Die Waage â Rezepte wiegen, umrechnen und in jede Form bringen
Eine Karte ohne Grammzahl
Auf einer alten Rezeptkarte fĂŒr Pfundkuchen steht keine einzige Grammzahl. Nur ein Satz: âWiege die Eier. Nimm genauso viel Zucker, Butter und Mehl.â Diese Karte funktioniert mit kleinen Eiern und mit groĂen, fĂŒr einen Muffin und fĂŒr eine Hochzeitstorte. Sie tut es, weil sie kein Rezept vorgibt, sondern ein VerhĂ€ltnis, 1 : 1 : 1 : 1, und weil sie das MaĂ, an dem alles hĂ€ngt, auf die Waage legt.
Welche VerhĂ€ltnisse welchen Teig ergeben, hat der Artikel Teige und Massen auf seiner Karte gezeigt. Dieser Text ist die Arbeit an der Waage dazu: warum man wiegt statt misst, wie man ein Rezept in VerhĂ€ltnisse ĂŒbersetzt und es auf eine andere Menge oder eine andere Form umrechnet.
Die Tasse ist kein MaĂ
Amerikanische Rezepte messen Mehl in Tassen, eine Tasse fasst 240 ml. Wie
viel
Ein Viertel mehr Mehl verschiebt das Rezept. Ein Muffinteig aus zwei Tassen Mehl und 350 g FlĂŒssigkeit aus Milch und Ei hat mit gelöffeltem Mehl 146 g FlĂŒssigkeit auf 100 g Mehl, mit geschöpftem 117. Das ist ein anderer Teig: fester, und der Muffin wird trocken und dicht. Ein Gramm dagegen bleibt ein Gramm, wie fest man auch drĂŒckt. Eine einfache KĂŒchenwaage misst auf 1 g genau, das ist bei 250 g Mehl ein Fehler von 0,4 %.
Löffel sind nur fĂŒr die kleinen Mengen gut, bei denen die Waage zu grob ist. Ein gestrichener Teelöffel Backpulver wiegt etwa 5 g, einer Salz etwa 6 g. Wer genauer arbeiten will, nimmt eine Feinwaage, die auf 0,1 g misst.
Das Ei ist die Einheit
Warum wiegt die Karte die Eier, statt âdrei Eierâ zu schreiben? Weil Eier nicht gleich sind. In der EU werden sie nach Gewicht mit Schale sortiert: S unter 53 g, M von 53 bis unter 63 g, L von 63 bis unter 73 g, XL ab 73 g. Die Schale macht etwa ein Neuntel davon aus.
Drei Eier der Klasse S ergeben aufgeschlagen etwa 130 g, drei der Klasse XL etwa 200 g. Ein Rezept, das âdrei Eierâ sagt und das Mehl in Gramm angibt, schwankt also im VerhĂ€ltnis von Ei zu Mehl um mehr als die HĂ€lfte, je nachdem, welcher Karton im KĂŒhlschrank steht. Die Pfundkuchen-Karte kennt dieses Problem nicht. Sie macht das Ei zur Einheit und wiegt alles andere dagegen.
Wer ein halbes Ei braucht, verquirlt ein ganzes und wiegt die HĂ€lfte ab. Ein Ei mittlerer GröĂe hat etwa 50 g Inhalt, davon gut 30 g EiweiĂ und knapp 20 g Dotter.
Ein Rezept in Prozent vom Mehl
BĂ€cker gehen einen Schritt weiter und machen das
| Zutat | Karte | % Mehl | Ă 0,72 |
|---|---|---|---|
| 250 g | 100 | 180 g | |
| 250 g | 100 | 180 g | |
| 250 g | 100 | 180 g | |
| 250 g | 100 | 180 g | |
| Backpulver | 8 g | 3,2 | 6 g |
| Salz | 2 g | 0,8 | 1,5 g |
Umrechnen heiĂt jetzt: eine Zahl wĂ€hlen und alles mit ihr malnehmen. Die drei Eier im KĂŒhlschrank wiegen aufgeschlagen 180 g, das Rezept will 250 g. Der Faktor ist 180 durch 250, also 0,72, und jede Zeile der Tabelle wird mit ihm multipliziert. Backpulver und Salz werden dabei so klein, dass eine Feinwaage hilft. Der Teelöffel reicht auch: 6 g Backpulver sind gut ein gestrichener Teelöffel.
Die Prozentschreibweise macht auch Rezepte vergleichbar, die in ganz anderen Mengen geschrieben sind. Zwei RĂŒhrkuchen, der eine mit 300 g Mehl und 150 g Zucker, der andere mit 500 g Mehl und 300 g Zucker, sehen gleich aus, bis man teilt: Der zweite hat 60 % Zucker statt 50 %.
Eine andere Form
Ein Rezept fĂŒr eine Springform von 26 cm soll in eine Form von 22 cm. Der Teig soll gleich hoch stehen, also zĂ€hlt die GrundflĂ€che, und die wĂ€chst mit dem Quadrat des Durchmessers. 22 durch 26 ist 0,85, zum Quadrat 0,72. Es ist derselbe Faktor wie beim Umrechnen auf drei Eier: Der kleine Pfundkuchen passt genau in die kleine Form.
Die kleinste Form im Bild wirkt nur wenig kleiner als die gröĂte, fasst aber nur die HĂ€lfte: 20 cm Durchmesser brauchen 0,59 des Teigs, 28 cm brauchen 1,16. Eckige Formen rechnet man mit LĂ€nge mal Breite. Eine Kastenform von 30 Ă 11 cm braucht ein FĂŒnftel mehr als eine von 25 Ă 11 cm, und ein Backblech von 40 Ă 30 cm fasst mit 1 200 cmÂČ gut doppelt so viel wie die 26-cm-Springform mit 531 cmÂČ.
Die Backzeit rechnet man nicht mit. Sie hĂ€ngt an der Dicke des Teigs, nicht an seiner Menge, denn die WĂ€rme muss von auĂen bis in die Mitte. Steht der Teig gleich hoch, bleibt die Zeit ungefĂ€hr gleich, und die StĂ€bchenprobe entscheidet. Wer dagegen die doppelte Menge in dieselbe Form gibt, verdoppelt die Dicke, und der Weg fĂŒr die WĂ€rme braucht grob die vierfache Zeit, weil sie mit dem Quadrat der Strecke wĂ€chst. AuĂen verbrennt der Kuchen, bevor die Mitte gar ist.
Was die Waage nicht weiĂ
Die Waage macht aus einem Rezept ein VerhĂ€ltnis, und ein VerhĂ€ltnis lĂ€sst sich auf jede Menge und jede Form bringen. Das ist alles, was die Karte vom Anfang weiĂ, und es reicht fĂŒr einen Pfundkuchen in jeder GröĂe.
Nicht alles geht linear. Die Tabelle nimmt an, dass jede Zutat genau mit der Menge wĂ€chst. Bei Backpulver und Salz stimmt das fĂŒr ĂŒbliche Mengen, bei Hefe nicht: Ein groĂer Teig wird innen wĂ€rmer und geht schneller. Die FormflĂ€che zĂ€hlt nur den Boden und lĂ€sst schrĂ€ge WĂ€nde weg. Die Eiergewichte sind typische Werte je Klasse, das einzelne Ei weicht ab, darum wiegt man es.
Zum Weiterlesen: Michael Ruhlman, Ratio (2009), fĂŒr die GrundverhĂ€ltnisse; die Gewichtstabelle von King Arthur Baking fĂŒr Tassen und Gramm; die EU-Vermarktungsnormen fĂŒr Eier (Verordnung (EG) Nr. 589/2008) fĂŒr die Gewichtsklassen. Die Werkstattseite zu den TeigverhĂ€ltnissen ĂŒbt das Umrechnen.