Ordnungswidrigkeit oder Straftat (eA)

Administrative Offence or Crime (eA)

Wirtschaft und Recht Klasse 13 14 Aufgaben
RechtKerncurriculum

Die Lernenden prüfen Tariks Satz „Schwarzfahren ist doch nur eine Ordnungswidrigkeit“: § 1 OWiG beschreibt die Ordnungswidrigkeit mit denselben Stufen wie die Straftat, unterscheidet sie aber an der Rechtsfolge – Geldbuße durch die Behörde statt Geld- oder Freiheitsstrafe durch ein Gericht. Sie ordnen Taten nach § 12 StGB in Vergehen und Verbrechen ein (am Mindestmaß, nicht am Höchstmaß) und diskutieren, warum der Bundestag im April 2026 das Fahren ohne Fahrschein strafbar ließ. Ziel: die Strafzwecke dieses Kurses und die Erörterung im Fall „Der Nachtbus“ in Kurs 13.

Nur eine Ordnungswidrigkeit?

Tarik sagt: „Schwarzfahren ist doch nur eine Ordnungswidrigkeit.“ § 1 Abs. 1 OWiG: „Eine Ordnungswidrigkeit ist eine rechtswidrige und vorwerfbare Handlung, die den Tatbestand eines Gesetzes verwirklicht, das die Ahndung mit einer Geldbuße zuläßt.“ Das sind dieselben Stufen wie bei der Straftat: Tatbestand, Rechtswidrigkeit und, statt Schuld, Vorwerfbarkeit. Der Unterschied steckt allein in der Rechtsfolge. Eine Geldbuße verhängt eine Verwaltungsbehörde, in der Regel 5 bis 1 000 € (§ 17 OWiG); eine Strafe – Geldstrafe oder Freiheitsstrafe – verhängt nur ein Gericht.

Ob eine Handlung das eine oder das andere ist, entscheidet also nicht ihr Gewicht im Alltag, sondern die Rechtsfolge, die die Norm androht. § 265a droht „Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder … Geldstrafe“ an: Tariks Fahrt ist eine Straftat. Dieselbe Grenze zieht das Verkehrsrecht: Autofahren mit 0,5 Promille ist eine Ordnungswidrigkeit (§ 24a StVG), wer nicht mehr sicher fahren kann – ab 1,1 Promille ist man immer absolut fahruntüchtig –, begeht die Straftat des § 316 StGB.

Die 60 €, die Tarik den Kontrolleuren zahlen soll, sind etwas Drittes: ein erhöhtes Beförderungsentgelt nach § 9 der Verordnung über die Beförderungsbedingungen, ein Anspruch des Verkehrsunternehmens aus dem Beförderungsvertrag. Die Verordnung sagt selbst, dass „eine Verfolgung im Straf- oder Bußgeldverfahren … unberührt“ bleibt – eine Tat, zwei Verfahren, wie in Kurs 1.

Vergehen und Verbrechen

Auch unter den Straftaten gibt es zwei Klassen. § 12 StGB: „Verbrechen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit Freiheitsstrafe von einem Jahr oder darüber bedroht sind. Vergehen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit einer geringeren Freiheitsstrafe oder die mit Geldstrafe bedroht sind.“ Es zählt das Mindestmaß, nicht das Höchstmaß, und besonders oder minder schwere Fälle bleiben außer Betracht (Abs. 3). § 265a und § 223 sind Vergehen; der Raub nach § 249, „nicht unter einem Jahr“, ist ein Verbrechen. Die Einteilung entscheidet unter anderem, ob schon der Versuch strafbar ist: beim Verbrechen stets, beim Vergehen nur, wo das Gesetz es sagt (§ 23 Abs. 1). Ordne die Taten.

  • Ordnungswidrigkeit
  • Vergehen
  • Verbrechen
  • Tarik fährt ohne Fahrschein Nachtbus (§ 265a StGB)
  • Jemand fährt mit 0,6 Promille Auto und fährt dabei sicher (§ 24a StVG)
  • Jemand entreiĂźt einer Frau mit Gewalt das Handy (§ 249 StGB, Raub)
  • Jemand schlägt mit einer Flasche zu (§ 224 StGB, sechs Monate bis zehn Jahre)
  • Jemand lässt nachts auf der StraĂźe so laut Musik laufen, dass die Nachbarn aufwachen (§ 117 OWiG)
  • Herr Brandl fährt mit 1,6 Promille heim (§ 316 StGB)
  • Jemand tötet einen Menschen, ohne Mörder zu sein (§ 212 StGB)
  • Jemand parkt vor einer Feuerwehrzufahrt (§ 24 StVG)
Tippe eine Tat an und dann die Klasse: Was droht die Norm an – Geldbuße, Strafe unter einem Jahr Mindestmaß oder mindestens ein Jahr?

Warum der Bundestag es so lieĂź

Ob Fahren ohne Fahrschein eine Straftat sein soll, ist eine Entscheidung des Gesetzgebers, und sie ist umstritten. 2025 brachten zwei Fraktionen Entwürfe ein, § 265a für das Schwarzfahren zu streichen (BT-Drs. 21/2722 und 21/1757). Ihre Gründe: Getroffen würden vor allem Menschen, die sich kein Ticket leisten können; wer die Geldstrafe nicht zahlen kann, sitze eine Ersatzstrafe im Gefängnis ab; das Verkehrsunternehmen habe mit dem erhöhten Beförderungsentgelt ein zivilrechtliches Mittel; und das Strafrecht solle nur das letzte Mittel sein, die ultima ratio. Der Rechtsausschuss empfahl am 15. April 2026, beide Entwürfe abzulehnen (BT-Drs. 21/5378), und der Bundestag folgte ihm. Die Gegenseite hält das massenhafte Mitfahren ohne Zahlung für mehr als eine Vertragsverletzung und das bloße Entgelt für zu schwach, um davon abzuhalten.

Solange § 265a gilt, sind die Gerichte an ihn gebunden. Das Bundesverfassungsgericht hat 2024 einem Verurteilten, der auf die Reformpläne verwies, geantwortet, „die Gültigkeit der Strafvorschrift und die Bindung der Justiz hieran“ blieben „durch das Reformvorhaben des Gesetzgebers unberührt“ (2 BvR 1100/24). Tarik hat sich strafbar gemacht. Weil der Wert gering ist, wird er nach § 265a Abs. 3 mit § 248a nur auf Antrag verfolgt, wenn die Staatsanwaltschaft kein besonderes öffentliches Interesse sieht – und weil es das dritte Mal ist, stellt das Verkehrsunternehmen ihn. Ob das gerecht ist, kann man bezweifeln. Wie hoch eine Strafe sein soll und wozu, entscheidet das Gericht – zuerst in Herrn Brandls Prozess.

Leicht
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Woran erkennst du, dass Parken vor einer Feuerwehrzufahrt eine Ordnungswidrigkeit ist und keine Straftat?

  • â—‹ Es ist eine Kleinigkeit, niemand wird verletzt
  • â—‹ Es wird nur selten verfolgt
  • â—Ź Das Gesetz droht dafĂĽr nur eine GeldbuĂźe an
Entscheidend ist die angedrohte Rechtsfolge: Geldbuße – Ordnungswidrigkeit (§ 1 OWiG); Geld- oder Freiheitsstrafe – Straftat. Wie schwer eine Tat im Alltag wirkt, entscheidet nichts. Stand 2026.
Wahr / Falsch #2 15s â–¶ Testen

Die 60 € erhöhtes Beförderungsentgelt, die Tarik zahlen soll, sind eine Geldbuße nach dem OWiG.

âś“ Falsch
Falsch. Das erhöhte Beförderungsentgelt (§ 9 BefBedV) ist ein zivilrechtlicher Anspruch des Verkehrsunternehmens. Eine Geldbuße verhängt nur eine Behörde. Stand 2026.
Multiple Choice #3 25s â–¶ Testen

Norm finden: Welche Vorschrift sagt, was eine Ordnungswidrigkeit ist?

  • â—Ź § 1 OWiG
  • â—‹ § 12 StGB
  • â—‹ § 1 StGB
§ 1 OWiG definiert die Ordnungswidrigkeit. § 12 StGB teilt die Straftaten in Verbrechen und Vergehen; § 1 StGB sagt: keine Strafe ohne Gesetz. Stand 2026.
Multiple Choice #4 25s â–¶ Testen

Welche Tat ist ein Verbrechen?

  • â—‹ Gefährliche Körperverletzung (§ 224: sechs Monate bis zehn Jahre)
  • â—‹ Betrug im besonders schweren Fall (§ 263 Abs. 3: sechs Monate bis zehn Jahre)
  • â—Ź Raub (§ 249: nicht unter einem Jahr)
Es zählt das Mindestmaß: Nur der Raub droht mindestens ein Jahr an. § 224 beginnt bei sechs Monaten, und der besonders schwere Fall des Betrugs bleibt nach § 12 Abs. 3 ohnehin außer Betracht. Stand 2026.
Wahr / Falsch #5 15s â–¶ Testen

Ob eine Straftat ein Verbrechen ist, richtet sich nach dem Höchstmaß der angedrohten Strafe.

âś“ Falsch
Falsch. § 12 stellt auf das Mindestmaß ab: ein Jahr Freiheitsstrafe oder mehr – Verbrechen; weniger oder Geldstrafe – Vergehen. Stand 2026.
Multiple Choice #6 25s â–¶ Testen

Tarik findet, Fahren ohne Fahrschein sollte nur eine Ordnungswidrigkeit sein. Wer könnte das ändern?

  • â—Ź Der Bundestag, indem er das Gesetz ändert
  • â—‹ Das Verkehrsunternehmen, indem es keinen Strafantrag stellt
  • â—‹ Das Amtsgericht in Tariks Verfahren
Was strafbar ist, bestimmt der Gesetzgeber. Das Gericht ist an § 265a gebunden. Ein fehlender Strafantrag kann ein Verfahren verhindern, ändert aber das Gesetz nicht. Stand 2026.
Wahr / Falsch #7 15s â–¶ Testen

Wer das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 € gezahlt hat, kann wegen derselben Fahrt nicht mehr bestraft werden.

âś“ Falsch
Falsch. Das Entgelt ist ein zivilrechtlicher Anspruch; § 9 BefBedV sagt selbst, dass eine Verfolgung im Straf- oder Bußgeldverfahren „unberührt“ bleibt. Eine Tat, zwei Verfahren. Stand 2026.
Mittel
LĂĽckentext #1 20s â–¶ Testen

Ăśber eine Ordnungswidrigkeit entscheidet zuerst eine Verwaltungs___, ĂĽber eine Straftat ein Gericht.

✓ Antwort: behörde
Verwaltungsbehörde – mit einem Bußgeldbescheid. Erst wer Einspruch einlegt, kommt vor das Amtsgericht. Stand 2026.
LĂĽckentext #2 20s â–¶ Testen

Die Einteilung der Straftaten in Verbrechen und Vergehen steht in § ___ StGB.

âś“ Antwort: 12
§ 12 StGB. Wer die Vorschrift findet, kann jede Tat am Mindestmaß ihrer Strafdrohung einordnen. Stand 2026.
LĂĽckentext #3 20s â–¶ Testen

Dass das Strafrecht nur eingesetzt werden soll, wo mildere Mittel nicht genĂĽgen, heiĂźt das Prinzip der ultima ___.

âś“ Antwort: ratio
Ultima ratio – das letzte Mittel. Es steht in keinem Paragrafen; es ist ein Grundsatz, an dem der Gesetzgeber seine Strafnormen messen lassen muss. Stand 2026.
Schwer
Multiple Choice #1 35s â–¶ Testen

Jana (30) fährt mit 0,7 Promille Auto, fährt aber sicher und unauffällig. Was hat sie begangen?

  • â—‹ Nichts – unter 1,1 Promille ist Autofahren erlaubt
  • â—Ź Eine Ordnungswidrigkeit nach § 24a StVG
  • â—‹ Eine Straftat nach § 316 StGB
Ab 0,5 Promille ist das Fahren eine Ordnungswidrigkeit (§ 24a StVG). Die Straftat des § 316 verlangt, dass sie nicht mehr sicher fahren kann – ab 1,1 Promille immer, darunter nur bei Ausfallerscheinungen. Stand 2026.
Multiple Choice #2 40s â–¶ Testen

§ 226 Abs. 1 StGB (schwere Körperverletzung) droht ein bis zehn Jahre an; in minder schweren Fällen sind es sechs Monate bis fünf Jahre (Abs. 3). Verbrechen oder Vergehen?

  • â—Ź Verbrechen – der minder schwere Fall zählt nicht (§ 12 Abs. 3)
  • â—‹ Vergehen – im minder schweren Fall sind es nur sechs Monate
  • â—‹ Vergehen – das HöchstmaĂź liegt unter fĂĽnfzehn Jahren
Der Grundtatbestand droht mindestens ein Jahr an: Verbrechen. Milderungen für minder schwere Fälle bleiben nach § 12 Abs. 3 für die Einteilung außer Betracht. Stand 2026.
Multiple Choice #3 35s â–¶ Testen

Ein Gesetzentwurf will das FĂĽttern von Tauben in der Innenstadt mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestrafen. Welches Argument stĂĽtzt sich auf das Ultima-ratio-Prinzip?

  • â—Ź Ein BuĂźgeld der Stadt reicht, um das FĂĽttern einzudämmen
  • â—‹ Wer Tauben fĂĽttert, handelt vorsätzlich
  • â—‹ Tauben verschmutzen Gebäude und Plätze
Das Ultima-ratio-Prinzip fragt, ob ein milderes Mittel genĂĽgt. Dass Tauben Schaden anrichten, spricht fĂĽr eine Regelung ĂĽberhaupt; der Vorsatz sagt nichts darĂĽber, welche Rechtsfolge angemessen ist. Stand 2026.
KI-bewertete Frage #4 360s â–¶ Testen

Forum: „Mein Bruder (24) ist mit 1,3 Promille Auto gefahren und wurde angehalten. Er meint, das kostet halt ein Bußgeld und ein paar Punkte. Stimmt das?“ Antworte juristisch fundiert (fünf bis acht Sätze): Ordne die Tat als Ordnungswidrigkeit oder Straftat ein und schätze die Rechtsfolge ab.

✓ Antwort: Nein, das stimmt nicht. Bei 1,3 Promille ist ein Autofahrer nach der Rechtsprechung absolut fahruntüchtig, denn die Grenze liegt bei 1,1 Promille. Damit ist nicht nur die Ordnungswidrigkeit des § 24a StVG (ab 0,5 Promille) erfüllt, sondern die Straftat der Trunkenheit im Verkehr nach § 316 StGB. Ob etwas Ordnungswidrigkeit oder Straftat ist, entscheidet die angedrohte Rechtsfolge: § 316 droht Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe an, es ist ein Vergehen. Darüber entscheidet ein Gericht, nicht die Bußgeldbehörde. Zu erwarten ist eine Geldstrafe, bei einer ersten Tat meist keine Freiheitsstrafe.
§ 316 statt § 24a: absolute Fahruntüchtigkeit ab 1,1 Promille; Strafdrohung entscheidet die Einordnung; Vergehen, Gericht, Geldstrafe. Stand 2026.