Beide Rollen, weil jedes Kind beide hat. Als Gast — die Person grüßen, die aufmacht, auch wenn man zu jemand anderem will; fragen statt raten (ob die Schuhe ausgezogen werden, ist von Wohnung zu Wohnung verschieden und steht nirgends); fragen, bevor man sich etwas nimmt; und sich abmelden, bevor man geht — der Teil, den fast alle vergessen und an den sich Gastgeber am längsten erinnern. Als Gastgeber — anbieten, statt zu warten (Gäste fragen zuletzt), dafür sorgen, dass niemand danebensitzt, Hausregeln als „bei uns" sagen statt als „das macht man nicht", und bis zur Tür mitgehen. Ehrlich gesagt — das ist fast alles Konvention und nicht Forschung; belegbar ist nur der Kern, warum ein Angebot überhaupt Arbeit für die gastgebende Seite ist (Brown und Levinson 1987 — das Anbieten übernimmt den Schritt, der dem Gast unangenehm wäre), und dass die Formen beweglich sind (Elias 1939). Auch der Knigge, den alle als Regelbuch zitieren, war 1788 gar keines, sondern ein Buch über den Umgang mit Menschen. Trägt weiter nach „Was anderswo gilt" (Klasse 4) und wird in der Session „Gemeinsam essen" geübt.
Können & Üben
Umgangsformen
Die Formen fehlen, auch nach Erinnerung.
Grüßt, bedankt sich, wartet bei Tisch — wenn erinnert wird.
Macht es zuverlässig, sobald die Situation benannt wurde.
Macht es von selbst, auch wenn niemand zusieht.
Passt die Form der Situation an und kann sagen, warum sie hier anders ist als woanders.
Gemeinsam essen
workshop
45 min · weekly
klassenzimmer, mensa, gruppentisch
Ein echtes Essen, kein Rollenspiel — gedeckt, gemeinsam begonnen, gemeinsam beendet. Die Kinder decken, tragen auf und räumen ab; die Begleitung isst mit und sagt während des Essens nichts über Formen. Vorher werden drei Formen benannt, mehr nicht, und sie bleiben über Wochen dieselben, bis sie sitzen: gemeinsam anfangen · fragen statt greifen · vom Tisch abmelden. Erst wenn diese drei ohne Erinnerung laufen, kommt eine vierte dazu. Nachher, fünf Minuten, und das ist der eigentliche Inhalt: Welche dieser Formen ist eine Verabredung und welche schützt jemanden? („Fragen statt greifen" schützt — sonst kommt jemand nicht ran. „Gemeinsam anfangen" ist eine Verabredung, und zwar eine deutsche: anderswo fängt an, wer bedient wurde.) Reihum eine Form, die zu Hause anders ist. Sie wird notiert und nicht bewertet — die Sammlung ist das Ergebnis.
Yusuf klingelt bei Marie, Maries Mutter macht die Tür auf. Was tut Yusuf jetzt?
● Er sagt: „Guten Tag, ich bin Yusuf. Ist Marie da?"
○ Er sagt: „Ist Marie da?"
○ Er geht an Maries Mutter vorbei ins Haus.
Die Person, die aufmacht, gehört dazu — auch wenn man zu jemand anderem will. Ein Gruß und ein Name kosten zwei Sekunden und machen aus einem Fremden einen Gast.
Yusuf steht im Flur bei Marie. Er sieht keine Schuhe stehen und weiß nicht, ob er seine ausziehen soll. Was tut Yusuf jetzt?
● Er fragt, ob er die Schuhe ausziehen soll.
○ Er behält sie an — bei ihm zu Hause macht das auch niemand.
○ Er bleibt im Flur stehen, bis jemand von selbst etwas sagt.
Ob Schuhe ausgezogen werden, ist von Wohnung zu Wohnung verschieden und steht nirgends geschrieben. Wenn im Flur nichts zu sehen ist, ist Fragen keine Unsicherheit, sondern die Antwort.
Yusuf muss um sechs zu Hause sein, es ist zehn vor sechs. Was tut Yusuf jetzt?
● Er verabschiedet sich bei Marie und bei ihrer Mutter.
○ Er schreibt Marie später, dass er weg ist.
○ Er zieht die Schuhe an und geht.
Das Abmelden ist der Teil, den fast alle vergessen, und der, an den sich Gastgeber am längsten erinnern. Wer wortlos geht, lässt Marie überlegen, ob etwas schiefgelaufen ist.
Yusuf hat sich verabschiedet und steht auf. Was tut Marie jetzt?
● Sie bringt ihn zur Tür.
○ Sie ruft aus dem Zimmer „Tschüss".
○ Sie fängt an der Tür noch eine lange Geschichte an.
Bis zur Tür ist die Verabredung — zwanzig Sekunden, die aus dem Abschied einen Moment machen statt eines Abbruchs. Aus dem Zimmer rufen ist zu wenig, und wer an der Tür noch anfängt zu erzählen, macht Yusuf zu spät.
Yusuf stößt bei Marie ein Glas um, es geht kaputt. Was tut Yusuf jetzt?
● Er sagt es sofort und hilft beim Aufräumen.
○ Er räumt die Scherben schnell weg und sagt nichts.
○ Er sagt, dass das Glas viel zu nah an der Kante stand.
Kaputte Sachen sind selten das Problem, verschwiegene kaputte Sachen schon. Und wer erklärt, wie es kommen konnte, hat noch nicht gesagt, dass es ihm leidtut.
Lina ist zu Emres Geburtstag eingeladen und überlegt, ob sie etwas mitbringt. Was tut Lina jetzt?
● Sie bringt eine Kleinigkeit mit, die sie sich selbst leisten kann.
○ Sie bringt nichts mit, sie ist ja eingeladen worden.
○ Sie bringt Emre ein möglichst teures Geschenk mit.
Eine Kleinigkeit sagt „ich habe an dich gedacht". Ein teures Geschenk sagt etwas anderes und macht aus einer Einladung eine Rechnung. Wie groß die Kleinigkeit sein muss, ist übrigens Verabredung und in jeder Familie etwas anders.
Bei Emre zu Hause wird nur am Tisch gegessen. Lina weiß das nicht und geht mit ihrem Teller Richtung Sofa. Was tut Emre jetzt?
● Er sagt: „Bei uns essen wir am Tisch — kommst du?"
○ Er sagt: „Das macht man nicht."
○ Er lässt es, sie ist ja Gast.
Hausregeln darf man sagen, Gäste können sie nicht erraten. Der Unterschied liegt im Satz — „bei uns" nennt eine Verabredung, „das macht man nicht" macht aus Lina jemanden, der etwas falsch gemacht hat.