehr ist als niedlich: Ein Symbol setzen zu können — dieses steht für jenes — ist symbolisches Denken. Dieselbe Fähigkeit trägt die Sprache, wo das Wort „Hund" für den echten Hund steht. Darum tauchen erste Als-ob-Akte und die schnell wachsende Sprache im selben Fenster auf.

Ehrlich bleibt dabei: Diese Momente sind ein schönes Zeichen von Entwicklung, aber kein Trainingsprogramm. Du musst das Als-ob nicht anleiten oder verbessern — mitspielen, wenn dein Kind dich einlädt, den Teddy „mitfüttern", ans Spielzeug­telefon „rangehen" reicht völlig. Mehr dazu, warum Als-ob keine Fördermaßnahme ist, im Kindergarten-Kapitel.

Nebeneinander, noch nicht miteinander

Setz zwei Zweijährige zusammen, und meistens siehst du kein gemeinsames Spiel, sondern zwei Spiele nebeneinander: Jedes Kind ist in sein eigenes vertieft, dicht beim anderen, mal schielt es hinüber und schnappt eine Idee auf — aber ein echtes Miteinander mit Absprachen und Rollen ist noch selten. Das heißt Parallelspiel, und es ist völlig normal.

noch nicht verbunden
Parallelspiel: nah beieinander, aufmerksam füreinander, aber jedes Kind noch in seinem eigenen Spiel. Der gelegentliche Blick nach drüben zeigt: Sie nehmen sich wahr — das gemeinsame Spiel kommt, nur später.

Die bekannten Spielstufen nach Parten (mit dem Parallelspiel etwa zwischen zwei und vier Jahren) stammen aus einer kleinen Beobachtungsstudie von 1932 und sind vor allem ein nützliches Vokabular — nicht eine starre Treppe, die jedes Kind Stufe für Stufe erklimmen müsste (Parten, 1932). Kinder wechseln je nach Tag, Partner und Laune zwischen den Formen.

Das Wichtige für dich: Dass dein Kind neben anderen und noch nicht mit ihnen spielt, ist kein Warnzeichen und kein Grund, es zu „mehr Teilen" oder „zusammen spielen" zu drängen. Das kooperative Spiel mit gemeinsamen Rollen und Regeln wächst vor allem ab etwa drei Jahren — darum kümmert sich das Kindergarten-Kapitel. Und, im Einklang mit dem restlichen Spiel-Kapitel: Als-ob und Nebeneinander sind wertvoll für sich, keine Fördermaßnahme, die du optimieren müsstest.

Konzepte

SpielNachahmenVerzögerte NachahmungAls-ob-SpielSymbolspielSymbolische ErsetzungParallelspiel