Was anderswo gilt
Bei Amirs Familie wird der Reis mit der rechten Hand gegessen. Lina isst zum ersten Mal mit. Was tut Lina jetzt?
Erklärung: Hinschauen kostet nichts und beantwortet fast alles. Dass hier nur die rechte Hand ans Essen kommt, ist kein Zufall — die linke ist für anderes zuständig, und deshalb fällt sie auf.
Bei Zeyneps Familie stehen alle Schuhe an der TĂĽr. Ben kommt zum ersten Mal mit. Was tut Ben jetzt?
Erklärung: Die Antwort steht schon im Flur. Wo die Form sichtbar ist, muss man nicht fragen — man macht mit. Fragen kann man später, aus Interesse.
Fatma lässt bei Jules Familie einen kleinen Rest auf dem Teller, wie sie es kennt. Jules Vater fragt, ob es nicht geschmeckt hat. Was tut Fatma jetzt?
Erklärung: Der erste Satz sagt beides — dass es geschmeckt hat und woher die Form kommt. Der dritte sagt nur die Hälfte und klingt wie ein Vorwurf gegen Jules Vater. Aufessen darf sie, muss sie aber nicht.
Nasrin schaut nach unten, als Herr Weber sie ermahnt. Zu Hause zeigt man so, dass man einen Erwachsenen ernst nimmt. Was tut Herr Weber jetzt?
Erklärung: In Deutschland gilt Blickkontakt als Zeichen von Aufmerksamkeit, in vielen anderen Ländern gilt er zwischen Kind und Erwachsenem als Widerspruch. Wer das nicht weiß, hält Respekt für Frechheit.
Bei Yusufs Oma sagt Marie zum Nachschlag Nein, und die Oma legt trotzdem nach. Was tut Marie jetzt?
Erklärung: In vielen Familien gehört ein erstes Nein zum Angebot dazu und zählt noch nicht als Antwort — deshalb kommt ein echtes Nein hier ein zweites Mal, deutlich und freundlich. Aufessen muss Marie nicht, und wortlos wegschieben sagt der Oma nur, dass etwas nicht stimmt.
Elif fragt Kenji, ob er am Samstag mitkommt. Kenji sagt — „Das ist ein bisschen schwierig." Was tut Elif jetzt?
Erklärung: In manchen Sprachen wäre ein klares Nein unhöflich, und die Absage steckt dann in genau so einem Satz. Deutsch sagt Absagen sehr direkt — das ist keine Grobheit, aber auch nicht die Weltnorm.
Ben erzählt zu Hause vom Nachmittag bei Zeynep. Welcher Satz sagt, was war, ohne zu bewerten?
Erklärung: Der erste Satz sagt, was passiert. Die anderen beiden sagen schon, was Ben davon hält — „nicht mal" und „komisch" machen aus einer Verabredung einen Fehler.
Lina erzählt zu Hause vom Essen bei Amir. Welcher Satz sagt, was war, ohne zu bewerten?
Erklärung: Ein einziges Wort macht den Unterschied — „noch" tut so, als wäre das eine frühere Stufe, „kein richtiges" macht daraus einen Mangel. Es ist einfach eine andere Form.
Kenji ist neu in München und zum ersten Mal bei Bens Familie eingeladen. Vor dem Essen sagen alle „Guten Appetit". Was tut Kenji jetzt?
Erklärung: Mitmachen ist der kürzeste Weg in eine fremde Form — verstehen kann man sie hinterher. „Guten Appetit" ist eine Verabredung: im Englischen gibt es den Satz gar nicht, im Japanischen sagt man „itadakimasu", und beides tut dasselbe.
Herr Yilmaz gibt Ben zur BegrĂĽĂźung die Hand, Frau Chen nickt ihm nur zu. Was tut Ben jetzt?
Erklärung: Die Begrüßung führt die ältere Person an — man übernimmt, was kommt. Händeschütteln ist hier üblich, aber weder überall noch für alle, und in den letzten Jahren auch hier seltener geworden.
Marie war bei Yusufs Familie eingeladen und erzählt Elif davon. Welcher Satz sagt, was war, ohne zu bewerten?
Erklärung: Der erste Satz beschreibt, was passiert ist. Die beiden anderen erzählen von Maries Ärger — und aus einer Form, die Gastfreundschaft zeigen soll, wird ein Vorwurf.
Bei Amirs Familie isst man Reis mit der rechten Hand, bei Jules Familie mit der Gabel. — Eine der beiden Familien isst richtiger.
Erklärung: Nein. Beides sind Formen, die dort gelten, wo sie gelten. Es gibt keine Rangliste, an deren Spitze die Gabel steht.
„In Deutschland zieht man in der Wohnung die Schuhe aus." — Das ist in jedem deutschen Haushalt gleich.
Erklärung: Nein — das ist von Wohnung zu Wohnung verschieden, sogar im selben Haus. Deshalb ist Fragen auch hier die sichere Variante.
Kenji schaut Frau Berger beim Reden fast nie direkt in die Augen. — Daran erkennt man, dass er etwas verheimlicht.
Erklärung: Nein. In vielen Familien und Ländern ist genau das das Zeichen für Höflichkeit. Was ein Blick bedeutet, ist verabredet und nicht eingebaut.
Elif fragt Mei, ob sie am Sonntag mitkommt. Mei sagt — „Ich schaue mal, ob das geht." und meldet sich nicht mehr. — Das ist wahrscheinlich eine Absage.
Erklärung: Ja. Eine Absage muss nicht das Wort „nein" enthalten. Wer nur auf das Wort achtet, hört die Hälfte.