Warum sinkt der Kuchen ein? — Gas gegen GerĂŒst im RĂŒhrteig

15 Minuten · 6 Abschnitte

Ein Kuchen mit einer Delle

Ein RĂŒhrkuchen in der Kastenform geht im Ofen höher auf als sonst. Eine Viertelstunde vor Ende der Backzeit sinkt er in der Mitte ein. Schneidet man ihn der LĂ€nge nach auf, liegt unter der Delle ein feuchter, speckiger Streifen, und zu beiden Seiten sitzen grobe Löcher. Das Rezept war richtig, bis auf eine Zeile: Statt einem PĂ€ckchen Backpulver waren zwei im Teig.

1 PĂ€ckchen2 PĂ€ckchen 5 cm
Zweimal derselbe Teig in einer Kastenform von 25 cm LĂ€nge, im LĂ€ngsschnitt und im Maßstab. Rechts steckt die doppelte Menge Backpulver.

Mehr Backpulver sollte mehr Gas geben und damit mehr Höhe. Das tut es auch, fĂŒr eine Weile. Warum der Kuchen dann fĂ€llt, erklĂ€rt sich aus einem Rennen, das in jedem RĂŒhrteig lĂ€uft: Das Gas blĂ€ht Blasen auf, und die Hitze macht die WĂ€nde zwischen ihnen fest. Solange die WĂ€nde noch weich sind, trĂ€gt nur das Gas. Dieser Artikel verfolgt das Rennen durch die Zeilen eines RĂŒhrkuchenrezepts: die schaumig geschlagene Butter, das Backpulver, den Zucker und die Muffin-Methode als zweiten Weg.

Die VerhĂ€ltnisse von Mehl, Fett und FlĂŒssigkeit und die StĂ€bchenprobe hat der Kurs Backen verstehen gezeigt. Eischnee und Biskuit, bei denen geschlagenes Ei das Gas liefert, kommen im Kurs Luftige Massen.

Die Luft kommt aus der SchĂŒssel

Ein RĂŒhrkuchen beginnt mit 250 g weicher Butter und 250 g Zucker, die fĂŒnf Minuten lang geschlagen werden, bis die Masse hell und cremig ist. BĂ€cker nennen das Schaumigschlagen oder Creaming. Hell wird die Masse, weil sie voller LuftblĂ€schen steckt, die das Licht streuen.

weich, geschlagengeschmolzen 0,5 mm
Zwei Ausschnitte von je 2 mm Breite. Weiße Vierecke sind Zuckerkristalle, blaue Kreise LuftblĂ€schen. Die BlĂ€schen sitzen dort, wo die Kanten der Kristalle die Butter aufgerissen haben.

Ein Zuckerkristall ist etwa einen halben Millimeter groß und hat scharfe Kanten. Wird er durch weiche Butter gezogen, reißt er hinter sich eine winzige Tasche auf, und die Butter ist fest genug, sie offen zu halten. Das gelingt nur in einem schmalen Bereich: Butter von etwa 18 bis 20 °C ist plastisch wie Knete. Kalt aus dem KĂŒhlschrank bricht sie, geschmolzen fließt sie um die Kristalle herum und schließt jede Tasche sofort wieder. Mit geschmolzener Butter bleibt der Teig dicht, egal wie lange der Mixer lĂ€uft.

Daraus folgt etwas, das die meisten Rezepte verschweigen: Backpulver macht keine neuen Blasen. Das Gas, das es bildet, löst sich zuerst im Teig und wandert dann in Blasen, die schon da sind. Eine Blase aus dem Nichts zu bilden, kostet viel mehr Druck, als ein Teig aufbringt. Die Zahl und Feinheit der Poren im fertigen Kuchen legt also die SchĂŒssel fest, nicht die TĂŒte.

Das Backpulver blÀst nur auf

Ein PĂ€ckchen Backpulver wiegt 15 bis 17 g und ist fĂŒr 500 g Mehl gedacht. Es enthĂ€lt Natron (Natriumhydrogencarbonat), eine trockene SĂ€ure und StĂ€rke, die beide trennt, bis Wasser dazukommt. Nach der Richtlinie des Lebensmittelverbands muss ein PĂ€ckchen 2,35 bis 3,0 g Kohlendioxid liefern. Bei 0 °C sind das 1,2 bis 1,5 Liter Gas, bei 100 °C im Ofen 1,6 bis 2 Liter. Ein Teil entsteht schon beim RĂŒhren, der Rest erst in der WĂ€rme.

œ PĂ€ckchen1 PĂ€ckchen2 PĂ€ckchen ≈ 0,9 l Gas≈ 1,8 l Gas≈ 3,7 l Gas 5 cm
Dreimal derselbe Teig auf 500 g Mehl, nur das Backpulver Àndert sich. Das Gasvolumen gilt bei 100 °C, gerechnet aus der Mitte der vorgeschriebenen Spanne. Die Krumen sind nach Backversuchen gezeichnet, nicht berechnet.

Mit einem halben PĂ€ckchen reicht das Gas nicht, um die Blasen zu dehnen, bevor die Hitze sie festsetzt: Der Kuchen bleibt flach und dicht. Mit einem PĂ€ckchen wachsen die Blasen, bis die WĂ€nde fest werden, und bleiben dabei klein. Mit zwei PĂ€ckchen wachsen sie weiter, als ihre WĂ€nde es aushalten. Nachbarblasen reißen ineinander, die großen steigen nach oben und entweichen durch die OberflĂ€che. Übrig bleiben grobe Löcher an den Seiten, die frĂŒh fest wurden, und eine Mitte, der das Gas unter den FĂŒĂŸen weglĂ€uft. Sie sinkt ein und bĂ€ckt zu dem speckigen Streifen zusammen.

Natron allein braucht eine SĂ€ure, damit es sein ganzes Gas abgibt. Diese SĂ€ure bringt das Rezept dann selbst mit: Buttermilch, Joghurt oder brauner Zucker, der weißer Zucker mit einigen Prozent Melasse ist. Die Melasse ist leicht sauer, und sie hĂ€lt Wasser, darum werden Kuchen und Kekse mit braunem Zucker saftiger und dunkler. Fehlt die SĂ€ure, zerfĂ€llt Natron erst in der Hitze, gibt dabei nur die HĂ€lfte seines Gases ab und hinterlĂ€sst Soda: Die Krume wird gelblich und schmeckt seifig.

Deshalb misst man Triebmittel genau und Aromen großzĂŒgig. Ein Teelöffel Vanille mehr oder weniger Ă€ndert den Geschmack, ein Teelöffel Natron mehr die Chemie des ganzen Teigs. Und ein Fehler hebt den anderen nicht auf: Wer zu viel Backpulver erwischt hat, rettet den Teig nicht mit mehr Mehl, denn dann stimmt das VerhĂ€ltnis von Mehl zu Fett und Ei nicht mehr.

Der Zucker hÀlt die Uhr an

Das Backpulver bestimmt, wie stark das Gas drĂŒckt. Die andere Seite des Rennens ist, wann die WĂ€nde fest werden. Die WĂ€nde zwischen den Blasen werden fest, wenn das Eiweiß im Ei stockt und die StĂ€rke im Mehl Wasser aufnimmt und verkleistert. In reinem Wasser verkleistert WeizenstĂ€rke ab etwa 60 °C. Zucker bindet aber Wasser: Er löst sich darin und hĂ€lt es als Sirup fest, Chemiker nennen ihn hygroskopisch. Das Wasser, das der Zucker hĂ€lt, fehlt der StĂ€rke und dem Eiweiß. In einem RĂŒhrteig mit viel Zucker verkleistert die StĂ€rke darum erst bei etwa 90 °C, und das Ei stockt spĂ€ter. Zucker macht den Kuchen zart und saftig, und er verschiebt den Moment, in dem der Teig sich selbst trĂ€gt. Das Bild unten zeigt einen RĂŒhrkuchen in der Kastenform bei 175 °C im Querschnitt, mit den Stockgrenzen eines zuckerreichen Teigs.

Schieb die Zeit vor. Ab welcher Minute beginnt die Mitte zu stocken? Bis dahin trÀgt dort nur das Gas.

Der Rand wird nach wenigen Minuten warm, die Mitte erreicht 85 °C erst nach etwa 35 Minuten. Bis dahin ist sie flĂŒssiger Schaum, gehalten vom Druck des Gases in den heißen Blasen. Wer in dieser Zeit die OfentĂŒr weit öffnet, lĂ€sst einen Schwall heißer Luft hinaus. Das Gas in den Blasen kĂŒhlt ab, zieht sich zusammen, und die Mitte fĂ€llt, bevor sie sich selbst tragen kann. Nach 35 Minuten schadet ein kurzer Blick kaum noch.

Mehr Zucker als im Rezept wirkt wie ein zweites PĂ€ckchen Backpulver: Die Mitte bleibt lĂ€nger flĂŒssig, das Gas hat mehr Zeit, die Blasen zu ĂŒberdehnen. Ein zu kĂŒhler Ofen wirkt genauso, weil die Mitte spĂ€ter heiß wird, und eine zu große Form auch. Jede Delle in der Mitte eines Kuchens ist derselbe Befund: Das Gas war schneller als das GerĂŒst.

Der zweite Weg: die Muffin-Methode

Muffins werden anders gemischt. Das Fett kommt geschmolzen oder als Öl in den Teig, es wird nichts schaumig geschlagen. Man mischt Mehl, Zucker, Backpulver und Salz in einer SchĂŒssel, Ei, Milch und Fett in einer zweiten, gießt die nasse Mischung auf die trockene und verrĂŒhrt beides mit wenigen SchlĂ€gen, bis kein trockenes Mehl mehr zu sehen ist. KlĂŒmpchen bleiben drin.

RĂŒhrmethodeMuffin-Methode 2 cm
Links ein StĂŒck RĂŒhrkuchen, rechts ein Muffin von gut 5 cm Durchmesser, beide im selben Maßstab. Die geschlagene Butter liefert viele kleine Blasenkeime, das Öl keine.

Weil kein Schaum geschlagen wird, stecken im Muffinteig weniger Blasenkeime. Das Gas des Backpulvers verteilt sich auf weniger Blasen, die grĂ¶ĂŸer werden, und die Krume ist gröber und feuchter als beim RĂŒhrkuchen. Muffinrezepte nehmen darum oft ein PĂ€ckchen Backpulver auf nur 250 bis 300 g Mehl, fast doppelt so viel wie ein RĂŒhrkuchen. Einsinken tut ein Muffin trotzdem selten: Mit 5,5 cm Breite ist seine Mitte nach etwa 14 Minuten heiß genug, um zu stocken, und das Rennen ist kurz.

Die Regel „nur kurz verrĂŒhren“ hat einen anderen Grund. Ein Muffinteig ist dĂŒnn, und jeder Schlag knĂŒpft das Klebereiweiß des Mehls zu StrĂ€ngen. Nach etwa 38 SchlĂ€gen lenkt das Netz das Gas zu langen Tunneln, und die Kuppe wird spitz. Der Kurs Backen verstehen zeigt das im Teiglabor. Die getrennten SchĂŒsseln sorgen dafĂŒr, dass wenige SchlĂ€ge reichen, und das Backpulver ist schon im Mehl verteilt, wenn die Milch dazukommt.

Was das Bild weglÀsst

Ein RĂŒhrkuchen ist in diesem Bild eine Menge Blasen und eine Uhr. Die SchĂŒssel legt fest, wie viele Blasen es gibt, das Backpulver, wie stark sie wachsen, und Zucker, Ofen und Form, wann die WĂ€nde fest werden. Die Delle vom Anfang ist kein Pech. Sie zeigt, dass das Gas das Rennen gewonnen hat.

Vereinfacht ist vieles. Die Krumen in den Zeichnungen sind nach Backversuchen gezeichnet, nicht gerechnet. Der Querschnitt im Ofen ist ein Rechteck, das nicht aufgeht, seine WĂ€rmeleitung ist an der Backzeit eines RĂŒhrkuchens geeicht, und die Stockgrenzen von 85 und 95 °C sind Richtwerte fĂŒr zuckerreiche Teige. Dass auch Wasserdampf und die Luft selbst beim ErwĂ€rmen die Blasen dehnen, bleibt außen vor, ebenso das Ei, das beim Schaumigschlagen die Blasen zusĂ€tzlich stĂŒtzt.

Zum Weiterlesen: Harold McGee, On Food and Cooking (2004), Kapitel 10, fĂŒr Creaming und Triebmittel; Shirley Corriher, BakeWise (2008), fĂŒr eingesunkene Kuchen; die Richtlinie des Lebensmittelverbands Deutschland fĂŒr Backtriebmittel fĂŒr die Gasmengen; und die Übersicht zur Rolle des Zuckers im Kuchen in Critical Reviews in Food Science and Nutrition (2021). Die Muffins des Kursprojekts sind der erste Test.

Butter und Zucker schaumig schlagen (Creaming)

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