Was fast alle glauben — und was gemessen wurde
What almost everyone believes — and what was measured
Die Abrissarbeit des Falls. Zuerst sagt der Leser selbst voraus, was passiert, wenn man wütend auf ein Kissen schlägt — fast alle tippen auf „danach ruhiger", und dahinter steckt ein Bild, das keiner geprüft hat — Wut sei Dampf in einem Topf, und der Druck müsse irgendwo raus. Dann kommt der Versuch, an dem sich das Bild bricht. Bushman (2002) hat 600 Menschen zuerst geärgert und danach in drei gleich große Gruppen geteilt — Boxsack schlagen und dabei an die Person denken, Boxsack schlagen und dabei an Sport denken, oder zwei Minuten still sitzen. Gemessen wurde die Wut danach auf einer Skala von 15 bis 75. Die Boxsack-Gruppe kam auf 29,78, die Sport-Gruppe auf 27,32 und die Still-Gruppe auf 26,25; beim Lautstärke- Versuch danach war die Reihenfolge dieselbe. Die zweite Überraschung ist die wichtigere und wird ausdrücklich gezeigt — auch Schlagen mit Ablenkung war nicht besser als Nichtstun, und die Sport-Gruppe hat sogar öfter zugeschlagen (127,5 gegen 112,2 Schläge). Geübt wird deshalb genau eine Sache — aus einer geschilderten Lage vorhersagen, in welche Richtung die Wut geht, und die Vorhersage nicht am eigenen Gefühl, sondern am gemessenen Ergebnis prüfen.
Können & Üben
Muss die Wut raus? — Vorhersagen, Messen, Erklären
workshop45 min · once
klassenzimmer
Material — Zettel und Stifte, eine Tafel oder ein großes Blatt, eine Uhr mit Sekundenzeiger. 1) VORHERSAGEN (10 Minuten). Die Geschichte vorlesen — jemand ist wütend und schlägt fünf Minuten auf ein Kissen und denkt dabei die ganze Zeit an die Person. Jedes Kind schreibt auf einen Zettel, ohne mit den anderen zu reden, eines von drei Wörtern: weniger, genauso, mehr. Zettel einsammeln und an der Tafel auszählen. Diese Zahlen bleiben stehen — sie sind das Ergebnis der Klasse und werden am Ende gebraucht. Erfahrungsgemäß wählt die große Mehrheit „weniger", und genau das ist der Punkt. 2) MESSEN (20 Minuten). Der Versuch mit dem Boxsack lässt sich in der Schule nicht nachmachen, und er soll auch nicht nachgemacht werden — niemand wird hier absichtlich geärgert. Stattdessen nimmt jedes Kind eine eigene Erinnerung: eine Sache aus der letzten Woche, über die es sich geärgert hat, aber nichts Schlimmes. Wer keine hat oder keine nehmen möchte, wird Zeitnehmer. Jedes Kind schreibt zuerst eine Zahl von 1 bis 10 auf, wie ärgerlich sich das gerade anfühlt. Dann wird die Klasse gelost, nicht gewählt — die eine Hälfte denkt 90 Sekunden lang so genau wie möglich weiter an die Sache, die andere Hälfte zählt 90 Sekunden lang leise, wie viele blaue Dinge im Raum zu sehen sind. Danach schreibt jedes Kind noch einmal seine Zahl von 1 bis 10 auf. An der Tafel entstehen zwei Spalten: Hälfte A vorher und nachher, Hälfte B vorher und nachher. Der Mittelwert reicht, das Vorzeichen ist das Interessante. 3) ERKLÄREN (15 Minuten). Drei Vergleiche, in dieser Reihenfolge. Erstens die zwei Hälften gegeneinander — bei welcher ist die Zahl gestiegen? Beide Hälften haben etwas mit ihrer Aufmerksamkeit gemacht, und trotzdem ist es auseinandergegangen; das ist Punkt 3 der Zeitleiste mit seinen beiden Seiten. Zweitens das Ergebnis der Klasse gegen die Zahlen aus dem echten Versuch — Boxsack mit Gedanken an die Person 29,78, Boxsack mit Gedanken an Sport 27,32, stillsitzen 26,25. Drittens die Vorhersage von der Tafel gegen alles davor. Zum Schluss sammelt die Klasse Züge, die morgen tatsächlich gehen — rausgehen, die Lage ändern, woanders hinschauen, warten. Und die Begleitung sagt den Satz, mit dem die Stunde endet: wütend werden ist erlaubt, und es bleibt erlaubt. Zur Debatte steht nur, was danach kommt.
bezugsperson
6–26
Drei Kinder sind gleich wütend. Wer ist zwei Minuten später am wütendsten?
Drei Kinder sind gleich wütend. Wer ist zwei Minuten später am wenigsten wütend?
Im Versuch war Gruppe 1 — Boxsack schlagen und an die Person denken — hinterher weniger wütend als die Gruppe, die still gesessen hat.
Auf der Wut-Skala von 15 bis 75 heißt 15 ganz ruhig. Welcher der drei gemessenen Werte liegt am nächsten an 15?
Nach dem Boxsack durfte jeder der anderen Person einen lauten Ton schicken. Dabei war Gruppe 1 die lauteste.
Dass Rauslassen nicht hilft, hat man erst 2002 zum ersten Mal herausgefunden.
Eine Klasse macht den Versuch nach und lässt den gemeinen Zettel am Anfang weg. Welcher Satz stimmt danach nicht mehr?
Eine Klasse macht den Versuch nach und lässt jedes Kind selbst wählen, ob es zum Boxsack geht oder auf die Bank. Welcher Satz stimmt danach nicht mehr?
Eine Werbung sagt „Wut muss raus, sonst platzt du". Welcher Satz aus dem Versuch widerspricht ihr am deutlichsten?
Wer beim Schlagen an etwas anderes denkt, ist danach ruhiger als jemand, der gar nichts gemacht hat.