Wie findet das Radio seinen Sender?
Ein KĂŒchenradio, ein Drehknopf
Auf dem KĂŒchentisch steht ein altes Radio. Du drehst langsam am
Knopf: Rauschen â dann plötzlich Musik, klar und deutlich. Einen
Millimeter weiter â wieder Rauschen, dann eine Nachrichtenstimme,
dann ein FuĂballkommentar. Ein einziger Raum, eine einzige
Denn genau das ist die Lage: In diesem Moment durchqueren die Wellen
aller UKW-
Die meisten Menschen stellen sich das Radio wie ein gehorsames Ohr vor: Man âstellt einen Sender ein", und von da an empfĂ€ngt das GerĂ€t eben nur noch diesen einen. Klingt vernĂŒnftig â und ist falsch. Die Antenne kann gar nicht wĂ€hlerisch sein. Sie ist ein StĂŒck Metall, und was ein elektrisches Feld mit den Elektronen in einem StĂŒck Metall macht, fragt nicht nach dem Programm.
Und noch ein zweiter Irrtum hĂ€lt sich hartnĂ€ckig â dass âRadiowellen" eine Art Schall seien, Musik, die durch die Luft fliegt. Auch das stimmt nicht: Zwischen Sendemast und Antenne bewegt sich kein Ton, sondern ein elektromagnetisches Feld, hundert Millionen Schwingungen pro Sekunde schnell â viel zu schnell fĂŒr jedes Ohr. Die Musik steckt woanders. Wo, das sehen wir am Ende.
Wenn die Antenne alle
Die Antenne fÀngt alles
Fangen wir am Anfang der Kette an â beim StĂŒck Metall, das aus dem
Radio ragt. Du kennst es aus dem Dipol-Kapitel von der anderen Seite:
Dort haben wir einen Metallstab mit hoher Frequenz zu Schwingungen
angeregt, und er wurde zum Sendedipol. Die
LĂ€uft eine elektromagnetische Welle ĂŒber den Stab hinweg, dann
greift ihr elektrisches Feld an den frei beweglichen
Jetzt die entscheidende Frage. Durch deine KĂŒche laufen die Wellen
von Dutzenden
Die Antwort ist unbequem: alle. Das Feld fragt
nicht, was auf der Senderskala steht. Jedes vorbeilaufende E-Feld
ĂŒbt auf jedes Elektron eine Kraft aus, und die KrĂ€fte aller Wellen
addieren sich einfach â Superposition, wie bei jeder Ăberlagerung
von Feldern. Was an den Antennenenden anliegt, ist darum keine
saubere Sinusspannung, sondern das
Probiere es aus: Schalte zwei der drei Sender auf null â ĂŒbrig bleibt eine glatte Sinuskurve, das Signal eines Senders. Schalte alle drei ein, und die Summe sieht aus wie Zufall. Genau so sieht das Rohsignal einer echten Antenne aus, nur mit Dutzenden BeitrĂ€gen statt drei. Ein Lautsprecher, der direkt an der Antenne hinge, wĂŒrde daraus keinen Ton machen â erstens ist das Gewirr unentwirrbar, zweitens schwingt es millionenfach zu schnell fĂŒr jede Membran.
Eines allerdings kann die Antenne doch ein wenig beeinflussen â
nicht welcher Sender ankommt, aber wie gut der
Frequenzbereich insgesamt ankommt. Aus dem Dipol-Kapitel weiĂt du,
dass ein Stab der LĂ€nge
Trifft die WellenlÀnge des Senders diese Abstimmung, schwingen die
Damit ist die erste Fehlvorstellung erledigt â und das eigentliche RĂ€tsel erst richtig scharf gestellt. Die Antenne empfĂ€ngt nicht einen Sender, sie empfĂ€ngt alle. Irgendetwas hinter der Antenne muss aus dem Gewirr genau eine Frequenz herausgreifen. Dieses Etwas schauen wir uns jetzt an.
Resonanz wÀhlt aus
Hinter der Antenne sitzt das Bauteil, um das sich dieses ganze
Kapitel gedreht hat â ein
Erinnere dich an die erzwungenen Schwingungen. Zwingt man einem
Schwingkreis von auĂen eine Frequenz
Genau das nutzt der EmpfÀnger. Das Gewirr aus der Antenne enthÀlt
alle
Und jetzt kommt der Drehknopf. Aus der Thomson-Gleichung weiĂt du,
wovon
Kleineres
Der zweite Regler verstellt die DĂ€mpfung des Kreises, und damit die
Damit ist das RĂ€tsel im Kern gelöst: Nicht die Antenne wĂ€hlt aus, sondern die Resonanz. Was fehlt, ist der letzte Schritt â wie aus der herausgesiebten Hochfrequenzschwingung Musik wird.
Vom Feld zum Ton
Der Schwingkreis hat aus dem Gewirr eine einzige, saubere Hochfrequenzschwingung herausgesiebt â sagen wir 95 Millionen Schwingungen pro Sekunde. Aber Moment: Das ist eine reine Sinuskurve, immer gleich, immer dieselbe Frequenz. Wo um alles in der Welt steckt darin die Musik?
Die Antwort beginnt beim Sender. Die schnelle Schwingung, die der
Sendemast abstrahlt, heiĂt
Nun spricht jemand ins Mikrofon. Das Mikrofonsignal ist viel zu
langsam, um selbst als Welle abgestrahlt zu werden â aber es kann
die LautstÀrke des TrÀgers steuern: Ist der Ton gerade
laut, sendet der Mast stÀrker; ist er leise, schwÀcher. Die
Amplitude des TrĂ€gers wird im Takt der Musik gröĂer und kleiner â
Amplitudenmodulation (AM). Die Musik sitzt jetzt
als langsame
Genau dieses Signal steht nach dem Sieben an unserem Empfangskreis. Ein Kopfhörer direkt daran bleibt trotzdem stumm â sag zuerst voraus, warum. Zwei GrĂŒnde: Die Membran kann den 95 Millionen Schwingungen nicht folgen, und selbst wenn sie es könnte â im zeitlichen Mittel ist das Signal null, jede positive Halbwelle hat ihr negatives Spiegelbild. Die HĂŒllkurve muss erst vom TrĂ€ger heruntergeholt werden.
Schritt eins: eine
Schritt zwei: ein
Antenne, Schwingkreis, Diode, Tiefpass, Kopfhörer â das ist der komplette DetektorempfĂ€nger, das Radio der ersten Stunde. Das VerblĂŒffendste daran: Er braucht keine Batterie. Jedes Watt, das im Kopfhörer ankommt, hat der Sendemast abgestrahlt und die Antenne eingefangen. Generationen von Bastlern haben mit einem Draht, einem Kristall und einem Kopfhörer Radio gehört â Energieversorgung: die Welle selbst. Ein schöneres Argument dafĂŒr, dass elektromagnetische Wellen Energie durch den Raum tragen, gibt es nicht.
Bleibt ein letzter Blick zurĂŒck zum Sender: Woher kommt dort die
ungedĂ€mpfte TrĂ€gerschwingung? Ein sich selbst ĂŒberlassener
Schwingkreis stirbt ja aus â die DĂ€mpfung frisst jede Schwingung
auf. Die Lösung kennst du aus dem Resonanz-Kapitel â die
Damit ist die Kette geschlossen: Mikrofon â Modulation â TrĂ€gerwelle â alle Antennen der Stadt â dein Schwingkreis in Resonanz â Diode â Tiefpass â Ton. Das Radio empfĂ€ngt nicht einen Sender â es empfĂ€ngt alle und antwortet nur einem.