Wer tut was? — Endungen statt Wortstellung
Zwei lateinische Sätze. Dieselben drei Wörter, nur in anderer Reihenfolge:
Puella canem videt.
Canem puella videt.
Einer von beiden heißt „Das Mädchen sieht den Hund.“ Welcher? Wer Deutsch liest, entscheidet nach der Reihenfolge: Das erste Wort ist der, der etwas tut. Also der erste Satz — und im zweiten sieht der Hund das Mädchen. Das ist die Antwort, die fast jeder gibt, der Latein noch nicht kennt. Und sie ist falsch. Warum sie falsch ist, ist der ganze Trick dieser Sprache.
Am Ende dieses Artikels liest du einen lateinischen Satz an seinen Endungen, nicht an seiner Reihenfolge.
Die Endung sagt, wer
Fang nicht mit dem Satz an, sondern mit einem einzigen Wort: amo. Es heißt „ich liebe“. Nicht „liebe“ — „ich liebe“. Das „ich“ steckt schon drin, und zwar im letzten Buchstaben. Im Deutschen sagst du „ich liebe, du liebst, er liebt“: Das Pronomen trägt die Person, die Endung hilft nur mit. Im Lateinischen ist es umgekehrt. Die Endung trägt die Person, und ein Pronomen wie ego steht nur, wenn du es betonen willst — „ich liebe, nicht du“.
Sechs Endungen reichen für alle Personen:
- -o — ich: amo
- -s — du: amas
- -t — er, sie, es: amat
- -mus — wir: amamus
- -tis — ihr: amatis
- -nt — sie (Mehrzahl): amant
Jetzt ein Verb, das du noch nicht kennst: vocare, rufen. Bevor du weiterliest — was heißt vocatis?
Du hast auf die Endung geschaut, nicht auf das Wort: -tis, also „ihr“. Vocatis heißt „ihr ruft“. Und dann geht der Rest von allein: vocamus „wir rufen“, vocant „sie rufen“, vocat „er ruft“ oder „sie ruft“. Du hast das Verb nie gelernt und liest trotzdem ab, wer handelt.
Das ist der erste Teil der Antwort auf „Wer tut was?“: Das Wer steht am Ende des Verbs. Für den zweiten Teil, das Was — oder genauer: das Wen — musst du auf die Nomen schauen. Auch dort entscheidet die Endung.
Die Endung sagt, wen
Zurück zu den zwei Sätzen vom Anfang. Schau nicht auf die Reihenfolge, sondern auf die Endungen der Nomen. Puella endet auf -a, canem auf -em. Und das ist in beiden Sätzen so — die Wörter haben nur den Platz getauscht, nicht die Endung.
Die Endung ist der Fall (Kasus) des Wortes, und der Fall sagt, welche Rolle das Wort im Satz spielt. Der Nominativ — Endung -a oder -us — markiert den, der handelt: puella, canis, servus. Der Akkusativ — Endung -am oder -um, bei canis -em — markiert den, den es trifft: puellam, canem, servum. Das Deutsche macht dasselbe, nur am Artikel: „der Hund“ handelt, „den Hund“ trifft es.
Puella canem videt: puella im Nominativ, also das Mädchen sieht. Canem im Akkusativ, also den Hund. Und Canem puella videt? Dieselben Endungen, dieselben Rollen — derselbe Satz. Beide heißen „Das Mädchen sieht den Hund.“ Die Reihenfolge hat nur die Betonung verschoben, so wie im Deutschen „Den Hund sieht das Mädchen.“
Auch Videt puella canem heißt das. Drei Reihenfolgen, eine Bedeutung. Ein Römer konnte die Wörter fast beliebig stellen, weil die Endungen die Rollen festhalten.
Und jetzt die Probe. Was heißt Canis puellam videt?
Hier hat sich etwas geändert: canis steht im Nominativ, puellam im Akkusativ. Der Hund sieht das Mädchen. Der Fehler, den fast jeder am Anfang macht, ist der vom Anfang des Artikels: das erste Wort für den Handelnden zu halten. Der Handelnde ist der mit der Nominativ-Endung, egal, wo er steht.
Sechs Fälle, sechs Fragen
Nominativ und Akkusativ sind zwei von sechs Fällen. Das Deutsche hat vier, und du kennst sie als vier Fragen: wer?, wessen?, wem?, wen? Im Lateinischen tragen sie dieselbe Arbeit, nur mit Endungen statt mit Artikeln:
- Nominativ — wer? Wer handelt: puella
- Genitiv — wessen? Wem etwas gehört: puellae, des Mädchens
- Dativ — wem? Wem etwas gegeben wird: puellae, dem Mädchen
- Akkusativ — wen? Wen es trifft: puellam
Bleiben zwei, für die das Deutsche keinen Zwilling hat. Überleg kurz: Wenn du jemanden rufst — „Marcus, komm her!“ — in welchem Fall steht der Name?
Im Deutschen in keinem besonderen. Im Lateinischen im Vokativ, dem Ruf-Fall: Marce! Die Endung verrät, dass jemand angesprochen wird, nicht, dass er handelt. Der sechste ist der Ablativ. Er beantwortet die Fragen, die im Deutschen eine Präposition braucht: womit? wodurch? woher? Gladio heißt „mit dem Schwert“, Roma kann „aus Rom“ heißen — ein einziges Wort, wo du drei brauchst.
Sechs Fälle, sechs Fragen. Das ist der Bauplan, den dieser Kurs jetzt Stück für Stück füllt. Im ersten Thema, Das Kasussystem, lernst du alle sechs mit ihren Fragen sicher zu unterscheiden. Im zweiten, Konjugationsklassen und Präsens, kommen die Personalendungen zu allen Verben — nicht nur zu amare und vocare. Und im dritten, esse und posse, lernst du das häufigste Verb der Sprache, das seine Formen nicht aus Stamm und Endung baut: sum, es, est. Alle drei zusammen beantworten die Frage vom Anfang: Wer tut was — und wem.