Woher kommt das Holz?

25 Minuten · 4 Abschnitte

Eine Buchecker und ein Baum

Heb im Herbst unter einer Buche eine Buchecker auf. Sie ist dreikantig, braun und wiegt etwa ein Fünftel Gramm — so viel wie zehn Reiskörner. Aus genau so einer Ecker ist der Baum über dir gewachsen: dreißig Meter hoch, mit einem Stamm, den du nicht umarmen kannst, und mit mehreren Tonnen Holz.

Buchecker und Buche 0,2 g 30 m, einige Tonnen
Links die Buchecker, im Kreis stark vergrößert, rechts der Baum, der aus ihr werden kann. Der kleine Mensch daneben ist 1,6 m groß.

Die Ecker ist leicht, der Baum ist schwer. Die Masse dazwischen kann nicht aus dem Nichts gekommen sein — sie muss von irgendwo in den Baum hineingewandert sein. Ein Baum frisst nicht und trinkt nur durch die Wurzeln. Er steht an einer Stelle, umgeben von Erde, Wasser, Luft und Licht.

Bevor du weiterliest, entscheide dich: Woraus besteht das Holz zum größten Teil? Aus der Erde, in der die Wurzeln stecken? Aus dem Wasser, das der Regen bringt? Aus dem Licht? Oder aus der Luft? Merke dir deine Antwort. Die meisten Menschen — auch die meisten Erwachsenen — sagen „aus der Erde".

Woher kommen die Tonnen Holz, die aus einer Buchecker wachsen? Dieser Artikel bleibt bei einer einzigen Frage — wo die Masse eines Baums herkommt — und folgt ihr mit der Waage. Wie das Blatt das im Inneren chemisch macht, Schritt für Schritt, kommt hier nicht vor.

Van Helmonts Weide auf der Waage

Die Frage lässt sich mit einer Waage entscheiden, und genau das hat vor knapp 400 Jahren ein Arzt in Flandern getan. Jan Baptist van Helmont trocknete Erde im Ofen, bis kein Wasser mehr in ihr war, und füllte 90,7 kg davon in einen großen Topf. Hinein pflanzte er einen Weidenzweig von 2,27 kg. Er goss fünf Jahre lang nur mit Regenwasser und legte einen Deckel mit Löchern auf den Topf, damit kein Staub hineinfiel.

Wenn der Baum aus der Erde wächst, gilt eine einfache Buchführung: Was der Baum zunimmt, muss die Erde verlieren.

Schiebe die Zeit auf fünf Jahre. Wie viel Kilogramm hat der Baum gewonnen — und wie viel hat die Erde verloren? Die Balken rechts sind maßstabsgetreu in Kilogramm; die Fläche der Weide links wächst mit ihrer Masse. Gewogen hat van Helmont nur am Anfang und am Ende, die Jahre dazwischen sind gleichmäßig verteilt.

Schiebst du die Zeit auf fünf Jahre, siehst du, was van Helmont dann maß. Die Weide wog 76,74 kg, also 74,5 kg mehr als am Anfang. Das Laub, das in vier Herbsten abgefallen war, hatte er nicht einmal mitgezählt. Dann trocknete er die Erde wieder und wog sie: Es fehlten 57 g, etwa eine halbe Tafel Schokolade. Die Erde hält den Baum fest und liefert ein paar Mineralstoffe, aber sein Holz kommt nicht aus ihr.

Van Helmont zog daraus einen Schluss, der sauber klingt: Er hatte nur Wasser in den Topf gegeben, also sei der Baum aus Wasser gemacht. Holz ist aber kein nasser Schwamm. Um zu prüfen, ob er recht hatte, muss man dem Holz das Wasser wegnehmen und nachsehen, was übrig bleibt.

Was im getrockneten Holz steckt

Frisch geschlagenes Holz ist schwer und nass. Brennholz lässt man deshalb zwei Jahre unter einem Dach liegen, bevor man es verfeuert: Es verliert dabei fast die Hälfte seines Gewichts, und zwar als Wasser. Bei einer frischen Weide ist es sogar etwa die Hälfte. Wenn van Helmont recht hätte, müsste vom Baum nach dem Trocknen kaum etwas übrig bleiben.

Trockne die frische Weide mit dem Regler vollständig. Links bleibt stehen, was nicht verdunstet, rechts sammelt sich das verdunstete Wasser. Welche Atomsorte gibt es nur links?

Schiebst du den Regler ganz nach rechts, verdunsten vom 76,7 kg schweren Baum rund 38 kg. Zurück bleiben 38 kg trockenes Holz, und das ist kein Rest von Wasser. Etwa die Hälfte davon ist Kohlenstoff, gut 19 kg. Dazu kommen Sauerstoff und ein wenig Wasserstoff.

Wassermolekül und verkohltes Streichholz O H H H₂O C
Ein Wasserteilchen besteht aus einem Sauerstoff- und zwei Wasserstoff-Atomen — Kohlenstoff kommt darin nicht vor. Die schwarze Spitze eines abgebrannten Streichholzes dagegen ist größtenteils Kohlenstoff aus dem Holz.

Damit ist van Helmonts Schluss widerlegt. Wasserstoff und Sauerstoff hätte das Gießwasser liefern können, Kohlenstoff nicht: Kein einziges Wasserteilchen trägt ein Kohlenstoff-Atom. Vom Kohlenstoff der Weide steckte nur ein gutes halbes Kilogramm schon im Zweig; 18,6 kg sind in fünf Jahren in den Topf gelangt, ohne dass jemand sie hineingetan hat. Van Helmont hat genau eine Sache nicht gewogen: die Luft um den Baum.

Kohlenstoff aus der Luft

Luft wirkt wie nichts, aber sie wiegt etwas: Ein Kubikmeter Luft, ein Würfel von einem Meter Kantenlänge, hat eine Masse von rund 1,2 kg. Fast alles darin ist Stickstoff und Sauerstoff. Einen winzigen Teil bildet ein Gas, das van Helmont selbst entdeckt hatte, als er Holzkohle verbrannte: Kohlenstoffdioxid, COâ‚‚. Jedes seiner Teilchen trägt ein Kohlenstoff-Atom.

Ein COâ‚‚-Teilchen unter 3600 Luftteilchen
3600 Teilchen Luft. Nur eines davon — das cyanfarbene — ist Kohlenstoffdioxid, etwa 0,028 %. So war es zu van Helmonts Zeit; heute ist es eines von 2500.

Das Blatt lässt Luft durch winzige Spaltöffnungen an seiner Unterseite ein, holt das COâ‚‚ heraus und baut den Kohlenstoff in Zucker und später in Holz ein. Bei so wenig COâ‚‚ in der Luft stellt sich eine Frage, die man ausrechnen kann: Wie viel Luft muss ein Baum durch seine Blätter ziehen, um 18,6 kg Kohlenstoff zu sammeln?

Stelle mit dem Regler den Kohlenstoff ein, den van Helmonts Weide dazugewonnen hat, bis der Luftblock die grüne Umrandung füllt. Wie viele Klassenzimmer voll Luft mussten dafür durch ihre Blätter? Von oben gesehen ist jedes Kästchen ein Klassenzimmer.

Für 18,6 kg Kohlenstoff braucht die Weide rund 68 kg COâ‚‚, und so viel steckte damals in etwa 133 000 m³ Luft — rund 670 Klassenzimmer. Das klingt nach unmöglich viel, aber ein Baum hat Zeit und Wind: Fünf Sommer lang strich ständig frische Luft an Tausenden Blättern vorbei. Jedes einzelne Kohlenstoff-Atom im Holz der Weide schwebte vorher als Teil eines COâ‚‚-Teilchens durch die Luft über Flandern.

Damit ist die Buchführung fast vollständig. Den Kohlenstoff liefert die Luft, den Wasserstoff das Wasser, ein paar Gramm Mineralstoffe die Erde. Aber aus einem Gas und einer Flüssigkeit wird nicht von selbst Holz. Eine Weide im dunklen Keller nimmt nicht zu, egal wie viel Luft und Wasser sie bekommt — sie wird sogar leichter.

Licht als Energie und der Rückweg

Was fehlt dem Baum im dunklen Keller? Nicht Stoff — Luft und Wasser hat er genug. Es fehlt Licht. Licht kann man nicht wiegen; ein Sonnenstrahl macht nichts schwerer, auf das er fällt. Es ist kein Baustoff, sondern Energie. Mit ihr zerlegt das grüne Blatt Kohlenstoffdioxid und Wasser und setzt die Atome neu zusammen: zu Traubenzucker, dem Rohstoff für Holz, und zu Sauerstoff, den es abgibt.

Kohlenstoffdioxid + Wasser
↓ Licht
Traubenzucker + Sauerstoff

Diesen Umbau mit Lichtenergie nennt man Photosynthese. Den Zucker braucht der Baum aber nicht nur zum Bauen. Jede seiner Zellen lebt, und leben kostet Energie. Die holt sich die Zelle, indem sie Zucker mit Sauerstoff wieder zu Kohlenstoffdioxid und Wasser abbaut — die Zellatmung, genau wie in deinen Muskeln. Ein Blatt nimmt also CO₂ auf und gibt zugleich CO₂ ab. Was davon überwiegt, hängt am Licht.

Dunkle das Blatt mit dem Regler ganz ab. Was macht die Pflanze dann mit dem CO₂? Suche danach die Helligkeit, bei der Aufnahme und Abgabe genau gleich groß sind. Waagrecht die Helligkeit in Prozent des vollen Sonnenlichts, senkrecht die CO₂-Aufnahme des Blatts — unter null gibt es CO₂ ab. Der Pfeil am Blatt zeigt, ob CO₂ hinein- oder herausgeht. Die Einheiten sind relativ, die Form folgt gemessenen Sonnenblättern.

Schiebst du den Regler ganz nach links, dreht sich der Pfeil am Blatt um: Die Pflanze gibt COâ‚‚ ab, weil nur noch die Zellatmung läuft. Schon ab etwa 1 % des vollen Sonnenlichts holt die Photosynthese mehr Kohlenstoff herein, als die Atmung hinausschickt; bei viel Licht flacht die Kurve ab, weil das Blatt nicht schneller kann. Netto wächst ein Baum also nur an Tagen, nachts wird er ein klein wenig leichter.

Und wenn Holz verbrennt, läuft die ganze Geschichte rückwärts. Der Kohlenstoff verbindet sich mit Sauerstoff und steigt als CO₂ in die Luft, aus der er kam; der Wasserstoff wird wieder zu Wasserdampf. Zurück bleibt eine Handvoll Asche, die Mineralstoffe aus der Erde. Die Wärme des Feuers ist die Lichtenergie der Sommer, in denen der Baum gewachsen ist.

Van Helmonts Weide war also zum größten Teil aus Luft gebaut — mit Wasser und der Energie des Lichts, und mit 57 g aus der Erde. Einiges hat dieser Artikel bewusst ausgelassen: wie der Chloroplast die Atome im Einzelnen umbaut, warum ein Baum trotz der kleinen Menge auf Stickstoff und Phosphor aus dem Boden angewiesen ist, und die Überraschung, dass der abgegebene Sauerstoff aus dem Wasser stammt, nicht aus dem COâ‚‚. Die Gleichungen von Photosynthese und Zellatmung warten im nächsten Thema; der Weg des Kohlenstoffs durch Atmosphäre, Wälder und Meere ist der Kohlenstoffkreislauf, und in Klasse 10 zerlegst du die Zellatmung in die Schritte, mit denen eine Zelle aus Zucker Energie gewinnt.

Photosynthese und Zellatmung — die Gleichungen

Konzepte

PhotosyntheseKohlenstoffkreislauf