Sachurteil und Werturteil — begründet urteilen
„Die Weimarer Verfassung gab dem Reichspräsidenten sehr weitgehende Notstandsrechte." Was für eine Aussage ist das?
Erklärung: Die Aussage lässt sich an der Verfassung selbst prüfen. Beschreiben kommt vor dem Urteilen.
„Gemessen an den Erwartungen seiner Zeit war Bismarcks Sozialgesetzgebung ein ungewöhnlicher Schritt." Was für ein Urteil ist das?
Erklärung: Ein Sachurteil ordnet ein Ereignis in seinen historischen Zusammenhang ein — der Maßstab ist die damalige Situation.
„Dass Frauen 1900 nicht wählen durften, war ungerecht." Was für ein Urteil ist das?
Erklärung: Hier wird mit dem heutigen Maßstab der Gleichberechtigung bewertet — legitim, wenn man den Maßstab benennt.
Werturteile über die Vergangenheit sind in der Geschichtswissenschaft grundsätzlich verboten.
Erklärung: Nein — sie sind erlaubt und oft nötig. Sie müssen nur als Werturteil erkennbar sein, den Maßstab nennen und begründet werden.
Ein historisches Urteil ist einfach eine persönliche Meinung — begründen muss man es nicht.
Erklärung: Nein — ein Urteil braucht Kriterien und Belege aus Quellen. Genau das unterscheidet es von einer bloßen Meinung.
Ein Bauer zeigt um 1600 seine Nachbarin als Hexe an. Welchen Satz sollte man ĂĽber ihn ZUERST prĂĽfen, bevor man ihn bewertet?
Erklärung: Erst das Sachurteil: Was konnte der Bauer damals wissen und glauben? Um 1600 hielten die meisten Menschen Hexerei für wirklich. Wer sofort mit heutigem Wissen bewertet („Dummkopf“, „gelogen“), tappt in die Gegenwartsfalle. Ein Werturteil — etwa dass die Hexenverfolgung Unrecht war — ist erlaubt, aber erst nach dem Sachurteil.
Ein Urteil, das die Vergangenheit mit den Maßstäben der damaligen Zeit einordnet, heißt ___urteil.
Erklärung: Sachurteil — das Gegenstück ist das Werturteil mit heutigen Maßstäben.
Zwei Schüler bewerten die Reichsgründung 1871. Einer nennt Kriterien und Belege, der andere sagt nur „fand ich gut". Worin liegt der Unterschied?
Erklärung: Urteilen ist eine Kompetenz — Kriterien und Belege machen ein Urteil diskutierbar statt beliebig.
„Die Novemberpogrome 1938 waren staatlich gelenktes Unrecht — und schon damals sahen viele Zeitgenossen das Unrecht." Welche Urteile stecken darin?
Erklärung: Die Bewertung als Unrecht ist ein Werturteil; dass Zeitgenossen es so sahen, ist ein belegbares Sachurteil über die damalige Wahrnehmung.
Wer ein Werturteil fällt, sollte den Wertmaßstab nennen, mit dem er misst.
Erklärung: Ja — etwa Menschenrechte oder Demokratie. Erst der genannte Maßstab macht das Urteil überprüfbar.
Welche Aussage ist ein SACHURTEIL ĂĽber die Weimarer Republik?
Erklärung: Das ist eine begründbare Einordnung von Ursachen und Wirkung — mehr als Beschreibung, aber kein Werturteil mit heutigem Maßstab.
Beschreiben, Sachurteil und Werturteil sind drei verschiedene Schritte der historischen Urteilsbildung.
Erklärung: Ja — erst feststellen, dann mit damaligen Maßstäben einordnen, dann mit offengelegten heutigen Maßstäben bewerten.