Ladungstrennung in der Wolke

Charge Separation in the Cloud

Physik Klasse 12 13 Aufgaben
Elektrisches FeldElektrische LadungKerncurriculum

Die Gewitterwolke ist eine Ladungsmaschine: In Aufwinden stoßen Graupelkörner und Eiskristalle zusammen und trennen dabei Ladung — die leichten, positiv geladenen Kristalle steigen nach oben, der negativ geladene Graupel sammelt sich im unteren Teil der Wolke. So wird die Wolke zum Riesenkondensator: Wolkenbasis und Erdboden bilden die Platten, dazwischen liegt ein nĂ€herungsweise homogenes Feld. Der Boden lĂ€dt sich dabei entgegengesetzt auf, ohne berĂŒhrt zu werden — Influenz, genau wie am Elektroskop. RĂ€umt die Fehlvorstellung ab, Ladung werde beim Blitz „verbraucht": Sie wird nur getrennt und transportiert, nie erzeugt oder vernichtet.

Können & Üben

Elektrostatik-Werkstatt — Ladung sichtbar machen

workshop

90 min · once

physiksaal

Vier Stationen nach dem Prinzip Vermuten – Beobachten – ErklĂ€ren; die Lernenden arbeiten in Kleingruppen und rotieren nach etwa 20 Minuten. An jeder Station wird die Vermutung vor dem Ausprobieren notiert. Station 1 — ReibungselektrizitĂ€t und Influenz (Elektroskop). Vermuten: Was zeigt das Elektroskop, wenn der geriebene PVC-Stab den Teller nur ohne BerĂŒhrung erreicht — und was, wenn er ihn berĂŒhrt? Beobachten: Schon in TellernĂ€he schlĂ€gt der Zeiger aus und geht beim Entfernen zurĂŒck; nach BerĂŒhrung bleibt der Ausschlag. Mit Glas- und PVC-Stab zeigen sich zwei Ladungsarten (Abstoßung/Anziehung drehbar gelagerter StĂ€be). ErklĂ€ren: Ohne BerĂŒhrung verschiebt der Stab nur Ladungen im Leiter — Influenz; mit BerĂŒhrung wird Ladung ĂŒbertragen. Modellgrenze: Der Zeiger zeigt Ladungstrennung an, nicht das Vorzeichen der Ladung. Station 2 — Wasserstrahl und Konfetti (Polarisation). Vermuten: Lenkt der geriebene Stab einen dĂŒnnen Wasserstrahl ab, obwohl Wasser neutral ist? Beobachten: Der Strahl biegt sich deutlich zum Stab hin; trockene Papierschnipsel springen an den Stab und teils wieder ab. ErklĂ€ren: WassermolekĂŒle sind Dipole und richten sich im Feld aus — Polarisation; die Anziehung wirkt auf den nĂ€heren, ungleichnamigen Pol stĂ€rker. Modellgrenze: Die Ablenkung beweist Dipole, misst aber keine FeldstĂ€rke. Station 3 — Feldlinienbilder (Grießkörner am Projektor). Vermuten: Wie ordnen sich Grießkörner in Rizinusöl zwischen Spitze und Platte, zwischen zwei Punktladungen, zwischen zwei Platten? Skizze vorab! Beobachten: Die Körnchen richten sich zu Ketten aus — radial um die Spitze, gebogen zwischen ungleichnamigen Elektroden, parallel zwischen den Platten. ErklĂ€ren: Die Ketten folgen der Kraftrichtung auf Probeladungen; dichte Linien bedeuten starkes Feld, Feldlinien starten und enden senkrecht auf den LeiteroberflĂ€chen und schneiden sich nie. Modellgrenze: Feldlinien sind ein Zeichenmodell — das Feld existiert auch zwischen den Linien. Sicherheitshinweis: Bandgenerator vor dem Umbauen mit dem Entladestab erden; Funken sind harmlos, aber schreckhaft. Vorbereitung oder Nachbereitung: der Gewitter-Artikel in der App — dort werden dieselbe Ladungstrennung und derselbe Funke zum Blitz hochskaliert. Station 4 — Löffel-Versuch (Kraft pro Ladung). Vermuten: Halbiert sich die Kraft auf den Ladungslöffel im Plattenfeld, wenn man seine Ladung durch BerĂŒhren mit dem identischen zweiten Löffel halbiert? Beobachten: Der Lichtzeiger-Ausschlag des MessverstĂ€rkers geht bei q, q/2, q/4 jeweils auf die HĂ€lfte zurĂŒck. ErklĂ€ren: F/q ist an einem Feldpunkt konstant — genau diese GrĂ¶ĂŸe definiert die elektrische FeldstĂ€rke E. Sicherheitshinweis: Hochspannung! Nur die strombegrenzte Quelle verwenden, Umbauten nur spannungsfrei, Platten nach dem Versuch entladen. Abschluss in der Runde: Welche Station zeigt Ladungstrennung, welche Ausrichtung, welche misst das Feld? Der Bogen von "es knistert" zur messbaren GrĂ¶ĂŸe E = F/q wird gemeinsam formuliert.

physik-experimente-lead

4–16

Woher kommt die Ladung? In der Wolke ist keine Batterie versteckt — aber ein Förderband. Gewitterwolken sind TĂŒrme aus aufsteigender Luft: Warme, feuchte Luft schießt mit bis zu 100 km/h nach oben, kĂŒhlt ab, und aus Tröpfchen werden Eisteilchen. Zwei Sorten davon spielen die Hauptrolle: schwere, matschige Graupelkörner, die nach unten sinken, und winzige, leichte Eiskristalle, die der Aufwind nach oben reißt.

Halte kurz inne: Was passiert, wenn beide Sorten mitten im Aufwind zusammenstoßen — millionenfach, Sekunde fĂŒr Sekunde?

Ladungstrennung durch ZusammenstĂ¶ĂŸe + −
Beim Zusammenstoß bleibt negative Ladung am schweren Graupel hĂ€ngen, der leichte Eiskristall fliegt positiv geladen weiter nach oben.

Bei jedem Zusammenstoß wechselt ein winziger Teil Ladung den Besitzer. Dort, wo Gewitter sich aufladen, kĂ€lter als etwa −10 °C, bleibt die negative Ladung meist am Graupelkorn: Der Graupel wird negativ, der Eiskristall positiv. Warum genau, ist bis heute Gegenstand der Forschung; dass es so ist, zeigen Laborversuche mit Graupel und Eis (Takahashi 1978). Und jetzt kommt der Trick: Schwerkraft und Aufwind sortieren die beiden. Die positiven Kristalle sammeln sich oben in der Wolke, der negative Graupel im unteren Teil. Aus Milliarden winziger StĂ¶ĂŸe wird eine großrĂ€umige Ladungstrennung, ohne dass irgendjemand Ladung „nachfĂŒllt".

Von unten betrachtet ist die Lage jetzt vertraut: oben eine ausgedehnte negative Ladung, unten der Erdboden — zwei „Platten". Das Lehrbuchmodell gibt ihnen den Abstand d = 1 km und eine FlĂ€che von rund 45 kmÂČ, ein Quadrat von knapp 7 km SeitenlĂ€nge. Das Feld dazwischen ist dann nĂ€herungsweise homogen, wie im Plattenkondensator aus dem Labor, wo 1 kV an 1 cm Plattenabstand ein Feld von 100 kV/m ergibt. In echten Wolken sitzt die negative Ladung meist höher, einige Kilometer ĂŒber dem Boden; fĂŒr GrĂ¶ĂŸenordnungen reicht das Modell.

Aber Moment — der Erdboden war doch neutral? Er ist auch nicht angeschlossen. Sage voraus: Passiert am Boden trotzdem etwas?

Stelle die Wolkenladung auf Q = 40 C: Welche FeldstĂ€rke E und welche Spannung U zeigen die Anzeigen? Halbiere dann Q — was geschieht mit der Zahl der cyanfarbenen Feldlinien und mit E? Oben liegt die negative Wolkenladung, unten der Erdboden mit seinen Influenzladungen.

Lies zuerst die Anzeigen bei Q = 40 C ab, einer typischen Ladung im unteren Teil einer Gewitterzelle: E = 100 kV/m und U = 100 MV. Die Probe mit U = E · d: 100 kV/m mal 1000 m sind 100 Millionen Volt — genau die Zahl der Ballonsonden. Halbierst du Q, halbieren sich E und U, und es bleiben weniger Feldlinien ĂŒbrig: Die Dichte der Linien zeigt die FeldstĂ€rke.

Am Boden passiert dasselbe wie beim Elektroskop, dem du im Labor begegnet bist: NĂ€hert man einem Leiter einen geladenen Körper, verschieben sich seine frei beweglichen Elektronen — ohne BerĂŒhrung, und der Zeiger schlĂ€gt aus. Der Erdboden ist ein (mĂ€ĂŸiger, aber riesiger) Leiter. Die negative Wolkenladung drĂŒckt seine Elektronen weg; direkt unter der Wolke bleibt eine positiv geladene BodenflĂ€che zurĂŒck. Das ist Influenz — derselbe Versuch, nur dass der „geriebene Stab" diesmal eine Wolke ist und die InfluenzflĂ€che ein ganzes Stadtviertel. Auf ihr beginnen die Feldlinien der Figur, die oben an der Wolkenladung enden: Das Feld hĂ€ngt nicht im Nichts, es spannt sich von Ladung zu Ladung.

Damit ist auch eine verbreitete Vorstellung erledigt: dass ein Blitz die Ladung „verbraucht". Ladung wird niemals verbraucht — sie wird getrennt, verschoben, wieder zusammengefĂŒhrt. Ein einzelner Blitzschlag bringt rund 5 C zum Boden, ein Achtel der 40 C. Solange das Förderband aus Graupel und Kristallen lĂ€uft, lĂ€dt die Wolke den Kondensator immer wieder nach; deshalb blitzt es nicht einmal, sondern dutzendfach. Bleibt die Frage: Sind 100 kV/m viel? Wie groß darf E werden, bevor die Luft nachgibt?

Leicht
Wahr / Falsch #1 15s ▶ Testen

Ein Blitz verbraucht die elektrische Ladung der Wolke — danach ist sie endgĂŒltig weg.

✓ Falsch
Ladung wird niemals verbraucht, sondern nur getrennt und transportiert. Der Blitz fĂŒhrt getrennte Ladungen wieder zusammen; solange Graupel und Eiskristalle im Aufwind weiter Ladung trennen, lĂ€dt sich die Wolke erneut auf — deshalb blitzt es viele Male hintereinander.
Multiple Choice #2 20s ▶ Testen

Wodurch lÀdt sich eine Gewitterwolke auf?

  • ● ZusammenstĂ¶ĂŸe von Graupel und Eiskristallen trennen Ladung, Aufwind und Schwerkraft sortieren sie
  • ○ Reibung der Wolke am Erdboden lĂ€dt sie wie einen geriebenen Stab
  • ○ Sonnenlicht schlĂ€gt Elektronen aus den Wassertröpfchen
  • ○ Die Wolke saugt Ladung aus Hochspannungsleitungen an
Bei jedem Stoß geht negative Ladung bevorzugt auf das schwere Graupelkorn ĂŒber. Der Aufwind trĂ€gt die positiven Kristalle nach oben, der Graupel sinkt zur Wolkenbasis — aus vielen kleinen StĂ¶ĂŸen wird eine großrĂ€umige Trennung.
Multiple Choice #3 25s ▶ Testen

Der Erdboden unter der Gewitterwolke ist mit nichts verbunden und wird nicht berĂŒhrt. Was passiert dort, wĂ€hrend sich die Wolkenbasis negativ auflĂ€dt?

  • ● Er lĂ€dt sich durch Influenz positiv auf — die Elektronen werden in die Tiefe verdrĂ€ngt
  • ○ Nichts, denn ohne BerĂŒhrung kann keine Ladung ĂŒbertragen werden
  • ○ Er lĂ€dt sich ebenfalls negativ auf, weil Ladung durch die Luft herabregnet
  • ○ Er bleibt neutral, nur die Luft dazwischen wird geladen
Der Boden ist ein Leiter. Die negative Wolkenbasis verschiebt seine frei beweglichen Elektronen nach unten — direkt unter der Wolke bleibt eine positive FlĂ€che zurĂŒck. Das ist Influenz, derselbe Effekt wie beim Elektroskop, dem ein geladener Stab genĂ€hert wird.
Multiple Choice #4 25s ▶ Testen

Wolkenbasis und Erdboden werden als Plattenkondensator modelliert. Welche Aussage ĂŒber das Feld dazwischen passt zu diesem Modell?

  • ● Es ist nĂ€herungsweise homogen und zeigt vom positiv influenzierten Boden zur negativen Wolkenbasis
  • ○ Es ist radialsymmetrisch um den Wolkenmittelpunkt
  • ○ Es ist am Boden null und wĂ€chst zur Wolke hin an
  • ○ Es zeigt von der Wolke weg in den Weltraum
Zwei ausgedehnte, entgegengesetzt geladene FlĂ€chen erzeugen dazwischen ein nĂ€herungsweise homogenes Feld. Feldlinien laufen von + nach − — hier also vom Boden nach oben zur Wolkenbasis.
Multiple Choice #5 20s ▶ Testen

Experiment im Applet — erhöhe die Wolkenladung Q. Was zeigt das Feldlinienbild?

  • ● Die Feldlinien werden dichter, denn die Feldliniendichte ist ein Maß fĂŒr die FeldstĂ€rke
  • ○ Die Feldlinien werden lĂ€nger, denn der Abstand wĂ€chst mit
  • ○ Die Feldlinien kippen zur Seite
  • ○ Nichts — das Feldlinienbild hĂ€ngt nicht von Q ab
Mehr getrennte Ladung bedeutet ein stĂ€rkeres Feld zwischen den „Platten". Im Feldlinienbild zeigt sich das als höhere Liniendichte — E und U wachsen in den Anzeigen mit.
Mittel
LĂŒckentext #1 15s ▶ Testen

Bei StĂ¶ĂŸen im Aufwind wird das schwere Graupelkorn ___ geladen.

✓ Antwort: negativ
Unterhalb von etwa −10 °C bleibt die negative Ladung am Graupel, der leichte Eiskristall fliegt positiv nach oben.
LĂŒckentext #2 15s ▶ Testen

Die Verschiebung der Elektronen im Erdboden, ohne dass die Wolke ihn berĂŒhrt, heißt ___.

✓ Antwort: Influenz
Influenz: Ein geladener Körper verschiebt die frei beweglichen Ladungen eines Leiters ohne BerĂŒhrung, wie beim Elektroskop.
LĂŒckentext #3 15s ▶ Testen

Elektrische Ladung kann weder erzeugt noch ___ werden; sie wird nur getrennt und verschoben.

✓ Antwort: vernichtet
Ladungserhaltung: Der Blitz fĂŒhrt getrennte Ladung wieder zusammen. Die Wolke trennt sie danach von neuem.
Zahleneingabe #4 25s ▶ Testen

Stelle in der Figur Q = 40 C ein. Welche FeldstÀrke E zeigt die Anzeige (in kV/m)?

✓ Antwort: 100
E = 2,5 kV/m pro Coulomb · 40 C = 100 kV/m, das mittlere Feld des Lehrbuchmodells (10⁞ V auf 1 km).
Schwer
Multiple Choice #1 30s ▶ Testen

Angenommen, der Aufwind wĂ€re so stark, dass er auch den Graupel nach oben trĂ€gt, wĂ€hrend die Kristalle unten bleiben. Wo sĂ€ĂŸe dann die negative Ladung?

  • ● Oben in der Wolke
  • ○ Unten in der Wolke, wie bisher
  • ○ GleichmĂ€ĂŸig in der ganzen Wolke
Die Ladung sitzt dort, wohin die Teilchen sortiert werden. Der Graupel trĂ€gt die negative Ladung; steigt er auf, steigt sie mit. Nicht der Stoß allein trennt die Ladung großrĂ€umig, sondern die Sortierung danach.
Multiple Choice #2 30s ▶ Testen

Ein Gewitter mit negativer Ladung im unteren Teil zieht ĂŒber ein Dorf hinweg. Wie ist der Boden geladen, direkt unter der Wolke und 30 km entfernt?

  • ● Unter der Wolke positiv, 30 km entfernt kaum geladen
  • ○ Unter der Wolke negativ, 30 km entfernt positiv
  • ○ Überall gleich stark positiv
Die Influenzladung sitzt dort, wo das Feld der Wolke hinreicht: direkt darunter. Zieht die Wolke weiter, wandert die positive BodenflÀche mit, wie ein Schatten.
Zahleneingabe #3 25s ▶ Testen

Die Wolke trĂ€gt 40 C, ein Blitzschlag bringt 5 C zum Boden. Nach wie vielen SchlĂ€gen wĂ€re die Ladung aufgebraucht, wenn die Wolke nicht nachladen wĂŒrde?

✓ Antwort: 8
40 C : 5 C = 8. TatsÀchlich blitzt eine Gewitterzelle oft weit öfter, weil Graupel und Kristalle die Ladung laufend neu trennen. Die Ladung verschwindet dabei nie, sie wird nur zum Boden gebracht.
Zahleneingabe #4 25s ▶ Testen

Im Wolkenmodell (d = 1 km, E = 2,5 kV/m pro Coulomb) trÀgt die Wolke 60 C. Welche Spannung liegt zwischen Wolke und Boden (in MV)?

✓ Antwort: 150
E = 2,5 kV/m · 60 = 150 kV/m, U = E · d = 150 kV/m · 1000 m = 150 MV.