Du oder Sie
Du or Sie
Das deutsche Anredesystem, so wie es heute wirklich steht, nicht wie es im Benimmbuch steht. Der Kern ist dieselbe Milderung wie beim Bitten, nur an der Person festgemacht — das Sie hält Abstand, das Du nimmt ihn weg, und weil es Abstand wegnimmt, kann es nur angeboten und nicht genommen werden (angeboten wird es von der älteren Person, im Betrieb von der vorgesetzten). Nach Bereichen geordnet, weil das Alter allein nichts entscheidet — im Verein wird fast durchgehend geduzt, quer durch alle Jahrgänge; im Netz ebenfalls, dort sogar unter Fremden; in der Schule siezen Lehrkräfte ab der Oberstufe zurück und werden selbst immer gesiezt; in Betrieben ist es unterschiedlich geregelt und wird am ersten Tag gesagt. Clyne, Norrby und Warren (2009) zeigen genau das — die Anrede hängt am Netzwerk und am Ort, nicht an einer einzigen Formel —, und Kretzenbacher, Clyne und Schüpbach (2006) beschreiben das Ergebnis ungeschminkt als Unsicherheit mit Peinlichkeitspotenzial. Deshalb ist das Wichtigste hier eine Notfallform — einen Satz so bauen, dass gar keine Anrede darin vorkommt („Entschuldigung, geht es hier zum Bahnhof?"). Fehlvorstellung, die fällt — dass jüngere Erwachsene automatisch geduzt werden und dass ein Du die Zuständigkeit aufhebt. Wird gebraucht ab Klasse 6 beim Nachrichtenschreiben und ab Klasse 7 beim Schreiben an Fremde, beim Anrufen und im Praktikum.
Können & Üben
Register treffen
Schreibt an Fremde wie in den Klassenchat.
Trifft die Form, wenn eine Vorlage danebenliegt.
Trifft sie, wenn jemand sagt, dass es eine förmliche Sache ist.
Erkennt von selbst, dass diese Nachricht ein anderes Register braucht, und wechselt.
Trifft auch die Zwischenlagen — die halb-förmliche Mail, die zweite Nachricht an dieselbe Person.
Vorstellungsgespräch mit einer fremden Person
workshop90 min · yearly
besprechungsraum
Eine erwachsene Person, die die Jugendlichen NICHT kennt — ein Elternteil aus einer anderen Klasse, jemand aus einem Betrieb, eine Person aus der Nachbarschaft. Das ist die Bedingung, nicht ein Bonus. Ablauf: Jede und jeder führt ein Gespräch von acht Minuten, die anderen sehen zu und schreiben mit — aber nur Beobachtbares (was gesagt wurde, wie lange die Pause war), keine Urteile. Die drei Fragen, die immer kommen und auf die vorbereitet wird: Warum gerade dieser Betrieb? Was haben Sie schon mal gemacht, das damit zu tun hat? Was wollen Sie hier lernen? Plus die eine, die selbst gestellt werden muss — wer nichts fragt, hat sich nicht vorbereitet. Rückmeldung sofort nach jedem Gespräch, und in dieser Reihenfolge: zuerst die externe Person (eine Sache, die getragen hat, eine, die sie irritiert hat), dann die Selbsteinschätzung, dann die Gruppe. Die Umkehrung — Gruppe zuerst — macht aus der Rückmeldung eine Abstimmung. Das eigentliche Übungsziel ist nicht das Gespräch, sondern die Minute danach: Kritik von einer fremden Person annehmen, ohne sie sofort zu erklären. Wer rechtfertigt, wird einmal unterbrochen und gebeten, zuerst nachzufragen, was genau gemeint war.
peer
3–8
Voraussetzungen (1)
Ermöglicht (2)
Lea fragt in der U-Bahn eine Frau von etwa fĂĽnfzig Jahren nach dem Weg. Was sagt Lea?
Nina ist 16 und in der Oberstufe, ihre Lehrerin siezt die Klasse seit diesem Jahr. Was sagt Nina im Unterricht?
Im Schwimmbad will Fatma einen Jungen von etwa dreizehn fragen, ob der Platz frei ist. Was sagt Fatma?
Frau Özdemir, die Nachbarin von gegenüber, sagt zu Mira — „Sag ruhig du zu mir." — Mira darf jetzt duzen.
Lea duzt die Übungsleiterin in ihrem Kletterverein, die vierzig ist. — Das ist im Verein üblich.
Ben ist neu im Handballverein, der Trainer ist etwa vierzig, alle anderen sagen du zu ihm. Was sagt Ben?
Miras Chefin im Praktikum sagt am ersten Tag — „Ich bin die Sabine, wir duzen uns hier alle." Was sagt Mira am nächsten Morgen?
Leon möchte seinem Nachbarn, Herrn Brandl, 78, gern das Du anbieten. Was tut Leon?
Elif schreibt zum ersten Mal in ein Forum fĂĽr Fahrradreparaturen, sie kennt dort niemanden. Was schreibt sie?
Zeynep schreibt an die Stadtbibliothek, weil sie ein Buch verloren hat. Wie fängt sie an?
Mira duzt ihre Chefin, weil die es angeboten hat. — Ihre Chefin ist damit keine Chefin mehr.
Tarek schreibt in ein Modellbauforum — „Können Sie mir sagen, welchen Kleber ich nehmen soll?" — So schreibt man dort normalerweise.
Nina sagt zu ihrer 24-jährigen Referendarin du. — Das geht in Ordnung, weil die beiden fast gleich alt sind.
Tarek fragt am Empfang einer Arztpraxis nach seinem Termin. Die Frau dort ist vielleicht Mitte zwanzig, er ist unsicher. Was sagt Tarek?
Herr Brandl hat Leon vor einem Jahr das Du angeboten. Heute ist Leons Mutter dabei und Leon ist es unangenehm. Was sagt Leon?
Eine Nachbarin, die Amir nicht kennt, fragt ihn im Treppenhaus — „Wohnst du hier im Haus?" Was sagt Amir?