Erzählen: die Sprache des Nicht-Hier

Narrative: the language of the not-here

EntwicklungSprache

Im Kindergartenalter löst sich Sprache vom Sichtbaren: Das Kind spricht über gestern, über morgen, über einen erfundenen Drachen — Fachleute nennen das dekontextualisierte Sprache, weil die Worte die Sache jetzt allein tragen, ohne dass man auf sie zeigen kann. Eine Geschichte ist dabei kein Wörterhaufen, sondern ein Bogen mit Anfang, Mitte und Ende. Dieselbe Leistung verlangt später ein Buch, das auf nichts zeigt, sondern selbst die Welt ist: Wer früh gut erzählt, tut sich später mit Geschriebenem und mit schlussfolgerndem Denken leichter.

Kleinkinder reden über das, was vor ihnen liegt: „Ball!", „da Hund!". Sprache klebt am Sichtbaren. Im Kindergartenalter löst sie sich davon. Dein Kind spricht plötzlich über das Nicht-Hier und Nicht-Jetzt — über gestern, über morgen, über einen erfundenen Drachen. Fachleute nennen das dekontextualisierte Sprache: Worte müssen die Sache jetzt allein tragen, ohne dass man auf sie zeigen kann.

1 Anfang 2 Mitte 3 Ende
Eine Geschichte ist kein Wörterhaufen, sondern ein Bogen: erst wer geht wohin (Anfang), dann was schiefläuft (Mitte), dann wie es ausgeht (Ende). Genau diesen Bogen übt dein Kind, wenn es erzählt.

Erzählen ist mehr als Vokabeln. Eine Geschichte hat einen Bogen — Anfang, Mitte, Ende — und verlangt, dass die Worte allein die ganze Szene aufbauen. Das ist dieselbe Leistung, die später ein Buch verlangt: Ein Text zeigt auf nichts, er ist die Welt. Kinder, die früh gut erzählen, tun sich später mit dem Verstehen von Geschriebenem leichter — die Erzählfähigkeit ist eine Brücke zur Schrift und zum schlussfolgernden Denken.

Du musst dafür nichts abfragen. Es reicht, gemeinsam zu erinnern („Und dann, was ist am See passiert?") und dem Kind Zeit zu lassen, die Reihenfolge selbst zu finden. Wenn es abschweift, ist das kein Fehler, sondern die Baustelle, an der gerade gearbeitet wird.

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