Alle Regeln eingehalten — und trotzdem traurig?
Every rule kept — and still sad?
Beim Fangen haben sich alle an die Regeln gehalten, und trotzdem steht Ben am Rand, weil ihn keiner fragt. Die Kinder erkennen in solchen Szenen, dass keine Regel gebrochen wurde, bestimmen, was gefehlt hat — jemand, der fragt, teilt, tröstet oder Rücksicht nimmt — und unterscheiden, ob jemand eine Regel befolgt oder freiwillig freundlich war. Turiel (1983, *The Development of Social Knowledge*) und Nucci (2001, *Education in the Moral Domain*) zeigen, dass Kinder schon früh zwischen Regeln, die man vereinbart, und dem Wohl der anderen unterscheiden: Dass man niemanden traurig stehen lässt, gilt für sie auch dort, wo keine Regel es sagt. Ohne diese Unterscheidung bleibt das Missverständnis, eine Gemeinschaft funktioniere schon, wenn nur alle Regeln eingehalten und alle Verstöße bestraft werden. Hoffman (2000, *Empathy and Moral Development*) beschreibt das Mitfühlen, das ein Kind aus eigenem Antrieb handeln lässt, als die Quelle solcher Freundlichkeit. Ob eine neue Regel in einer Szene helfen würde oder ob es ohne sie besser geht, bleibt offen und wird begründet (Martens 1999; Lipman et al. 1980): jede Position zählt, bewertet wird das Begründen. LehrplanPLUS GS Ethik 1/2, 2.2 Über Regeln nachdenken (gewinnbringendes gemeinschaftliches Erleben ist nicht allein durch Regeln möglich; Situationen, in denen keine Regeln gelten). Bereitet vor: `miteinander.grade2.wer-sitzt-allein`, `sport.gs.fairness-kooperation` (Fairness über die Spielregel hinaus) und `miteinander.grade4.freundschaft-ohne-bedingung`.
Beim Fangen halten sich alle an die Regeln. Ben steht trotzdem die ganze Pause am Rand, weil ihn keiner fragt. Was hätte Ben geholfen?
Jedes Kind bekommt genau ein Stück Kuchen, so wie es ausgemacht ist. Mila hat ihres fallen lassen und weint. Was hätte Mila geholfen?
Beim Staffellauf laufen alle richtig nach den Regeln. Jonas stolpert, und die anderen laufen einfach weiter. Was hätte Jonas geholfen?
Beim Völkerball spielen alle nach den Regeln. Mila wird aber nie angespielt und ist traurig. Hier hat jemand eine Regel gebrochen.
Ahmed hält Frau Berger die Tür auf, weil sie viele Bücher trägt. Keine Regel sagt das. Ahmed hat eine Regel befolgt.
In der Klasse gilt: Wer sprechen will, meldet sich. Jonas meldet sich und wartet, bis er drankommt. Jonas hat eine Regel befolgt.
Beim freien Spielen im Wald gibt es keine festen Regeln. Elif zeigt Ben trotzdem, wo man gut Höhlen bauen kann. Elif hat freiwillig geholfen.
Lea tröstet ihre Freundin, die ihr Kuscheltier verloren hat. Lea tut das, weil eine Regel es so bestimmt.
Im Morgenkreis darf jedes Kind eine Minute erzählen. Amira braucht länger für ihre Sätze, und einige Kinder seufzen laut. Was hätte Amira geholfen?
Elif gewinnt beim Memory ganz nach den Regeln. Danach lacht sie Kemal aus, weil er nur zwei Paare hat. Was hätte Kemal geholfen?
Die Sitzplätze werden nach Plan verteilt. Ben sitzt jetzt neben Lea, die ihn nicht anschaut und nicht grüßt. Was hätte Ben geholfen?
Auf der Schaukel darf jedes Kind fünf Minuten schaukeln. Nora wartet schon lange, weil sie ganz hinten steht, und muss gleich zum Bus. Was hätte Nora geholfen?
In der Pause bleibt oft dasselbe Kind allein. WĂĽrde eine neue Regel helfen, oder braucht es etwas anderes? Sag einen Grund.
Erzähl von einem Mal, als jemand zu dir freundlich war, obwohl keine Regel das verlangt hat. Wie hast du dich gefühlt?