Der Kompass in deiner Tasche

14 Minuten · 2 Abschnitte

Die Karte weiß, wo Norden ist

Du stehst in einer fremden Stadt, ziehst das Handy aus der Tasche und öffnest die Karten-App. Noch bevor du einen Schritt gehst, dreht sich die Karte — sie richtet sich so aus, wie du gerade stehst. Drehst du dich um die eigene Achse, dreht die Karte ruhig mit. Das Telefon weiß in jedem Augenblick, wo Norden ist.

Das Handy findet Norden Woher kennt das Telefon die Nordrichtung?
Die Karten-App dreht die Karte in die richtige Himmelsrichtung — ganz ohne GPS-Bewegung, im Stehen, sogar im Flugmodus.

Wie macht es das? Die naheliegende Antwort: „Da ist eben ein kleiner Kompass eingebaut." Aber öffne ein Smartphone, und du findest keine drehbare Nadel, keinen beweglichen Magneten — nichts, was sich nach Norden ausrichten könnte. Eine echte Kompassnadel wĂ€re auch ein Albtraum fĂŒr die Ingenieure: Sie mĂŒsste frei schwingen können, sie wĂŒrde bei jedem Ruckeln zittern, und der Lautsprechermagnet direkt daneben wĂŒrde sie sofort festhalten.

Stattdessen sitzt auf der Platine ein Bauteil, kleiner als ein Reiskorn: ein Magnetometer-Chip. In ihm stecken drei winzige Hall-Sensoren — drei stromdurchflossene PlĂ€ttchen, die das Erdmagnetfeld nicht mit einer Nadel, sondern mit einer Spannung messen. Und das ist erstaunlicher, als es klingt: Das Erdfeld ist mit rund etwa zweitausendmal schwĂ€cher als ein Hufeisenmagnet aus der Physiksammlung.

Wie misst ein Chip ohne bewegliche Teile ein Magnetfeld — und dazu noch ein so schwaches? Um das zu verstehen, mĂŒssen wir eine hartnĂ€ckige Fehlvorstellung loswerden: dass ein Magnetfeld auf jede Ladung eine Kraft ausĂŒbt. Tut es nicht. Es packt nur die bewegten — und genau darauf baut der Sensor.

Kraft auf Ladungen im Chip

Schauen wir in den Chip hinein. Ein Hall-Sensor ist im Kern nichts weiter als ein flaches HalbleiterplĂ€ttchen mit vier AnschlĂŒssen: An zwei gegenĂŒberliegenden Seiten wird ein kleiner Strom eingespeist, die anderen beiden sind Messkontakte. Keine Mechanik, kein Magnet — nur ein PlĂ€ttchen, durch das LadungstrĂ€ger mit der Driftgeschwindigkeit wandern.

Bevor wir den Strom einschalten, halte kurz inne und lege dich fest: Das Erdmagnetfeld durchsetzt das PlĂ€ttchen die ganze Zeit — was macht es mit einem Elektron, das gerade ruhig im Kristall sitzt?

Die Antwort ist ernĂŒchternd und der SchlĂŒssel zu allem: gar nichts. In der Formel fĂŒr die Lorentzkraft, , steht die Geschwindigkeit als Faktor — fĂŒr ist , egal wie stark das Feld ist. Ein Magnetfeld ist kein „Ladungs-Magnet": Es ĂŒbt auf ruhende Ladungen keinerlei Kraft aus. Genau hier liegen viele daneben — die Erwartung, das Feld ziehe an jeder Ladung wie ein elektrisches Feld, gehört zu den am besten dokumentierten Fehlvorstellungen der E-Lehre. Der Sensor funktioniert nur, weil Strom fließt.

Also: Strom an. Jetzt driften die LadungstrĂ€ger durchs PlĂ€ttchen, und jetzt hat das Feld einen Angriffspunkt. Die Drei-Finger-Regel, direkt am Chip angewendet — Daumen in Stromrichtung, Zeigefinger in Feldrichtung (senkrecht durchs PlĂ€ttchen), Mittelfinger: Kraft quer zum Strom, zum Rand des PlĂ€ttchens hin.

Ziehe den LadungstrĂ€ger q durchs PlĂ€ttchen und verĂ€ndere B und v mit den Schiebereglern. Die blauen Kreuze zeigen die Feldkomponente senkrecht zum PlĂ€ttchen, der rote Pfeil die Kraft. Stelle B auf null — was bleibt von Kraft und Randladung ĂŒbrig?

Beobachte drei Dinge im Applet:

  • Die Kraft wĂ€chst mit und mit — beide stehen als Faktoren in .
  • Die abgedrĂ€ngten LadungstrĂ€ger sammeln sich am Rand: oben entsteht ein LadungsĂŒberschuss, unten fehlt genau diese Ladung. Bei verschwindet beides.
  • Die Zahlen sind winzig. Mit dem Erdfeld () und einer Driftgeschwindigkeit von rund einem Millimeter pro Sekunde wirkt auf einen einzelnen TrĂ€ger eine Kraft von etwa — ein Hufeisenmagnet mit wĂŒrde zweitausendmal krĂ€ftiger drĂŒcken.

Eine Feinheit noch: Im Applet driften positive TrĂ€ger in Stromrichtung — so passt die rechte Hand. In einem n-dotierten Halbleiter wandern in Wirklichkeit Elektronen entgegen der technischen Stromrichtung; fĂŒr sie nimmt man die linke Hand, und die Vorzeichen an den RĂ€ndern tauschen die PlĂ€tze. An der Physik Ă€ndert das nichts — nur am Vorzeichen dessen, was wir gleich messen.

Merke dir den Kern dieser Etappe: Das Magnetfeld wirkt nur auf bewegte Ladungen. Ein lose herumsitzendes Elektron spĂŒrt vom Erdfeld nichts; erst der Strom macht das PlĂ€ttchen zum FĂŒhler. Und die Ladung, die sich an den RĂ€ndern staut, ist kein Nebeneffekt — sie ist der Anfang des Messsignals. Was aus ihr wird, ist die nĂ€chste Etappe.

Hallspannung als Messsignal

Am Ende der letzten Etappe stauten sich Ladungen an den RĂ€ndern des PlĂ€ttchens. Halte wieder kurz inne: LĂ€uft diese Aufladung immer weiter, solange der Strom fließt — wird der Rand also beliebig stark geladen?

Nein — und der Grund ist ein Gleichgewicht, das du vom Hall-Effekt kennst. Die getrennten Ladungen sind selbst eine Quelle: Zwischen den RĂ€ndern entsteht ein elektrisches Querfeld , das jeden weiteren LadungstrĂ€ger zurĂŒck zieht. Je mehr Ladung sich staut, desto stĂ€rker das Querfeld — bis es die Lorentzkraft exakt ausgleicht:

Ab diesem Moment fließt der Strom wieder geradeaus, und zwischen den Messkontakten steht eine feste Spannung — die Hallspannung. Bei der PlĂ€ttchenbreite ist sie

Sieh dir die Formel genau an: Bei festem Strom stehen und fest, also ist . Die Spannung ist das Messsignal. Doppeltes Feld, doppelte Spannung — ein geeichtes PlĂ€ttchen ĂŒbersetzt Flussdichte direkt in Volt, ohne ein einziges bewegliches Teil. Beim Erdfeld sind das nur Mikrovolt; deshalb sitzt im Chip gleich der VerstĂ€rker daneben, und deshalb besteht das PlĂ€ttchen aus einem Halbleiter — wenige LadungstrĂ€ger heißt hohe Driftgeschwindigkeit, und die steht als Faktor in .

Ein PlĂ€ttchen misst dabei immer nur eine Richtung: die Feldkomponente senkrecht zu seiner FlĂ€che. Der Magnetometer-Chip enthĂ€lt deshalb drei Hall-Sensoren, senkrecht zueinander eingebaut. Ihre drei Spannungen liefern die drei Komponenten , , — den vollstĂ€ndigen Richtungsvektor des Erdmagnetfelds. In MĂŒnchen zeigt er mit etwa horizontal nach Norden und mit rund steil in den Boden. FĂŒr die Karte zĂ€hlt nur der horizontale Anteil: Aus und berechnet die App, wohin Norden zeigt.

Drehe das Erdfeld mit dem Winkel φ gegen das Handy (Regler oder Ziehen am blauen Pfeil) und beobachte die drei Sensorwerte. Der rosa Pfeil ist der Norden, den die App aus Bx und By berechnet. Schiebe dann das Störfeld BSt hoch — was passiert mit dem Nordpfeil?

Der Störfeld-Regler zeigt das letzte PuzzlestĂŒck. Der Sensor kann nicht wissen, woher ein Feld kommt: Der Lautsprechermagnet zwei Zentimeter neben dem Chip, die Straßenbahn, ein StahltrĂ€ger in der Wand — alles addiert sich zum Erdfeld, und der berechnete Norden wandert. Gegen die Umgebung hilft nur Abstand. Aber den eigenen Anteil des GerĂ€ts kann die Software loswerden: Er ist im Handy-Koordinatensystem konstant, das Erdfeld dagegen dreht sich mit, wenn du das GerĂ€t bewegst. Genau deshalb verlangt die App manchmal, das Handy in einer Acht zu schwenken — sie sammelt Messwerte aus allen Lagen und rechnet den konstanten Sockel heraus.

Damit ist der Kompass in deiner Tasche vollstĂ€ndig: kein Magnet, keine Nadel — drei stromdurchflossene PlĂ€ttchen, dreimal das Gleichgewicht , drei Spannungen, ein Richtungsvektor. Das Magnetfeld haben wir dabei nur an gebundenen Ladungen erlebt, die im Kristall festsitzen. Was passiert, wenn geladene Teilchen sich frei im Magnetfeld bewegen dĂŒrfen, ist die nĂ€chste Geschichte — sie fĂŒhrt auf Kreisbahnen.

Wenn Ladungen frei fliegen — die Kreisbahn im Magnetfeld

Konzepte

KompassLorentzkraftHall-EffektMagnetfeld