Wie findet das Radio seinen Sender?

20 Minuten · 3 Abschnitte

Ein KĂŒchenradio, ein Drehknopf

Auf dem KĂŒchentisch steht ein altes Radio. Du drehst langsam am Knopf: Rauschen — dann plötzlich Musik, klar und deutlich. Einen Millimeter weiter — wieder Rauschen, dann eine Nachrichtenstimme, dann ein Fußballkommentar. Ein einziger Raum, eine einzige Antenne — und doch liegen da offenbar Dutzende Programme ĂŒbereinander in der Luft, alle gleichzeitig, alle jetzt.

Denn genau das ist die Lage: In diesem Moment durchqueren die Wellen aller UKW-Sender der Umgebung deine KĂŒche — dazu Mobilfunk, WLAN, Bluetooth und das Signal des Wetterballons. Keine dieser Wellen wartet höflich, bis eine andere fertig ist. Sie sind alle da, im selben Raum, im selben StĂŒck Draht.

Viele Sender, ein EmpfĂ€nger Alle Wellen treffen dieselbe Antenne — der Knopf wĂ€hlt trotzdem genau einen Sender.

Die meisten Menschen stellen sich das Radio wie ein gehorsames Ohr vor: Man „stellt einen Sender ein", und von da an empfĂ€ngt das GerĂ€t eben nur noch diesen einen. Klingt vernĂŒnftig — und ist falsch. Die Antenne kann gar nicht wĂ€hlerisch sein. Sie ist ein StĂŒck Metall, und was ein elektrisches Feld mit den Elektronen in einem StĂŒck Metall macht, fragt nicht nach dem Programm.

Und noch ein zweiter Irrtum hĂ€lt sich hartnĂ€ckig — dass „Radiowellen" eine Art Schall seien, Musik, die durch die Luft fliegt. Auch das stimmt nicht: Zwischen Sendemast und Antenne bewegt sich kein Ton, sondern ein elektromagnetisches Feld, hundert Millionen Schwingungen pro Sekunde schnell — viel zu schnell fĂŒr jedes Ohr. Die Musik steckt woanders. Wo, das sehen wir am Ende.

Wenn die Antenne alle Sender zugleich auffĂ€ngt — wer wĂ€hlt dann aus? Was genau verstellt der Drehknopf? Die Antwort ist ein Bauteil, das du schon kennst — der Schwingkreis — und ein verstellbarer Kondensator, der dessen Eigenfrequenz verschiebt.

Die Antenne fÀngt alles

Fangen wir am Anfang der Kette an — beim StĂŒck Metall, das aus dem Radio ragt. Du kennst es aus dem Dipol-Kapitel von der anderen Seite: Dort haben wir einen Metallstab mit hoher Frequenz zu Schwingungen angeregt, und er wurde zum Sendedipol. Die Stabantenne ist genau dasselbe Bauteil, rĂŒckwĂ€rts betrieben — ein Empfangsdipol.

LĂ€uft eine elektromagnetische Welle ĂŒber den Stab hinweg, dann greift ihr elektrisches Feld an den frei beweglichen Elektronen im Metall an und schiebt sie im Takt der Welle hin und her: hundert Millionen Mal pro Sekunde stabauf, stabab. An den Enden der Antenne entsteht dadurch eine winzige Wechselspannung — das Rohsignal, mit dem alles Weitere arbeitet.

Jetzt die entscheidende Frage. Durch deine KĂŒche laufen die Wellen von Dutzenden Sendern gleichzeitig. Lege dich fest, bevor du weiterliest: Welche davon schaukeln die Elektronen an? Nur die des eingestellten Senders? Die stĂ€rkste? Oder alle?

Die Antwort ist unbequem: alle. Das Feld fragt nicht, was auf der Senderskala steht. Jedes vorbeilaufende E-Feld ĂŒbt auf jedes Elektron eine Kraft aus, und die KrĂ€fte aller Wellen addieren sich einfach — Superposition, wie bei jeder Überlagerung von Feldern. Was an den Antennenenden anliegt, ist darum keine saubere Sinusspannung, sondern das Summensignal sĂ€mtlicher Sender: ein Gewirr, in dem kein einzelnes Programm mehr zu erkennen ist.

Drei Sender treffen dieselbe Antenne. Die farbigen Kurven sind die einzelnen Wellen, die dicke gelbe Linie ist die tatsĂ€chliche Spannung an der Antenne. Schalte Sender mit den Reglern aus und ein und ziehe die Zeitmarke t₀ durch das Signal.

Probiere es aus: Schalte zwei der drei Sender auf null — ĂŒbrig bleibt eine glatte Sinuskurve, das Signal eines Senders. Schalte alle drei ein, und die Summe sieht aus wie Zufall. Genau so sieht das Rohsignal einer echten Antenne aus, nur mit Dutzenden BeitrĂ€gen statt drei. Ein Lautsprecher, der direkt an der Antenne hinge, wĂŒrde daraus keinen Ton machen — erstens ist das Gewirr unentwirrbar, zweitens schwingt es millionenfach zu schnell fĂŒr jede Membran.

Eines allerdings kann die Antenne doch ein wenig beeinflussen — nicht welcher Sender ankommt, aber wie gut der Frequenzbereich insgesamt ankommt. Aus dem Dipol-Kapitel weißt du, dass ein Stab der LĂ€nge bei seiner Grundschwingung eine halbe WellenlĂ€nge trĂ€gt:

Trifft die WellenlĂ€nge des Senders diese Abstimmung, schwingen die Elektronen besonders bereitwillig — der Stab ist selbst ein winziger Resonator. UKW-Sender arbeiten um , also bei . Deshalb sind klassische UKW-Stabantennen etwa lang — eine halbe WellenlĂ€nge. Aber Vorsicht: Diese Abstimmung ist breit und trĂ€ge. Sie bevorzugt das ganze UKW-Band, nicht einen einzelnen Sender. Zwischen 98,5 und 103,3 MHz unterscheidet der Stab praktisch nicht.

Damit ist die erste Fehlvorstellung erledigt — und das eigentliche RĂ€tsel erst richtig scharf gestellt. Die Antenne empfĂ€ngt nicht einen Sender, sie empfĂ€ngt alle. Irgendetwas hinter der Antenne muss aus dem Gewirr genau eine Frequenz herausgreifen. Dieses Etwas schauen wir uns jetzt an.

Resonanz wÀhlt aus

Hinter der Antenne sitzt das Bauteil, um das sich dieses ganze Kapitel gedreht hat — ein Schwingkreis aus Spule und Kondensator, an das Antennensignal gekoppelt. Und der hat eine Eigenschaft, die die Antenne nicht hat: Er ist wĂ€hlerisch.

Erinnere dich an die erzwungenen Schwingungen. Zwingt man einem Schwingkreis von außen eine Frequenz auf, dann schwingt er zwar immer irgendwie mit — aber groß wird seine Amplitude nur, wenn die Erregerfrequenz seine Eigenfrequenz trifft: . Das ist die Resonanzkurve. Weit unterhalb von schwingt er schwach mit, weit oberhalb praktisch gar nicht, und bei schießt die Amplitude in die Höhe.

Genau das nutzt der EmpfĂ€nger. Das Gewirr aus der Antenne enthĂ€lt alle Senderfrequenzen — jede einzelne wirkt auf den Kreis als winziger Erreger. Aber nur die eine Frequenz nahe schaukelt ihn zu großer Amplitude auf. Alle anderen bleiben im Rauschen. Der Schwingkreis ist ein Sieb — und die Maschenweite des Siebs ist seine Eigenfrequenz.

Und jetzt kommt der Drehknopf. Aus der Thomson-Gleichung weißt du, wovon abhĂ€ngt:

ist fest verbaut. Aber der Drehknopf am Radio ist — ein Drehkondensator: zwei Plattenpakete, die sich ineinanderdrehen und so die wirksame PlattenflĂ€che Ă€ndern. Drehen Ă€ndert , verschiebt — und die Resonanzspitze wandert ĂŒber das Band. „Einen Sender einstellen" heißt also wörtlich: die Eigenfrequenz des Siebs auf die Frequenz des gewĂŒnschten Senders schieben. Sag voraus, bevor du es ausprobierst: Musst du grĂ¶ĂŸer oder kleiner machen, um von 84 MHz zu 103 MHz zu kommen?

Die grĂŒne Kurve zeigt, mit welcher Amplitude der Schwingkreis auf jede Frequenz antwortet; die gestrichelte Linie markiert f₀. Drehe am Kondensator C und beobachte die drei Sender-Balken — und verstelle die DĂ€mpfung, um die Kurve breiter oder schmaler zu machen.

Kleineres — höheres : FĂŒr den Sprung nach oben im Band musst du den Kondensator herausdrehen. Beobachte dabei die drei Anzeigen: Steht auf 95 MHz, ist nahe 1, wĂ€hrend die Nachbarn bei 84 und 103 MHz fast verschwinden. Ein paar Pikofarad Drehung, und das VerhĂ€ltnis kippt komplett. Dass Bruchteile eines Pikofarads ĂŒber Musik oder Rauschen entscheiden — das ist der Millimeter am KĂŒchenradio.

Der zweite Regler verstellt die DĂ€mpfung des Kreises, und damit die TrennschĂ€rfe. Aus dem Resonanz-Kapitel weißt du: Schwache DĂ€mpfung macht die Resonanzkurve hoch und schmal, starke DĂ€mpfung flach und breit. FĂŒr den EmpfĂ€nger ist das keine Nebensache, sondern die QualitĂ€tsfrage schlechthin. Stelle auf 95 MHz und schiebe die DĂ€mpfung hoch — die Kurve wird so breit, dass auch deutlich anwĂ€chst. Im Radio hörst du dann zwei Programme ĂŒbereinander. Ein guter Empfangskreis ist also ein schwach gedĂ€mpfter Kreis: Seine schmale Resonanzspitze greift genau einen Sender und lĂ€sst den Nachbarn im Rauschen.

Damit ist das RĂ€tsel im Kern gelöst: Nicht die Antenne wĂ€hlt aus, sondern die Resonanz. Was fehlt, ist der letzte Schritt — wie aus der herausgesiebten Hochfrequenzschwingung Musik wird.

Vom Feld zum Ton

Der Schwingkreis hat aus dem Gewirr eine einzige, saubere Hochfrequenzschwingung herausgesiebt — sagen wir 95 Millionen Schwingungen pro Sekunde. Aber Moment: Das ist eine reine Sinuskurve, immer gleich, immer dieselbe Frequenz. Wo um alles in der Welt steckt darin die Musik?

Die Antwort beginnt beim Sender. Die schnelle Schwingung, die der Sendemast abstrahlt, heißt TrĂ€gerwelle — sie trĂ€gt, was man ihr auflĂ€dt. So sieht sie unbeladen aus:

Stufe 1 — die unbeladene TrĂ€gerwelle t

Nun spricht jemand ins Mikrofon. Das Mikrofonsignal ist viel zu langsam, um selbst als Welle abgestrahlt zu werden — aber es kann die LautstĂ€rke des TrĂ€gers steuern: Ist der Ton gerade laut, sendet der Mast stĂ€rker; ist er leise, schwĂ€cher. Die Amplitude des TrĂ€gers wird im Takt der Musik grĂ¶ĂŸer und kleiner — Amplitudenmodulation (AM). Die Musik sitzt jetzt als langsame HĂŒllkurve auf der schnellen Schwingung:

Stufe 2 — der modulierte TrĂ€ger t

Genau dieses Signal steht nach dem Sieben an unserem Empfangskreis. Ein Kopfhörer direkt daran bleibt trotzdem stumm — sag zuerst voraus, warum. Zwei GrĂŒnde: Die Membran kann den 95 Millionen Schwingungen nicht folgen, und selbst wenn sie es könnte — im zeitlichen Mittel ist das Signal null, jede positive Halbwelle hat ihr negatives Spiegelbild. Die HĂŒllkurve muss erst vom TrĂ€ger heruntergeholt werden.

Schritt eins: eine Diode. Sie lĂ€sst Strom nur in eine Richtung durch und schneidet damit alle negativen Halbwellen ab. Das Mittel ist jetzt nicht mehr null — es folgt der HĂŒllkurve:

Stufe 3 — nach der Diode: gleichgerichtet t

Schritt zwei: ein Tiefpass — im einfachsten Fall ein kleiner Kondensator parallel zum Kopfhörer. Er glĂ€ttet die schnellen Zacken weg, so wie ein trĂ€ges Thermometer nur den Tagesmittelwert zeigt und nicht jeden Windstoß. Übrig bleibt die HĂŒllkurve allein — das Tonsignal, langsam genug fĂŒr die Membran:

Stufe 4 — nach dem Tiefpass: die HĂŒllkurve, der Ton t

Antenne, Schwingkreis, Diode, Tiefpass, Kopfhörer — das ist der komplette DetektorempfĂ€nger, das Radio der ersten Stunde. Das VerblĂŒffendste daran: Er braucht keine Batterie. Jedes Watt, das im Kopfhörer ankommt, hat der Sendemast abgestrahlt und die Antenne eingefangen. Generationen von Bastlern haben mit einem Draht, einem Kristall und einem Kopfhörer Radio gehört — Energieversorgung: die Welle selbst. Ein schöneres Argument dafĂŒr, dass elektromagnetische Wellen Energie durch den Raum tragen, gibt es nicht.

Bleibt ein letzter Blick zurĂŒck zum Sender: Woher kommt dort die ungedĂ€mpfte TrĂ€gerschwingung? Ein sich selbst ĂŒberlassener Schwingkreis stirbt ja aus — die DĂ€mpfung frisst jede Schwingung auf. Die Lösung kennst du aus dem Resonanz-Kapitel — die Meißner-RĂŒckkopplung: Der Schwingkreis steuert ĂŒber eine Koppelspule selbst den Schalter (Triode oder Transistor), der ihm im richtigen Takt Energie aus einer Quelle nachschiebt — wie beim Schaukeln, wo man im richtigen Moment die Beine anzieht. So lĂ€uft der TrĂ€ger ungedĂ€mpft, Tag und Nacht, und die Musik moduliert nur seine Amplitude.

Damit ist die Kette geschlossen: Mikrofon → Modulation → TrĂ€gerwelle → alle Antennen der Stadt → dein Schwingkreis in Resonanz → Diode → Tiefpass → Ton. Das Radio empfĂ€ngt nicht einen Sender — es empfĂ€ngt alle und antwortet nur einem.

Wellen vermessen — Interferenz wird quantitativ

Konzepte

SchwingkreisHertzscher DipolWellenElektromagnetismus