Sagen, was ich brauche

Saying what I need

Miteinander und Umgangsformen Klasse 4 15 Aufgaben
MiteinanderKonfliktlösungKommunikationKerncurriculum

Der Zug, den ein Streit braucht, ist ein Satz mit genau zwei Teilen — was beobachtbar passiert ist, und was ich jetzt will. Kein drittes Teil, und keine Ladung im Satz. Die deutsche Schulverpackung dafür ist die *Giraffensprache* beziehungsweise die Ich-Botschaft aus Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation (1999), und sie ist im bayerischen LehrplanPLUS die eigene illustrierende Aufgabe im HSU-Lernbereich der Klassen 1/2 — die lebende örtliche Konvention also, die man benennen muss. Ihre Evidenzlage ist dünn und wird hier nicht besser dargestellt, als sie ist — für die GFK als Paket gibt es keine belastbare kontrollierte Wirksamkeitsprüfung, sondern kleine Trainingsstudien mit starkem Schwund, deren Effekte auf dem jeweils trainierten Konstrukt sitzen bleiben. Die *Verpackung* ist also Konvention. Belegt ist dagegen beides, woraus der Satz besteht — die Ladung außen zu lassen, ist Unterdrückung des *Ausdrucks* und die einzige Untergruppe der späten Regulationsfamilie mit positivem Effekt (d+ = 0,32 gegenüber −0,04 für das Unterdrücken des Erlebens; Webb, Miles & Sheeran 2012), und den beobachtbaren Vorgang statt der unterstellten Absicht zu nennen, nimmt genau den Schritt heraus, an dem die feindselige Absichtsunterstellung hängt (De Castro et al. 2002, r = .17; Verhoef et al. 2019, 111 Studien, N = 29 272, d = 0,33). Typische Fehlformen, an denen hier gearbeitet wird — der Vorwurf im Ich-Satz, das Gefühl ohne Wunsch, und die Beschwerde bei einer dritten Person statt bei der gemeinten. Verbraucht wird der Satz von „Einen Streit zu Ende bringen" (Klasse 5), wo er der erste Zug jeder Aushandlung ist, von der Rubrik-Zeile „Sagen statt zeigen" und von Frage 3 der Nachbesprechung.

Können & Üben

Sagen statt zeigen

Zeigt den Ärger körperlich oder zieht sich wortlos zurück.

Sagt, was los ist, wenn jemand die Frage stellt und die Worte anbietet.

Sagt es auf Nachfrage mit eigenen Worten.

Sagt von selbst, was passiert ist und was er oder sie braucht — ohne Vorwurf im Satz.

Sagt es auch, wenn es unbequem ist oder die andere Person mehr Ansehen hat.

Einen Streit nachbesprechen

guided

15 min · ad-hoc

klassenzimmer, ruhiger-raum

Am selben Tag, wenn die Wut weg ist und bevor der Tag vorbei ist. Nicht direkt danach — im erregten Zustand ist nichts davon zugänglich. Fünf Fragen, in dieser Reihenfolge, und die Begleitung beantwortet keine davon selbst. 1. Was hast du gesehen und gehört, bevor es losging? (Nur Beobachtbares. „Er ist gemein" ist keine Beobachtung, „er hat meinen Stift genommen" schon.) 2. Was hast du gedacht, was das bedeutet? Und: Gab es eine zweite Möglichkeit, was es bedeuten könnte? 3. Was wolltest du in dem Moment — den Stift zurück, dass er aufhört, oder dass es ihm leid tut? (Das sind drei verschiedene Ziele mit drei verschiedenen Wegen.) 4. Was hättest du tun können? Mindestens drei Möglichkeiten, auch schlechte. 5. Warum ist es die geworden, die es geworden ist? Zum Schluss eine einzige Sache für das nächste Mal, vom Kind formuliert. Wenn jemand zu Schaden gekommen ist, folgt die Wiedergutmachung — aber getrennt und nicht im selben Atemzug. Zwei Befunde dazu, beide belegt und beide anders, als man denkt. Erstens ist es die Wiedergutmachung selbst, die wirkt — bei Drell und Jaswal (2015) fühlten sich Kinder nach einer Entschuldigung nicht besser, sondern erst, als der Turm wieder aufgebaut wurde; die Entschuldigung reparierte die Beziehung, nicht das Gefühl. Zweitens ist „eine angeordnete Entschuldigung schadet" ein oft gesagter Satz ohne Studie dahinter. Belegt ist etwas Schmaleres — Kinder erkennen den Unterschied zwischen freiwillig und angeordnet (Smith u. a. 2018) und verzeihen der freiwilligen leichter. Eine angeordnete Entschuldigung ist also ein schwächeres Signal, kein Schaden. Wer sie anordnet, sollte wissen, dass sie weniger trägt als das Angebot, die Sache in Ordnung zu bringen.

bezugsperson

1–2

Leicht
Multiple Choice #1 20s ▶ Testen

Jonas hat Selins Lineal genommen, ohne zu fragen. Welchen Satz sagt Selin am besten?

  • ● „Du hast mein Lineal genommen. Ich will es zurück."
  • ○ „Du nimmst dauernd irgendwelche Sachen, weil dir alles egal ist."
  • ○ „Ich bin voll sauer."
Nur der erste Satz nennt beides — was passiert ist und was Selin will. Der zweite behauptet, was in Jonas vorgeht, das kann sie nicht wissen. Der dritte sagt ihr Gefühl, aber Jonas weiß danach nicht, was er tun soll.
Multiple Choice #2 20s ▶ Testen

Karla dreht am Gruppentisch die Musik so laut, dass Ilias nicht rechnen kann. Welchen Satz sagt Ilias am besten?

  • ● „Die Musik ist so laut, dass ich mich nicht konzentrieren kann. Machst du sie leiser?"
  • ○ „Musst du eigentlich immer stören, wenn andere was machen wollen?"
  • ○ „Ich finde deine Musik sowieso doof, die hört doch sonst keiner."
Nur ein Satz nennt die Lautstärke und die Bitte. Die anderen greifen Karla an — und wer angegriffen wird, macht selten leiser.
Wahr / Falsch #3 15s ▶ Testen

Marek sagt zu Jakob — „Du hast mir den Ball weggetreten. Ich will ihn zurück." In diesem Satz steht, was passiert ist und was Marek will.

✓ Wahr
Ja — der weggetretene Ball ist beobachtbar, und der Wunsch steht dahinter. Mehr braucht der Satz nicht, und mehr soll er auch nicht haben.
Wahr / Falsch #4 15s ▶ Testen

Deniz sagt zu Sophie — „Du hast meinen Turm umgeworfen. Ich will, dass du hilfst, ihn wieder aufzubauen." In diesem Satz steht, was passiert ist und was Deniz will.

✓ Wahr
Ja — der umgeworfene Turm ist der Vorgang, das Mithelfen ist der Wunsch. Sophie weiß danach genau, was sie tun kann.
Mittel
Multiple Choice #1 20s ▶ Testen

Emre stellt beim Gruppentisch seinen Rucksack auf Klaras Platz. Welchen Satz sagt Klara am besten?

  • ● „Dein Rucksack steht auf meinem Platz. Stellst du ihn woanders hin?"
  • ○ „Immer machst du dich so breit."
  • ○ „Frau Öztürk, Emre nimmt mir den Platz weg!"
Der Rucksack auf dem Platz ist beobachtbar, „immer machst du dich breit" ist eine Behauptung über Emre. Und wegstellen kann den Rucksack nur Emre selbst — deshalb geht der Satz zuerst an ihn. Wenn dir jemand wehtut oder nicht aufhört, holst du natürlich trotzdem eine erwachsene Person dazu.
Multiple Choice #2 20s ▶ Testen

Greta hat Tobias' Zeichnung mit Wasser bekleckert. Welchen Satz sagt Tobias am besten?

  • ● „Auf meiner Zeichnung sind jetzt Wasserflecken. Ich will ein neues Blatt."
  • ○ „Du bist so unvorsichtig, bei dir geht ständig irgendwas daneben."
  • ○ „Das ist voll gemein von dir, das hast du bestimmt extra gemacht."
Wasserflecken kann man sehen — „unvorsichtig" und „gemein" sind Urteile über Greta. Und nur der erste Satz sagt, was Tobias jetzt möchte.
Multiple Choice #3 20s ▶ Testen

Milan hat Dilara beim Fangen fest am Arm gezogen. Welchen Satz sagt Dilara am besten?

  • ● „Du hast mich am Arm gezogen. Ich will, dass du das lässt."
  • ○ „Du wolltest mir wehtun, das sieht man dir doch an."
  • ○ „Mir tut der Arm weh, richtig doll sogar."
„Du wolltest mir wehtun" behauptet Milans Absicht, und die kennt Dilara nicht. „Mir tut der Arm weh" stimmt, sagt aber nicht, was jetzt aufhören soll.
Multiple Choice #4 22s ▶ Testen

Levi macht bei der Gruppenarbeit seinen Teil nicht, Fatima wartet seit zwei Tagen. Welchen Satz sagt Fatima am besten?

  • ● „Dein Teil fehlt noch. Ich brauche ihn bis morgen früh."
  • ○ „Auf dich ist echt überhaupt kein Verlass, das war schon immer so."
  • ○ „Ich bin so gestresst wegen dem Plakat."
„Kein Verlass" ist ein Urteil über Levi als Person, nicht über den fehlenden Teil. Und Stress zu erwähnen ist wahr, aber Levi weiß danach immer noch nicht, bis wann er liefern soll.
Multiple Choice #5 22s ▶ Testen

Sena hat Antons Geheimnis weitererzählt. Welchen Satz sagt Anton am besten?

  • ● „Du hast es Nele erzählt. Ich will, dass du es niemandem mehr sagst."
  • ○ „Du bist die schlechteste Freundin überhaupt."
  • ○ „Ich rede nie wieder mit dir."
Der erste Satz nennt genau, was passiert ist, und was jetzt gelten soll. Die anderen beiden sind Strafen — danach weiß Sena, dass Anton wütend ist, aber nicht, was sie tun oder lassen soll.
Multiple Choice #6 22s ▶ Testen

Moritz nimmt Hanna im Bus den Sitzplatz weg, den sie belegt hatte. Welchen Satz sagt Hanna am besten?

  • ● „Da liegt meine Jacke, der Platz ist meiner. Ich will mich hinsetzen."
  • ○ „Ey, spinnst du eigentlich, sowas macht man doch nicht."
  • ○ „Ich sag das meinem Bruder, der ist schon in der Neunten."
Die Jacke ist der beobachtbare Beweis, und danach kommt Hannas Wunsch. Die Drohung mit dem Bruder verschiebt die Sache auf später, statt sie jetzt zu klären.
Wahr / Falsch #7 18s ▶ Testen

Timo sagt zu Amina — „Ich bin richtig enttäuscht." In diesem Satz steht, was passiert ist und was Timo will.

✓ Falsch
Nein — Timo nennt sein Gefühl, und das ist ehrlich, aber Amina erfährt weder, worum es geht, noch was sie ändern soll. Ein Gefühl allein ist kein Zug im Streit.
Wahr / Falsch #8 20s ▶ Testen

Ayla geht zu Herrn Wagner und sagt — „Nuri hat mich beim Sport ausgelacht." Damit hat Ayla Nuri gesagt, was passiert ist und was sie will.

✓ Falsch
Nein — sie hat es Herrn Wagner gesagt, nicht Nuri. Wenn Nuri etwas ändern soll, muss der Satz bei Nuri ankommen. Zu Herrn Wagner zu gehen war trotzdem richtig: bei etwas, das wehtut oder nicht aufhört, holt man immer eine erwachsene Person dazu.
Schwer
Multiple Choice #1 22s ▶ Testen

Nuri redet Ayla beim Vorlesen dreimal dazwischen. Welchen Satz sagt Ayla am besten?

  • ● „Du hast mich dreimal unterbrochen. Ich will den Absatz zu Ende lesen."
  • ○ „Ich fühle mich, als ob du mich nicht ernst nimmst."
  • ○ „Kannst du nicht mal ruhig sein?"
Der zweite Satz fängt mit „Ich fühle mich" an, ist aber trotzdem ein Vorwurf — das Wort „Ich" macht aus einer Unterstellung keine Beobachtung. Der dritte sagt weder, was passiert ist, noch was Ayla will; er hält Nuri nur etwas vor.
Wahr / Falsch #2 20s ▶ Testen

Nele sagt zu Bruno — „Ich fühle mich von dir immer übergangen." In diesem Satz steht, was passiert ist und was Nele will.

✓ Falsch
Nein — „immer übergangen" ist Neles Deutung, kein Vorgang, den Bruno nachschauen könnte, und ein Wunsch steht auch nicht drin. Der Satz beginnt mit „Ich", ist aber trotzdem ein Vorwurf.
Wahr / Falsch #3 20s ▶ Testen

Klara sagt zu Levi — „Du hast das Buch nicht zurückgebracht, aber du bist eh unzuverlässig." In diesem Satz steht, was passiert ist und was Klara will.

✓ Falsch
Der erste Teil ist beobachtbar, der zweite ist ein Urteil über Levi als Person — und ein Wunsch fehlt ganz. Das Angehängte macht den guten ersten Teil kaputt.