Woran wir Fortschritt erkennen

8 Minuten · 3 Abschnitte

Fortschritt ohne Noten – woran erkennt man ihn?

Im Fido-Curriculum gibt es keine Noten im üblichen Sinn: keine Drei in Mathe, keinen Notendurchschnitt, kein Zeugnis voller Ziffern. Da liegt eine Sorge nahe: Woher wissen wir dann, dass etwas gelernt ist? Die Antwort ist nicht „weniger Prüfung“, sondern mehr Belege: mehrere unabhängige Signale, über Wochen gesammelt, statt einer Klausur an einem Vormittag.

Als durchgehendes Beispiel dient eine Fertigkeit, die jede Familie kennt: das Radfahren. Im Lehrplan ist das der erste Abschnitt Cy1, vom Verkehrsregel-Quiz bis zur RadfahrprĂĽfung der Jugendverkehrsschule.

Ein Kind mit Helm hat gerade die Radfahrprüfung bestanden und strahlt; eine Erwachsene kniet daneben und reicht ihm ein kleines Stoffabzeichen – ohne Zahlen

Vier Signale, ein Ăśbergang

Wie wird eine Stufe vergeben, also ein verbindlicher Lernabschnitt eines Fachs wie Cy1? Nicht durch eine einzelne Prüfung an einem einzelnen Tag. Ein Übergang gilt erst, wenn vier unabhängige Signale dasselbe sagen.

Das erste ist der Befund der Mastery-Engine, unserer adaptiven Übungssoftware: mindestens 90 Prozent in allen Themen der Stufe, die sich dort üben lassen, und stabiles Behalten über Wochen. Das zweite ist das Lernbegleiter-Urteil. Die Lernbegleitung beobachtet, ob das Kind im freien Gespräch auf dem Niveau ist, das die Engine meldet. Das dritte ist ein Artefakt, etwas selbst Hervorgebrachtes: ein Beweis, ein Aufsatz, eine Fahrt. Das vierte ist, wo es sie gibt, eine externe Eichung: ein Maßstab von außerhalb der Schule, etwa eine Prüfung, die eine andere Stelle abnimmt.

Warum dieser Aufwand? Die Vergabe einer Stufe ist eine Bestätigung und keine Hürde. Sie hält fest, dass das Kind schon seit einiger Zeit auf dem neuen Niveau arbeitet. Eine einzelne Prüfung kann täuschen: ein guter Tag, ein auswendig gelernter Trick. Vier unabhängige Signale, über Wochen gesammelt, führen viel seltener alle zugleich in die Irre. Maßgeblich ist dabei das schwächste Signal: Meldet die Software schon die nächste Stufe, das Artefakt aber noch nicht, bleibt das Kind auf seiner Stufe.

Schalte mit + ein Signal nach dem anderen dazu. Erst wenn alle vier zusammenlaufen, zeigt sich rechts das Stufen-Abzeichen.

Drei der Signale entstehen in der Schule. Die externe Eichung ist deshalb die wichtigste Gegenprobe: Über sie entscheidet jemand, der nicht zur Schule gehört. Wo die Signale sich widersprechen, ist genau das die Information. Sieht die Lernbegleitung das Kind weiter als die Engine, legt sie damit keinen Einspruch ein. Sie hat eine Frage für den Unterricht: Warum weichen die beiden voneinander ab?

Beim Radfahren sieht das so aus: Die Ăśbungssoftware zeigt das Verkehrsregel-Quiz als gemeistert (Mastery-Engine). Die Lernbegleitung hat den Schulterblick mehrfach unaufgefordert gesehen (Lernbegleiter-Urteil). Die Fahrt selbst ist das vorgefĂĽhrte Artefakt: anfahren, Spur halten, Handzeichen geben, anhalten. Und die RadfahrprĂĽfung der Jugendverkehrsschule, abgenommen von der Polizei, ist die externe Eichung.

Alle vier Signale zählen immer, aber nicht überall in derselben Form. Wo es keine externe Prüfung gibt, tritt an ihre Stelle eine Präsentation vor einer Jury aus Lernbegleiter:innen, wo es passt mit einer Gutachter:in von außen. Bei manchen Fertigkeiten wiegt das Lernbegleiter-Urteil schwerer als der Befund der Engine. Der Lehrplan legt darum für jede Stufe fest, welche Form die vier Signale dort annehmen. Das ist im Explorer nachlesbar und am Tag der Vergabe nicht verhandelbar.

Zwischen zwei Übergängen liegen in vielen Fächern ein bis zwei Schuljahre; Cy1 umfasst die ganze Grundschulzeit. Für den Weg dorthin ist eine Stufe zu grob. Woran sieht ein Kind in dieser Zeit, wie weit es schon ist?

Meilensteine und Check-Charts

Dafür gibt es den Meilenstein: ein benanntes Können, für das es am Ende ein Abzeichen gibt. Er ist feiner als eine Stufe, und eine Stufe kann mehrere Meilensteine enthalten. Zu jedem gehört eine Checkliste, die für jedes Kind einzeln geführt wird, das Check-Chart. Es beantwortet die Frage, die in jedem Elterngespräch früher oder später kommt: Woran erkennt man, dass ein Kind etwas gelernt hat, und wie nah ist meines dran?

Die Einträge eines Check-Charts kippen nicht bloß von „offen“ auf „erledigt“. Jeder Eintrag zeigt seinen aktuell beobachteten Stand, von „in Entwicklung“ über „sicher“ bis „flüssig“. So hat ihn die Lernbegleitung zuletzt gesehen. Kind und Lernbegleitung sehen damit auf einen Blick, welche Einträge noch fehlen, und nicht nur, dass etwas fehlt.

Das Cy1-Check-Chart mit allen neun Häkchen: So sieht es aus, wenn ein Kind bereit für die Radfahrprüfung ist.

Das erste ausgearbeitete Beispiel ist der Cy1-Meilenstein „Radfahrprüfung-bereit“. Er hat neun Einträge in drei Gruppen: Rad beherrschen (Gleiten, Anfahren, Bremsen, Geradeausfahren), Manövrieren (Kurvenfahren, Langsamfahren) und Verkehr (Einhändigfahren, Schulterblick, Handzeichen). Verliehen wird er erst, wenn die festgelegten Einträge ihren Zielstand erreicht haben, das Verkehrsregel-Quiz gemeistert ist und die Radfahrprüfung bestanden ist. Die bestandene Prüfung trägt die Lernbegleitung ein.

Check-Charts hängen nicht an der Wand. Sie stehen im Portfolio des Kindes, einsehbar für das Kind selbst, seine Eltern und die Lernbegleitung. Eine Rangliste entsteht daraus nie, und als Vergleichsmaterial dient keines davon.

Ein Meilenstein wird nie benotet und nie auf einen Termin gelegt. Fest steht, was ein Kind können muss; wie lange es bis dorthin braucht, bleibt offen. Bei dem einen Kind dauert es ein Halbjahr, beim anderen zwei Jahre. Verliehen wird er beide Male für dasselbe Können, mit Datum. Wie viele Stufen aber hat ein Fach, und wo hört die Pflicht auf?

Zwei Schwellen: Abitur und Alltag

Die Stufenfolge jedes Fachs endet nach einer von zwei Regeln. Abiturfächer führen ihre Pflicht bis zum vollen Abitur-Umfang. Dazu gehört alles, was das bayerische Abitur prüft: Mathematik, Deutsch, die Fremdsprachen, die Naturwissenschaften, Geschichte, Sozialkunde und Wirtschaft, Kunst, Musik, Sport, Informatik sowie Religion oder Ethik. Alle übrigen Fächer, etwa Kochen, Finanzen, Handwerk und Radfahren, reichen so weit, wie ein selbstständiges, selbstbestimmtes Erwachsenenleben sie braucht.

Die beiden Regeln ergeben Wege verschiedener Länge: In Mathematik führen fünf Stufen bis zur Abitur-Schwelle, im Radfahren drei bis zum Alltag. Nicht alle Fächer führen gleich weit, und das sollen sie auch nicht. Entscheidend ist, dass jede Schwelle ausdrücklich benannt ist. Für jedes Fach lässt sich nachlesen, was „im Pflichtbereich fertig“ konkret heißt.

Tippe auf einen der beiden Fachnamen: In Mathematik endet die Pflicht an der Abitur-Schwelle, im Radfahren früher, an der Schwelle des selbstständigen Alltags. Jenseits beider Schwellen deuten gestrichelte Wege die freiwilligen Vertiefungen an.

Wo es geht, sind die Stufen von außen geeicht, also an einem Maßstab festgemacht, den eine andere Stelle setzt: die Polizei mit der Radfahrprüfung, die DLRG mit ihren Schwimmabzeichen, der DOSB mit dem Sportabzeichen, der Europarat mit den Niveaus des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Für die erste Fremdsprache ist das Niveau B2 die Abitur-Schwelle. Jenseits der Schwelle beginnen die Vertiefungen: freiwillige Wege nach Wahl des Kindes, keine Pflicht mehr.

Bei manchen Fächern entscheidet die Wahl des Kindes, welche Regel gilt. Werken und Gestalten reicht in der Regel bis zum Alltag. Wer es als Abiturfach belegt, setzt die Schwelle für sich auf Abitur-Niveau. Darum steht die Schwelle im Lehrplan-Explorer bei jedem Fach offen dabei: „Schwelle: Abitur“ oder „Schwelle: selbstständiger Alltag“. So ist nachlesbar, wie weit die Pflicht reicht und ab wo das Kind selbst entscheidet, wie tief es graben will.

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Konzepte

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