Nicht „sag bitte", sondern was das Bitte tut. Jede Bitte kostet die andere Person etwas — Zeit, ihren Stift, ihren Platz —, und die Form ist das, was diese Kosten anerkennt und ihr das Nein offenlässt. Brown und Levinson (1987) nennen das die Milderung eines Eingriffs; kindgerecht heißt es — ein Satz, bei dem der andere noch ja oder nein sagen kann. Erstklässler scheitern reproduzierbar an drei Stellen — sie befehlen (Ervin-Tripp 1977 zeigt, dass die direkte Aufforderung die Grundform unter Gleichaltrigen ist), sie sagen ein Gefühl statt eines Wunsches, oder sie hängen „bitte" an einen Befehl und halten das Wort für ein Zauberwort. Genau das ist der Befund von Gleason und Weintraub (1976) und Greif und Gleason (1980) — die Floskeln werden als Token gelernt und fast immer von Erwachsenen angestoßen, selten aus Einsicht produziert. Dazu kommt der Grund — Langer, Blank und Chanowitz (1978) zeigten, dass eine Bitte mit Begründung viel öfter erfüllt wird als dieselbe Bitte ohne. Danke ist die Gegenbewegung — es zeigt, dass die Kosten bemerkt wurden. Was hier gelegt wird, wird in Klasse 5 bei „du oder Sie" (die Anrede ist dieselbe Milderung, nur an der Person festgemacht) und in Klasse 7 beim Schreiben an Fremde wieder abgerufen.
Können & Üben
Umgangsformen
Die Formen fehlen, auch nach Erinnerung.
Grüßt, bedankt sich, wartet bei Tisch — wenn erinnert wird.
Macht es zuverlässig, sobald die Situation benannt wurde.
Macht es von selbst, auch wenn niemand zusieht.
Passt die Form der Situation an und kann sagen, warum sie hier anders ist als woanders.
Ben braucht Miras Radiergummi. Welcher Satz macht es Mira am leichtesten, ja zu sagen?
● „Mira, kann ich kurz deinen Radiergummi haben?"
○ „Gib mir mal kurz deinen Radiergummi."
○ „Ich brauch jetzt einen Radiergummi."
Nur der erste Satz fragt — Mira darf auch Nein sagen. Der zweite nimmt ihr das ab, und der dritte geht in den Raum; da weiß Mira gar nicht, dass sie gemeint ist.
Luca ist bei Sofia zu Hause und hat Durst. Welcher Satz macht es Sofia am leichtesten, ja zu sagen?
● „Sofia, könnte ich ein Glas Wasser haben?"
○ „Sofia, ich hab schon die ganze Zeit Durst."
○ „Sofia, hol mir mal ein Glas Wasser."
Ein Gefühl ist noch keine Bitte — bei „ich hab Durst" müsste Sofia raten. Und ein Befehl passt schon gar nicht, wenn man bei jemandem zu Gast ist.
Emre möchte, dass Hannah das Fenster zumacht. Welcher Satz macht es Hannah am leichtesten, ja zu sagen?
● „Hannah, machst du bitte das Fenster zu?"
○ „Hannah, mach bitte sofort das Fenster zu."
○ „Hier ist es ganz schön kalt geworden."
„Bitte" allein macht noch keine Bitte — „sofort" nimmt die Wahl gleich wieder weg. Und der dritte Satz stellt nur fest, wie es ist; Hannah muss raten, was sie tun soll.
Fatma möchte morgen Leons Fahrrad ausleihen. Welcher Satz macht es Leon am leichtesten, ja zu sagen?
● „Leon, dürfte ich morgen dein Fahrrad ausleihen? Meins ist kaputt."
○ „Leon, ich nehm mir morgen einfach dein Fahrrad."
○ „Leon, leih mir bitte morgen dein Fahrrad."
Je größer die Bitte, desto mehr Aufwand braucht sie. Ein Fahrrad für einen ganzen Tag ist keine Kleinigkeit — deshalb fragt Fatma vorsichtiger und sagt dazu, warum.
Nina möchte, dass Amir sie die Vokabeln abfragt. Welcher Satz macht es Amir am leichtesten, ja zu sagen?
● „Amir, fragst du mich kurz die Vokabeln ab?"
○ „Amir, hast du gleich mal kurz Zeit für mich?"
○ „Amir, du fragst mich gleich die Vokabeln ab."
Eine Bitte sagt, worum es geht. Beim zweiten Satz müsste Amir erst Ja sagen und erfährt danach, worauf — deshalb antwortet darauf fast niemand gern.
Marie will in der Schlange vor Elias dran sein, weil ihr Bus in zwei Minuten fährt. Welcher Satz macht es Elias am leichtesten, ja zu sagen?
● „Elias, darf ich vor? Mein Bus fährt in zwei Minuten."
○ „Elias, lässt du mich kurz vor?"
○ „Elias, ich bin eigentlich vor dir dran."
Hier ist der Grund das Entscheidende — ohne ihn klingt dieselbe Bitte nach Vordrängeln. Mit Grund weiß Elias, wofür er zur Seite geht. Der dritte Satz behauptet einfach etwas, das nicht stimmt.
Hannah möchte, dass Zeynep ihr am Samstag bei Mathe hilft. Welcher Satz macht es Zeynep am leichtesten, ja zu sagen?
● „Zeynep, hättest du am Samstag Zeit, mir bei Mathe zu helfen?"
○ „Zeynep, du hilfst mir am Samstag bei Mathe, ja?"
○ „Zeynep, du bist doch so gut in Mathe, oder?"
Nur die erste Form lässt ein Nein zu, ohne dass es unhöflich wird. Die zweite hat das Ja schon eingebaut, und die dritte ist ein Lob, aus dem Zeynep sich die Bitte selbst zusammenreimen muss.