Ordnungswidrigkeit oder Straftat (eA)
Administrative Offence or Crime (eA)
Die Lernenden prüfen Tariks Satz „Schwarzfahren ist doch nur eine Ordnungswidrigkeit“: § 1 OWiG beschreibt die Ordnungswidrigkeit mit denselben Stufen wie die Straftat, unterscheidet sie aber an der Rechtsfolge – Geldbuße durch die Behörde statt Geld- oder Freiheitsstrafe durch ein Gericht. Sie ordnen Taten nach § 12 StGB in Vergehen und Verbrechen ein (am Mindestmaß, nicht am Höchstmaß) und diskutieren, warum der Bundestag im April 2026 das Fahren ohne Fahrschein strafbar ließ. Ziel: die Strafzwecke dieses Kurses und die Erörterung im Fall „Der Nachtbus“ in Kurs 13.
Nur eine Ordnungswidrigkeit?
Tarik sagt: „Schwarzfahren ist doch nur eine Ordnungswidrigkeit.“ § 1
Abs. 1 OWiG: „Eine Ordnungswidrigkeit ist eine rechtswidrige und
vorwerfbare Handlung, die den Tatbestand eines Gesetzes verwirklicht, das
die Ahndung mit einer Geldbuße zuläßt.“ Das sind dieselben Stufen wie bei
der Straftat: Tatbestand, Rechtswidrigkeit und, statt Schuld,
Vorwerfbarkeit. Der Unterschied steckt allein in der Rechtsfolge. Eine
Ob eine Handlung das eine oder das andere ist, entscheidet also nicht ihr Gewicht im Alltag, sondern die Rechtsfolge, die die Norm androht. § 265a droht „Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder … Geldstrafe“ an: Tariks Fahrt ist eine Straftat. Dieselbe Grenze zieht das Verkehrsrecht: Autofahren mit 0,5 Promille ist eine Ordnungswidrigkeit (§ 24a StVG), wer nicht mehr sicher fahren kann – ab 1,1 Promille ist man immer absolut fahruntüchtig –, begeht die Straftat des § 316 StGB.
Die 60 €, die Tarik den Kontrolleuren zahlen soll, sind etwas Drittes: ein erhöhtes Beförderungsentgelt nach § 9 der Verordnung über die Beförderungsbedingungen, ein Anspruch des Verkehrsunternehmens aus dem Beförderungsvertrag. Die Verordnung sagt selbst, dass „eine Verfolgung im Straf- oder Bußgeldverfahren … unberührt“ bleibt – eine Tat, zwei Verfahren, wie in Kurs 1.
Vergehen und Verbrechen
Auch unter den Straftaten gibt es zwei Klassen. § 12 StGB: „Verbrechen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit Freiheitsstrafe von einem Jahr oder darüber bedroht sind. Vergehen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit einer geringeren Freiheitsstrafe oder die mit Geldstrafe bedroht sind.“ Es zählt das Mindestmaß, nicht das Höchstmaß, und besonders oder minder schwere Fälle bleiben außer Betracht (Abs. 3). § 265a und § 223 sind Vergehen; der Raub nach § 249, „nicht unter einem Jahr“, ist ein Verbrechen. Die Einteilung entscheidet unter anderem, ob schon der Versuch strafbar ist: beim Verbrechen stets, beim Vergehen nur, wo das Gesetz es sagt (§ 23 Abs. 1). Ordne die Taten.
- Ordnungswidrigkeit
- Vergehen
- Verbrechen
- Tarik fährt ohne Fahrschein Nachtbus (§ 265a StGB)
- Jemand fährt mit 0,6 Promille Auto und fährt dabei sicher (§ 24a StVG)
- Jemand entreißt einer Frau mit Gewalt das Handy (§ 249 StGB, Raub)
- Jemand schlägt mit einer Flasche zu (§ 224 StGB, sechs Monate bis zehn Jahre)
- Jemand lässt nachts auf der Straße so laut Musik laufen, dass die Nachbarn aufwachen (§ 117 OWiG)
- Herr Brandl fährt mit 1,6 Promille heim (§ 316 StGB)
- Jemand tötet einen Menschen, ohne Mörder zu sein (§ 212 StGB)
- Jemand parkt vor einer Feuerwehrzufahrt (§ 24 StVG)
Warum der Bundestag es so lieĂź
Ob Fahren ohne Fahrschein eine Straftat sein soll, ist eine Entscheidung des Gesetzgebers, und sie ist umstritten. 2025 brachten zwei Fraktionen Entwürfe ein, § 265a für das Schwarzfahren zu streichen (BT-Drs. 21/2722 und 21/1757). Ihre Gründe: Getroffen würden vor allem Menschen, die sich kein Ticket leisten können; wer die Geldstrafe nicht zahlen kann, sitze eine Ersatzstrafe im Gefängnis ab; das Verkehrsunternehmen habe mit dem erhöhten Beförderungsentgelt ein zivilrechtliches Mittel; und das Strafrecht solle nur das letzte Mittel sein, die ultima ratio. Der Rechtsausschuss empfahl am 15. April 2026, beide Entwürfe abzulehnen (BT-Drs. 21/5378), und der Bundestag folgte ihm. Die Gegenseite hält das massenhafte Mitfahren ohne Zahlung für mehr als eine Vertragsverletzung und das bloße Entgelt für zu schwach, um davon abzuhalten.
Solange § 265a gilt, sind die Gerichte an ihn gebunden. Das Bundesverfassungsgericht hat 2024 einem Verurteilten, der auf die Reformpläne verwies, geantwortet, „die Gültigkeit der Strafvorschrift und die Bindung der Justiz hieran“ blieben „durch das Reformvorhaben des Gesetzgebers unberührt“ (2 BvR 1100/24). Tarik hat sich strafbar gemacht. Weil der Wert gering ist, wird er nach § 265a Abs. 3 mit § 248a nur auf Antrag verfolgt, wenn die Staatsanwaltschaft kein besonderes öffentliches Interesse sieht – und weil es das dritte Mal ist, stellt das Verkehrsunternehmen ihn. Ob das gerecht ist, kann man bezweifeln. Wie hoch eine Strafe sein soll und wozu, entscheidet das Gericht – zuerst in Herrn Brandls Prozess.
Voraussetzungen (2)
Woran erkennst du, dass Parken vor einer Feuerwehrzufahrt eine Ordnungswidrigkeit ist und keine Straftat?
Die 60 € erhöhtes Beförderungsentgelt, die Tarik zahlen soll, sind eine Geldbuße nach dem OWiG.
Norm finden: Welche Vorschrift sagt, was eine Ordnungswidrigkeit ist?
Welche Tat ist ein Verbrechen?
Ob eine Straftat ein Verbrechen ist, richtet sich nach dem Höchstmaß der angedrohten Strafe.
Tarik findet, Fahren ohne Fahrschein sollte nur eine Ordnungswidrigkeit sein. Wer könnte das ändern?
Wer das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 € gezahlt hat, kann wegen derselben Fahrt nicht mehr bestraft werden.
Ăśber eine Ordnungswidrigkeit entscheidet zuerst eine Verwaltungs___, ĂĽber eine Straftat ein Gericht.
Die Einteilung der Straftaten in Verbrechen und Vergehen steht in § ___ StGB.
Dass das Strafrecht nur eingesetzt werden soll, wo mildere Mittel nicht genĂĽgen, heiĂźt das Prinzip der ultima ___.
Jana (30) fährt mit 0,7 Promille Auto, fährt aber sicher und unauffällig. Was hat sie begangen?
§ 226 Abs. 1 StGB (schwere Körperverletzung) droht ein bis zehn Jahre an; in minder schweren Fällen sind es sechs Monate bis fünf Jahre (Abs. 3). Verbrechen oder Vergehen?
Ein Gesetzentwurf will das FĂĽttern von Tauben in der Innenstadt mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestrafen. Welches Argument stĂĽtzt sich auf das Ultima-ratio-Prinzip?
Forum: „Mein Bruder (24) ist mit 1,3 Promille Auto gefahren und wurde angehalten. Er meint, das kostet halt ein Bußgeld und ein paar Punkte. Stimmt das?“ Antworte juristisch fundiert (fünf bis acht Sätze): Ordne die Tat als Ordnungswidrigkeit oder Straftat ein und schätze die Rechtsfolge ab.