Spielen heiĂźt begreifen: die ersten Monate

10 Minuten · 3 Abschnitte
Ein Baby sitzt auf einer weichen Decke, nimmt vergnügt einen einfachen Holzring in den Mund und schaut dabei zufrieden — die Hände einer erwachsenen Person ganz nah dabei

Dein Baby steckt sich den Holzlöffel in den Mund, lässt ihn fallen, schaut dir hinterher, wenn du ihn aufhebst — und will ihn sofort wieder fallen lassen. Das sieht nach nichts aus. Es ist die ganze frühe Bildung, live.

Für ein Baby ist Spielen kein Zeitvertreib neben dem Lernen — es ist das Lernen, mit dem ganzen Körper. Dieser Artikel zeigt drei Dinge, die im ersten Jahr genau so aussehen wie „lästige" Angewohnheiten und in Wahrheit die Arbeit sind: Begreifen mit dem Mund, Entdecken von Ursache und Wirkung, und die Geburt der Erkenntnis, dass Dinge weiter da sind, auch wenn man sie nicht sieht. Ehrlich vorweg: Der beste „Lernstoff" ist kein Bildschirm und keine „Lern"-App — er ist einfach, echt und antwortet zurück. Meistens bist das du.

Begreifen fängt im Mund an

In den ersten Monaten ist der Mund das beste Werkzeug, das dein Baby hat. Lange bevor die Finger sicher greifen, kann der Mund fühlen: hart oder weich, glatt oder rau, warm oder kühl. Wenn dein Baby alles in den Mund steckt, ist das keine schlechte Angewohnheit, sondern ein Sinn beim Erkunden — Begreifen im wörtlichen Sinn. Es sammelt Information über die Welt mit dem Körperteil, das dafür am weitesten entwickelt ist.

Das Praktische daran: Du brauchst dafür kein Spielzeug mit Etikett. Ein Holzlöffel, ein sauberer Deckel, ein Stück Stoff, ein Becher — schlicht, echt und unterschiedlich anzufassen — sind lehrreicher als jedes blinkende Gerät. Deine einzige Aufgabe hier ist die langweilige: dafür sorgen, dass nichts verschluckt werden kann. Alles, was durch eine Klopapierrolle passt, gehört außer Reichweite.

Ich mache etwas — und es passiert etwas

Irgendwann klickt es: Wenn ich etwas tue, passiert etwas. Ich schüttle die Rassel — sie rasselt. Ich lasse den Löffel los — er fällt. Das ist die Entdeckung von Ursache und Wirkung, und für dein Baby ist sie riesig: Zum ersten Mal erlebt es sich selbst als jemanden, der etwas bewirkt.

Tipp eine Handlung an und schau, was sie auslöst.

→ Es rasselt!

Mein Arm bewegt sich, und ein Geräusch kommt heraus. Dein Baby merkt: Das Geräusch gehört zu mir. Nach ein paar Wiederholungen schüttelt es absichtlich — nicht aus Zufall, sondern um die Wirkung noch einmal zu erleben.

→ Er fällt — und klappert!

Das berühmte Fallenlassen-Spiel. Es ist kein Ärgern und kein Trotz, sondern ein Experiment, das dein Baby zig Mal wiederholt: Fällt er immer nach unten? Kommt er immer zurück, wenn ich gucke? Genau die Wiederholung ist das Lernen — auch wenn dein Rücken anderer Meinung ist.

→ Es macht „bumm"!

Gleiche Handlung, gleiche Wirkung — jedes Mal. Diese Verlässlichkeit heißt Kontingenz: Die Welt antwortet vorhersehbar auf mein Tun. Das ist ein Grundgefühl von Wirksamkeit, das viel später Selbstvertrauen trägt.

Drei Handlungen, ein Muster: Ich tue etwas — es passiert etwas. Die schönste „Wirkung", die immer zurückkommt, bist allerdings du.

Und hier ist der Punkt, der alle Gadgets schlägt: Der reichste Rückkanal ist ein Mensch. Ein Spielzeug rasselt jedes Mal gleich; du lachst, machst „huch!", reichst den Löffel anders zurück, sagst etwas dazu. Dieses lebendige Hin-und-Her ist ein eigenes Thema — es heißt bei uns Serve-and-Return — und es ist der Grund, warum Zuwendung mehr lernt als jede App.

Weg — und wieder da

Ein kleines Baby, dem der Ball unter ein Tuch rollt, verhält sich oft, als wäre er einfach verschwunden — aus den Augen, aus dem Sinn. Im Lauf des ersten Jahres wächst eine große Erkenntnis: Dinge und Menschen sind weiter da, auch wenn man sie gerade nicht sieht. Das nennt man Objektpermanenz.

Genau das übt das Guck-guck-Spiel — vielleicht das älteste Lernspiel der Welt. Heb das Tuch und schau selbst:

Das Tuch liegt drüber. Für ein sehr junges Baby ist der Ball jetzt erst einmal „weg". Wo ist er nur? Da ist er ja — er war die ganze Zeit da. Genau das begreift dein Baby Stück für Stück beim Guck-guck.
Guck-guck ist Übung und Vertrauen: Dinge bleiben da, wenn sie verschwinden — und du kommst zuverlässig wieder. Das ist der Anfang davon, dass dein Baby dich auch dann in sich trägt, wenn du kurz aus dem Zimmer gehst.

Ehrlich gesagt: Der Zeitpunkt ist in der Forschung umstritten. Piaget setzte das echte Verständnis für „weg heißt nicht weg" auf etwa acht Monate an — dann fängt ein Baby an, nach einem versteckten Gegenstand zu suchen. Neuere Studien, die nicht das Greifen, sondern das Staunen messen (Babys schauen länger, wenn etwas „unmöglich" verschwindet), deuten darauf hin, dass ein früher Kern schon mit wenigen Monaten da ist. Kurz: Dass es sich entwickelt, ist klar; das genaue Alter ist es nicht. Für dich heißt das vor allem eins — kein Grund für einen Fahrplan. Spiel einfach Guck-guck, wenn dein Baby Freude daran hat.

Das beste Spielzeug antwortet zurĂĽck

Fasst man diese ersten Monate zusammen, wird es fast enttäuschend einfach: Dein Baby lernt mit Mund und Hand, durch Ursache und Wirkung, und durch das Auftauchen und Verschwinden vertrauter Dinge. Es braucht dafür nichts Teures. Bildschirme sind für Babys nachweislich kein Lernvorteil — die Forschung zeigt sogar das Gegenteil. Was wirkt, ist gratis: ein paar echte Gegenstände, Zeit auf dem Boden, und ein Mensch, der zurückantwortet.

Das Als-ob-Spiel („die Banane ist ein Telefon") und das gemeinsame, geführte Spielen kommen später — sie haben eigene Kapitel. Die ersten Monate gehören dem Körper. Wenn du das nächste Mal den Löffel zum zehnten Mal aufhebst, weißt du: Das ist kein Unfug. Das ist dein Baby, das die Welt begreift — und du bist mittendrin.

Begreifen mit Mund und Hand

In den ersten Monaten hat dein Baby noch keine Bauklötze-Türme und kein Rollenspiel. Sein Spiel ist etwas Grundlegenderes: die Welt mit den Sinnen prüfen. Ein Gegenstand wird angeschaut, gegriffen, gedreht — und in den Mund genommen. Der Mund ist in diesem Alter das feinste Tastwerkzeug, das dein Baby hat: dicht mit Nerven besetzt, lange bevor die Hände geschickt sind. „In den Mund nehmen" ist deshalb kein schlechtes Benehmen, sondern Forschung.

1 greifen 2 Mund 3 Augen
Ein einfacher Gegenstand, immer im Kreis: greifen, zum Mund, vor die Augen. Genau dieses PrĂĽfen mit mehreren Sinnen ist das Spiel dieser Monate.

Dass das echtes Lernen ist, sieht man an den Sinnen selbst: Neugeborene sehen anfangs nur grob (Sehschärfe etwa 20/400) und schärfen ihr Sehen ĂĽber das erste Jahr (Leat u. a., 2009); Gesichter ziehen dabei von Anfang an besonders an (Johnson u. a., 1991). Dein Baby baut sich seine Welt buchstäblich aus Anfassen, Schauen und Schmecken zusammen. Deine Aufgabe ist nicht, das Erkunden zu verbieten, sondern es sicher zu machen: nichts Verschluckbares, keine scharfen Kanten — und dann in Ruhe forschen lassen.

Und der teure Rest? Braucht es nicht. „Lern"-Videos und Baby-Apps bringen in diesem Alter nachweislich nichts — Kleinkinder lernen aus einem Bildschirm weit weniger als von einem echten Menschen, der zurĂĽckreagiert (Kuhl, Tsao & Liu, 2003; DeLoache u. a., 2010). Reihen wie „Baby Einstein" haben keinen belegten Nutzen; die Kinderärzte-Fachgesellschaft (AAP) rät unter etwa 18 Monaten grundsätzlich von Bildschirmen ab. Ein Holzlöffel, ein Tuch, ein Becher — schlicht, echt, sicher — schlagen jedes Gadget.

Ich mache etwas — es passiert etwas

Irgendwann passiert etwas Großes — und es sieht winzig aus: Dein Baby schlägt an die Rassel, und es klingt. Es lässt den Löffel fallen, und er fällt. Und dann macht es genau das noch einmal. Und noch einmal. Was wie stures Wiederholen wirkt, ist die vielleicht wichtigste Entdeckung dieser Monate: „Ich tue etwas — und dann passiert etwas."

1 ich tue etwas 2 es passiert etwas
Handeln, Wirkung, noch einmal: Die Wiederholung ist kein Nerven, sondern das Prüfen einer Regel — „Passiert es wirklich jedes Mal?"

Diese Freude an der Kontingenz — mein Tun führt verlässlich zu einer Folge — ist ein Motor des Lernens. Deshalb ist die Wiederholung kein Ärgernis, sondern die Sache selbst: Dein Baby testet, ob die Welt zuverlässig ist. Du musst nichts „beibringen". Es reicht, einfache Dinge anzubieten, die deutlich antworten: eine Rassel, ein Becher, der scheppert, ein Deckel, der klappert.

Die stärkste „Wirkung" der Welt ist allerdings keine Rassel — sie bist du. Kein Spielzeug reagiert so reich zurĂĽck wie ein Mensch: Dein Baby lacht, du lachst zurĂĽck; es brabbelt, du antwortest. Genau dieses verlässliche Hin und Her erwarten Babys von Anfang an — und reagieren sichtbar verstört, wenn ein Gesicht plötzlich erstarrt und nicht mehr mitspielt (Tronick u. a., 1978). Das ist die gute Nachricht: Der beste „Lernstoff" ist gratis und schon im Raum.

Gucken, weg, wieder da

Kaum ein Spiel ist so verlässlich lustig wie Guck-guck: Du hältst dir die Hände vors Gesicht — weg — und nimmst sie wieder herunter — da! Für dich ist das banal. Für dein Baby ist es eine kleine Sensation. Denn es übt gerade eine große Idee: Dass Dinge und Menschen weiter existieren, auch wenn man sie nicht sieht. Fachleute nennen das Objektpermanenz.

weg … … wieder da!
Weg und wieder da: Das Spiel ĂĽbt die groĂźe Idee, dass etwas auch dann noch existiert, wenn man es gerade nicht sieht.

Für ein kleines Baby ist „aus den Augen" zunächst wirklich „aus dem Sinn" — deshalb ist die Rückkehr des Gesichts jedes Mal aufs Neue eine freudige Überraschung. Mit den Monaten begreift es: Es kommt ja wieder. Genau dieses Wissen baut das Guck-guck spielerisch auf, in winzigen, sicheren Portionen. Du musst nichts erklären — spiel einfach mit, so oft dein Baby lacht.

Und es steckt mehr darin als ein kognitiver Trick. Das verlässliche Wiederkommen — weg, aber gleich zurück — ist im Kleinen dieselbe Erfahrung, die auch das Vertrauen trägt: Wenn du aus dem Zimmer gehst, bist du nicht für immer weg. Guck-guck ist eine erste, fröhliche Übung in genau dieser Zuversicht.

Konzepte

SpielSinneUrsache und WirkungObjektpermanenz