Die Radbruchsche Formel (eA)

The Radbruch Formula (eA)

Wirtschaft und Recht Klasse 13 13 Aufgaben
RechtGerechtigkeitVerfassung

Die Lernenden prĂŒfen Tariks Brief an das Gericht – „§ 265a ist ungerecht, also gilt er fĂŒr mich nicht“ – an der Radbruchschen Formel von 1946: Das positive Gesetz hat Vorrang, auch wenn es ungerecht ist, außer sein Widerspruch zur Gerechtigkeit erreicht ein unertrĂ€gliches Maß. Sie setzen die Formel neben Rechtspositivismus und Naturrecht aus Kurs 6 und sehen sie im MauerschĂŒtzen-Urteil des BGH (1992) an einem Rechtfertigungsgrund wirken. VerdrĂ€ngt werden „ein ungerechtes Gesetz gilt nicht“ und „gerecht ist, was im Gesetz steht“. Ziel: die Erörterungen in Kurs 13.

Ein ungerechtes Gesetz?

Tarik schreibt dem Gericht: „§ 265a ist ungerecht. Er trifft die, die sich kein Ticket leisten können, und bringt Menschen ins GefĂ€ngnis, weil sie eine Fahrkarte nicht bezahlt haben. Ein ungerechtes Gesetz gilt nicht.“ Kurs 6 hat zwei Antworten auf die Frage gezeigt, warum ein Gesetz bindet. FĂŒr den Rechtspositivismus gilt, was das zustĂ€ndige Organ im vorgeschriebenen Verfahren erlassen hat; ob es gerecht ist, ist eine zweite Frage. FĂŒr das Naturrecht ist ein Gesetz, das die WĂŒrde und die grundlegenden Rechte des Menschen grob verletzt, kein Recht. Tariks Satz geht weiter als beide: Ihm genĂŒgt, dass er ein Gesetz fĂŒr ungerecht hĂ€lt.

Gustav Radbruch, Rechtsphilosoph und in der Weimarer Republik Reichsjustizminister, hat 1946, nach den Erfahrungen mit dem NS-Staat, eine Formel zwischen den beiden Lehren vorgeschlagen: „Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dĂŒrfte dahin zu lösen sein, daß das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmĂ€ĂŸig ist, es sei denn, daß der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit ein so unertrĂ€gliches Maß erreicht, daß das Gesetz als ‚unrichtiges Recht‘ der Gerechtigkeit zu weichen hat.“

Ungerecht oder unertrÀglich

Die Formel hat zwei Schwellen. Ein Gesetz, das ungerecht oder unklug ist, gilt trotzdem, um der Rechtssicherheit willen: DĂŒrfte jeder ein Gesetz beiseitelegen, das er fĂŒr ungerecht hĂ€lt, bĂ€nde keines mehr. Erst ein unertrĂ€glicher Widerspruch zur Gerechtigkeit lĂ€sst es weichen. § 265a ist ordnungsgemĂ€ĂŸ erlassen, in Kraft, vom Bundestag 2026 erneut beraten und beibehalten. Man kann ihn fĂŒr ungerecht halten; unertrĂ€glich ist er nicht. Nach Radbruch gilt er, auch fĂŒr Tarik. Vergleiche die beiden SĂ€tze in der Figur.

PrĂŒfe jede Regel an beiden SĂ€tzen: Welche Zeile entscheidet, ob § 265a gilt – und welche beim Grenzgesetz der DDR?

Radbruch hat eine zweite Formel daneben gestellt, die man Verleugnungsformel nennt: „wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur ‚unrichtiges Recht‘, vielmehr entbehrt es ĂŒberhaupt der Rechtsnatur.“ Die Verordnung von 1938 aus Kurs 6, nach der jĂŒdischen EigentĂŒmern der Verkauf ihrer Betriebe und GrundstĂŒcke befohlen werden konnte, ist ein solches Gesetz.

Die MauerschĂŒtzen

Angewendet haben die Gerichte die Formel auf das Unrecht eines zweiten Staates. 1984 erschossen zwei Grenzsoldaten der DDR an der Berliner Mauer einen Mann, der in den Westen fliehen wollte. Sie beriefen sich auf § 27 des Grenzgesetzes der DDR, der den Schusswaffengebrauch erlaubte und nach der Staatspraxis auch tödliche SchĂŒsse rechtfertigte, um eine Flucht zu verhindern. Das ist ein Rechtfertigungsgrund, und er wirkt dort, wo du ihn aus der PrĂŒfung kennst: auf der Stufe der Rechtswidrigkeit. Der BGH hat ihn 1992 fĂŒr unbeachtlich erklĂ€rt, weil er offensichtlich und unertrĂ€glich gegen Gerechtigkeit und Menschenrechte verstieß; die Tat war rechtswidrig (BGHSt 39, 1).

Die Soldaten beriefen sich auf Art. 103 Abs. 2 GG: „Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde.“ Das Bundesverfassungsgericht hielt 1996 dagegen, dieses strikte RĂŒckwirkungsverbot schĂŒtze nicht, wer sich auf einen Rechtfertigungsgrund beruft, mit dem ein Staat schwerstes Unrecht deckte (BVerfGE 95, 96).

Die Formel lĂ€sst Tariks Brief also ins Leere laufen. Sein Weg fĂŒhrt nicht ĂŒber das Gericht, sondern ĂŒber die Politik – und der Bundestag hat ihn 2026 vorerst anders entschieden. Ob die Grenze richtig gezogen ist, bleibt umstritten: Der Rechtspositivist H. L. A. Hart hielt es 1958 fĂŒr ehrlicher, solches Unrecht durch ein offen rĂŒckwirkendes Gesetz zu bestrafen, statt einem Gesetz nachtrĂ€glich die Rechtsnatur abzusprechen. Wer soll entscheiden, was unertrĂ€glich ist – und wĂ€re dir eine Gerichtsentscheidung oder ein neues Gesetz lieber?

Leicht
Multiple Choice #1 25s ▶ Testen

Tarik: „Ein ungerechtes Gesetz gilt nicht.“ Was antwortet die Radbruchsche Formel fĂŒr § 265a?

  • ○ Er gilt nicht, wenn Tarik ihn fĂŒr ungerecht hĂ€lt
  • ● Er gilt – ungerecht genĂŒgt nicht, erst unertrĂ€gliches Unrecht lĂ€sst ihn weichen
  • ○ Er gilt, weil jedes ordnungsgemĂ€ĂŸ erlassene Gesetz immer gilt
Radbruch gibt der Rechtssicherheit Vorrang, auch vor ungerechtem Recht – bis zur Schwelle des UnertrĂ€glichen. Der zweite Distraktor ist der strikte Positivismus, der gar keine Schwelle kennt. Stand 2026.
Wahr / Falsch #2 15s ▶ Testen

Nach der Radbruchschen Formel hat das positive Recht auch dann Vorrang, wenn es inhaltlich ungerecht ist – bis zu einer Grenze.

✓ Wahr
Richtig. Die Grenze ist ein „so unertrĂ€gliches Maß“ des Widerspruchs zur Gerechtigkeit, dass das Gesetz als „unrichtiges Recht“ weichen muss. Stand 2026.
Multiple Choice #3 25s ▶ Testen

Welche Regel fÀllt unter Radbruchs Verleugnungsformel?

  • ● Eine Verordnung, nach der jĂŒdische EigentĂŒmer ihre Betriebe verkaufen mĂŒssen
  • ○ Eine Satzung, die die Hundesteuer stark erhöht
  • ○ Ein Gesetz, das das Fahren ohne Fahrschein bestraft
Die Verordnung von 1938 behandelt Menschen wegen ihrer Herkunft ungleich – die Gleichheit wird bewusst verleugnet, das Gesetz entbehrt der Rechtsnatur. Die beiden anderen Regeln mögen umstritten sein, verleugnen die Gleichheit aber nicht. Stand 2026.
Wahr / Falsch #4 15s ▶ Testen

Nach der Verleugnungsformel ist ein Gesetz, das die Gleichheit der Menschen bewusst verleugnet, ĂŒberhaupt kein Recht.

✓ Wahr
Richtig. Es ist dann „nicht etwa nur ‚unrichtiges Recht‘“, sondern „entbehrt 
 ĂŒberhaupt der Rechtsnatur“ (Radbruch 1946). Stand 2026.
Multiple Choice #5 25s ▶ Testen

Auf welcher Stufe der PrĂŒfung wirkte die Radbruchsche Formel im MauerschĂŒtzen-Urteil des BGH?

  • ● Rechtswidrigkeit – der Rechtfertigungsgrund des Grenzgesetzes blieb unbeachtlich
  • ○ Schuld – die Soldaten waren entschuldigt
  • ○ Objektiver Tatbestand – die SchĂŒsse galten nicht als Handlung
§ 27 des Grenzgesetzes wĂ€re ein Rechtfertigungsgrund gewesen. Der BGH erklĂ€rte ihn, so wie die DDR ihn verstand, fĂŒr unbeachtlich; die Tötung war rechtswidrig (BGHSt 39, 1). Stand 2026.
Wahr / Falsch #6 15s ▶ Testen

Das Bundesverfassungsgericht sah in der Verurteilung der MauerschĂŒtzen einen Verstoß gegen das RĂŒckwirkungsverbot des Art. 103 Abs. 2 GG.

✓ Falsch
Falsch. Das BVerfG billigte die Verurteilung 1996 (BVerfGE 95, 96): Das strikte RĂŒckwirkungsverbot schĂŒtzt nicht, wer sich auf einen Rechtfertigungsgrund beruft, mit dem ein Staat schwerstes Unrecht deckte. Stand 2026.
Mittel
LĂŒckentext #1 20s ▶ Testen

Nach Radbruch muss ein Gesetz erst weichen, wenn sein Widerspruch zur Gerechtigkeit ein ___ Maß erreicht.

✓ Antwort: unertrĂ€gliches
UnertrĂ€gliches Maß – die UnertrĂ€glichkeitsformel (1946). Sie steht in keinem Gesetz; Gerichte haben sie ĂŒbernommen. Stand 2026.
LĂŒckentext #2 20s ▶ Testen

Den Kern der Gerechtigkeit nennt Radbruch die ___.

✓ Antwort: Gleichheit
Die Gleichheit: Wo sie bei der Setzung eines Gesetzes bewusst verleugnet wird, ist es kein Recht. Stand 2026.
LĂŒckentext #3 20s ▶ Testen

Art. 103 Abs. 2 GG verbietet, eine Tat zu bestrafen, die zur Tatzeit nicht strafbar war: das ___verbot.

✓ Antwort: RĂŒckwirkungs
RĂŒckwirkungsverbot („nulla poena sine lege“). Das Wort steht nicht im Grundgesetz; Art. 103 Abs. 2 und § 1 StGB formulieren die Regel. Stand 2026.
Schwer
Multiple Choice #1 35s ▶ Testen

Eine Stadt erhöht per Satzung die Steuer fĂŒr bestimmte Hunderassen auf das Zehnfache. Eine Halterin findet das zutiefst ungerecht. Was gilt nach der Radbruchschen Formel?

  • ○ Die Satzung gilt nicht – Steuern sind kein Recht
  • ● Die Satzung gilt – vielleicht ungerecht, aber nicht unertrĂ€glich
  • ○ Die Satzung gilt nicht – sie ist ungerecht
Eine hohe Steuer kann man fĂŒr falsch halten und politisch oder vor dem Verwaltungsgericht bekĂ€mpfen. Die WĂŒrde oder Gleichheit von Menschen verleugnet sie nicht; die Schwelle des UnertrĂ€glichen ist weit entfernt. Stand 2026.
Multiple Choice #2 40s ▶ Testen

Ein Staat erlĂ€sst im vorgeschriebenen Verfahren ein Gesetz, nach dem Angehörige einer bestimmten Religion kein Land besitzen dĂŒrfen. Was folgt nach Radbruchs Verleugnungsformel?

  • ● Es ist kein Recht – die Gleichheit wird bewusst verleugnet
  • ○ Es ist Recht – es wurde ordnungsgemĂ€ĂŸ erlassen
  • ○ Es ist Recht, aber ungerecht – es gilt, bis es aufgehoben wird
Wer Menschen wegen ihrer Religion vom Eigentum ausschließt, verleugnet die Gleichheit bewusst. Nach der Verleugnungsformel entbehrt ein solches Gesetz der Rechtsnatur – auf das ordnungsgemĂ€ĂŸe Verfahren kommt es nicht an. Stand 2026.
Multiple Choice #3 40s ▶ Testen

In einem Unrechtsstaat erlaubt ein Gesetz der Polizei, auf Demonstrierende zu schießen, die eine Absperrung ĂŒberqueren. Nach einem Regimewechsel wird ein Polizist angeklagt, der so getötet hat. Was folgt nach dem MauerschĂŒtzen-Urteil?

  • ● Der Rechtfertigungsgrund ist unbeachtlich; die Tat war rechtswidrig
  • ○ Er ist gerechtfertigt – das Gesetz galt damals
  • ○ Er ist nicht strafbar – Art. 103 Abs. 2 GG schĂŒtzt ihn ausnahmslos
Ein Gesetz, das das Töten Wehrloser fĂŒr das Überqueren einer Absperrung erlaubt, widerspricht der Gerechtigkeit in unertrĂ€glichem Maß; der Rechtfertigungsgrund weicht. Ob der Polizist schuldhaft handelte, wird danach eigens geprĂŒft. Stand 2026.
KI-bewertete Frage #4 480s ▶ Testen

Tarik schreibt dem Gericht: „§ 265a ist ungerecht. Ein ungerechtes Gesetz gilt nicht.“ Erörtere (acht bis zwölf SĂ€tze), ob er damit Erfolg haben kann. Stelle Rechtspositivismus und Naturrecht kurz dar, wende die Radbruchsche Formel auf § 265a an und schließe mit einem eigenen, begrĂŒndeten Urteil.

✓ Antwort: Nach dem Rechtspositivismus gilt § 265a, weil der Bundestag ihn im vorgeschriebenen Verfahren erlassen hat und er in Kraft ist; ob er gerecht ist, ist eine zweite, politische Frage. Nach dem Naturrecht gilt ein Gesetz nicht, das die WĂŒrde und die grundlegenden Rechte des Menschen grob verletzt. Die Radbruchsche Formel vermittelt: Das positive Gesetz hat Vorrang, auch wenn es ungerecht ist, außer sein Widerspruch zur Gerechtigkeit erreicht ein unertrĂ€gliches Maß. FĂŒr § 265a lĂ€sst sich anfĂŒhren, dass er vor allem Arme trifft und zu Ersatzfreiheitsstrafen fĂŒhrt. Er bestraft aber ein Verhalten, das Leistungen anderer ohne Gegenleistung in Anspruch nimmt, mit einer Strafe, die nach dem Einkommen bemessen wird; er verleugnet weder die WĂŒrde noch die Gleichheit von Menschen. UnertrĂ€glich ist er nicht. Nach Radbruch gilt er also, und das Gericht ist an ihn gebunden. Ich halte das fĂŒr richtig: DĂŒrfte jeder Gesetze missachten, die er fĂŒr ungerecht hĂ€lt, gĂ€be es keine Rechtssicherheit; Tariks Weg ist die Politik, wie die Debatte im Bundestag 2026 zeigt.
Positivismus, Naturrecht, Radbruchsche Formel mit der Schwelle des UnertrĂ€glichen, angewandt auf § 265a; eigenes, begrĂŒndetes Urteil. Stand 2026.