Gutes Jahr, leere Kasse
Das beste Jahr — und im Dezember reicht es nicht für die Miete
Harry hat eine Bäckerei. Sie läuft gut: Drei Cafés bestellen inzwischen jede Woche, eine Kantine hat einen Vertrag unterschrieben, und im Herbst musste er zum ersten Mal eine Aushilfe einstellen, weil er allein nicht mehr hinterherkam.
Ende Dezember sitzt er mit zwei Blättern am Küchentisch. Auf dem einen steht die Gewinn- und Verlustrechnung, die seine Steuerberaterin geschickt hat: 12.000 € Gewinn. Auf dem anderen steht der Kontoauszug vom 31. Dezember: 800 €. Die Miete für Januar beträgt 900 €.
Harrys erster Gedanke ist, dass sich jemand verrechnet hat. Sein zweiter, dass ihn jemand bestiehlt. Beides ist falsch. Beide Zahlen stimmen, beide stammen aus denselben Büchern — und beide beantworten verschiedene Fragen.
Schritt 1: Zwei Fragen, die man dauernd verwechselt
Ein Betrieb muss zwei ganz verschiedene Dinge über sich wissen, und es gibt für jedes eine eigene Zahl:
Im Alltag reden wir, als wäre das dasselbe: „Diesen Monat habe ich gut verdient“ heißt meistens „diesen Monat hatte ich Geld übrig“. Für einen einzelnen Menschen mit Gehalt stimmt das ungefähr — das Geld kommt am Ersten, und was übrig bleibt, ist der Gewinn. Für einen Betrieb stimmt es nicht, und zwar aus einem einzigen Grund: Liefern und Bezahlen passieren nicht am selben Tag.
Schritt 2: Eine Bestellung, zwei Termine
Verfolgen wir eine einzige Bestellung. Im Oktober liefert Harry Kuchen an ein Café, Rechnungsbetrag 4.000 €, zahlbar in 60 Tagen. So sieht das aus:
Im Oktober ist der
Man kann sich das an einem Satz merken, der beim ersten Lesen komisch klingt und beim zweiten offensichtlich ist: Ertrag ist kein Zahlungseingang, und Aufwand ist keine Auszahlung. Es sind zwei verschiedene Ereignisse, die zufällig oft am selben Tag stattfinden.
Schritt 3: Dieselbe Falle auf der Einkaufsseite
Auf der anderen Seite passiert dasselbe, nur spiegelverkehrt. Harry kauft
im November Mehl, Butter und Schokolade für 4.000 € und bezahlt sofort.
Wie hoch ist der
Die verbreitete Antwort lautet: 4.000 €, das Geld ist ja weg. Die richtige
lautet: so viel, wie er verbacken hat. Was noch im Lager
steht, ist nicht verbraucht — es ist bloß umgewandelt. Aus 4.000 € Geld
sind 4.000 €
Die beiden Enden dieser Kette sind genau die beiden Fälle, an denen man merkt, dass Aufwand und Auszahlung nichts miteinander zu tun haben müssen: links fließt Geld ab, ohne dass Aufwand entsteht; rechts entsteht Aufwand, ohne dass Geld fließt.
Schritt 4: Warum es ausgerechnet im guten Jahr eng wird
Jetzt kommt der Teil, den man selten erzählt bekommt. Harrys Problem ist nicht, dass sein Geschäft schlecht läuft. Sein Problem ist, dass es wächst.
Wer doppelt so viel verkaufen will, muss doppelt so viel einkaufen — und zwar vorher. Und wer doppelt so viel liefert, hat doppelt so viel Geld bei seinen Kunden stehen. Beides bindet Geld, und beides wächst genau dann, wenn es gut läuft. Man kann Harrys Jahr in einer einzigen Rechnung zusammenfassen:
Da ist der Gewinn. Er ist nicht verschwunden und niemand hat ihn gestohlen — er steht bei den Kunden und im Regal. 12.000 € verdient, 13.000 € zusätzlich in Forderungen und Ware gebunden, 1.000 € weniger auf dem Konto als am Anfang. Beide Blätter auf Harrys Küchentisch haben recht.
Schritt 5: Was Harry jetzt tun kann — und was nicht hilft
Weil das Problem nicht im Geschäft steckt, sondern im Zeitabstand zwischen Liefern und Bezahlen, helfen auch nur Dinge, die an diesem Abstand etwas ändern:
- Kürzere Zahlungsziele. Statt 60 Tage nur noch 14 — der Gewinn bleibt exakt gleich, das Geld kommt vier Mal so schnell.
- Weniger Lager. Kleinere Bestellungen, dafür häufiger. Auch das ändert am Gewinn nichts und macht Geld frei.
- Langsamer wachsen — oder das Wachstum finanzieren. Ein Kredit bringt kein bisschen Gewinn (er kostet sogar Zinsen), aber er überbrückt die Lücke, bis die Kunden zahlen. Genau dafür sind Kredite da.
Was nicht hilft: mehr verkaufen. Solange die Kunden erst nach zwei Monaten zahlen, macht jeder zusätzliche Auftrag die Lücke im ersten Moment größer, nicht kleiner. Das ist der Satz, der viele wachsende Betriebe überrascht — und einige umbringt.
Die zwei Uhren
Am Ende stehen zwei Uhren nebeneinander, und ein Betrieb muss beide lesen
können. Die eine misst, ob sich das Geschäft lohnt: Was ist entstanden,
was ist verbraucht worden? Das ist der Gewinn, und er steht in der Gewinn-
und Verlustrechnung. Die andere misst, ob der Betrieb morgen noch da ist:
Wie viel Geld liegt auf Kasse und Bank? Das ist die
Ein Betrieb, der nur die erste Uhr liest, geht irgendwann pleite, obwohl er verdient. Ein Betrieb, der nur die zweite liest, hält sich für gesund, solange Geld hereinkommt — auch dann, wenn jeder Verkauf Verlust bringt. Beide Fehler kommen aus derselben Verwechslung, und beide sind vermeidbar, sobald man die zwei Fragen auseinanderhält.
Harry hat im Januar übrigens die Miete bezahlt. Er hat zwei seiner Kunden angerufen und um schnellere Zahlung gebeten, und einer hat sofort überwiesen. Das hat seinen Gewinn um keinen Cent verändert.