Bei Tisch
At the table
Vier deutsche Tischsitten, konkret, und jedes Mal die Frage dazu, ob diese Form jemanden schützt oder nur eine Verabredung ist. Geschützt wird bei — fragen statt über den Teller des Nachbarn greifen; warten, bis alle etwas haben, damit niemand allein isst; den Vorlegelöffel statt der eigenen Gabel benutzen; sich abmelden, bevor man aufsteht. Reine Verabredung sind — Gabel links und Messer rechts (in den USA wird die Gabel beim Essen gewechselt), Hände auf dem Tisch statt im Schoß, „Guten Appetit" vor dem Essen (im Englischen gibt es diesen Satz gar nicht), Ellbogen und Serviette. Norbert Elias hat 1939 in „Über den Prozess der Zivilisation" genau diese Formen als historisch beweglich beschrieben — vieles, was heute streng klingt, war vor wenigen Generationen unbekannt oder umgekehrt selbstverständlich. Die Fehlvorstellung, die hier fällt, ist die wichtigste des ganzen Bereichs — dass Tischsitten Naturgesetze wären und wer sie anders hat, sie falsch hat. Geübt wird das Ganze in der Session „Gemeinsam essen"; es trägt weiter zu „Zu Gast und Gastgeber" (Klasse 3) und ist die Vergleichsgrundlage für „Was anderswo gilt" (Klasse 4), das ohne eine gekannte eigene Form gar nichts zu vergleichen hätte.
Können & Üben
Umgangsformen
Die Formen fehlen, auch nach Erinnerung.
Grüßt, bedankt sich, wartet bei Tisch — wenn erinnert wird.
Macht es zuverlässig, sobald die Situation benannt wurde.
Macht es von selbst, auch wenn niemand zusieht.
Passt die Form der Situation an und kann sagen, warum sie hier anders ist als woanders.
Gemeinsam essen
workshop45 min · weekly
klassenzimmer, mensa, gruppentisch
Ein echtes Essen, kein Rollenspiel — gedeckt, gemeinsam begonnen, gemeinsam beendet. Die Kinder decken, tragen auf und räumen ab; die Begleitung isst mit und sagt während des Essens nichts über Formen. Vorher werden drei Formen benannt, mehr nicht, und sie bleiben über Wochen dieselben, bis sie sitzen: gemeinsam anfangen · fragen statt greifen · vom Tisch abmelden. Erst wenn diese drei ohne Erinnerung laufen, kommt eine vierte dazu. Nachher, fünf Minuten, und das ist der eigentliche Inhalt: Welche dieser Formen ist eine Verabredung und welche schützt jemanden? („Fragen statt greifen" schützt — sonst kommt jemand nicht ran. „Gemeinsam anfangen" ist eine Verabredung, und zwar eine deutsche: anderswo fängt an, wer bedient wurde.) Reihum eine Form, die zu Hause anders ist. Sie wird notiert und nicht bewertet — die Sammlung ist das Ergebnis.
bezugsperson
4–12
Ermöglicht (1)
Karim möchte das Salz, das neben Jules Teller steht. Was tut Karim jetzt?
Alle sitzen schon, aber Elif hat noch nichts auf dem Teller. Was tut Ben jetzt?
Mira hat fertig gegessen und will zum Spielen, die anderen essen noch. Was tut Mira jetzt?
Anton hat den Mund voll, als Fatma ihn etwas fragt. Was tut Anton jetzt?
Elif fällt in der Mensa die Gabel auf den Boden. Was tut Elif jetzt?
Alle fangen an, nur Elifs Teller ist noch leer, weil die Schüssel noch nicht bei ihr angekommen ist. — Elif isst dann noch, wenn die anderen schon fertig sind.
Karim sagt Bescheid, bevor er vom Tisch aufsteht. — Damit weiß der Rest, dass er nicht wiederkommt.
Auf dem Tisch steht eine gemeinsame Schüssel Nudeln, Leon möchte nachnehmen. Was tut Leon jetzt?
Nina hat Salat auf dem Teller, den sie nicht mag. Was tut Nina jetzt?
Bei Familie Novak nimmt sich jeder selbst aus den Schüsseln, herumgereicht wird nichts. Das Wasser steht neben Ninas Teller, Leon möchte welches. Was tut Leon jetzt?
Bei Familie Novak fängt jeder an, sobald er etwas auf dem Teller hat, und niemand sagt „Guten Appetit". Leon ist zu Gast. Was tut Leon jetzt?
Bei Familie Chen liegen Stäbchen auf dem Tisch, kein Messer und keine Gabel. — Auf dem Tisch fehlt etwas.
Vor vierhundert Jahren nahmen die Leute hier das Fleisch mit den Fingern aus einer gemeinsamen Schüssel. — Damals war das unhöflich.
Mira isst bei ihrer Austauschfamilie in den USA. Alle nehmen die Gabel nach dem Schneiden in die rechte Hand. Was tut Mira jetzt?