Gewitter â wenn das Feld durchschlĂ€gt
Ein Sommerabend ĂŒber MĂŒnchen
Ende Juli, kurz vor Mitternacht. Die Luft ĂŒber der Stadt ist noch
warm und schwer vom Tag. Im SĂŒden, ĂŒber den Bergen, steht eine
Wolkenwand â und in ihr flackert es. Kein Donner, kein Regen, nur
ein lautloses
Eine halbe Stunde spÀter ist das Gewitter da. Zwischen Blitz und
Donner liegen nur noch ein paar Sekunden. Grelle, verÀstelte KanÀle
schlagen zwischen Wolke und Boden ein, jeder Schlag nur einen
Sekundenbruchteil lang. Ballonsonden, die durch Gewitterwolken
steigen, messen dabei eine Zahl, die man erst einmal sacken lassen
muss: Die
Dabei hÀngt da oben nur Wasser: Tröpfchen, Eiskristalle, Graupel.
Nichts davon ist an eine Batterie angeschlossen. Trotzdem sammelt
die Wolke in Minuten einige zehn Coulomb
Und noch etwas passt nicht zusammen: Im Gewitter, sagt jeder Ratgeber, ist das Auto einer der sichersten Orte. Warum? âWegen der Gummireifen", hört man meistens. Aber ein Blitz hat gerade rund einen Kilometer Luft durchschlagen, einen guten Isolator. Warum sollten ihn ein paar Zentimeter Gummi aufhalten?
Wie kommt eine Spannung von hundert Millionen Volt in den Himmel,
ganz ohne Steckdose? Wann schlÀgt das
Ladungstrennung in der Wolke
Woher kommt die Ladung? In der Wolke ist keine Batterie versteckt â
aber ein Förderband. Gewitterwolken sind TĂŒrme aus aufsteigender
Luft: Warme, feuchte Luft schieĂt mit bis zu 100 km/h nach oben,
kĂŒhlt ab, und aus Tröpfchen werden Eisteilchen. Zwei Sorten davon
spielen die Hauptrolle: schwere, matschige
Halte kurz inne: Was passiert, wenn beide Sorten mitten im Aufwind zusammenstoĂen â millionenfach, Sekunde fĂŒr Sekunde?
Bei jedem ZusammenstoĂ wechselt ein winziger Teil Ladung den
Besitzer. Dort, wo Gewitter sich aufladen, kÀlter als etwa
â10 °C, bleibt die negative Ladung meist am Graupelkorn: Der
Von unten betrachtet ist die Lage jetzt vertraut: oben eine
ausgedehnte negative Ladung, unten der Erdboden â zwei âPlatten".
Das Lehrbuchmodell gibt ihnen den Abstand d = 1 km und eine FlÀche
von rund 45 kmÂČ, ein Quadrat von knapp 7 km SeitenlĂ€nge. Das
Aber Moment â der Erdboden war doch neutral? Er ist auch nicht angeschlossen. Sage voraus: Passiert am Boden trotzdem etwas?
Lies zuerst die Anzeigen bei Q = 40 C ab, einer typischen Ladung im unteren Teil einer Gewitterzelle: E = 100 kV/m und U = 100 MV. Die Probe mit U = E · d: 100 kV/m mal 1000 m sind 100 Millionen Volt â genau die Zahl der Ballonsonden. Halbierst du Q, halbieren sich E und U, und es bleiben weniger Feldlinien ĂŒbrig: Die Dichte der Linien zeigt die FeldstĂ€rke.
Am Boden passiert dasselbe wie beim Elektroskop, dem du im Labor
begegnet bist: NÀhert man einem Leiter einen geladenen Körper,
verschieben sich seine frei beweglichen Elektronen â
ohne BerĂŒhrung, und der Zeiger schlĂ€gt aus. Der Erdboden ist
ein (mĂ€Ăiger, aber riesiger) Leiter. Die negative Wolkenladung drĂŒckt
seine Elektronen weg; direkt unter der Wolke bleibt eine positiv
geladene BodenflĂ€che zurĂŒck. Das ist
Damit ist auch eine verbreitete Vorstellung erledigt: dass ein Blitz die Ladung âverbraucht". Ladung wird niemals verbraucht â sie wird getrennt, verschoben, wieder zusammengefĂŒhrt. Ein einzelner Blitzschlag bringt rund 5 C zum Boden, ein Achtel der 40 C. Solange das Förderband aus Graupel und Kristallen lĂ€uft, lĂ€dt die Wolke den Kondensator immer wieder nach; deshalb blitzt es nicht einmal, sondern dutzendfach. Bleibt die Frage: Sind 100 kV/m viel? Wie groĂ darf E werden, bevor die Luft nachgibt?
Die DurchbruchfeldstÀrke
Zwischen Wolke und Boden herrschen E = 100 kV/m. Ob das viel ist, entscheidet die Luft. Sie ist ein Isolator â sonst wĂŒrde es zwischen den beiden Löchern jeder Steckdose stĂ€ndig funken. Aber jeder Isolator hat eine Grenze, und an dieser Grenze passiert etwas Bestimmtes.
In jedem Kubikzentimeter Luft entstehen laufend ein paar freie
Elektronen, losgeschlagen von natĂŒrlicher RadioaktivitĂ€t und
Höhenstrahlung. Das Feld beschleunigt sie. Ist die
Die Schwelle, ab der die Lawine wĂ€chst, heiĂt
Die
Bei 120 kV auf 6 cm zeigt die Anzeige E = 20 kV/cm, unter der
Schwelle. Schiebst du n, bleibt es bei N = 1: Das Elektron kommt
nicht ĂŒber den ersten StoĂ hinaus. Verdoppelst du die Spannung auf
240 kV oder halbierst du den Abstand auf 3 cm, stehen beide Male
40 kV/cm da â beides wirkt gleich stark, weil E nur vom Quotienten
abhÀngt. Jetzt verdoppelt jede Generation N: 2, 4, 8, 16. Nach 27
Generationen sind es 227 â 1,3 · 108
Elektronen. Ab etwa 108 Elektronen wird der Kanal
leitend (das Raether-Kriterium), und der
Wer nur auf die Spannung schaut, hĂ€lt 200 kV fĂŒr gefĂ€hrlicher als 60 kV. Stelle beides ein: 200 kV auf 10 cm sind 20 kV/cm, die Lawine bleibt aus. 60 kV auf 1,5 cm sind 40 kV/cm, und es funkt. Darum genĂŒgen an einer ZĂŒndkerze, deren Elektroden rund einen Millimeter auseinanderliegen, an freier Luft schon wenige Kilovolt. Im Zylinder ist das Gemisch stark verdichtet, und dort braucht derselbe Spalt 10 bis 30 kV: dichteres Gas, höhere Schwelle.
Jetzt zurĂŒck zum Gewitter. Die Wolke lieferte 108 V auf 1 km, also E = 100 kV/m = 1 kV/cm â das ist die Anzeige E1. Stelle es im Labor nach, mit 10 kV auf 10 cm: Die Lawine startet nicht. Das mittlere Feld unter der Wolke ist ein DreiĂigstel der DurchbruchfeldstĂ€rke. Nach dieser Rechnung dĂŒrfte es nie blitzen. Warum blitzt es trotzdem?
Spitzen und Blitzableiter
Bleibt ein Widerspruch: Das mittlere Feld unter der Wolke, 100 kV/m, ist ein DreiĂigstel der DurchbruchfeldstĂ€rke von 3 000 kV/m. Trotzdem blitzt es. Die Lösung steckt in zwei Eigenschaften von Feldlinien, die du aus dem Feldkapitel kennst: Auf der OberflĂ€che eines Leiters stehen sie senkrecht, und ihre Dichte zeigt die FeldstĂ€rke â in der Wolke waren es bei 40 C fĂŒnf Linien, bei 20 C drei.
Ein Turm ist ein StĂŒck Erdboden, das in die Höhe ragt. Er ist mit
dem Boden leitend verbunden, und die positive Influenzladung sammelt
sich an seiner
Bei h = 30 m zeigt die Figur Îł = 20,3 und ES = 2 034 kV/m: An der Spitze ist das Feld zwanzigmal so groĂ wie daneben, aber noch unter der Schwelle. Ab h â 52 m ist Îł â 30, die Schwelle ist erreicht, und an der Spitze springt eine kleine Entladung nach oben. Ein Turm von 100 m bringt es auf Îł = 49,3 und knapp 4 930 kV/m. Die Rechnung nimmt eine abgerundete Spitze mit 1 m KrĂŒmmungsradius an; eine schĂ€rfere Spitze ĂŒberhöht noch stĂ€rker. âDer Blitz nimmt den kĂŒrzesten Weg", heiĂt es oft. Rechne nach: Der 100-m-Turm verkĂŒrzt den Weg zur Wolke von 1 000 m auf 900 m, um ein Zehntel. Das Feld an seiner Spitze aber ist fast fĂŒnfzigmal so groĂ. Nicht der kĂŒrzere Weg entscheidet, sondern die Ăberhöhung.
Ganz so einfach ist es in der Natur nicht. Echte Spitzen sprĂŒhen schon vorher Ladung ab â an Schiffsmasten und Gipfelkreuzen ist das als blĂ€uliches Elmsfeuer zu sehen. Diese Ladung schirmt die Spitze ab, und am Boden unter Gewittern misst man meist nur 5 bis 10 kV/m. Richtig hoch steigt das Feld an der Spitze erst, wenn von oben ein Blitzkanal herankommt.
Denn der
Der Blitzableiter dreht diese Physik in Schutz um: eine absichtlich hoch angebrachte Metallspitze, an der die Fangentladung frĂŒher startet als an Dachkanten und Kaminen. SchlĂ€gt der Blitz ein, fĂŒhrt ein dicker Leiter den Strom auĂen am Haus vorbei in die Erde. Er zieht keine Blitze aus der Ferne an; er entscheidet nur, wo im Umkreis von einigen zehn Metern der Kanal endet. Offen bleibt, was mit dem geschieht, der in der NĂ€he ist: unter einem Baum, oder im Auto mit seinen Gummireifen.
Der Faradaysche KĂ€fig
Bevor wir das Auto erklĂ€ren, rĂ€umen wir die ĂŒbliche ErklĂ€rung ab. âDie Gummireifen isolieren" â das klingt vernĂŒnftig und ist trotzdem falsch. Lege dich fest, und rechne dann: Gummi hĂ€lt rund siebenmal so viel aus wie Luft, etwa 20 kV pro Millimeter. Zwei Zentimeter Gummi halten damit 400 kV. Der Blitz kommt mit 100 000 kV und hat gerade rund einen Kilometer Luft durchschlagen. WĂ€re Isolation der Schutz, dĂŒrfte man auch auf keiner Wiese stehen: Schuhe isolieren schlieĂlich ebenfalls. Der wirkliche Schutz steckt im Blech, nicht im Gummi.
Erinnere dich an das Argument aus dem Radialfeld-Abschnitt, mit dem wir begrĂŒndet haben, warum das Innere einer leitenden Hohlkugel feldfrei ist: Angenommen, im Inneren eines Leiters gĂ€be es ein Feld. Dann wĂŒrde es auf die frei beweglichen Elektronen KrĂ€fte ausĂŒben und sie verschieben â so lange, bis die verschobenen Ladungen das Feld im Inneren exakt aufheben. Das elektrostatische Gleichgewicht lĂ€sst gar nichts anderes zu: Ein Restfeld hieĂe weiter wandernde Ladungen, also noch kein Gleichgewicht. Genau dieses Argument trug schon den Cavendish-Versuch mit seiner Hohlkugel.
Die
In der Figur bleibt mit Blech (Ï = 1) Eᔹ = 0, ob Eâ nun 100 oder 200 kV/m betrĂ€gt: Die Influenzladungen, + auf dem Dach und â an der Unterseite, wachsen mit dem Feld mit. Ohne leitende HĂŒlle (Ï = 0) kann sich keine Ladung verschieben, zwei Feldlinien laufen mitten durch den Innenraum, und Eᔹ = Eâ. Deshalb schĂŒtzen ein Cabrio mit Stoffdach und ein Auto mit Kunststoffkarosserie nicht.
SchlĂ€gt der Blitz tatsĂ€chlich ein, flieĂt sein Strom ĂŒber die AuĂenhaut aus Blech um den Innenraum herum und ĂŒber die Reifen hinweg, oft mit einem Funken, in den Boden. Die Insassen sitzen im feldfreien Hohlraum, im Faradayschen KĂ€fig; Fenster zu, HĂ€nde weg von Metallteilen der Karosserie. Dasselbe Prinzip schĂŒtzt Flugzeuge: Ein Verkehrsflugzeug wird im Schnitt etwa einmal im Jahr vom Blitz getroffen, landet normal und wird danach auf Schmelzspuren untersucht.
Und der
GefĂ€hrlich ist es selbst neben dem Baum. Der Einschlagstrom breitet sich vom Stamm aus im Boden aus, und das Potential fĂ€llt dort steil ab. Bei einem typischen Blitzstrom von 30 000 A liegen in feuchtem Boden 10 m vom Einschlag zwischen zwei FĂŒĂen, 80 cm auseinander, rund 3 500 V: eine Schrittspannung, die einen Strom durch die Beine treibt.
Bei r = 10 m und einem Schritt von s = 0,8 m zeigt die Anzeige US = 3,54 kV, bei 5 m schon 13 kV. Mit geschlossenen FĂŒĂen (s = 0,1 m) sind es bei 10 m noch 0,47 kV: kleiner, aber nicht null. Wer im Freien ĂŒberrascht wird, bleibt deshalb weg von BĂ€umen, stellt die FĂŒĂe zusammen und geht in die Hocke. Das ist eine Notlösung, kein Schutz. GeschĂŒtzt ist man im GebĂ€ude oder im Auto mit Blechdach. Nicht wegen der Reifen, sondern wegen des KĂ€figs. Bleibt die Frage vom Anfang: Wann muss man hinein?
Blitz und Donner
Offen ist noch, wann man hinein muss. Die Antwort steckt im Donner, und der Donner beginnt mit der Energie eines einzelnen Schlags. Beide Zahlen kennst du schon: Ein Blitzschlag bringt rund 5 C zum Boden, durch eine Spannung von 108 V. Die Arbeit, die das Feld dabei an der Ladung verrichtet, ist wie im Kapitel ĂŒber Potential und Spannung W = Q · U.
Mit den Zahlen der Wolke: W = 5 C · 108 V =
5 · 108 J, rund 140 kWh, so viel, wie ein Haushalt mit
3 000 kWh im Jahr in gut zwei Wochen verbraucht. Berechnungen der Energie im Blitzkanal kommen
auf 5,5 · 108 J fĂŒr einen solchen Schlag (Cooray 1997).
Der gröĂte Teil davon bleibt im Kanal selbst: Der Strom heizt die Luft in
Millionstelsekunden auf rund 30 000 °C, sie dehnt sich
explosionsartig aus, und die Druckwelle lÀuft als
Licht und Donner entstehen im selben Augenblick, aber sie reisen verschieden schnell. Das Licht legt einen Kilometer in 3 Millionstelsekunden zurĂŒck. Der Schall lĂ€uft in Luft bei 20 °C mit 343 m/s, fĂŒr einen Kilometer braucht er also 1000 m : 343 m/s â 2,9 s. Daraus folgt die Regel, die du vielleicht kennst: Sekunden zwischen Blitz und Donner durch drei ergibt die Entfernung in Kilometern. Sage voraus: Wie lange musst du bei einem Einschlag in 10 km Entfernung auf den Donner warten?
Bei d = 10 km kommt das Licht nach 33 Mikrosekunden an, der Donner nach tD = 29,2 s; die Faustregel macht daraus 29,2 : 3 = 9,7 km, knapp 3 % zu wenig. FĂŒr die Sicherheit ist das egal. Rollen hörst du den Donner, weil der Kanal kilometerlang ist: Seine Teile sind verschieden weit weg, und ihr Schall kommt nach und nach an.
Schiebst du d ĂŒber 20 km, kommt am Beobachter kein Donner mehr an.
So weit trÀgt er selten, weil die Luft den Schall nach oben biegt
und schluckt. Das ist das
Damit lassen sich die Regeln dieses Kapitels zu einer einzigen zusammenziehen. Blitze schlagen noch 10 km und mehr vor dem Gewitter ein, das ist der rote Streifen in der Figur. Wer Donner hört, ist also in Reichweite. Liegen weniger als 30 s zwischen Blitz und Donner, gehört man ins Haus oder ins Auto mit Blechdach, und wieder hinaus erst 30 Minuten nach dem letzten Donner. Im Freien bleiben nur die Notlösungen: weg von BĂ€umen und Spitzen, FĂŒĂe zusammen gegen die Schrittspannung, in die Hocke. Hinter allen Regeln steht dasselbe Feld: hundert Millionen Volt, die an der höchsten Spitze durchschlagen und deren Strom sich den Weg durch den besten Leiter sucht.