Naturrecht und Rechtspositivismus
Natural Law and Legal Positivism
Die Lernenden prüfen Max Hubers Satz „Ein ungerechtes Gesetz gilt nicht“ an zwei Antworten auf die Frage, warum ein Gesetz bindet: Für den Rechtspositivismus (Kelsen, Hart) gilt, was das zuständige Organ im vorgeschriebenen Verfahren erlassen hat; für das Naturrecht gilt ein Gesetz nicht, das grundlegende Menschenrechte verletzt. Am Denkmalschutzgesetz kommen beide zum selben Ergebnis, an der NS-Verordnung von 1938 nicht. Das Grundgesetz nimmt beide auf (Art. 1, 20 III, 79 III). Verdrängt werden beide Laiensätze. Ziel: die Radbruchsche Formel in Kurs 12.
Gesetz ist Gesetz?
„Ein ungerechtes Gesetz gilt nicht“, sagt Max. Der Landrat, der den Bescheid unterschrieben hat, antwortet knapp: „Gesetz ist Gesetz.“ Beide Sätze sind alte Antworten auf eine Frage, die Juristen seit Jahrhunderten stellen: Warum bindet ein Gesetz überhaupt?
Die erste Antwort heiĂźt
Die zweite Antwort ist das
Wo die beiden auseinandergehen, zeigt ein Gesetz aus Max’ Bereich, dem Eigentum. Die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 erlaubte es den Behörden, jüdischen Eigentümern den Verkauf ihrer Betriebe und Grundstücke anzuordnen. Erlassen hatte sie das damals zuständige Organ, sie war in Kraft. Prüfe sie und drei andere Regeln in der Figur nach beiden Lehren.
Beim Bayerischen Denkmalschutzgesetz kommen beide Lehren zum selben Ergebnis: Es wurde vom Landtag ordnungsgemäß beschlossen, und die Pflicht, eine alte Scheune zu erhalten, nimmt niemandem ein grundlegendes Recht. Max’ Satz scheitert also an beiden Lehren. Sein Gesetz ist ihm lästig, aber nicht in dem Sinn ungerecht, den das Naturrecht meint.
Das Grundgesetz nimmt beide auf
Nach 1945 hat das Grundgesetz eine Antwort gegeben, die beide Lehren verbindet. Es ist selbst erlassenes, positives Recht – und schreibt zugleich hinein, was über dem einfachen Gesetz stehen soll:
„Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“
— Art. 1 Abs. 2 GG
Verwaltung und Gerichte sind „an Gesetz und Recht gebunden“ (Art. 20 Abs. 3 GG) – nicht an das Gesetz allein. Einen Kern darf nicht einmal eine Verfassungsänderung mit Zweidrittelmehrheit antasten: die Gliederung des Bundes in Länder und die Grundsätze der Art. 1 und 20 – Menschenwürde, Republik, Demokratie, Bundesstaat, Rechtsstaat, Sozialstaat. Das ist die sogenannte Ewigkeitsklausel des Art. 79 Abs. 3 GG; sie bindet den, der das Grundgesetz ändert. Über das einfache Gesetz wacht etwas anderes: Verstößt es gegen irgendeine Norm des Grundgesetzes, muss es niemand auf eigene Faust für ungültig erklären – das Bundesverfassungsgericht kann es für nichtig erklären (Art. 93 Abs. 1 Nr. 2, Art. 100 Abs. 1 GG).
Für Max heißt das: Das Denkmalschutzgesetz gilt, nach jeder der beiden Lehren und nach dem Grundgesetz. Was ihm bleibt, ist eine andere Frage – ob das Landratsamt das Gesetz in seinem Fall richtig angewandt hat. Wer prüft das, und nach welchen Regeln?
Ermöglicht (1)
Welche Aussage vertritt den Rechtspositivismus?
Der Stadtrat beschließt ordnungsgemäß eine höhere Hundesteuer. Ein Rechtspositivist hält die Satzung für ungültig, weil er sie ungerecht findet.
Welche Aussage vertritt das Naturrecht?
Nach dem Naturrecht darf Max das Denkmalschutzgesetz missachten, weil er es für ungerecht hält.
Welche Regel des Grundgesetzes kann auch eine Zweidrittelmehrheit nicht ändern?
Mit Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat könnte man Art. 1 GG aus dem Grundgesetz streichen.
Nach dem Rechtspositivismus ist Recht, was das zuständige ___ im vorgeschriebenen Verfahren erlassen hat.
Nach dem Naturrecht folgt das Recht, das ĂĽber jedem Gesetz steht, aus der Natur oder der ___ des Menschen.
In welchem Artikel des Grundgesetzes steht, dass die Grundsätze der Art. 1 und 20 nicht geändert werden dürfen?
Nach Art. 20 Abs. 3 GG sind vollziehende Gewalt und Rechtsprechung „an Gesetz und ___ gebunden“.
Ein Bundesgesetz wird verkündet, obwohl der Bundesrat ihm nicht zugestimmt hat – und das Grundgesetz verlangt diese Zustimmung. Was sagt ein Rechtspositivist?
Ein Staat beschließt in vorgeschriebenem Verfahren ein Gesetz, das allen Kritikern der Regierung das Wahlrecht und ihr Vermögen nimmt. Wie urteilen die beiden Lehren?
Bundestag und Bundesrat beschließen mit Zweidrittelmehrheit, das Grundgesetz so zu ändern, dass Folter in Verhören erlaubt ist. Was gilt?
Forumsbeitrag von Tobias (20): „Unsere Stadt hat eine Baumschutzverordnung: Ich darf die große Linde in meinem eigenen Garten nicht ohne Genehmigung fällen. Das ist ungerecht – und ein ungerechtes Gesetz muss man nicht befolgen. Ich säge sie am Wochenende um.“ Antworte Tobias in fünf bis sieben Sätzen: Gilt die Verordnung nach dem Rechtspositivismus und nach dem Naturrecht, und was kann er stattdessen tun?
Erörtere in sechs bis acht Sätzen: Soll ein Gesetz nur dann gelten, wenn es gerecht ist? Ziehe Rechtspositivismus und Naturrecht heran und schließe mit einem Fazit, das aus deinen Argumenten folgt.