Bei Tisch

At the table

Miteinander und Umgangsformen Klasse 2 14 Aufgaben
MiteinanderUmgangsformenSoziale Protokolle

Vier deutsche Tischsitten, konkret, und jedes Mal die Frage dazu, ob diese Form jemanden schützt oder nur eine Verabredung ist. Geschützt wird bei — fragen statt über den Teller des Nachbarn greifen; warten, bis alle etwas haben, damit niemand allein isst; den Vorlegelöffel statt der eigenen Gabel benutzen; sich abmelden, bevor man aufsteht. Reine Verabredung sind — Gabel links und Messer rechts (in den USA wird die Gabel beim Essen gewechselt), Hände auf dem Tisch statt im Schoß, „Guten Appetit" vor dem Essen (im Englischen gibt es diesen Satz gar nicht), Ellbogen und Serviette. Norbert Elias hat 1939 in „Über den Prozess der Zivilisation" genau diese Formen als historisch beweglich beschrieben — vieles, was heute streng klingt, war vor wenigen Generationen unbekannt oder umgekehrt selbstverständlich. Die Fehlvorstellung, die hier fällt, ist die wichtigste des ganzen Bereichs — dass Tischsitten Naturgesetze wären und wer sie anders hat, sie falsch hat. Geübt wird das Ganze in der Session „Gemeinsam essen"; es trägt weiter zu „Zu Gast und Gastgeber" (Klasse 3) und ist die Vergleichsgrundlage für „Was anderswo gilt" (Klasse 4), das ohne eine gekannte eigene Form gar nichts zu vergleichen hätte.

Können & Üben

Umgangsformen

Die Formen fehlen, auch nach Erinnerung.

Grüßt, bedankt sich, wartet bei Tisch — wenn erinnert wird.

Macht es zuverlässig, sobald die Situation benannt wurde.

Macht es von selbst, auch wenn niemand zusieht.

Passt die Form der Situation an und kann sagen, warum sie hier anders ist als woanders.

Gemeinsam essen

workshop

45 min · weekly

klassenzimmer, mensa, gruppentisch

Ein echtes Essen, kein Rollenspiel — gedeckt, gemeinsam begonnen, gemeinsam beendet. Die Kinder decken, tragen auf und räumen ab; die Begleitung isst mit und sagt während des Essens nichts über Formen. Vorher werden drei Formen benannt, mehr nicht, und sie bleiben über Wochen dieselben, bis sie sitzen: gemeinsam anfangen · fragen statt greifen · vom Tisch abmelden. Erst wenn diese drei ohne Erinnerung laufen, kommt eine vierte dazu. Nachher, fünf Minuten, und das ist der eigentliche Inhalt: Welche dieser Formen ist eine Verabredung und welche schützt jemanden? („Fragen statt greifen" schützt — sonst kommt jemand nicht ran. „Gemeinsam anfangen" ist eine Verabredung, und zwar eine deutsche: anderswo fängt an, wer bedient wurde.) Reihum eine Form, die zu Hause anders ist. Sie wird notiert und nicht bewertet — die Sammlung ist das Ergebnis.

bezugsperson

4–12

Leicht
Multiple Choice #1 18s â–¶ Testen

Karim möchte das Salz, das neben Jules Teller steht. Was tut Karim jetzt?

  • â—Ź Er fragt: „Jule, gibst du mir bitte das Salz?"
  • â—‹ Er greift ĂĽber Jules Teller und nimmt es sich.
  • â—‹ Er wartet, bis jemand von selbst merkt, dass er das Salz will.
Über einen fremden Teller zu greifen bringt den Ärmel ins Essen und Jule aus dem Takt. Und wer nur wartet, wartet meistens vergeblich — niemand sieht einem an, was man will.
Multiple Choice #2 18s â–¶ Testen

Alle sitzen schon, aber Elif hat noch nichts auf dem Teller. Was tut Ben jetzt?

  • â—Ź Er wartet, bis auch Elif etwas hat.
  • â—‹ Er fängt an, sonst wird sein Essen kalt.
  • â—‹ Er nimmt Elif etwas auf den Teller, ohne zu fragen.
Gemeinsam anfangen heißt — niemand isst allein. Das ist der Grund, nicht das kalte Essen. Und was auf Elifs Teller kommt, entscheidet Elif.
Multiple Choice #3 18s â–¶ Testen

Mira hat fertig gegessen und will zum Spielen, die anderen essen noch. Was tut Mira jetzt?

  • â—Ź Sie sagt, dass sie fertig ist, und fragt, ob sie aufstehen darf.
  • â—‹ Sie steht auf und geht.
  • â—‹ Sie bleibt stumm sitzen, bis der Letzte fertig ist.
Wer sich abmeldet, lässt niemanden rätseln, ob er wiederkommt. Wortlos gehen wirkt wie ein Abbruch — und stumm sitzen bleiben muss auch niemand.
Multiple Choice #4 15s â–¶ Testen

Anton hat den Mund voll, als Fatma ihn etwas fragt. Was tut Anton jetzt?

  • â—Ź Er kaut zu Ende und antwortet dann.
  • â—‹ Er antwortet sofort mit vollem Mund.
  • â—‹ Er antwortet gar nicht mehr.
Mit vollem Mund versteht Fatma die Hälfte, und ein Teil vom Essen fliegt mit. Das ist der Grund für diese Form — nicht die Feinheit.
Multiple Choice #5 15s â–¶ Testen

Elif fällt in der Mensa die Gabel auf den Boden. Was tut Elif jetzt?

  • â—Ź Sie sagt Bescheid und holt sich eine neue.
  • â—‹ Sie hebt sie auf und isst damit weiter.
  • â—‹ Sie isst mit den Fingern weiter.
Der Boden ist der Boden. Das ist keine Verabredung, sondern derselbe Grund wie beim Vorlegelöffel.
Wahr / Falsch #6 18s â–¶ Testen

Alle fangen an, nur Elifs Teller ist noch leer, weil die Schüssel noch nicht bei ihr angekommen ist. — Elif isst dann noch, wenn die anderen schon fertig sind.

âś“ Wahr
Ja, und genau davor schĂĽtzt das gemeinsame Anfangen. Es geht nicht um Feinheit, sondern darum, dass niemand allein am Tisch isst.
Wahr / Falsch #7 15s â–¶ Testen

Karim sagt Bescheid, bevor er vom Tisch aufsteht. — Damit weiß der Rest, dass er nicht wiederkommt.

âś“ Wahr
Ja, und das ist der ganze Zweck. Ohne den Satz wartet vielleicht jemand mit dem Nachtisch auf ihn.
Mittel
Multiple Choice #1 20s â–¶ Testen

Auf dem Tisch steht eine gemeinsame Schüssel Nudeln, Leon möchte nachnehmen. Was tut Leon jetzt?

  • â—Ź Er nimmt den Vorlegelöffel, der in der SchĂĽssel liegt.
  • â—‹ Er nimmt sich mit seiner eigenen Gabel.
  • â—‹ Er nimmt sich mit den Fingern.
Der Vorlegelöffel war in keinem Mund. Die eigene Gabel schon — und alles, was danach in der Schüssel bleibt, essen die anderen mit.
Multiple Choice #2 20s â–¶ Testen

Nina hat Salat auf dem Teller, den sie nicht mag. Was tut Nina jetzt?

  • â—Ź Sie isst, was sie schafft, und sagt nichts ĂĽber den Salat.
  • â—‹ Sie sagt laut, dass der Salat eklig ist.
  • â—‹ Sie schiebt den Teller weg und steht auf.
Niemand muss alles mögen. Aber jemand hat gekocht und sitzt mit am Tisch — über das Essen zu urteilen ist etwas anderes, als es nicht zu essen.
Multiple Choice #3 22s â–¶ Testen

Bei Familie Novak nimmt sich jeder selbst aus den Schüsseln, herumgereicht wird nichts. Das Wasser steht neben Ninas Teller, Leon möchte welches. Was tut Leon jetzt?

  • â—Ź Er fragt Nina, ob sie ihm das Wasser gibt.
  • â—‹ Er greift ĂĽber Ninas Teller, hier nimmt sich ja jeder selbst.
  • â—‹ Er trinkt nichts und sagt bis zum Schluss nichts dazu.
Dass sich hier jeder selbst nimmt, ändert nichts daran, dass Leons Arm über Ninas Teller hinge. Diese Form ist keine Verabredung wie „Gabel links" — sie hat einen Grund, und der gilt auch bei Novaks.
Multiple Choice #4 22s â–¶ Testen

Bei Familie Novak fängt jeder an, sobald er etwas auf dem Teller hat, und niemand sagt „Guten Appetit". Leon ist zu Gast. Was tut Leon jetzt?

  • â—Ź Er fängt auch an, sobald er etwas hat.
  • â—‹ Er wartet mit dem Essen, bis jemand „Guten Appetit" sagt.
  • â—‹ Er sagt den anderen, dass man vorher „Guten Appetit" sagt.
„Guten Appetit" ist eine Verabredung — im Englischen gibt es den Satz gar nicht. Bei Novaks gilt eine andere, und als Gast macht man die Form des Hauses mit, statt die eigene anzusagen.
Wahr / Falsch #5 18s â–¶ Testen

Bei Familie Chen liegen Stäbchen auf dem Tisch, kein Messer und keine Gabel. — Auf dem Tisch fehlt etwas.

âś“ Falsch
Nein. Messer und Gabel sind eine Verabredung, keine Grundausstattung — auf einem großen Teil der Erde isst man mit Stäbchen oder mit der Hand.
Wahr / Falsch #6 18s â–¶ Testen

Vor vierhundert Jahren nahmen die Leute hier das Fleisch mit den Fingern aus einer gemeinsamen Schüssel. — Damals war das unhöflich.

âś“ Falsch
Nein. Die Gabel setzte sich hier erst nach und nach durch; davor griff man zu, und niemand fand etwas dabei. Tischsitten ändern sich — was heute streng klingt, gab es damals gar nicht.
Schwer
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Mira isst bei ihrer Austauschfamilie in den USA. Alle nehmen die Gabel nach dem Schneiden in die rechte Hand. Was tut Mira jetzt?

  • â—Ź Sie isst weiter, wie sie es kennt, und sagt nichts dazu.
  • â—‹ Sie sagt, dass die Gabel eigentlich links bleiben muss.
  • â—‹ Sie hört auf zu essen, weil sie es so nicht kann.
Links halten und wechseln sind zwei Verabredungen, keine bessere und keine schlechtere. Wie Mira ihre eigene Gabel hält, stört niemanden — mitmachen darf sie, muss sie aber nicht. Nur andere zu korrigieren, geht nicht.