Der Kompass in deiner Tasche
Die Karte weiĂ, wo Norden ist
Du stehst in einer fremden Stadt, ziehst das Handy aus der Tasche und
öffnest die Karten-App. Noch bevor du einen Schritt gehst, dreht sich
die Karte â sie richtet sich so aus, wie du gerade stehst. Drehst du
dich um die eigene Achse, dreht die Karte ruhig mit. Das Telefon weiĂ
in jedem Augenblick, wo
Wie macht es das? Die naheliegende Antwort: âDa ist eben ein kleiner Kompass eingebaut." Aber öffne ein Smartphone, und du findest keine drehbare Nadel, keinen beweglichen Magneten â nichts, was sich nach Norden ausrichten könnte. Eine echte Kompassnadel wĂ€re auch ein Albtraum fĂŒr die Ingenieure: Sie mĂŒsste frei schwingen können, sie wĂŒrde bei jedem Ruckeln zittern, und der Lautsprechermagnet direkt daneben wĂŒrde sie sofort festhalten.
Stattdessen sitzt auf der Platine ein Bauteil, kleiner als ein
Reiskorn: ein Magnetometer-Chip. In ihm stecken drei winzige
Wie misst ein Chip ohne bewegliche Teile ein Magnetfeld â und dazu noch ein so schwaches? Um das zu verstehen, mĂŒssen wir eine hartnĂ€ckige Fehlvorstellung loswerden: dass ein Magnetfeld auf jede Ladung eine Kraft ausĂŒbt. Tut es nicht. Es packt nur die bewegten â und genau darauf baut der Sensor.
Kraft auf Ladungen im Chip
Schauen wir in den Chip hinein. Ein Hall-Sensor ist im Kern nichts
weiter als ein flaches HalbleiterplĂ€ttchen mit vier AnschlĂŒssen: An
zwei gegenĂŒberliegenden Seiten wird ein kleiner Strom eingespeist, die
anderen beiden sind Messkontakte. Keine Mechanik, kein Magnet â nur
ein PlÀttchen, durch das LadungstrÀger mit der Driftgeschwindigkeit
Bevor wir den Strom einschalten, halte kurz inne und lege dich fest:
Das
Die Antwort ist ernĂŒchternd und der SchlĂŒssel zu allem:
gar nichts. In der Formel fĂŒr die
Also: Strom an. Jetzt driften die LadungstrÀger durchs PlÀttchen, und
jetzt hat das Feld einen Angriffspunkt. Die Drei-Finger-Regel, direkt
am Chip angewendet â Daumen in Stromrichtung, Zeigefinger in
Feldrichtung (senkrecht durchs PlÀttchen), Mittelfinger:
Beobachte drei Dinge im Applet:
-
Die
Kraft wĂ€chst mitund mit â beide stehen als Faktoren in. -
Die abgedrÀngten LadungstrÀger sammeln sich am Rand: oben entsteht
ein
LadungsĂŒberschuss , unten fehlt genau diese Ladung. Beiverschwindet beides. -
Die Zahlen sind winzig. Mit dem Erdfeld
(
) und einer Driftgeschwindigkeit von rund einem Millimeter pro Sekunde wirkt auf einen einzelnen TrĂ€ger eine Kraft von etwa â ein Hufeisenmagnet mit wĂŒrde zweitausendmal krĂ€ftiger drĂŒcken.
Eine Feinheit noch: Im Applet driften positive TrĂ€ger in Stromrichtung â so passt die rechte Hand. In einem n-dotierten Halbleiter wandern in Wirklichkeit Elektronen entgegen der technischen Stromrichtung; fĂŒr sie nimmt man die linke Hand, und die Vorzeichen an den RĂ€ndern tauschen die PlĂ€tze. An der Physik Ă€ndert das nichts â nur am Vorzeichen dessen, was wir gleich messen.
Merke dir den Kern dieser Etappe: Das Magnetfeld wirkt nur auf bewegte Ladungen. Ein lose herumsitzendes Elektron spĂŒrt vom Erdfeld nichts; erst der Strom macht das PlĂ€ttchen zum FĂŒhler. Und die Ladung, die sich an den RĂ€ndern staut, ist kein Nebeneffekt â sie ist der Anfang des Messsignals. Was aus ihr wird, ist die nĂ€chste Etappe.
Hallspannung als Messsignal
Am Ende der letzten Etappe stauten sich Ladungen an den RĂ€ndern des PlĂ€ttchens. Halte wieder kurz inne: LĂ€uft diese Aufladung immer weiter, solange der Strom flieĂt â wird der Rand also beliebig stark geladen?
Nein â und der Grund ist ein Gleichgewicht, das du vom Hall-Effekt
kennst. Die getrennten Ladungen sind selbst eine Quelle: Zwischen den
RĂ€ndern entsteht ein elektrisches
Ab diesem Moment flieĂt der Strom wieder geradeaus, und zwischen den
Messkontakten steht eine feste Spannung â die
Sieh dir die Formel genau an: Bei festem Strom stehen
Ein PlÀttchen misst dabei immer nur eine Richtung: die
Feldkomponente senkrecht zu seiner FlÀche. Der Magnetometer-Chip
enthÀlt deshalb drei Hall-Sensoren, senkrecht
zueinander eingebaut. Ihre drei Spannungen liefern die drei
Komponenten
Der Störfeld-Regler zeigt das letzte PuzzlestĂŒck. Der Sensor kann nicht wissen, woher ein Feld kommt: Der Lautsprechermagnet zwei Zentimeter neben dem Chip, die StraĂenbahn, ein StahltrĂ€ger in der Wand â alles addiert sich zum Erdfeld, und der berechnete Norden wandert. Gegen die Umgebung hilft nur Abstand. Aber den eigenen Anteil des GerĂ€ts kann die Software loswerden: Er ist im Handy-Koordinatensystem konstant, das Erdfeld dagegen dreht sich mit, wenn du das GerĂ€t bewegst. Genau deshalb verlangt die App manchmal, das Handy in einer Acht zu schwenken â sie sammelt Messwerte aus allen Lagen und rechnet den konstanten Sockel heraus.
Damit ist der Kompass in deiner Tasche vollstÀndig: kein Magnet,
keine Nadel â drei stromdurchflossene PlĂ€ttchen, dreimal das
Gleichgewicht