Du oder Sie

Du or Sie

Miteinander und Umgangsformen Klasse 5 16 Aufgaben
MiteinanderUmgangsformenHöflichkeitKerncurriculum

Das deutsche Anredesystem, so wie es heute wirklich steht, nicht wie es im Benimmbuch steht. Der Kern ist dieselbe Milderung wie beim Bitten, nur an der Person festgemacht — das Sie hält Abstand, das Du nimmt ihn weg, und weil es Abstand wegnimmt, kann es nur angeboten und nicht genommen werden (angeboten wird es von der älteren Person, im Betrieb von der vorgesetzten). Nach Bereichen geordnet, weil das Alter allein nichts entscheidet — im Verein wird fast durchgehend geduzt, quer durch alle Jahrgänge; im Netz ebenfalls, dort sogar unter Fremden; in der Schule siezen Lehrkräfte ab der Oberstufe zurück und werden selbst immer gesiezt; in Betrieben ist es unterschiedlich geregelt und wird am ersten Tag gesagt. Clyne, Norrby und Warren (2009) zeigen genau das — die Anrede hängt am Netzwerk und am Ort, nicht an einer einzigen Formel —, und Kretzenbacher, Clyne und Schüpbach (2006) beschreiben das Ergebnis ungeschminkt als Unsicherheit mit Peinlichkeitspotenzial. Deshalb ist das Wichtigste hier eine Notfallform — einen Satz so bauen, dass gar keine Anrede darin vorkommt („Entschuldigung, geht es hier zum Bahnhof?"). Fehlvorstellung, die fällt — dass jüngere Erwachsene automatisch geduzt werden und dass ein Du die Zuständigkeit aufhebt. Wird gebraucht ab Klasse 6 beim Nachrichtenschreiben und ab Klasse 7 beim Schreiben an Fremde, beim Anrufen und im Praktikum.

Können & Üben

Register treffen

Schreibt an Fremde wie in den Klassenchat.

Trifft die Form, wenn eine Vorlage danebenliegt.

Trifft sie, wenn jemand sagt, dass es eine förmliche Sache ist.

Erkennt von selbst, dass diese Nachricht ein anderes Register braucht, und wechselt.

Trifft auch die Zwischenlagen — die halb-förmliche Mail, die zweite Nachricht an dieselbe Person.

Vorstellungsgespräch mit einer fremden Person

workshop

90 min · yearly

besprechungsraum

Eine erwachsene Person, die die Jugendlichen NICHT kennt — ein Elternteil aus einer anderen Klasse, jemand aus einem Betrieb, eine Person aus der Nachbarschaft. Das ist die Bedingung, nicht ein Bonus. Ablauf: Jede und jeder führt ein Gespräch von acht Minuten, die anderen sehen zu und schreiben mit — aber nur Beobachtbares (was gesagt wurde, wie lange die Pause war), keine Urteile. Die drei Fragen, die immer kommen und auf die vorbereitet wird: Warum gerade dieser Betrieb? Was haben Sie schon mal gemacht, das damit zu tun hat? Was wollen Sie hier lernen? Plus die eine, die selbst gestellt werden muss — wer nichts fragt, hat sich nicht vorbereitet. Rückmeldung sofort nach jedem Gespräch, und in dieser Reihenfolge: zuerst die externe Person (eine Sache, die getragen hat, eine, die sie irritiert hat), dann die Selbsteinschätzung, dann die Gruppe. Die Umkehrung — Gruppe zuerst — macht aus der Rückmeldung eine Abstimmung. Das eigentliche Übungsziel ist nicht das Gespräch, sondern die Minute danach: Kritik von einer fremden Person annehmen, ohne sie sofort zu erklären. Wer rechtfertigt, wird einmal unterbrochen und gebeten, zuerst nachzufragen, was genau gemeint war.

peer

3–8

Leicht
Multiple Choice #1 20s â–¶ Testen

Lea fragt in der U-Bahn eine Frau von etwa fĂĽnfzig Jahren nach dem Weg. Was sagt Lea?

  • â—Ź „Entschuldigung, wissen Sie, wo der Ausgang zum Hauptbahnhof ist?"
  • â—‹ „Entschuldigung, weiĂźt du, wo der Ausgang zum Hauptbahnhof ist?"
  • â—‹ „Wo geht es zum Hauptbahnhof?"
Erwachsene, die man nicht kennt, siezt man — auch als Kind. Der dritte Satz kommt zwar ohne Anrede aus, aber auch ohne Gruß, und dann klingt er wie eine Ansage.
Multiple Choice #2 20s â–¶ Testen

Nina ist 16 und in der Oberstufe, ihre Lehrerin siezt die Klasse seit diesem Jahr. Was sagt Nina im Unterricht?

  • â—Ź „Frau Hofmann, können Sie das noch einmal erklären?"
  • â—‹ „Frau Hofmann, kannst du das noch einmal erklären?"
  • â—‹ „Können Sie das noch einmal erklären?"
Lehrkräfte werden gesiezt, egal wie jung sie sind. Dass sie ab der Oberstufe zurücksiezen, ist ein Angebot auf Augenhöhe und kein neuer Abstand.
Multiple Choice #3 20s â–¶ Testen

Im Schwimmbad will Fatma einen Jungen von etwa dreizehn fragen, ob der Platz frei ist. Was sagt Fatma?

  • â—Ź „Hast du hier schon jemanden liegen?"
  • â—‹ „Haben Sie hier schon jemanden liegen?"
  • â—‹ „Da liegt ja noch nichts."
Kinder und Jugendliche duzen sich untereinander, ohne dass es jemand anbieten mĂĽsste. Ein Sie unter Gleichaltrigen klingt wie ein Scherz, und die Feststellung ist gar keine Frage.
Wahr / Falsch #4 15s â–¶ Testen

Frau Özdemir, die Nachbarin von gegenüber, sagt zu Mira — „Sag ruhig du zu mir." — Mira darf jetzt duzen.

âś“ Wahr
Ja. Das Du wird angeboten und dann angenommen, genau so läuft es. Umgekehrt hätte Mira es nicht anbieten sollen.
Wahr / Falsch #5 15s â–¶ Testen

Lea duzt die Übungsleiterin in ihrem Kletterverein, die vierzig ist. — Das ist im Verein üblich.

âś“ Wahr
Ja. Der Verein ist einer der Orte, an denen das Alter nichts entscheidet — dort gilt das Du fast durchgehend.
Mittel
Multiple Choice #1 22s â–¶ Testen

Ben ist neu im Handballverein, der Trainer ist etwa vierzig, alle anderen sagen du zu ihm. Was sagt Ben?

  • â—Ź „Kannst du mir zeigen, wie der Wurf geht?"
  • â—‹ „Können Sie mir zeigen, wie der Wurf geht?"
  • â—‹ „Wie geht der Wurf?"
Im Verein wird fast überall geduzt, quer durch alle Jahrgänge — das ist eine der stabilsten deutschen Ausnahmen. Wenn alle anderen duzen, ist das Du hier längst vergeben.
Multiple Choice #2 22s â–¶ Testen

Miras Chefin im Praktikum sagt am ersten Tag — „Ich bin die Sabine, wir duzen uns hier alle." Was sagt Mira am nächsten Morgen?

  • â—Ź „Sabine, kannst du mir zeigen, wo die Formulare liegen?"
  • â—‹ „Frau Sabine, können Sie mir zeigen, wo die Formulare liegen?"
  • â—‹ „Können Sie mir zeigen, wo die Formulare liegen?"
Das Du war ein Angebot, und Angebote nimmt man an — weiterzusiezen baut den Abstand wieder auf, den die Chefin gerade weggeräumt hat. „Frau Sabine" gibt es im Deutschen nicht.
Multiple Choice #3 22s â–¶ Testen

Leon möchte seinem Nachbarn, Herrn Brandl, 78, gern das Du anbieten. Was tut Leon?

  • â—Ź Er wartet ab und bleibt bis dahin bei „Herr Brandl".
  • â—‹ Er sagt: „Wir können ruhig du sagen."
  • â—‹ Er fängt von sich aus einfach an zu duzen.
Wer das Du anbieten darf, ist verabredet — die ältere Person, bei der Arbeit die vorgesetzte. Andersherum müsste Herr Brandl womöglich Nein sagen, und ein Nein zum Du ist unangenehm für beide.
Multiple Choice #4 22s â–¶ Testen

Elif schreibt zum ersten Mal in ein Forum fĂĽr Fahrradreparaturen, sie kennt dort niemanden. Was schreibt sie?

  • â—Ź „Hat jemand eine Idee, wie ich die Kette wieder draufbekomme?"
  • â—‹ „Hätten Sie eine Idee, wie ich die Kette wieder draufbekomme?"
  • â—‹ „Ey, wie krieg ich die Kette drauf?"
Im deutschsprachigen Netz wird fast überall geduzt, auch unter Fremden. Das Siezen wirkt dort steif — und „Ey" so, als wäre nur das Tempo wichtig.
Multiple Choice #5 22s â–¶ Testen

Zeynep schreibt an die Stadtbibliothek, weil sie ein Buch verloren hat. Wie fängt sie an?

  • â—Ź „Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe ein Buch von Ihnen verloren."
  • â—‹ „Hallo, ich hab ein Buch verloren."
  • â—‹ „Sehr geehrte Damen und Herren, ich hab euer Buch verloren."
An eine Einrichtung, die man nicht kennt, schreibt man förmlich — und bleibt es dann bis zum Schluss. Der dritte Satz fängt förmlich an und kippt mitten drin ins Du.
Wahr / Falsch #6 18s â–¶ Testen

Mira duzt ihre Chefin, weil die es angeboten hat. — Ihre Chefin ist damit keine Chefin mehr.

âś“ Falsch
Nein. Das Du regelt die Nähe, nicht die Zuständigkeit. Wer duzt, darf trotzdem Anweisungen geben — und man darf trotzdem widersprechen.
Wahr / Falsch #7 18s â–¶ Testen

Tarek schreibt in ein Modellbauforum — „Können Sie mir sagen, welchen Kleber ich nehmen soll?" — So schreibt man dort normalerweise.

âś“ Falsch
Nein — in Foren wird im deutschsprachigen Netz fast überall geduzt, auch unter Fremden. Auf den Seiten von Firmen und Behörden ist es umgekehrt: die Form hängt am Ort, nicht am Alter.
Wahr / Falsch #8 18s â–¶ Testen

Nina sagt zu ihrer 24-jährigen Referendarin du. — Das geht in Ordnung, weil die beiden fast gleich alt sind.

âś“ Falsch
Nein. Im Unterricht entscheidet die Rolle, nicht das Alter. Solange kein Du angeboten wurde, bleibt es beim Sie.
Schwer
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Tarek fragt am Empfang einer Arztpraxis nach seinem Termin. Die Frau dort ist vielleicht Mitte zwanzig, er ist unsicher. Was sagt Tarek?

  • â—Ź „Guten Tag, ich habe um zehn einen Termin bei Doktor Sommer."
  • â—‹ „Hi, ich hab um zehn einen Termin."
  • â—‹ „Guten Tag, hast du meinen Termin da?"
Wer unsicher ist, baut den Satz so, dass gar keine Anrede darin vorkommt — dieser braucht weder du noch Sie. Das ist keine Feigheit, sondern der Trick, den Erwachsene auch benutzen.
Multiple Choice #2 25s â–¶ Testen

Herr Brandl hat Leon vor einem Jahr das Du angeboten. Heute ist Leons Mutter dabei und Leon ist es unangenehm. Was sagt Leon?

  • â—Ź Er sagt: „Hallo Wolfgang, das ist meine Mutter."
  • â—‹ Er sagt: „Hallo Herr Brandl, das ist meine Mutter."
  • â—‹ Er sagt nur „Hallo" und redet dann mit seiner Mutter weiter.
Ein Du gilt weiter, auch wenn andere zuhören — zurücknehmen lässt es sich kaum, ohne dass es nach Streit aussieht. Und wer den Nachbarn gar nicht vorstellt, lässt beide stehen. Wie Leons Mutter Herrn Brandl anredet, ist eine eigene Frage.
Multiple Choice #3 25s â–¶ Testen

Eine Nachbarin, die Amir nicht kennt, fragt ihn im Treppenhaus — „Wohnst du hier im Haus?" Was sagt Amir?

  • â—Ź „Guten Tag, ja, ich wohne im zweiten Stock."
  • â—‹ „Guten Tag, ja, du findest mich im zweiten Stock."
  • â—‹ „Sagen Sie bitte Sie zu mir."
Erwachsene duzen Kinder und Jugendliche, das ist normal und kein Fehler. Zurückduzen wäre trotzdem daneben, solange es niemand angeboten hat — Amir antwortet einfach ohne Anrede, und die Frage nach dem Sie stellt sich gar nicht.