Absicht oder Versehen
On purpose or by accident
Der Irrtum, den dieses Thema abräumt, heißt in der Forschung *hostile attribution bias* und klingt bei Kindern so — „wenn es wehtut, war es Absicht". Kenneth Dodge hat 1980 gezeigt, dass sich aggressive und nicht aggressive Jungen bei eindeutigen Ereignissen kaum unterscheiden; erst bei den mehrdeutigen gehen die Deutungen weit auseinander, und wer dort Angriff liest, wählt danach völlig kompetent eine feindselige Antwort. Der Fehler sitzt also nicht bei der Reaktion, sondern eine Stufe davor. Wie groß der Zusammenhang ist, steht heute fest — Verhoef, Alsem, Verhulp und De Castro (2019) finden über 111 Studien und 29 272 Kinder d = 0,33; De Castro und Kollegen (2002) hatten mit 41 Studien und 6 017 Kindern fast denselben Wert. Die Neunländerstudie von Dodge und Kollegen (2015) macht sichtbar, was das im Moment bedeutet — dieselben Kinder sagten nach einer feindseligen Deutung fünfmal so oft, dass sie zurückschlagen würden, wie nach einer harmlosen. Geübt werden drei Dinge, die zusammen die Kompetenz ergeben — Beobachtung von Deutung trennen, eine zweite Erklärung erzeugen, bevor man handelt, und nachfragen, weil Fragen billig ist und die beiden möglichen Irrtümer sehr unterschiedlich teuer sind. Bereitet das Streiten ohne Zerlegen (Klasse 3 und 4) und das Schreiben ohne Gesicht (Klasse 6) vor.
Können & Üben
Absicht oder Versehen — vorhersagen, beobachten, erklären
workshop45 min · once
klassenzimmer
Material — pro Kind zwei Karten, eine rote und eine grüne, sowie eine Strichliste an der Tafel. Fünf kurze Szenen, in denen etwas Unangenehmes passiert und offenbleibt, warum. Beispiele — jemand rempelt im Gang, ein Turm fällt um, eine Nachricht bleibt unbeantwortet, der Ball kommt nicht, ein Platz bleibt frei. Die Szenen enthalten nur, was zu sehen war, kein Wort über ein Wollen. VORHERSAGEN (10 Min). Zuerst die Frage an die Gruppe — bei einer Szene, die alle gleichzeitig hören — wie viele von uns werden „Absicht" sagen? Die Schätzung wird an die Tafel geschrieben, bevor irgendetwas vorgelesen wird. Fast immer schätzt die Gruppe „fast alle" oder „fast keiner", weil sich die Deutung wie eine Beobachtung anfühlt und nicht wie eine Entscheidung. BEOBACHTEN (15 Min). Die fünf Szenen werden einzeln vorgelesen. Nach jeder legt jedes Kind verdeckt eine Karte — rot für Absicht, grün für Versehen — und alle drehen auf ein Zeichen gleichzeitig um. Nur zählen, nicht besprechen, keine Begründungen, nichts kommentieren. Die fünf Ergebnisse stehen am Ende nebeneinander an der Tafel. ERKLÄREN (20 Min). Zuerst der Vergleich mit der eigenen Schätzung. Bei denselben Wörtern liegen im Raum beide Farben — das Ereignis kann die Frage also nicht entschieden haben, sonst wären alle Karten gleich. Leitfrage — was genau stand in der Szene, und was hat jede und jeder dazugelegt? Dann die Zahl dazu: 1 299 Kinder in neun Ländern bekamen zehn solche Geschichten, und in 38,5 % der Fälle lasen sie eine Absicht hinein; nach einer feindseligen Deutung sagten dieselben Kinder fünfmal so oft, sie würden zurückschlagen. Zum Schluss die zwei Gegenproben, damit daraus keine neue Regel „immer das Beste denken" wird — woran würde man Absicht wirklich erkennen (es wiederholt sich, es passiert ohne Aufsicht, die Person schaut auf deine Reaktion), und welcher eine Satz hätte in jeder der fünf Szenen geholfen? Die Sätze der Kinder werden gesammelt und bleiben sichtbar hängen.
bezugsperson
8–26
Einen Streit nachbesprechen
guided15 min · ad-hoc
klassenzimmer, ruhiger-raum
Am selben Tag, wenn die Wut weg ist und bevor der Tag vorbei ist. Nicht direkt danach — im erregten Zustand ist nichts davon zugänglich. Fünf Fragen, in dieser Reihenfolge, und die Begleitung beantwortet keine davon selbst. 1. Was hast du gesehen und gehört, bevor es losging? (Nur Beobachtbares. „Er ist gemein" ist keine Beobachtung, „er hat meinen Stift genommen" schon.) 2. Was hast du gedacht, was das bedeutet? Und: Gab es eine zweite Möglichkeit, was es bedeuten könnte? 3. Was wolltest du in dem Moment — den Stift zurück, dass er aufhört, oder dass es ihm leid tut? (Das sind drei verschiedene Ziele mit drei verschiedenen Wegen.) 4. Was hättest du tun können? Mindestens drei Möglichkeiten, auch schlechte. 5. Warum ist es die geworden, die es geworden ist? Zum Schluss eine einzige Sache für das nächste Mal, vom Kind formuliert. Wenn jemand zu Schaden gekommen ist, folgt die Wiedergutmachung — aber getrennt und nicht im selben Atemzug. Zwei Befunde dazu, beide belegt und beide anders, als man denkt. Erstens ist es die Wiedergutmachung selbst, die wirkt — bei Drell und Jaswal (2015) fühlten sich Kinder nach einer Entschuldigung nicht besser, sondern erst, als der Turm wieder aufgebaut wurde; die Entschuldigung reparierte die Beziehung, nicht das Gefühl. Zweitens ist „eine angeordnete Entschuldigung schadet" ein oft gesagter Satz ohne Studie dahinter. Belegt ist etwas Schmaleres — Kinder erkennen den Unterschied zwischen freiwillig und angeordnet (Smith u. a. 2018) und verzeihen der freiwilligen leichter. Eine angeordnete Entschuldigung ist also ein schwächeres Signal, kein Schaden. Wer sie anordnet, sollte wissen, dass sie weniger trägt als das Angebot, die Sache in Ordnung zu bringen.
bezugsperson
1–2
Unterthemen (3)
Voraussetzungen (1)
Ermöglicht (2)
Auf dem Schulweg fährt ein Fahrrad dicht an Nuri vorbei. Was hat Nuri wirklich gesehen?
Rike sagt — „Meine Mütze liegt nicht mehr auf der Bank." Das ist etwas, das Rike gesehen hat.
Beim Schwimmen springt jemand neben Alina ins Becken, sie bekommt eine Welle ins Gesicht und muss husten. Weil es so unangenehm war, war es bestimmt Absicht.
Lina fragt Onur — „Hast du mich vorhin gar nicht gesehen?" Hat Onur sie wirklich nicht gesehen, hat Lina mit dieser Frage kaum etwas verloren.
Beim Aufräumen fällt das Bild von Mira vom Tisch, als Deniz danebengeht. Was hat Mira wirklich gesehen?
Vor der Turnhalle ist die Klasse schon reingegangen, ohne auf Bela zu warten. Bela denkt — „Ich bin denen egal." Welcher Satz passt genauso gut zu dem, was Bela sieht?
Emma ruft Lio dreimal an, er geht nicht ran. Emma denkt — „Er will nicht mit mir reden." Welcher Satz passt genauso gut zu dem, was Emma weiß?
Der Trinkbecher von Ravi wird umgestoĂźen. Welcher Hinweis wĂĽrde wirklich zeigen, dass es Absicht war?
Zwei Kinder tuscheln und schauen dabei zu Yara herüber. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?
Beim Bäcker wird Sami übergangen, obwohl er vor der Frau dran war. Welcher Satz klärt die Sache, ohne Streit anzufangen?
Nach dem Sport fehlt die Mütze von Ole. Ole sagt — „Jemand hat sie mir weggenommen." Das ist etwas, das Ole gesehen hat.
Silas findet sein Mäppchen seit zwei Wochen jeden Morgen auf dem Boden, und immer nur, solange Frau Adam noch nicht im Raum ist. Das spricht für Absicht.
Der Platz neben Kaya bleibt im Bus frei, obwohl der Bus voll ist. Welcher Hinweis wĂĽrde wirklich zeigen, dass es Absicht war?
Toni ist sicher, dass Vik ihm den Platz weggenommen hat, und wirft dessen Sachen auf den Boden. In Wirklichkeit hatte Frau Berg die Plätze getauscht. Was ist damit passiert?
Mo ist gerade sehr wĂĽtend und ganz sicher, dass Nils ihn extra geschubst hat. Gerade weil er sich so sicher ist, stimmt seine Deutung wahrscheinlich.