Gerechtigkeit – drei Fragen in einem Wort

Justice – Three Questions in One Word

Wirtschaft und Recht Klasse 11 14 Aufgaben
RechtGerechtigkeitKerncurriculum

Die Lernenden zerlegen das Alltagswort „gerecht“ an Max Hubers Stadel in drei prüfbare Fragen: Tauschgerechtigkeit (gleicher Wert gegen gleichen Wert), Verteilungsgerechtigkeit (Lasten und Güter nach einem genannten Maßstab – Bedarf, Leistung oder Gleichheit) und Verfahrensgerechtigkeit (gehört werden, unparteiisch entschieden, nach vorher bekannten Regeln). Verdrängt wird „gerecht heißt, alle bekommen gleich viel“. Ziel: jedes Erörterungs-Item der Kurse 7 bis 13 fragt nach einem gerechten Interessenausgleich und braucht dafür den Maßstab; die Radbruchsche Formel in Kurs 12 setzt den Begriff voraus.

Ungerecht – aber in welchem Sinn?

„Das ist ungerecht“, sagt Max. Der Bauträger, das Landratsamt und der Nachbar Seidl würden widersprechen – und jeder hätte dabei eine andere Frage im Kopf. Schon Aristoteles hat das Wort „gerecht“ in zwei Fragen zerlegt: Tausch und Verteilung. Eine dritte hat erst die Forschung des 20. Jahrhunderts genau beschrieben, die Frage nach dem Verfahren. Alle drei braucht man, um über den Stadel zu streiten.

Der Bauträger bietet 1,2 Millionen € für das Grundstück. Ist das ein fairer Preis? Das ist die Frage der Tauschgerechtigkeit: Zwischen zwei Gleichgestellten sollen Leistung und Gegenleistung gleich viel wert sein. Gemessen wird an der Sache, nicht an der Person – ob Max reich oder arm ist, ändert nichts am Wert des Grundstücks.

Max meint aber etwas anderes. Er zahlt das Dach, und das ganze Dorf hat das schöne Bild. Hier geht es darum, wie Lasten und Vorteile auf viele verteilt werden: um Verteilungsgerechtigkeit. Und dann gibt es noch den Weg zur Entscheidung. Bevor der Bescheid kam, hat das Landratsamt Max angeschrieben und um seine Sicht gebeten; es hat nach einem Gesetz entschieden, das vorher feststand. Ob der Weg fair war – gehört, unparteiisch, nach bekannten Regeln –, ist die Frage der Verfahrensgerechtigkeit. Sie kann erfüllt sein, auch wenn das Ergebnis Max nicht gefällt. Sortiere in der Figur, welche Frage jede Aussage stellt.

  • Tauschgerechtigkeit
  • Verteilungsgerechtigkeit
  • Verfahrensgerechtigkeit
  • „1,2 Millionen sind zu wenig – das GrundstĂĽck ist mehr wert.“
  • „Ich zahle das Dach, das Dorf hat das schöne Bild.“
  • „Das Landratsamt hat mich vor dem Bescheid um meine Sicht gebeten.“
  • „Die Allgemeinheit soll einen Teil der Kosten tragen.“
  • „Der Dachdecker verlangt fĂĽr einen Tag Arbeit 3 000 € – Wucher!“
  • „Der Sachbearbeiter ist Seidls Schwager – der hätte nicht entscheiden dĂĽrfen.“
  • „Die Wohnungen sollen zuerst an Familien aus dem Dorf gehen.“
  • „Der Bescheid stĂĽtzt sich auf ein Gesetz, das jeder nachlesen kann.“
Ordne die acht Sätze vom Hof den drei Fragen zu. Achte darauf, ob es um einen Tausch, um eine Verteilung auf viele oder um den Weg zur Entscheidung geht.

Gleich ist nicht dasselbe wie gerecht

Wie verteilt man gerecht? Die naheliegende Antwort, „alle bekommen gleich viel“, ist nur einer von drei Maßstäben. Man kann nach Gleichheit verteilen (jede Stimme zählt einmal), nach Bedarf (wer krank ist, bekommt mehr Behandlung) oder nach Leistung (wer mehr arbeitet, verdient mehr). Gerecht ist eine Verteilung nicht, weil sie gleich ist, sondern wenn sie ihren Maßstab begründen kann – und für den Stadel muss man ihn erst wählen.

Das Gesetz hat gewählt. Die Erhaltung trägt zuerst der Eigentümer, denn ihm gehört der Stadel, und er behält, was er damit verdient. Weil aber auch alle anderen etwas davon haben, zahlt die Allgemeinheit aus Steuern einen Zuschuss: 40 000 € von 180 000 €. Max bleiben 140 000 €. Das Recht verteilt hier Lasten zwischen zwei Seiten mit berechtigten Interessen – Max’ Interesse, mit seinem Grundstück Geld zu verdienen, und das Interesse aller, ein Stück Dorfgeschichte zu behalten. Einen solchen Interessenausgleich kann man für gelungen halten oder nicht: Vielleicht müsste der Zuschuss höher sein, vielleicht hätte Max beim Erbe wissen müssen, was er übernimmt.

Max hält ihn für misslungen. „Wenn das Gesetz mir diese Last aufbürdet, dann ist das Gesetz ungerecht“, sagt er. „Und ein ungerechtes Gesetz gilt nicht.“ Ob der zweite Satz aus dem ersten folgt, ist eine eigene Frage.

Leicht
Multiple Choice #1 20s â–¶ Testen

Welche Aussage fragt nach Tauschgerechtigkeit?

  • â—Ź Eine Mieterin: „1 400 € fĂĽr 40 m² – die Wohnung ist das nicht wert.“
  • â—‹ Ein SchĂĽler: „Alle bekommen gleich viel Zeit, obwohl ich Legastheniker bin.“
  • â—‹ Eine Spielerin: „Der Schiedsrichter ist der Vater des Torwarts.“
Die Mieterin vergleicht Leistung und Gegenleistung zwischen zwei Gleichgestellten – Wohnung gegen Miete. Das ist Tauschgerechtigkeit. Die Prüfungszeit betrifft die Verteilung, der befangene Schiedsrichter das Verfahren.
Wahr / Falsch #2 20s â–¶ Testen

Ein Bäcker verlangt von einer Millionärin 50 € für ein Brot, das bei ihm sonst 4 € kostet – „sie kann es sich ja leisten“. Nach der Tauschgerechtigkeit ist das gerecht.

âś“ Falsch
Falsch. Die Tauschgerechtigkeit misst an der Sache, nicht an der Person: Das Brot ist 4 € wert, egal wer es kauft. Ob Reiche mehr beitragen sollen, ist eine Frage der Verteilung – etwa über Steuern.
Multiple Choice #3 20s â–¶ Testen

Welche Aussage fragt nach Verteilungsgerechtigkeit?

  • â—Ź „Wer mehr verdient, soll einen höheren Steuersatz zahlen.“
  • â—‹ „FĂĽr den Gebrauchtwagen habe ich 2 000 € zu viel bezahlt.“
  • â—‹ „Vor dem Verweis hat mich die Schulleitung nicht angehört.“
Hier wird eine Last – die Steuer – auf viele verteilt, nach einem Maßstab: der Leistungsfähigkeit. Der Autokauf ist ein Tausch zwischen zwei, der Verweis eine Frage des Verfahrens.
Wahr / Falsch #4 20s â–¶ Testen

Eine Notaufnahme gibt jedem Patienten genau zehn Minuten, egal wie krank er ist. Das ist verteilungsgerecht, weil alle gleich viel bekommen.

âś“ Falsch
Falsch. „Gleich viel für alle“ ist nur einer von drei Maßstäben. Für Behandlungszeit passt der Bedarf: Wer schwer verletzt ist, braucht mehr. Gerecht ist eine Verteilung, die ihren Maßstab begründen kann.
Multiple Choice #5 20s â–¶ Testen

Welche Aussage fragt nach Verfahrensgerechtigkeit?

  • â—Ź „In der Jury saĂź ausgerechnet meine Konkurrentin.“
  • â—‹ „FĂĽr mein altes Handy habe ich viel zu wenig bekommen.“
  • â—‹ „Meine kleine Schwester bekommt mehr Taschengeld als ich.“
Wer selbst betroffen ist, sollte nicht entscheiden: Es geht um die Unparteilichkeit, also um den Weg zur Entscheidung. Der Handyverkauf ist ein Tausch, das Taschengeld eine Verteilung.
Wahr / Falsch #6 15s â–¶ Testen

Max ist mit dem Bescheid des Landratsamts unzufrieden. Also war das Verfahren nicht gerecht.

âś“ Falsch
Falsch. Ob ein Verfahren gerecht war, hängt am Weg, nicht am Ergebnis: Max wurde vorher angehört, entschieden wurde nach einem Gesetz, das vorher feststand. Ein ungünstiges Ergebnis kann verfahrensgerecht zustande kommen.
Mittel
LĂĽckentext #1 20s â–¶ Testen

Aristoteles nennt die Gerechtigkeit zwischen Leistung und Gegenleistung iustitia ___.

âś“ Antwort: commutativa
iustitia commutativa – die ausgleichende oder Tauschgerechtigkeit. Ihr Gegenstück ist die iustitia distributiva, die Verteilungsgerechtigkeit.
LĂĽckentext #2 20s â–¶ Testen

Verteilen kann man nach Gleichheit, nach Leistung oder nach ___.

âś“ Antwort: Bedarf
Die drei Maßstäbe der Verteilungsgerechtigkeit: Gleichheit (jede Stimme zählt einmal), Leistung (wer mehr arbeitet, verdient mehr) und Bedarf (wer krank ist, bekommt mehr Behandlung).
LĂĽckentext #3 20s â–¶ Testen

Verfahrensgerecht ist eine Entscheidung, wenn der Betroffene vorher ___ wurde und jemand Unparteiisches nach vorher bekannten Regeln entschieden hat.

✓ Antwort: gehört
Gehört werden, Unparteilichkeit, Regeln, die vorher feststehen – das sind die Bausteine der Verfahrensgerechtigkeit (Thibaut & Walker 1975).
Schwer
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Bei welchem Geschäft ist die Tauschgerechtigkeit verletzt?

  • â—Ź Ein Händler kauft einer verwirrten 90-Jährigen ihren Ring im Wert von 5 000 € fĂĽr 50 € ab.
  • â—‹ Zwei Sammler tauschen Karten im Wert von je 20 €.
  • â—‹ Eine Studentin zahlt fĂĽr das Busticket so viel wie ein Manager.
Leistung und Gegenleistung stehen in einem auffälligen Missverhältnis, und der Händler nutzt die Schwäche der Frau aus. Das BGB erklärt ein solches Wuchergeschäft für nichtig (§ 138 Abs. 2 BGB). Der gleiche Ticketpreis für alle verletzt die Tauschgerechtigkeit gerade nicht.
Multiple Choice #2 25s â–¶ Testen

Eine Gemeinde hat 10 Krippenplätze und 25 Anmeldungen. Welche Vergabe folgt dem Maßstab Bedarf?

  • â—Ź Zuerst Kinder von Alleinerziehenden, die arbeiten mĂĽssen
  • â—‹ Ein Los unter allen 25 Anmeldungen
  • â—‹ Zuerst die Familien, die die höchste GebĂĽhr zahlen
Bedarf fragt, wer den Platz am dringendsten braucht. Das Los verteilt nach Gleichheit (jede Anmeldung dieselbe Chance), die höchste Gebühr nach Zahlungsbereitschaft – das ist ein Markt, kein Bedarf.
Multiple Choice #3 25s â–¶ Testen

Die Klasse 11b entscheidet ĂĽber das Ziel der Studienfahrt. Lenas Vorschlag verliert. Welche Entscheidung ist trotzdem verfahrensgerecht?

  • â—Ź Alle durften ihre Vorschläge vorstellen, dann wurde nach der vorher vereinbarten Regel abgestimmt.
  • â—‹ Die Klassensprecherin hat allein das Ziel gewählt, in dem ihre Tante ein Hotel hat.
  • â—‹ Der Lehrer hat ohne RĂĽckfrage das billigste Ziel bestimmt.
Gehört, unparteiisch, nach vorher feststehender Regel: Das Verfahren war fair, auch wenn Lena verliert. Die Klassensprecherin ist befangen; beim Lehrer wurde niemand gehört – dass das Ziel billig ist, macht das Verfahren nicht gerecht.
KI-bewertete Frage #4 240s â–¶ Testen

Forumsbeitrag von Jule (19): „Ich wohne mit Sara in einer WG. Sie verdient als Ingenieurin 4 000 € im Monat, ich als Azubi 900 €. Die Miete von 1 000 € teilen wir 50:50. Sara sagt: Gleich ist gerecht. Hat sie recht?“ Antworte Jule in vier bis sechs Sätzen: Welche Gerechtigkeitsfrage stellt sie, welche Maßstäbe gibt es, und welche Aufteilung lässt sich begründen?

✓ Antwort: Jule fragt nach Verteilungsgerechtigkeit: Eine gemeinsame Last, die Miete, soll auf zwei Personen verteilt werden. Verteilen kann man nach Gleichheit, nach Leistung oder nach Bedarf. Saras 50:50 ist der Maßstab Gleichheit; er lässt sich damit begründen, dass beide gleich viel Wohnung nutzen. Nach Leistungsfähigkeit läge eine Aufteilung nach Einkommen näher, etwa 800 € zu 200 €. Gerecht ist die Verteilung, deren Maßstab beide begründen und akzeptieren – „gleich“ ist nicht automatisch gerecht.
Verteilungsgerechtigkeit braucht einen MaĂźstab; Gleichheit ist einer von dreien (Aristoteles, iustitia distributiva).
KI-bewertete Frage #5 300s â–¶ Testen

Erörtere in sechs bis acht Sätzen: Ist es gerecht, dass der Eigentümer eines Baudenkmals wie Max die Kosten der Erhaltung zuerst selbst trägt und die Allgemeinheit nur einen Zuschuss zahlt? Nenne Argumente beider Seiten und schließe mit einem Fazit, das aus ihnen folgt.

✓ Antwort: Es geht um Verteilungsgerechtigkeit: Wer soll die Last der Erhaltung tragen? Für den Eigentümer spricht: Ihm gehört der Stadel, er nutzt ihn und behält seinen Wert; wer den Ertrag hat, soll auch die Kosten tragen. Zudem wusste er beim Erbe, dass der Stadel unter Denkmalschutz steht. Gegen ihn spricht: Den Nutzen – das Ortsbild, die Geschichte – haben alle im Dorf, die Kosten trägt einer. Der Zuschuss verteilt einen Teil der Last auf alle Steuerzahler und ist damit ein Interessenausgleich. Fazit: Die Grundregel ist vertretbar, solange der Zuschuss steigt, wenn die Last für den Eigentümer unzumutbar wird.
Eine Erörterung nennt das Kriterium, wägt beide Seiten und zieht ein Fazit, das aus den Argumenten folgt (KMK EPA Recht 2006, Operator erörtern).