Was anderswo gilt

What counts somewhere else

Miteinander und Umgangsformen Klasse 4 15 Aufgaben
MiteinanderUmgangsformenInterkulturellKerncurriculum

Das Thema, das den ganzen Bereich ehrlich macht. Vier belegte Gegensätze, konkret und ohne Rangliste — mit der rechten Hand essen (in großen Teilen Süd- und Westasiens und Afrikas die normale Form, die linke Hand ist ausgenommen); einen Rest auf dem Teller lassen oder aufessen; als Kind einem schimpfenden Erwachsenen in die Augen sehen oder gerade nicht (Akechi und Kollegen 2013 zeigen, dass japanische und finnische Erwachsene denselben direkten Blick unterschiedlich bewerten — als zugewandt oder als unangenehm); und wie direkt eine Absage ausgesprochen wird. Der letzte Punkt ist der bestbelegte — House und Kasper (1981) und das CCSARP-Projekt (Blum-Kulka, House und Kasper 1989) zeigen, dass deutsche Bitten und Absagen deutlich direkter formuliert werden als englische, und Beebe, Takahashi und Uliss-Weltz (1990) beschreiben Absagen, die als „das ist schwierig" erscheinen; in Gastfreundschaftskulturen wie der persischen gehört ein erstes Nein zum Angebot dazu (ta'arof, Beeman 1986). Die Fehlvorstellung, die hier fällt und die durch bloßes „alle sind verschieden" nicht fällt — eine Form für die fortgeschrittene Fassung der anderen zu halten. Deshalb steht neben dem Beobachten auch die Sprache - „bei Amir isst man mit der Hand" gegen „bei Amir isst man noch mit der Hand". Setzt eine gekannte eigene Form voraus, sonst gibt es nichts zu vergleichen; führt weiter zu „du oder Sie" (Klasse 5), wo dieselbe Einsicht auf die Anrede angewandt wird.

Können & Üben

Gemeinsam essen

workshop

45 min · weekly

klassenzimmer, mensa, gruppentisch

Ein echtes Essen, kein Rollenspiel — gedeckt, gemeinsam begonnen, gemeinsam beendet. Die Kinder decken, tragen auf und räumen ab; die Begleitung isst mit und sagt während des Essens nichts über Formen. Vorher werden drei Formen benannt, mehr nicht, und sie bleiben über Wochen dieselben, bis sie sitzen: gemeinsam anfangen · fragen statt greifen · vom Tisch abmelden. Erst wenn diese drei ohne Erinnerung laufen, kommt eine vierte dazu. Nachher, fünf Minuten, und das ist der eigentliche Inhalt: Welche dieser Formen ist eine Verabredung und welche schützt jemanden? („Fragen statt greifen" schützt — sonst kommt jemand nicht ran. „Gemeinsam anfangen" ist eine Verabredung, und zwar eine deutsche: anderswo fängt an, wer bedient wurde.) Reihum eine Form, die zu Hause anders ist. Sie wird notiert und nicht bewertet — die Sammlung ist das Ergebnis.

bezugsperson

4–12

Voraussetzungen (1)

Leicht
Multiple Choice #1 20s â–¶ Testen

Bei Zeyneps Familie stehen alle Schuhe an der TĂĽr. Ben kommt zum ersten Mal mit. Was tut Ben jetzt?

  • â—Ź Er zieht seine Schuhe auch aus.
  • â—‹ Er behält sie an, bis jemand etwas sagt.
  • â—‹ Er fragt, warum das hier so gemacht wird.
Die Antwort steht schon im Flur. Wo die Form sichtbar ist, muss man nicht fragen — man macht mit. Fragen kann man später, aus Interesse.
Wahr / Falsch #2 18s â–¶ Testen

„In Deutschland zieht man in der Wohnung die Schuhe aus." — Das ist in jedem deutschen Haushalt gleich.

âś“ Falsch
Nein — das ist von Wohnung zu Wohnung verschieden, sogar im selben Haus. Deshalb ist Fragen auch hier die sichere Variante.
Mittel
Multiple Choice #1 22s â–¶ Testen

Bei Amirs Familie wird der Reis mit der rechten Hand gegessen. Lina isst zum ersten Mal mit. Was tut Lina jetzt?

  • â—Ź Sie schaut, wie es die anderen machen, und macht es genauso.
  • â—‹ Sie isst mit der linken Hand, damit geht es ihr leichter.
  • â—‹ Sie sagt, dass sie Essen mit der Hand unhygienisch findet.
Hinschauen kostet nichts und beantwortet fast alles. Dass hier nur die rechte Hand ans Essen kommt, ist kein Zufall — die linke ist für anderes zuständig, und deshalb fällt sie auf.
Multiple Choice #2 25s â–¶ Testen

Nasrin schaut nach unten, als Herr Weber sie ermahnt. Zu Hause zeigt man so, dass man einen Erwachsenen ernst nimmt. Was tut Herr Weber jetzt?

  • â—Ź Er redet weiter und nimmt das Wegschauen nicht als Frechheit.
  • â—‹ „Schau mich an, wenn ich mit dir rede."
  • â—‹ Er hört auf zu reden, weil Nasrin offenbar nicht zuhört.
In Deutschland gilt Blickkontakt als Zeichen von Aufmerksamkeit, in vielen anderen Ländern gilt er zwischen Kind und Erwachsenem als Widerspruch. Wer das nicht weiß, hält Respekt für Frechheit.
Multiple Choice #3 25s â–¶ Testen

Elif fragt Kenji, ob er am Samstag mitkommt. Kenji sagt — „Das ist ein bisschen schwierig." Was tut Elif jetzt?

  • â—Ź Sie versteht das als Absage und fragt nicht weiter nach.
  • â—‹ Sie fragt so lange, bis er einen richtigen Grund nennt.
  • â—‹ Sie geht davon aus, dass er kommt.
In manchen Sprachen wäre ein klares Nein unhöflich, und die Absage steckt dann in genau so einem Satz. Deutsch sagt Absagen sehr direkt — das ist keine Grobheit, aber auch nicht die Weltnorm.
Multiple Choice #4 22s â–¶ Testen

Ben erzählt zu Hause vom Nachmittag bei Zeynep. Welcher Satz sagt, was war, ohne zu bewerten?

  • â—Ź „Bei Zeyneps Familie zieht man die Schuhe aus."
  • â—‹ „Bei Zeyneps Familie darf man nicht mal Schuhe anhaben."
  • â—‹ „Die machen das komisch mit den Schuhen."
Der erste Satz sagt, was passiert. Die anderen beiden sagen schon, was Ben davon hält — „nicht mal" und „komisch" machen aus einer Verabredung einen Fehler.
Multiple Choice #5 22s â–¶ Testen

Kenji ist neu in München und zum ersten Mal bei Bens Familie eingeladen. Vor dem Essen sagen alle „Guten Appetit". Was tut Kenji jetzt?

  • â—Ź Er sagt den Satz beim nächsten Mal einfach mit.
  • â—‹ Er wartet, bis ihm jemand erklärt, was der Satz bedeutet.
  • â—‹ Er fängt an zu essen, während die anderen den Satz sagen.
Mitmachen ist der kürzeste Weg in eine fremde Form — verstehen kann man sie hinterher. „Guten Appetit" ist eine Verabredung: im Englischen gibt es den Satz gar nicht, im Japanischen sagt man „itadakimasu", und beides tut dasselbe.
Multiple Choice #6 22s â–¶ Testen

Herr Yilmaz gibt Ben zur BegrĂĽĂźung die Hand, Frau Chen nickt ihm nur zu. Was tut Ben jetzt?

  • â—Ź Er nimmt jeweils die Form, die ihm angeboten wird.
  • â—‹ Er streckt beiden die Hand hin, das ist hier so ĂĽblich.
  • â—‹ Er wartet ab und grĂĽĂźt lieber gar nicht.
Die Begrüßung führt die ältere Person an — man übernimmt, was kommt. Händeschütteln ist hier üblich, aber weder überall noch für alle, und in den letzten Jahren auch hier seltener geworden.
Multiple Choice #7 25s â–¶ Testen

Marie war bei Yusufs Familie eingeladen und erzählt Elif davon. Welcher Satz sagt, was war, ohne zu bewerten?

  • â—Ź „Bei Yusuf wird man dreimal gefragt, ob man noch etwas möchte."
  • â—‹ „Bei Yusuf muss man essen, bis man platzt."
  • â—‹ „Bei Yusuf sind sie total ĂĽbertrieben mit dem Essen."
Der erste Satz beschreibt, was passiert ist. Die beiden anderen erzählen von Maries Ärger — und aus einer Form, die Gastfreundschaft zeigen soll, wird ein Vorwurf.
Wahr / Falsch #8 18s â–¶ Testen

Bei Amirs Familie isst man Reis mit der rechten Hand, bei Jules Familie mit der Gabel. — Eine der beiden Familien isst richtiger.

âś“ Falsch
Nein. Beides sind Formen, die dort gelten, wo sie gelten. Es gibt keine Rangliste, an deren Spitze die Gabel steht.
Wahr / Falsch #9 18s â–¶ Testen

Kenji schaut Frau Berger beim Reden fast nie direkt in die Augen. — Daran erkennt man, dass er etwas verheimlicht.

âś“ Falsch
Nein. In vielen Familien und Ländern ist genau das das Zeichen für Höflichkeit. Was ein Blick bedeutet, ist verabredet und nicht eingebaut.
Wahr / Falsch #10 18s â–¶ Testen

Elif fragt Mei, ob sie am Sonntag mitkommt. Mei sagt — „Ich schaue mal, ob das geht." und meldet sich nicht mehr. — Das ist wahrscheinlich eine Absage.

âś“ Wahr
Ja. Eine Absage muss nicht das Wort „nein" enthalten. Wer nur auf das Wort achtet, hört die Hälfte.
Schwer
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Fatma lässt bei Jules Familie einen kleinen Rest auf dem Teller, wie sie es kennt. Jules Vater fragt, ob es nicht geschmeckt hat. Was tut Fatma jetzt?

  • â—Ź „Doch, sehr — bei uns lässt man ein bisschen ĂĽbrig, wenn man satt ist."
  • â—‹ Sie isst den Rest auf und sagt nichts weiter dazu.
  • â—‹ „Bei uns lässt man eben immer etwas ĂĽbrig."
Der erste Satz sagt beides — dass es geschmeckt hat und woher die Form kommt. Der dritte sagt nur die Hälfte und klingt wie ein Vorwurf gegen Jules Vater. Aufessen darf sie, muss sie aber nicht.
Multiple Choice #2 25s â–¶ Testen

Bei Yusufs Oma sagt Marie zum Nachschlag Nein, und die Oma legt trotzdem nach. Was tut Marie jetzt?

  • â—Ź Sie sagt: „Wirklich nicht mehr, danke — es hat total geschmeckt."
  • â—‹ Sie isst auch die zweite Portion, obwohl sie längst satt ist.
  • â—‹ Sie schiebt den Teller weg, ohne etwas dazu zu sagen.
In vielen Familien gehört ein erstes Nein zum Angebot dazu und zählt noch nicht als Antwort — deshalb kommt ein echtes Nein hier ein zweites Mal, deutlich und freundlich. Aufessen muss Marie nicht, und wortlos wegschieben sagt der Oma nur, dass etwas nicht stimmt.
Multiple Choice #3 25s â–¶ Testen

Lina erzählt zu Hause vom Essen bei Amir. Welcher Satz sagt, was war, ohne zu bewerten?

  • â—Ź „Bei Amir isst man Reis mit der Hand."
  • â—‹ „Bei Amir isst man noch mit der Hand."
  • â—‹ „Bei Amir gibt es kein richtiges Besteck."
Ein einziges Wort macht den Unterschied — „noch" tut so, als wäre das eine frühere Stufe, „kein richtiges" macht daraus einen Mangel. Es ist einfach eine andere Form.