Gerechtigkeit – drei Fragen in einem Wort
Justice – Three Questions in One Word
Die Lernenden zerlegen das Alltagswort „gerecht“ an Max Hubers Stadel in drei prüfbare Fragen: Tauschgerechtigkeit (gleicher Wert gegen gleichen Wert), Verteilungsgerechtigkeit (Lasten und Güter nach einem genannten Maßstab – Bedarf, Leistung oder Gleichheit) und Verfahrensgerechtigkeit (gehört werden, unparteiisch entschieden, nach vorher bekannten Regeln). Verdrängt wird „gerecht heißt, alle bekommen gleich viel“. Ziel: jedes Erörterungs-Item der Kurse 7 bis 13 fragt nach einem gerechten Interessenausgleich und braucht dafür den Maßstab; die Radbruchsche Formel in Kurs 12 setzt den Begriff voraus.
Ungerecht – aber in welchem Sinn?
„Das ist ungerecht“, sagt Max. Der Bauträger, das Landratsamt und der Nachbar Seidl würden widersprechen – und jeder hätte dabei eine andere Frage im Kopf. Schon Aristoteles hat das Wort „gerecht“ in zwei Fragen zerlegt: Tausch und Verteilung. Eine dritte hat erst die Forschung des 20. Jahrhunderts genau beschrieben, die Frage nach dem Verfahren. Alle drei braucht man, um über den Stadel zu streiten.
Der Bauträger bietet 1,2 Millionen € für das Grundstück. Ist das ein
fairer Preis? Das ist die Frage der
Max meint aber etwas anderes. Er zahlt das Dach, und das ganze Dorf hat
das schöne Bild. Hier geht es darum, wie Lasten und Vorteile auf viele
verteilt werden: um
- Tauschgerechtigkeit
- Verteilungsgerechtigkeit
- Verfahrensgerechtigkeit
- „1,2 Millionen sind zu wenig – das Grundstück ist mehr wert.“
- „Ich zahle das Dach, das Dorf hat das schöne Bild.“
- „Das Landratsamt hat mich vor dem Bescheid um meine Sicht gebeten.“
- „Die Allgemeinheit soll einen Teil der Kosten tragen.“
- „Der Dachdecker verlangt für einen Tag Arbeit 3 000 € – Wucher!“
- „Der Sachbearbeiter ist Seidls Schwager – der hätte nicht entscheiden dürfen.“
- „Die Wohnungen sollen zuerst an Familien aus dem Dorf gehen.“
- „Der Bescheid stützt sich auf ein Gesetz, das jeder nachlesen kann.“
Gleich ist nicht dasselbe wie gerecht
Wie verteilt man gerecht? Die naheliegende Antwort, „alle bekommen gleich viel“, ist nur einer von drei Maßstäben. Man kann nach Gleichheit verteilen (jede Stimme zählt einmal), nach Bedarf (wer krank ist, bekommt mehr Behandlung) oder nach Leistung (wer mehr arbeitet, verdient mehr). Gerecht ist eine Verteilung nicht, weil sie gleich ist, sondern wenn sie ihren Maßstab begründen kann – und für den Stadel muss man ihn erst wählen.
Das Gesetz hat gewählt. Die Erhaltung trägt zuerst der Eigentümer, denn ihm gehört der Stadel, und er behält, was er damit verdient. Weil aber auch alle anderen etwas davon haben, zahlt die Allgemeinheit aus Steuern einen Zuschuss: 40 000 € von 180 000 €. Max bleiben 140 000 €. Das Recht verteilt hier Lasten zwischen zwei Seiten mit berechtigten Interessen – Max’ Interesse, mit seinem Grundstück Geld zu verdienen, und das Interesse aller, ein Stück Dorfgeschichte zu behalten. Einen solchen Interessenausgleich kann man für gelungen halten oder nicht: Vielleicht müsste der Zuschuss höher sein, vielleicht hätte Max beim Erbe wissen müssen, was er übernimmt.
Max hält ihn für misslungen. „Wenn das Gesetz mir diese Last aufbürdet, dann ist das Gesetz ungerecht“, sagt er. „Und ein ungerechtes Gesetz gilt nicht.“ Ob der zweite Satz aus dem ersten folgt, ist eine eigene Frage.
Welche Aussage fragt nach Tauschgerechtigkeit?
Ein Bäcker verlangt von einer Millionärin 50 € für ein Brot, das bei ihm sonst 4 € kostet – „sie kann es sich ja leisten“. Nach der Tauschgerechtigkeit ist das gerecht.
Welche Aussage fragt nach Verteilungsgerechtigkeit?
Eine Notaufnahme gibt jedem Patienten genau zehn Minuten, egal wie krank er ist. Das ist verteilungsgerecht, weil alle gleich viel bekommen.
Welche Aussage fragt nach Verfahrensgerechtigkeit?
Max ist mit dem Bescheid des Landratsamts unzufrieden. Also war das Verfahren nicht gerecht.
Aristoteles nennt die Gerechtigkeit zwischen Leistung und Gegenleistung iustitia ___.
Verteilen kann man nach Gleichheit, nach Leistung oder nach ___.
Verfahrensgerecht ist eine Entscheidung, wenn der Betroffene vorher ___ wurde und jemand Unparteiisches nach vorher bekannten Regeln entschieden hat.
Bei welchem Geschäft ist die Tauschgerechtigkeit verletzt?
Eine Gemeinde hat 10 Krippenplätze und 25 Anmeldungen. Welche Vergabe folgt dem Maßstab Bedarf?
Die Klasse 11b entscheidet ĂĽber das Ziel der Studienfahrt. Lenas Vorschlag verliert. Welche Entscheidung ist trotzdem verfahrensgerecht?
Forumsbeitrag von Jule (19): „Ich wohne mit Sara in einer WG. Sie verdient als Ingenieurin 4 000 € im Monat, ich als Azubi 900 €. Die Miete von 1 000 € teilen wir 50:50. Sara sagt: Gleich ist gerecht. Hat sie recht?“ Antworte Jule in vier bis sechs Sätzen: Welche Gerechtigkeitsfrage stellt sie, welche Maßstäbe gibt es, und welche Aufteilung lässt sich begründen?
Erörtere in sechs bis acht Sätzen: Ist es gerecht, dass der Eigentümer eines Baudenkmals wie Max die Kosten der Erhaltung zuerst selbst trägt und die Allgemeinheit nur einen Zuschuss zahlt? Nenne Argumente beider Seiten und schließe mit einem Fazit, das aus ihnen folgt.