Warum sinkt der Kuchen ein? â Gas gegen GerĂŒst im RĂŒhrteig
Ein Kuchen mit einer Delle
Ein RĂŒhrkuchen in der Kastenform geht im Ofen höher auf als sonst. Eine Viertelstunde vor Ende der Backzeit sinkt er in der Mitte ein. Schneidet man ihn der LĂ€nge nach auf, liegt unter der Delle ein feuchter, speckiger Streifen, und zu beiden Seiten sitzen grobe Löcher. Das Rezept war richtig, bis auf eine Zeile: Statt einem PĂ€ckchen Backpulver waren zwei im Teig.
Mehr Backpulver sollte mehr Gas geben und damit mehr Höhe. Das tut es auch, fĂŒr eine Weile. Warum der Kuchen dann fĂ€llt, erklĂ€rt sich aus einem Rennen, das in jedem RĂŒhrteig lĂ€uft: Das Gas blĂ€ht Blasen auf, und die Hitze macht die WĂ€nde zwischen ihnen fest. Solange die WĂ€nde noch weich sind, trĂ€gt nur das Gas. Dieser Artikel verfolgt das Rennen durch die Zeilen eines RĂŒhrkuchenrezepts: die schaumig geschlagene Butter, das Backpulver, den Zucker und die Muffin-Methode als zweiten Weg.
Die VerhĂ€ltnisse von Mehl, Fett und FlĂŒssigkeit und die StĂ€bchenprobe hat der Kurs Backen verstehen gezeigt. Eischnee und Biskuit, bei denen geschlagenes Ei das Gas liefert, kommen im Kurs Luftige Massen.
Die Luft kommt aus der SchĂŒssel
Ein RĂŒhrkuchen beginnt mit 250 g weicher
Ein Zuckerkristall ist etwa einen halben Millimeter groĂ und hat scharfe Kanten. Wird er durch weiche Butter gezogen, reiĂt er hinter sich eine winzige Tasche auf, und die Butter ist fest genug, sie offen zu halten. Das gelingt nur in einem schmalen Bereich: Butter von etwa 18 bis 20 °C ist plastisch wie Knete. Kalt aus dem KĂŒhlschrank bricht sie, geschmolzen flieĂt sie um die Kristalle herum und schlieĂt jede Tasche sofort wieder. Mit geschmolzener Butter bleibt der Teig dicht, egal wie lange der Mixer lĂ€uft.
Daraus folgt etwas, das die meisten Rezepte verschweigen: Backpulver macht keine neuen Blasen. Das Gas, das es bildet, löst sich zuerst im Teig und wandert dann in Blasen, die schon da sind. Eine Blase aus dem Nichts zu bilden, kostet viel mehr Druck, als ein Teig aufbringt. Die Zahl und Feinheit der Poren im fertigen Kuchen legt also die SchĂŒssel fest, nicht die TĂŒte.
Das Backpulver blÀst nur auf
Ein PĂ€ckchen Backpulver wiegt 15 bis 17 g und ist fĂŒr 500 g Mehl gedacht.
Es enthÀlt
Mit einem halben PĂ€ckchen reicht das Gas nicht, um die Blasen zu dehnen, bevor die Hitze sie festsetzt: Der Kuchen bleibt flach und dicht. Mit einem PĂ€ckchen wachsen die Blasen, bis die WĂ€nde fest werden, und bleiben dabei klein. Mit zwei PĂ€ckchen wachsen sie weiter, als ihre WĂ€nde es aushalten. Nachbarblasen reiĂen ineinander, die groĂen steigen nach oben und entweichen durch die OberflĂ€che. Ăbrig bleiben grobe Löcher an den Seiten, die frĂŒh fest wurden, und eine Mitte, der das Gas unter den FĂŒĂen weglĂ€uft. Sie sinkt ein und bĂ€ckt zu dem speckigen Streifen zusammen.
Natron allein braucht eine SĂ€ure, damit es sein ganzes Gas abgibt. Diese
SĂ€ure bringt das Rezept dann selbst mit: Buttermilch, Joghurt oder
Deshalb misst man Triebmittel genau und Aromen groĂzĂŒgig. Ein Teelöffel Vanille mehr oder weniger Ă€ndert den Geschmack, ein Teelöffel Natron mehr die Chemie des ganzen Teigs. Und ein Fehler hebt den anderen nicht auf: Wer zu viel Backpulver erwischt hat, rettet den Teig nicht mit mehr Mehl, denn dann stimmt das VerhĂ€ltnis von Mehl zu Fett und Ei nicht mehr.
Der Zucker hÀlt die Uhr an
Das Backpulver bestimmt, wie stark das Gas drĂŒckt. Die andere Seite des Rennens ist, wann die WĂ€nde fest werden.
Die WĂ€nde zwischen den Blasen werden fest, wenn das EiweiĂ im Ei stockt und
die StÀrke im Mehl Wasser aufnimmt und verkleistert. In reinem Wasser
verkleistert WeizenstÀrke ab etwa 60 °C.
Der Rand wird nach wenigen Minuten warm, die Mitte erreicht 85 °C erst nach
etwa 35 Minuten. Bis dahin ist sie flĂŒssiger Schaum, gehalten vom Druck des
Gases in den
Mehr Zucker als im Rezept wirkt wie ein zweites PĂ€ckchen Backpulver: Die Mitte bleibt lĂ€nger flĂŒssig, das Gas hat mehr Zeit, die Blasen zu ĂŒberdehnen. Ein zu kĂŒhler Ofen wirkt genauso, weil die Mitte spĂ€ter heiĂ wird, und eine zu groĂe Form auch. Jede Delle in der Mitte eines Kuchens ist derselbe Befund: Das Gas war schneller als das GerĂŒst.
Der zweite Weg: die Muffin-Methode
Muffins werden anders gemischt. Das Fett kommt geschmolzen oder als Ăl in den Teig, es wird nichts schaumig geschlagen. Man mischt Mehl, Zucker, Backpulver und Salz in einer SchĂŒssel, Ei, Milch und Fett in einer zweiten, gieĂt die nasse Mischung auf die trockene und verrĂŒhrt beides mit wenigen SchlĂ€gen, bis kein trockenes Mehl mehr zu sehen ist. KlĂŒmpchen bleiben drin.
Weil kein Schaum geschlagen wird, stecken im Muffinteig weniger Blasenkeime. Das Gas des Backpulvers verteilt sich auf weniger Blasen, die gröĂer werden, und die Krume ist gröber und feuchter als beim RĂŒhrkuchen. Muffinrezepte nehmen darum oft ein PĂ€ckchen Backpulver auf nur 250 bis 300 g Mehl, fast doppelt so viel wie ein RĂŒhrkuchen. Einsinken tut ein Muffin trotzdem selten: Mit 5,5 cm Breite ist seine Mitte nach etwa 14 Minuten heiĂ genug, um zu stocken, und das Rennen ist kurz.
Die Regel ânur kurz verrĂŒhrenâ hat einen anderen Grund. Ein Muffinteig ist dĂŒnn, und jeder Schlag knĂŒpft das KlebereiweiĂ des Mehls zu StrĂ€ngen. Nach etwa 38 SchlĂ€gen lenkt das Netz das Gas zu langen Tunneln, und die Kuppe wird spitz. Der Kurs Backen verstehen zeigt das im Teiglabor. Die getrennten SchĂŒsseln sorgen dafĂŒr, dass wenige SchlĂ€ge reichen, und das Backpulver ist schon im Mehl verteilt, wenn die Milch dazukommt.
Was das Bild weglÀsst
Ein RĂŒhrkuchen ist in diesem Bild eine Menge Blasen und eine Uhr. Die SchĂŒssel legt fest, wie viele Blasen es gibt, das Backpulver, wie stark sie wachsen, und Zucker, Ofen und Form, wann die WĂ€nde fest werden. Die Delle vom Anfang ist kein Pech. Sie zeigt, dass das Gas das Rennen gewonnen hat.
Vereinfacht ist vieles. Die Krumen in den Zeichnungen sind nach Backversuchen gezeichnet, nicht gerechnet. Der Querschnitt im Ofen ist ein Rechteck, das nicht aufgeht, seine WĂ€rmeleitung ist an der Backzeit eines RĂŒhrkuchens geeicht, und die Stockgrenzen von 85 und 95 °C sind Richtwerte fĂŒr zuckerreiche Teige. Dass auch Wasserdampf und die Luft selbst beim ErwĂ€rmen die Blasen dehnen, bleibt auĂen vor, ebenso das Ei, das beim Schaumigschlagen die Blasen zusĂ€tzlich stĂŒtzt.
Zum Weiterlesen: Harold McGee, On Food and Cooking (2004), Kapitel 10, fĂŒr Creaming und Triebmittel; Shirley Corriher, BakeWise (2008), fĂŒr eingesunkene Kuchen; die Richtlinie des Lebensmittelverbands Deutschland fĂŒr Backtriebmittel fĂŒr die Gasmengen; und die Ăbersicht zur Rolle des Zuckers im Kuchen in Critical Reviews in Food Science and Nutrition (2021). Die Muffins des Kursprojekts sind der erste Test.