Du oder Sie
Lea fragt in der U-Bahn eine Frau von etwa fĂĽnfzig Jahren nach dem Weg. Was sagt Lea?
Erklärung: Erwachsene, die man nicht kennt, siezt man — auch als Kind. Der dritte Satz kommt zwar ohne Anrede aus, aber auch ohne Gruß, und dann klingt er wie eine Ansage.
Ben ist neu im Handballverein, der Trainer ist etwa vierzig, alle anderen sagen du zu ihm. Was sagt Ben?
Erklärung: Im Verein wird fast überall geduzt, quer durch alle Jahrgänge — das ist eine der stabilsten deutschen Ausnahmen. Wenn alle anderen duzen, ist das Du hier längst vergeben.
Miras Chefin im Praktikum sagt am ersten Tag — „Ich bin die Sabine, wir duzen uns hier alle." Was sagt Mira am nächsten Morgen?
Erklärung: Das Du war ein Angebot, und Angebote nimmt man an — weiterzusiezen baut den Abstand wieder auf, den die Chefin gerade weggeräumt hat. „Frau Sabine" gibt es im Deutschen nicht.
Leon möchte seinem Nachbarn, Herrn Brandl, 78, gern das Du anbieten. Was tut Leon?
Erklärung: Wer das Du anbieten darf, ist verabredet — die ältere Person, bei der Arbeit die vorgesetzte. Andersherum müsste Herr Brandl womöglich Nein sagen, und ein Nein zum Du ist unangenehm für beide.
Nina ist 16 und in der Oberstufe, ihre Lehrerin siezt die Klasse seit diesem Jahr. Was sagt Nina im Unterricht?
Erklärung: Lehrkräfte werden gesiezt, egal wie jung sie sind. Dass sie ab der Oberstufe zurücksiezen, ist ein Angebot auf Augenhöhe und kein neuer Abstand.
Elif schreibt zum ersten Mal in ein Forum fĂĽr Fahrradreparaturen, sie kennt dort niemanden. Was schreibt sie?
Erklärung: Im deutschsprachigen Netz wird fast überall geduzt, auch unter Fremden. Das Siezen wirkt dort steif — und „Ey" so, als wäre nur das Tempo wichtig.
Tarek fragt am Empfang einer Arztpraxis nach seinem Termin. Die Frau dort ist vielleicht Mitte zwanzig, er ist unsicher. Was sagt Tarek?
Erklärung: Wer unsicher ist, baut den Satz so, dass gar keine Anrede darin vorkommt — dieser braucht weder du noch Sie. Das ist keine Feigheit, sondern der Trick, den Erwachsene auch benutzen.
Im Schwimmbad will Fatma einen Jungen von etwa dreizehn fragen, ob der Platz frei ist. Was sagt Fatma?
Erklärung: Kinder und Jugendliche duzen sich untereinander, ohne dass es jemand anbieten müsste. Ein Sie unter Gleichaltrigen klingt wie ein Scherz, und die Feststellung ist gar keine Frage.
Herr Brandl hat Leon vor einem Jahr das Du angeboten. Heute ist Leons Mutter dabei und Leon ist es unangenehm. Was sagt Leon?
Erklärung: Ein Du gilt weiter, auch wenn andere zuhören — zurücknehmen lässt es sich kaum, ohne dass es nach Streit aussieht. Und wer den Nachbarn gar nicht vorstellt, lässt beide stehen. Wie Leons Mutter Herrn Brandl anredet, ist eine eigene Frage.
Zeynep schreibt an die Stadtbibliothek, weil sie ein Buch verloren hat. Wie fängt sie an?
Erklärung: An eine Einrichtung, die man nicht kennt, schreibt man förmlich — und bleibt es dann bis zum Schluss. Der dritte Satz fängt förmlich an und kippt mitten drin ins Du.
Eine Nachbarin, die Amir nicht kennt, fragt ihn im Treppenhaus — „Wohnst du hier im Haus?" Was sagt Amir?
Erklärung: Erwachsene duzen Kinder und Jugendliche, das ist normal und kein Fehler. Zurückduzen wäre trotzdem daneben, solange es niemand angeboten hat — Amir antwortet einfach ohne Anrede, und die Frage nach dem Sie stellt sich gar nicht.
Frau Özdemir, die Nachbarin von gegenüber, sagt zu Mira — „Sag ruhig du zu mir." — Mira darf jetzt duzen.
Erklärung: Ja. Das Du wird angeboten und dann angenommen, genau so läuft es. Umgekehrt hätte Mira es nicht anbieten sollen.
Mira duzt ihre Chefin, weil die es angeboten hat. — Ihre Chefin ist damit keine Chefin mehr.
Erklärung: Nein. Das Du regelt die Nähe, nicht die Zuständigkeit. Wer duzt, darf trotzdem Anweisungen geben — und man darf trotzdem widersprechen.
Tarek schreibt in ein Modellbauforum — „Können Sie mir sagen, welchen Kleber ich nehmen soll?" — So schreibt man dort normalerweise.
Erklärung: Nein — in Foren wird im deutschsprachigen Netz fast überall geduzt, auch unter Fremden. Auf den Seiten von Firmen und Behörden ist es umgekehrt: die Form hängt am Ort, nicht am Alter.
Lea duzt die Übungsleiterin in ihrem Kletterverein, die vierzig ist. — Das ist im Verein üblich.
Erklärung: Ja. Der Verein ist einer der Orte, an denen das Alter nichts entscheidet — dort gilt das Du fast durchgehend.
Nina sagt zu ihrer 24-jährigen Referendarin du. — Das geht in Ordnung, weil die beiden fast gleich alt sind.
Erklärung: Nein. Im Unterricht entscheidet die Rolle, nicht das Alter. Solange kein Du angeboten wurde, bleibt es beim Sie.