Die billige Probe

The cheap test

Miteinander und Umgangsformen Klasse 3 11 Aufgaben
MiteinanderPerspektivwechselKommunikationKonfliktlösung

Die Probe ist das Fragen, und sie rechtfertigt sich nicht durch Freundlichkeit, sondern durch die Kosten. Rätst du „Versehen", obwohl es Absicht war, verlierst du einen Nachmittag. Rätst du „Absicht", obwohl es ein Versehen war, kann dich das eine Freundschaft kosten — und der andere lernt dabei, dass du jemand bist, der zurückschlägt. Die beiden Irrtümer sind also nicht gleich teuer, und deshalb lohnt sich ein Satz, der beide vermeidet. Dodge und Somberg (1987) zeigen zugleich, warum das geübt werden muss und nicht überlegt werden kann — die feindselige Deutung wird stärker, sobald ein Kind sich selbst bedroht fühlt. Der Moment, in dem man die zweite Erklärung am nötigsten braucht, ist genau der, in dem man sie am schwersten findet.

Können & Üben

Absicht oder Versehen — vorhersagen, beobachten, erklären

workshop

45 min · once

klassenzimmer

Material — pro Kind zwei Karten, eine rote und eine grüne, sowie eine Strichliste an der Tafel. Fünf kurze Szenen, in denen etwas Unangenehmes passiert und offenbleibt, warum. Beispiele — jemand rempelt im Gang, ein Turm fällt um, eine Nachricht bleibt unbeantwortet, der Ball kommt nicht, ein Platz bleibt frei. Die Szenen enthalten nur, was zu sehen war, kein Wort über ein Wollen. VORHERSAGEN (10 Min). Zuerst die Frage an die Gruppe — bei einer Szene, die alle gleichzeitig hören — wie viele von uns werden „Absicht" sagen? Die Schätzung wird an die Tafel geschrieben, bevor irgendetwas vorgelesen wird. Fast immer schätzt die Gruppe „fast alle" oder „fast keiner", weil sich die Deutung wie eine Beobachtung anfühlt und nicht wie eine Entscheidung. BEOBACHTEN (15 Min). Die fünf Szenen werden einzeln vorgelesen. Nach jeder legt jedes Kind verdeckt eine Karte — rot für Absicht, grün für Versehen — und alle drehen auf ein Zeichen gleichzeitig um. Nur zählen, nicht besprechen, keine Begründungen, nichts kommentieren. Die fünf Ergebnisse stehen am Ende nebeneinander an der Tafel. ERKLÄREN (20 Min). Zuerst der Vergleich mit der eigenen Schätzung. Bei denselben Wörtern liegen im Raum beide Farben — das Ereignis kann die Frage also nicht entschieden haben, sonst wären alle Karten gleich. Leitfrage — was genau stand in der Szene, und was hat jede und jeder dazugelegt? Dann die Zahl dazu: 1 299 Kinder in neun Ländern bekamen zehn solche Geschichten, und in 38,5 % der Fälle lasen sie eine Absicht hinein; nach einer feindseligen Deutung sagten dieselben Kinder fünfmal so oft, sie würden zurückschlagen. Zum Schluss die zwei Gegenproben, damit daraus keine neue Regel „immer das Beste denken" wird — woran würde man Absicht wirklich erkennen (es wiederholt sich, es passiert ohne Aufsicht, die Person schaut auf deine Reaktion), und welcher eine Satz hätte in jeder der fünf Szenen geholfen? Die Sätze der Kinder werden gesammelt und bleiben sichtbar hängen.

bezugsperson

8–26

Leicht
Multiple Choice #1 20s â–¶ Testen

Beim Basteln nimmt Nora die Schere, die vor Jonas liegt. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?

  • â—Ź „Nora, brauchst du die Schere gerade?"
  • â—‹ „Immer nimmst du mir alles weg."
  • â—‹ „Die Schere hatte doch ich zuerst."
Nur der erste Satz fragt und lässt beide Erklärungen offen. Die anderen beiden entscheiden die Frage schon, bevor Nora überhaupt geantwortet hat.
Multiple Choice #2 20s â–¶ Testen

Kim rutscht im Gang an Fenja vorbei, dabei fällt Fenjas Heft runter. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?

  • â—Ź „Kim, hast du mich gar nicht gesehen?"
  • â—‹ „Du machst das mit Absicht."
  • â—‹ „Mein Heft ist jetzt ganz dreckig."
Der erste Satz fragt genau das, was Fenja nicht weiß. Der zweite behauptet es, der dritte sagt nur, wie schlimm es ist — beide bringen keine Antwort.
Wahr / Falsch #3 15s â–¶ Testen

Timo rempelt Pia an. Pia fragt — „Hast du mich nicht gesehen?" War es ein Versehen, kostet Pia diese Frage fast nichts.

âś“ Wahr
Eine Frage kostet einen Satz. Das ist der Grund, warum sie sich fast immer lohnt.
Mittel
Multiple Choice #1 22s â–¶ Testen

Alle reden vom Geburtstag von Lena, Marla hat keine Einladung bekommen. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?

  • â—Ź „Lena, hast du mir auch eine Einladung geschickt?"
  • â—‹ „Du hast mich mit Absicht weggelassen."
  • â—‹ „Zu dir wollte ich sowieso nicht kommen."
Einladungen gehen verloren, und genau danach fragt der erste Satz. Der zweite greift an, der dritte macht die Tür zu — beide erfahren nie, was wirklich war.
Multiple Choice #2 20s â–¶ Testen

Auf dem Zettel mit den Gruppen steht der Name von Ilja nicht. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?

  • â—Ź „Frau Vogel, ich finde meinen Namen nicht."
  • â—‹ „Ihr habt mich absichtlich weggelassen."
  • â—‹ „Dann mache ich eben gar nichts mit."
Der erste Satz fragt die Person, die es wissen kann. Der zweite deutet schon, der dritte bestraft Ilja selbst am meisten.
Wahr / Falsch #3 18s â–¶ Testen

Timo rempelt Pia an. Pia schubst sofort zurĂĽck. War es ein Versehen, kann Pia das eine Freundschaft kosten.

âś“ Wahr
Der Rempler war in einer Sekunde vorbei, das Zurückschubsen bleibt. Deshalb sind die beiden möglichen Irrtümer nicht gleich teuer.
Schwer
Multiple Choice #1 22s â–¶ Testen

Auf dem Heimweg lacht eine Gruppe laut, gerade als Sila vorbeigeht. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?

  • â—Ź „WorĂĽber lacht ihr gerade?"
  • â—‹ „Lacht ihr ĂĽber mich?"
  • â—‹ „Von euch will ich sowieso nichts."
Beide ersten Sätze sind Fragen, aber nur einer ist offen. „Lacht ihr über mich?" enthält die Deutung schon und macht es allen schwer, ehrlich zu antworten.
Multiple Choice #2 22s â–¶ Testen

Beim Sitzkreis fehlt der Stuhl von Roshan. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?

  • â—Ź „WeiĂź jemand, wo mein Stuhl hingekommen ist?"
  • â—‹ „Wer hat meinen Stuhl versteckt?"
  • â—‹ „Bei mir fehlt immer irgendwas."
Die erste Frage lässt offen, ob überhaupt jemand etwas getan hat. Die zweite setzt ein Verstecken schon voraus, und der dritte Satz fragt niemanden.
Multiple Choice #3 22s â–¶ Testen

Lars ist sicher, dass Ida ihn mit Absicht angerempelt hat, und schubst sofort zurĂĽck. In Wirklichkeit war es ein Versehen. Was ist damit passiert?

  • â—Ź Ida weiĂź jetzt, dass Lars sofort zurĂĽckschubst.
  • â—‹ Der Rempler von Ida ist damit ausgeglichen.
  • â—‹ Ida weiĂź jetzt, dass sie besser aufpassen muss.
Ida hat nichts gelernt, was sie besser macht — sie hat etwas über Lars gelernt. Genau das ist der teure Teil dieses Irrtums.
Multiple Choice #4 22s â–¶ Testen

Nino denkt, Ela habe seinen Radiergummi aus Versehen eingesteckt, und fragt sie danach. In Wirklichkeit hat Ela ihn mit Absicht genommen. Was ist damit passiert?

  • â—Ź Nino hat eine Frage gestellt und sonst nichts verloren.
  • â—‹ Nino hat seine Freundschaft zu Ela verloren.
  • â—‹ Ela darf den Radiergummi jetzt behalten.
Auch wenn Nino falsch geraten hat, kostet ihn das nur die Frage — und Ela weiß nun, dass es aufgefallen ist. Der Irrtum in diese Richtung ist der billige.
Wahr / Falsch #5 20s â–¶ Testen

Rafa ist sehr wĂĽtend und ganz sicher, dass es Absicht war. Weil er sich so sicher fĂĽhlt, stimmt seine Deutung besonders wahrscheinlich.

âś“ Falsch
Es ist eher umgekehrt. Dodge und Somberg haben 1987 gezeigt, dass die feindselige Deutung gerade dann stärker wird, wenn man sich selbst bedroht fühlt — im Ärger fühlt sie sich am sichersten an und trifft am seltensten.