Warum wir anbraten â der Mythos vom PorenschlieĂen
Deine Oma brĂ€t den Rinderbraten an, âdamit sich die Poren schlieĂen und der Saft drinbleibtâ. Was passiert beim Anbraten tatsĂ€chlich?
ErklĂ€rung: Beim Anbraten brĂ€unt die OberflĂ€che durch die Maillard-Reaktion â das gibt Farbe und Geschmack. Wasserdicht wird die Kruste nicht: Saft tritt weiter aus, man hört ihn zischen. Die Idee vom VerschlieĂen geht auf Justus von Liebig (1847) zurĂŒck und ist widerlegt (McGee 2004).
Zwei gleiche Braten, einer vorher scharf angebraten, einer nicht: Der angebratene hat nach dem Garen deutlich weniger Saft verloren.
ErklĂ€rung: Genau das hat man schon in den 1930er-Jahren in Versuchen gemessen â mit dem umgekehrten Ergebnis: Angebratene Braten verloren gleich viel FlĂŒssigkeit oder mehr als nicht angebratene (McGee 2004). Anbraten ist fĂŒr den Geschmack da, nicht fĂŒr den Saft.
Das Steak liegt in der heiĂen Pfanne und zischt die ganze Zeit laut. Was hörst du?
ErklĂ€rung: Das Zischen ist Wasser, das auf das heiĂe Fett und Metall trifft und schlagartig verdampft. Solange es zischt, tritt Saft aus â ein hörbarer Beweis, dass die Kruste nichts versiegelt.
Du garst ein dickes Steak erst sanft im Ofen und brĂ€tst es erst ganz am Ende scharf an. Was fehlt ihm gegenĂŒber einem zuerst angebratenen?
ErklĂ€rung: Wenn Anbraten versiegeln wĂŒrde, mĂŒsste die Reihenfolge den Saft entscheiden. Sie tut es nicht: Beim RĂŒckwĂ€rtsbraten (LĂłpez-Alt 2015) entsteht dieselbe Kruste, und weil das Innere sanft und gleichmĂ€Ăig gart, wird der graue Rand unter der Kruste oft sogar dĂŒnner.
Du brĂ€tst ein Steak besonders lange scharf an, damit es ârichtig dichtâ ist. Beim Anschneiden liegt unter der Kruste ein breiter grauer Ring. Woher kommt er?
ErklĂ€rung: Je lĂ€nger die scharfe Hitze wirkt, desto tiefer reicht die Schicht, die weit ĂŒber 60 °C kommt. Dort haben die Fasern ihren Saft ausgepresst, das Fleisch ist grau und trocken (Tornberg 2005). FĂŒr die Kruste reicht kurzes, heiĂes Anbraten.
Ein altes Kochbuch rĂ€t: Suppenfleisch in sprudelnd kochendes Wasser legen, dann âschlieĂt sich das Fleischâ und bleibt saftig. Was ist davon zu halten?
ErklĂ€rung: Liebigs Theorie von 1847 handelte zuerst genau davon: Kochendes Wasser lasse das EiweiĂ auĂen gerinnen und schlieĂe den Saft ein. SpĂ€ter wurde daraus die Regel fĂŒrs Anbraten. Dicht wird die OberflĂ€che in keinem der beiden FĂ€lle â wie saftig Fleisch bleibt, hĂ€ngt an der Temperatur, die es innen erreicht. HeiĂ ansetzen darfst du trotzdem, nur nicht mit dieser BegrĂŒndung.
Die schönen Grillstreifen auf deinem Steak halten keinen Saft zurĂŒck â auch dort, wo der Rost es gezeichnet hat, tritt beim Grillen weiter Saft aus.
ErklĂ€rung: Die Streifen sind Maillard-Kruste an den Stellen, an denen der heiĂe Rost das Fleisch berĂŒhrt: Geschmack und Aussehen. Wasserdicht sind sie so wenig wie eine Kruste aus der Pfanne â was in die Glut tropft und zischt, ist austretender Saft und Fett.
In einer Kochshow fĂ€llt der Satz âAnbraten schlieĂt die Porenâ. Woher stammt die Idee?
ErklĂ€rung: Justus von Liebig schrieb 1847 in seiner âChemischen Untersuchung ĂŒber das Fleischâ, Hitze lasse das EiweiĂ auĂen zu einer HĂŒlle gerinnen. Als man die Idee schon in den 1930er-Jahren prĂŒfte, verloren angebratene Braten gleich viel Saft oder mehr (McGee 2004). In KĂŒchen hĂ€lt sie sich trotzdem bis heute.
Ein Steak, das du zuerst scharf angebraten hast, kannst du danach ruhig lĂ€nger garen â die Kruste hĂ€lt den Saft ja drin.
ErklĂ€rung: Die Kruste hĂ€lt nichts zurĂŒck. Ob das Steak saftig bleibt, entscheidet die Kerntemperatur: Je weiter sie steigt, desto mehr Saft pressen die schrumpfenden Fasern aus, mit oder ohne Kruste.
Schmorfleisch, das du nicht angebraten hast, wird nach Stunden im Topf trotzdem zart â ihm fehlt nur das Röstaroma.
ErklĂ€rung: Zart wird Schmorfleisch, weil sich sein Kollagen zu Gelatine löst, und das geschieht in der heiĂen FlĂŒssigkeit, ob angebraten oder nicht. Das Anbraten liefert Farbe und Röstaroma, keinen Saft und keine Zartheit.
Dein Rinderbraten soll saftig auf den Tisch. Welcher Schritt hilft dafĂŒr wirklich?
ErklĂ€rung: Saft verliert Fleisch, wenn seine Fasern ĂŒber 60 °C hinaus schrumpfen und ihn auspressen (Tornberg 2005). Darum entscheidet die Kerntemperatur, nicht die Kruste. Mehl oder lĂ€ngeres Anbraten Ă€ndern am Saftverlust nichts.
Ein Steak hat zwei Stunden im 56 °C warmen Wasserbad gegart und ist durchgehend rosa, aber auĂen grau. Warum brĂ€tst du es jetzt noch eine Minute pro Seite scharf an?
ErklĂ€rung: Bei 56 °C entsteht keine Maillard-Reaktion; sie braucht eine heiĂe, trockene OberflĂ€che. Das kurze scharfe Anbraten am Schluss liefert Farbe und Geschmack. Poren, die sich schlieĂen, gibt es nicht, und in einer Minute pro Seite erreicht die Hitze den Kern kaum â er hat seine Garstufe schon.