Gewitter — wenn das Feld durchschlĂ€gt

28 Minuten · 5 Abschnitte

Ein Sommerabend ĂŒber MĂŒnchen

Ende Juli, kurz vor Mitternacht. Die Luft ĂŒber der Stadt ist noch warm und schwer vom Tag. Im SĂŒden, ĂŒber den Bergen, steht eine Wolkenwand — und in ihr flackert es. Kein Donner, kein Regen, nur ein lautloses Wetterleuchten: Alle paar Sekunden leuchtet die Wolke von innen auf, als wĂŒrde jemand hinter einem Vorhang fotografieren. Man sieht das Gewitter, aber man hört es nicht.

Eine halbe Stunde spÀter ist das Gewitter da. Zwischen Blitz und Donner liegen nur noch ein paar Sekunden. Grelle, verÀstelte KanÀle schlagen zwischen Wolke und Boden ein, jeder Schlag nur einen Sekundenbruchteil lang. Ballonsonden, die durch Gewitterwolken steigen, messen dabei eine Zahl, die man erst einmal sacken lassen muss: Die Spannung zwischen Wolke und Erdboden erreicht rund hundert Millionen Volt. Zum Vergleich: Aus der Steckdose kommen 230 Volt.

Gewitter ĂŒber MĂŒnchen
Wetterleuchten, dann EinschlÀge: Zwischen Wolke und Boden liegen rund 100 Millionen Volt, und dazwischen ist nichts als Luft.

Dabei hĂ€ngt da oben nur Wasser: Tröpfchen, Eiskristalle, Graupel. Nichts davon ist an eine Batterie angeschlossen. Trotzdem sammelt die Wolke in Minuten einige zehn Coulomb Ladung, genug fĂŒr einen Blitz alle paar Sekunden — und immer wieder reißt die Luft dazwischen auf.

Und noch etwas passt nicht zusammen: Im Gewitter, sagt jeder Ratgeber, ist das Auto einer der sichersten Orte. Warum? „Wegen der Gummireifen", hört man meistens. Aber ein Blitz hat gerade rund einen Kilometer Luft durchschlagen, einen guten Isolator. Warum sollten ihn ein paar Zentimeter Gummi aufhalten?

Wie kommt eine Spannung von hundert Millionen Volt in den Himmel, ganz ohne Steckdose? Wann schlĂ€gt das Feld durch die Luft durch, und warum gerade an TĂŒrmen und BĂ€umen? Warum ist das Auto sicherer als der Baum, wenn es nicht an den Reifen liegt? Und wie weit weg war das Gewitter, als man es sah, aber nicht hörte? Vier Fragen, ein Kapitel Physik: das statische elektrische Feld.

Ladungstrennung in der Wolke

Woher kommt die Ladung? In der Wolke ist keine Batterie versteckt — aber ein Förderband. Gewitterwolken sind TĂŒrme aus aufsteigender Luft: Warme, feuchte Luft schießt mit bis zu 100 km/h nach oben, kĂŒhlt ab, und aus Tröpfchen werden Eisteilchen. Zwei Sorten davon spielen die Hauptrolle: schwere, matschige Graupelkörner, die nach unten sinken, und winzige, leichte Eiskristalle, die der Aufwind nach oben reißt.

Halte kurz inne: Was passiert, wenn beide Sorten mitten im Aufwind zusammenstoßen — millionenfach, Sekunde fĂŒr Sekunde?

Ladungstrennung durch ZusammenstĂ¶ĂŸe + −
Beim Zusammenstoß bleibt negative Ladung am schweren Graupel hĂ€ngen, der leichte Eiskristall fliegt positiv geladen weiter nach oben.

Bei jedem Zusammenstoß wechselt ein winziger Teil Ladung den Besitzer. Dort, wo Gewitter sich aufladen, kĂ€lter als etwa −10 °C, bleibt die negative Ladung meist am Graupelkorn: Der Graupel wird negativ, der Eiskristall positiv. Warum genau, ist bis heute Gegenstand der Forschung; dass es so ist, zeigen Laborversuche mit Graupel und Eis (Takahashi 1978). Und jetzt kommt der Trick: Schwerkraft und Aufwind sortieren die beiden. Die positiven Kristalle sammeln sich oben in der Wolke, der negative Graupel im unteren Teil. Aus Milliarden winziger StĂ¶ĂŸe wird eine großrĂ€umige Ladungstrennung, ohne dass irgendjemand Ladung „nachfĂŒllt".

Von unten betrachtet ist die Lage jetzt vertraut: oben eine ausgedehnte negative Ladung, unten der Erdboden — zwei „Platten". Das Lehrbuchmodell gibt ihnen den Abstand d = 1 km und eine FlĂ€che von rund 45 kmÂČ, ein Quadrat von knapp 7 km SeitenlĂ€nge. Das Feld dazwischen ist dann nĂ€herungsweise homogen, wie im Plattenkondensator aus dem Labor, wo 1 kV an 1 cm Plattenabstand ein Feld von 100 kV/m ergibt. In echten Wolken sitzt die negative Ladung meist höher, einige Kilometer ĂŒber dem Boden; fĂŒr GrĂ¶ĂŸenordnungen reicht das Modell.

Aber Moment — der Erdboden war doch neutral? Er ist auch nicht angeschlossen. Sage voraus: Passiert am Boden trotzdem etwas?

Stelle die Wolkenladung auf Q = 40 C: Welche FeldstĂ€rke E und welche Spannung U zeigen die Anzeigen? Halbiere dann Q — was geschieht mit der Zahl der cyanfarbenen Feldlinien und mit E? Oben liegt die negative Wolkenladung, unten der Erdboden mit seinen Influenzladungen.

Lies zuerst die Anzeigen bei Q = 40 C ab, einer typischen Ladung im unteren Teil einer Gewitterzelle: E = 100 kV/m und U = 100 MV. Die Probe mit U = E · d: 100 kV/m mal 1000 m sind 100 Millionen Volt — genau die Zahl der Ballonsonden. Halbierst du Q, halbieren sich E und U, und es bleiben weniger Feldlinien ĂŒbrig: Die Dichte der Linien zeigt die FeldstĂ€rke.

Am Boden passiert dasselbe wie beim Elektroskop, dem du im Labor begegnet bist: NĂ€hert man einem Leiter einen geladenen Körper, verschieben sich seine frei beweglichen Elektronen — ohne BerĂŒhrung, und der Zeiger schlĂ€gt aus. Der Erdboden ist ein (mĂ€ĂŸiger, aber riesiger) Leiter. Die negative Wolkenladung drĂŒckt seine Elektronen weg; direkt unter der Wolke bleibt eine positiv geladene BodenflĂ€che zurĂŒck. Das ist Influenz — derselbe Versuch, nur dass der „geriebene Stab" diesmal eine Wolke ist und die InfluenzflĂ€che ein ganzes Stadtviertel. Auf ihr beginnen die Feldlinien der Figur, die oben an der Wolkenladung enden: Das Feld hĂ€ngt nicht im Nichts, es spannt sich von Ladung zu Ladung.

Damit ist auch eine verbreitete Vorstellung erledigt: dass ein Blitz die Ladung „verbraucht". Ladung wird niemals verbraucht — sie wird getrennt, verschoben, wieder zusammengefĂŒhrt. Ein einzelner Blitzschlag bringt rund 5 C zum Boden, ein Achtel der 40 C. Solange das Förderband aus Graupel und Kristallen lĂ€uft, lĂ€dt die Wolke den Kondensator immer wieder nach; deshalb blitzt es nicht einmal, sondern dutzendfach. Bleibt die Frage: Sind 100 kV/m viel? Wie groß darf E werden, bevor die Luft nachgibt?

Die DurchbruchfeldstÀrke

Zwischen Wolke und Boden herrschen E = 100 kV/m. Ob das viel ist, entscheidet die Luft. Sie ist ein Isolator — sonst wĂŒrde es zwischen den beiden Löchern jeder Steckdose stĂ€ndig funken. Aber jeder Isolator hat eine Grenze, und an dieser Grenze passiert etwas Bestimmtes.

In jedem Kubikzentimeter Luft entstehen laufend ein paar freie Elektronen, losgeschlagen von natĂŒrlicher RadioaktivitĂ€t und Höhenstrahlung. Das Feld beschleunigt sie. Ist die FeldstĂ€rke klein, verliert ein Elektron seine Energie beim nĂ€chsten Zusammenstoß mit einem LuftmolekĂŒl wieder. Ist sie groß genug, sammelt es zwischen zwei StĂ¶ĂŸen so viel Energie, dass es aus dem getroffenen MolekĂŒl ein weiteres Elektron herausschlĂ€gt. Aus einem Elektron werden zwei, aus zwei vier, aus vier acht: eine Elektronenlawine.

Die Schwelle, ab der die Lawine wĂ€chst, heißt DurchbruchfeldstĂ€rke ED. FĂŒr trockene Luft bei normalem Luftdruck liegt sie bei etwa — drei Millionen Volt pro Meter, oder handlicher: 30 kV pro Zentimeter. In dĂŒnnerer Luft, hoch oben in der Wolke, liegt sie niedriger. Ob die Schwelle erreicht wird, entscheidet im homogenen Feld die Formel aus dem Kapitel ĂŒber Potential und Spannung:

Die Spannung allein sagt also noch nichts; es kommt darauf an, auf welchen Abstand sie sich verteilt. Sage voraus: ZĂŒndet bei 120 kV und 6 cm Plattenabstand ein Funke? Und was hilft mehr, die Spannung zu verdoppeln oder den Abstand zu halbieren?

Lass U = 120 kV und d = 6 cm stehen und schiebe die Stoßgeneration n nach rechts: WĂ€chst die Lawine? Erhöhe dann U, bis E ĂŒber 30 kV/cm liegt, und schiebe n noch einmal. Ab welcher Generation springt der Funke?

Bei 120 kV auf 6 cm zeigt die Anzeige E = 20 kV/cm, unter der Schwelle. Schiebst du n, bleibt es bei N = 1: Das Elektron kommt nicht ĂŒber den ersten Stoß hinaus. Verdoppelst du die Spannung auf 240 kV oder halbierst du den Abstand auf 3 cm, stehen beide Male 40 kV/cm da — beides wirkt gleich stark, weil E nur vom Quotienten abhĂ€ngt. Jetzt verdoppelt jede Generation N: 2, 4, 8, 16. Nach 27 Generationen sind es 227 ≈ 1,3 · 108 Elektronen. Ab etwa 108 Elektronen wird der Kanal leitend (das Raether-Kriterium), und der Funke springt. Alle 27 Verdopplungen zusammen dauern weniger als eine Mikrosekunde.

Wer nur auf die Spannung schaut, hĂ€lt 200 kV fĂŒr gefĂ€hrlicher als 60 kV. Stelle beides ein: 200 kV auf 10 cm sind 20 kV/cm, die Lawine bleibt aus. 60 kV auf 1,5 cm sind 40 kV/cm, und es funkt. Darum genĂŒgen an einer ZĂŒndkerze, deren Elektroden rund einen Millimeter auseinanderliegen, an freier Luft schon wenige Kilovolt. Im Zylinder ist das Gemisch stark verdichtet, und dort braucht derselbe Spalt 10 bis 30 kV: dichteres Gas, höhere Schwelle.

Jetzt zurĂŒck zum Gewitter. Die Wolke lieferte 108 V auf 1 km, also E = 100 kV/m = 1 kV/cm — das ist die Anzeige E1. Stelle es im Labor nach, mit 10 kV auf 10 cm: Die Lawine startet nicht. Das mittlere Feld unter der Wolke ist ein Dreißigstel der DurchbruchfeldstĂ€rke. Nach dieser Rechnung dĂŒrfte es nie blitzen. Warum blitzt es trotzdem?

Spitzen und Blitzableiter

Bleibt ein Widerspruch: Das mittlere Feld unter der Wolke, 100 kV/m, ist ein Dreißigstel der DurchbruchfeldstĂ€rke von 3 000 kV/m. Trotzdem blitzt es. Die Lösung steckt in zwei Eigenschaften von Feldlinien, die du aus dem Feldkapitel kennst: Auf der OberflĂ€che eines Leiters stehen sie senkrecht, und ihre Dichte zeigt die FeldstĂ€rke — in der Wolke waren es bei 40 C fĂŒnf Linien, bei 20 C drei.

Ein Turm ist ein StĂŒck Erdboden, das in die Höhe ragt. Er ist mit dem Boden leitend verbunden, und die positive Influenzladung sammelt sich an seiner Spitze. Die Feldlinien, die sonst auf einer breiten BodenflĂ€che geendet hĂ€tten, mĂŒssen jetzt senkrecht auf der kleinen Spitze ankommen. Sie drĂ€ngen sich dort zusammen, und dichte Feldlinien bedeuten eine große FeldstĂ€rke. Um welchen Faktor das Feld an der Spitze grĂ¶ĂŸer ist als das Feld E₀, das ohne Turm dort herrschen wĂŒrde, heißt Überhöhungsfaktor Îł (gesprochen „gamma"): ES = Îł · E₀. Sage voraus: WĂ€chst Îł mit der Höhe des Turms?

Lass E₀ = 100 kV/m stehen und mach den Turm ab h = 30 m höher: Bei welcher Höhe erreicht das Feld an der Spitze ES die DurchbruchfeldstĂ€rke ED, und was erscheint dann an der Spitze? Die Wolke ist nicht maßstĂ€blich gezeichnet.

Bei h = 30 m zeigt die Figur Îł = 20,3 und ES = 2 034 kV/m: An der Spitze ist das Feld zwanzigmal so groß wie daneben, aber noch unter der Schwelle. Ab h ≈ 52 m ist Îł ≈ 30, die Schwelle ist erreicht, und an der Spitze springt eine kleine Entladung nach oben. Ein Turm von 100 m bringt es auf Îł = 49,3 und knapp 4 930 kV/m. Die Rechnung nimmt eine abgerundete Spitze mit 1 m KrĂŒmmungsradius an; eine schĂ€rfere Spitze ĂŒberhöht noch stĂ€rker. „Der Blitz nimmt den kĂŒrzesten Weg", heißt es oft. Rechne nach: Der 100-m-Turm verkĂŒrzt den Weg zur Wolke von 1 000 m auf 900 m, um ein Zehntel. Das Feld an seiner Spitze aber ist fast fĂŒnfzigmal so groß. Nicht der kĂŒrzere Weg entscheidet, sondern die Überhöhung.

Ganz so einfach ist es in der Natur nicht. Echte Spitzen sprĂŒhen schon vorher Ladung ab — an Schiffsmasten und Gipfelkreuzen ist das als blĂ€uliches Elmsfeuer zu sehen. Diese Ladung schirmt die Spitze ab, und am Boden unter Gewittern misst man meist nur 5 bis 10 kV/m. Richtig hoch steigt das Feld an der Spitze erst, wenn von oben ein Blitzkanal herankommt.

Denn der Blitz beginnt in der Wolke. Ein Leitblitz tastet sich in Stufen von rund 50 m nach unten. Seine Spitze trĂ€gt die Ladung der Wolke mit und ist selbst eine Spitze, an der das Feld ĂŒberhöht ist; so frisst er sich durch Luft, deren mittleres Feld nie durchschlagen wĂŒrde. Je nĂ€her er kommt, desto grĂ¶ĂŸer wird E₀ am Boden. Schiebe in der Figur E₀ hoch: Der gestrichelte Leitblitz rĂŒckt herab. Stelle dann h = 10 m ein, einen Baum: Ab E₀ = 310 kV/m erreicht auch er die Schwelle, und von seiner Spitze startet eine Fangentladung nach oben. Wo sie den Leitblitz trifft, ist der Kanal geschlossen, und der Hauptstrom fließt.

Der Blitzableiter dreht diese Physik in Schutz um: eine absichtlich hoch angebrachte Metallspitze, an der die Fangentladung frĂŒher startet als an Dachkanten und Kaminen. SchlĂ€gt der Blitz ein, fĂŒhrt ein dicker Leiter den Strom außen am Haus vorbei in die Erde. Er zieht keine Blitze aus der Ferne an; er entscheidet nur, wo im Umkreis von einigen zehn Metern der Kanal endet. Offen bleibt, was mit dem geschieht, der in der NĂ€he ist: unter einem Baum, oder im Auto mit seinen Gummireifen.

Der Faradaysche KĂ€fig

Bevor wir das Auto erklĂ€ren, rĂ€umen wir die ĂŒbliche ErklĂ€rung ab. „Die Gummireifen isolieren" — das klingt vernĂŒnftig und ist trotzdem falsch. Lege dich fest, und rechne dann: Gummi hĂ€lt rund siebenmal so viel aus wie Luft, etwa 20 kV pro Millimeter. Zwei Zentimeter Gummi halten damit 400 kV. Der Blitz kommt mit 100 000 kV und hat gerade rund einen Kilometer Luft durchschlagen. WĂ€re Isolation der Schutz, dĂŒrfte man auch auf keiner Wiese stehen: Schuhe isolieren schließlich ebenfalls. Der wirkliche Schutz steckt im Blech, nicht im Gummi.

Erinnere dich an das Argument aus dem Radialfeld-Abschnitt, mit dem wir begrĂŒndet haben, warum das Innere einer leitenden Hohlkugel feldfrei ist: Angenommen, im Inneren eines Leiters gĂ€be es ein Feld. Dann wĂŒrde es auf die frei beweglichen Elektronen KrĂ€fte ausĂŒben und sie verschieben — so lange, bis die verschobenen Ladungen das Feld im Inneren exakt aufheben. Das elektrostatische Gleichgewicht lĂ€sst gar nichts anderes zu: Ein Restfeld hieße weiter wandernde Ladungen, also noch kein Gleichgewicht. Genau dieses Argument trug schon den Cavendish-Versuch mit seiner Hohlkugel.

Die Karosserie eines Autos ist so eine Hohlkugel — nur autoförmig. Im Feld des Gewitters verschieben sich ihre Elektronen: Die Influenzladungen sammeln sich auf Dach und Unterseite, und ihr Gegenfeld kompensiert das Ă€ußere Feld im Innenraum vollstĂ€ndig. Draußen mag das Feld wachsen, wie es will — innen bleibt E = 0.

Beginne bei E₀ = 100 kV/m, dem Feld unter der Wolke, und verdopple es: Ändert sich die Anzeige Eᔹ im Innenraum? Schalte dann die HĂŒlle auf σ = 0, ein Stoffdach oder eine Kunststoffkarosserie: Welche Feldlinien laufen jetzt durch den Innenraum, und was zeigt Eᔹ?

In der Figur bleibt mit Blech (σ = 1) Eᔹ = 0, ob E₀ nun 100 oder 200 kV/m betrĂ€gt: Die Influenzladungen, + auf dem Dach und − an der Unterseite, wachsen mit dem Feld mit. Ohne leitende HĂŒlle (σ = 0) kann sich keine Ladung verschieben, zwei Feldlinien laufen mitten durch den Innenraum, und Eᔹ = E₀. Deshalb schĂŒtzen ein Cabrio mit Stoffdach und ein Auto mit Kunststoffkarosserie nicht.

SchlĂ€gt der Blitz tatsĂ€chlich ein, fließt sein Strom ĂŒber die Außenhaut aus Blech um den Innenraum herum und ĂŒber die Reifen hinweg, oft mit einem Funken, in den Boden. Die Insassen sitzen im feldfreien Hohlraum, im Faradayschen KĂ€fig; Fenster zu, HĂ€nde weg von Metallteilen der Karosserie. Dasselbe Prinzip schĂŒtzt Flugzeuge: Ein Verkehrsflugzeug wird im Schnitt etwa einmal im Jahr vom Blitz getroffen, landet normal und wird danach auf Schmelzspuren untersucht.

Und der Baum? Er ist das genaue Gegenteil des Autos: eine hohe Spitze, also ein bevorzugter Einschlagsort, aber ein schlechter Leiter und erst recht kein Hohlraum. Der Blitzstrom quĂ€lt sich durch das feuchte Holz, verdampft das Wasser darin schlagartig und sprengt nicht selten den Stamm auf. Wer darunter steht, dem bietet der Baum keinerlei KĂ€fig; der Strom springt oft auf ihn ĂŒber.

GefĂ€hrlich ist es selbst neben dem Baum. Der Einschlagstrom breitet sich vom Stamm aus im Boden aus, und das Potential fĂ€llt dort steil ab. Bei einem typischen Blitzstrom von 30 000 A liegen in feuchtem Boden 10 m vom Einschlag zwischen zwei FĂŒĂŸen, 80 cm auseinander, rund 3 500 V: eine Schrittspannung, die einen Strom durch die Beine treibt.

Die rote Kurve zeigt die Schrittspannung US zwischen zwei FĂŒĂŸen im Abstand s, aufgetragen ĂŒber die Entfernung r vom Stamm; der Punkt bist du. Geh von r = 10 m nĂ€her an den Baum heran: Wie wĂ€chst US? Stell dann die FĂŒĂŸe zusammen, s = 0,1 m: Verschwindet US ganz?

Bei r = 10 m und einem Schritt von s = 0,8 m zeigt die Anzeige US = 3,54 kV, bei 5 m schon 13 kV. Mit geschlossenen FĂŒĂŸen (s = 0,1 m) sind es bei 10 m noch 0,47 kV: kleiner, aber nicht null. Wer im Freien ĂŒberrascht wird, bleibt deshalb weg von BĂ€umen, stellt die FĂŒĂŸe zusammen und geht in die Hocke. Das ist eine Notlösung, kein Schutz. GeschĂŒtzt ist man im GebĂ€ude oder im Auto mit Blechdach. Nicht wegen der Reifen, sondern wegen des KĂ€figs. Bleibt die Frage vom Anfang: Wann muss man hinein?

Blitz und Donner

Offen ist noch, wann man hinein muss. Die Antwort steckt im Donner, und der Donner beginnt mit der Energie eines einzelnen Schlags. Beide Zahlen kennst du schon: Ein Blitzschlag bringt rund 5 C zum Boden, durch eine Spannung von 108 V. Die Arbeit, die das Feld dabei an der Ladung verrichtet, ist wie im Kapitel ĂŒber Potential und Spannung W = Q · U.

Mit den Zahlen der Wolke: W = 5 C · 108 V = 5 · 108 J, rund 140 kWh, so viel, wie ein Haushalt mit 3 000 kWh im Jahr in gut zwei Wochen verbraucht. Berechnungen der Energie im Blitzkanal kommen auf 5,5 · 108 J fĂŒr einen solchen Schlag (Cooray 1997). Der grĂ¶ĂŸte Teil davon bleibt im Kanal selbst: Der Strom heizt die Luft in Millionstelsekunden auf rund 30 000 °C, sie dehnt sich explosionsartig aus, und die Druckwelle lĂ€uft als Donner davon.

Licht und Donner entstehen im selben Augenblick, aber sie reisen verschieden schnell. Das Licht legt einen Kilometer in 3 Millionstelsekunden zurĂŒck. Der Schall lĂ€uft in Luft bei 20 °C mit 343 m/s, fĂŒr einen Kilometer braucht er also 1000 m : 343 m/s ≈ 2,9 s. Daraus folgt die Regel, die du vielleicht kennst: Sekunden zwischen Blitz und Donner durch drei ergibt die Entfernung in Kilometern. Sage voraus: Wie lange musst du bei einem Einschlag in 10 km Entfernung auf den Donner warten?

Lass den Einschlag bei d = 10 km und schiebe die Zeit t nach dem Blitz: Wann erreicht die gestrichelte Schallfront den Beobachter bei 0 km? Vergleiche mit tD und mit der Faustregel tD/3. Schiebe dann d ĂŒber die gestrichelte 20-km-Linie: Was bleibt vom Gewitter ĂŒbrig? Der rote Streifen zeigt, wie weit Blitze vor einem Gewitter einschlagen.

Bei d = 10 km kommt das Licht nach 33 Mikrosekunden an, der Donner nach tD = 29,2 s; die Faustregel macht daraus 29,2 : 3 = 9,7 km, knapp 3 % zu wenig. FĂŒr die Sicherheit ist das egal. Rollen hörst du den Donner, weil der Kanal kilometerlang ist: Seine Teile sind verschieden weit weg, und ihr Schall kommt nach und nach an.

Schiebst du d ĂŒber 20 km, kommt am Beobachter kein Donner mehr an. So weit trĂ€gt er selten, weil die Luft den Schall nach oben biegt und schluckt. Das ist das Wetterleuchten vom Anfang: kein eigener, harmloser Blitz, sondern ein gewöhnliches Gewitter, das mehr als 20 km entfernt ist. Eine halbe Stunde spĂ€ter lagen in MĂŒnchen nur noch wenige Sekunden zwischen Blitz und Donner: 3 s heißt 1 km.

Damit lassen sich die Regeln dieses Kapitels zu einer einzigen zusammenziehen. Blitze schlagen noch 10 km und mehr vor dem Gewitter ein, das ist der rote Streifen in der Figur. Wer Donner hört, ist also in Reichweite. Liegen weniger als 30 s zwischen Blitz und Donner, gehört man ins Haus oder ins Auto mit Blechdach, und wieder hinaus erst 30 Minuten nach dem letzten Donner. Im Freien bleiben nur die Notlösungen: weg von BĂ€umen und Spitzen, FĂŒĂŸe zusammen gegen die Schrittspannung, in die Hocke. Hinter allen Regeln steht dasselbe Feld: hundert Millionen Volt, die an der höchsten Spitze durchschlagen und deren Strom sich den Weg durch den besten Leiter sucht.

Der Kondensator — Ladungsspeicher im Labormaßstab

Konzepte

FeldlinienSpannungElektrische Ladung