Was im Wasser landet
Zwei Kannen aus derselben TĂŒte
Zwei Kannen Filterkaffee, dieselbe TĂŒte, derselbe Wasserkocher, je 500 Gramm Wasser. FĂŒr die erste Kanne kommen 30 Gramm grob gemahlenes Pulver in den Filter, das Wasser lĂ€uft in zweieinhalb Minuten durch. Sie schmeckt sauer und dĂŒnn, und der Geschmack ist sofort wieder weg. FĂŒr die zweite kommen 42 Gramm, mittelfein, vier Minuten. Sie ist bitter und schwer, der Mund wird trocken. Die ĂŒbliche ErklĂ€rung am Tresen lautet: Die erste ist unterextrahiert, die zweite ĂŒberextrahiert. Das klingt nach einem einzigen Regler, der einmal zu weit links und einmal zu weit rechts stand.
Dieser Artikel zeigt, dass jede Tasse zwei Zahlen hat und dass die zweite Kanne gar nicht ĂŒberextrahiert ist. Beide Zahlen sind klein: Eine gute Tasse Filterkaffee besteht zu etwa 98,7 Prozent aus Wasser. Alles, was du schmeckst, steckt in den restlichen 1,3 Prozent, und in der Frage, wie sie aus dem Pulver ins Wasser gekommen sind. Welches GerĂ€t welche Mahlung braucht, wie man einen Espresso einstellt und wie Milch schĂ€umt, gehört in die nĂ€chsten Kurse. Hier geht es um das, was alle Methoden gemeinsam haben: ein Korn Kaffee in heiĂem Wasser.
Ein Korn
Nimm ein einziges Teilchen aus einer mittelfeinen Filtermahlung. Es ist
0,7 Millimeter groĂ, etwa so groĂ wie ein Sandkorn. Die Zeichnung zeigt es
im Schnitt und maĂstabsgetreu, der Balken links unten ist ein halber
Millimeter. Das feine Raster sind seine Zellen, jede etwa 25 Mikrometer
breit, also ein Vierzigstel Millimeter. Die Punkte stehen fĂŒr Stoffe, die
sich in Wasser lösen können:
Nach zehn Sekunden ist der Ă€uĂere Ring leer. Das sind die Zellen, die das Mahlwerk aufgeschnitten hat; das Wasser spĂŒlt sie einfach aus. Dahinter liegen heile Zellen mit WĂ€nden. Was in ihnen steckt, muss von Zelle zu Zelle nach auĂen wandern. Dieses Wandern heiĂt Diffusion, und es ist langsam: Die leere Zone frisst sich von auĂen nach innen, die Mitte ist nach vier Minuten noch fast voll. Die gelösten Punkte sammeln sich im Wasser um das Korn.
Der Balken unter dem Korn zÀhlt mit. Nach vier Minuten hat das Korn
20 Prozent seiner Masse abgegeben. Diese Zahl hat einen Namen: die
Zieh die Zeit jetzt ganz nach rechts, auf zehn Minuten. Der Balken steht bei 25 Prozent, und auch nach einer Stunde kĂ€me er nicht ĂŒber die Marke bei 30 Prozent. Mehr lĂ€sst sich aus geröstetem Kaffee mit heiĂem Wasser nicht herauslösen; rund 70 Prozent sind Zellwand, im Wesentlichen Zellulose, und die löst sich nie (Cameron et al. 2020). HeiĂeres Wasser Ă€ndert daran nichts, es macht das Wandern nur schneller. Bei gleicher Ausbeute und gleicher StĂ€rke schmeckten Tassen mit 87 und mit 93 °C in einem Blindtest der UniversitĂ€t Davis praktisch gleich (Batali et al. 2020). Die Temperatur ist ein Tempo-Regler, kein eigener Geschmacksregler.
Der Mahlgrad
Die erste Kanne vom Anfang hatte grobes Pulver und nur zweieinhalb Minuten. Warum ist ein grobes Korn langsamer? In der Zeichnung sind zwei GrĂŒnde zu sehen, und der Regler darunter verĂ€ndert beide.
Der erste Grund ist die Schale. Das Mahlwerk schneidet bei jedem Korn nur eine Zellschicht auf, egal wie groĂ es ist. Bei einem 1,2-Millimeter-Korn sind das 12 Prozent seines Volumens, bei 0,7 Millimetern 20 Prozent, bei einem Espresso-Korn von 0,3 Millimetern schon 42 Prozent. Je feiner, desto mehr ist sofort frei.
Der zweite Grund ist der Weg zur Mitte. Diffusion braucht fĂŒr den doppelten Weg nicht die doppelte, sondern die vierfache Zeit: Die Zeit wĂ€chst mit dem Quadrat der Strecke. Das grobe Korn hat bis zur Mitte etwa 0,57 Millimeter, das mittelfeine etwa ein Drittel Millimeter, also gut die HĂ€lfte davon. Es ist darum ungefĂ€hr dreimal so schnell. Bei 0,7 Millimetern triffst du die 20 Prozent nach vier Minuten; mit dem groben Pulver der ersten Kanne kamen nach zweieinhalb Minuten nur 11 Prozent heraus.
Das erklĂ€rt, warum die erste Kanne dĂŒnn ist. Warum ist sie sauer? SĂ€uren gehören zu den kleinen, gut löslichen Stoffen, sie sind frĂŒh drauĂen. Was spĂ€ter kommt, sind gröĂere, schwerer lösliche Stoffe, und mit ihnen Noten, die als rund und sĂŒĂlich beschrieben werden und die SĂ€ure ĂŒberdecken. Die Verkostungen der UniversitĂ€t Davis zeigen genau das: Sauer und zitronig werden Tassen mit wenig Ausbeute, und das nimmt ab, je mehr sich löst (Batali et al. 2020; Frost et al. 2020). Die Barista-Faustregel âerst SĂ€ure, dann SĂŒĂe, zuletzt Bitteres" ist trotzdem zu ordentlich. Als die Forscher einen Filterkaffee alle 30 Sekunden in eine neue Kanne laufen lieĂen, war die erste Portion die saurste und die bitterste, und die spĂ€ten Portionen schmeckten sĂŒĂer, obwohl in keiner Portion messbar Zucker war (Batali et al. 2020, zweite Studie). Bitter ist, was konzentriert ist. DafĂŒr braucht es eine zweite Zahl.
Vom Korn in die Kanne
Die Ausbeute beschreibt das Korn, nicht die Tasse. Die zweite Kanne vom Anfang hatte mit mittelfeinem Pulver und vier Minuten eine ganz normale Ausbeute von 20 Prozent und war trotzdem bitter. Die Zunge misst etwas anderes: wie viel Gelöstes in jedem Schluck ist. Das hÀngt davon ab, auf wie viel Wasser sich die gelösten Gramm verteilen.
Mit 29 Gramm Pulver auf 500 Gramm Wasser landen 442 Gramm in der Kanne:
58 Gramm Wasser bleiben im nassen Kaffeesatz hÀngen, etwa doppelt so viel,
wie das Pulver wiegt. Gelöst sind 20 Prozent von 29 Gramm, also 5,8 Gramm.
Geteilt durch 442 Gramm GetrĂ€nk ergibt das 1,3 Prozent. Diese Zahl heiĂt
Das VerhĂ€ltnis von Pulver zu Wasser heiĂt
Damit gibt es zwei Regler. Das BrĂŒhverhĂ€ltnis stellt die StĂ€rke. Mahlgrad und Zeit stellen die Ausbeute.
Die Karte
Zwei Zahlen passen auf zwei Achsen. Genau das hat Ernest Lockhart 1957 am Coffee Brewing Institute in New York getan: die Ausbeute nach rechts, die StĂ€rke nach oben. Jede Kanne ist dann ein Punkt. Die gestrichelte Linie sind alle Kannen, die man mit derselben Menge Kaffee und Wasser brĂŒhen kann. Auf ihr wandert der Punkt, wenn sich nur die Ausbeute Ă€ndert.
Tasse 1 liegt links unten: 11 Prozent Ausbeute, 0,78 Prozent StĂ€rke. Mahl feiner und lass sie vier Minuten ziehen, und der Punkt rutscht auf seiner Linie nach rechts oben, bis 20 Prozent und 1,36 Prozent. Tasse 2 liegt senkrecht ĂŒber der Mitte: 20 Prozent Ausbeute, 2,0 Prozent StĂ€rke. Ein anderer Mahlgrad schiebt sie nur zur Seite. Erst weniger Kaffee kippt die Linie und holt den Punkt herunter; bei 29 Gramm liegt er mitten im Feld.
Sobald du den Punkt bewegt hast, erscheint das grĂŒne KĂ€stchen. Das ist Lockharts âideales" Feld: 1,15 bis 1,35 Prozent StĂ€rke, 18 bis 22 Prozent Ausbeute. Darum stehen die Wörter, mit denen Verkoster die RĂ€nder beschreiben. Sie kommen aus neuen Blindtests der UniversitĂ€t Davis mit einem geschulten Panel (Batali et al. 2020). Bitter, herb und âgummiartig" stiegen dort allein mit der StĂ€rke. Sauer und zitronig war es bei hoher StĂ€rke und wenig Ausbeute. Nach Schwarztee schmeckte es bei niedriger StĂ€rke und viel Ausbeute. Bitter heiĂt also zuerst: VerhĂ€ltnis prĂŒfen.
Das KĂ€stchen ist dabei nicht die eine richtige Tasse. Als dieselbe Gruppe 118 Leute 27 Kannen probieren lieĂ, zerfielen sie in zwei Lager: Die einen mochten krĂ€ftige, sĂ€uerliche Tassen, die anderen feine, leichte. Getrennt waren sie vor allem durch die StĂ€rke (Cotter et al. 2021). Die neue BrĂŒhkarte von 2023 zeichnet darum keine Zielscheibe mehr, sondern eine Landkarte der GeschmĂ€cker (Guinard et al. 2023).
Die Röstung
Die Karte hat stillschweigend angenommen, dass beide Kannen aus derselben
TĂŒte kommen. Eine andere TĂŒte ist ein anderes Korn, weil der
Die grĂŒnen Punkte schwinden. Sie stehen fĂŒr die ChlorogensĂ€uren, die wichtigsten SĂ€uren der Kaffeebohne: Roher Arabica enthĂ€lt etwa 7 Prozent davon. Nach einer hellen Röstung ist noch ungefĂ€hr die HĂ€lfte ĂŒbrig, nach einer sehr dunklen fast nichts mehr (Moon et al. 2009). Darum schmeckt eine helle Röstung heller und saurer, eine dunkle weniger sauer und dafĂŒr bitterer, denn aus den zerfallenen SĂ€uren und dem Zucker entstehen beim Rösten neue, braune Bitterstoffe.
Die roten Punkte bleiben. Koffein ĂŒbersteht das Rösten fast unverĂ€ndert (Ludwig et al. 2014). Eine dunkle Röstung ist also nicht âstĂ€rker" im Sinne von mehr Koffein; sie ist bitterer. Was sich noch Ă€ndert, ist das Gewicht: Die Bohne verliert beim Rösten 12 bis 20 Prozent ihrer Masse, vor allem Wasser, und blĂ€ht sich dabei auf. Ein Löffel dunkle Bohnen wiegt darum weniger als ein Löffel helle, und die Kanne wird dĂŒnner, obwohl âgleich viel" drin war. Ein BrĂŒhverhĂ€ltnis ist erst in Gramm ein VerhĂ€ltnis.
Eine Vereinfachung steckt in dieser Zeichnung: Das Modell lĂ€sst das Korn gleich schnell auslaugen, egal wie dunkel es ist. In Wahrheit wird eine Bohne mit jeder Röststufe poröser (Lindsey et al. 2024), was das Lösen wieder beschleunigt. Den Geschmack verschiebt die Röstung trotzdem vor allem ĂŒber das, was in den Zellen liegt, nicht ĂŒber das Tempo.
Das Wasser
Dieselben Bohnen, dasselbe Rezept, dieselbe Waage, aber im Urlaub schmeckt
der sonst fruchtige Kaffee flach und stumpf. Der Grund ist die Zutat, die
98,7 Prozent der Tasse ausmacht. Leitungswasser ist nie nur Wasser. Es
bringt Calcium und Magnesium mit, die beim Lösen helfen, weil sie sich an
Geschmacksstoffe des Kaffees binden (Hendon et al. 2014), und es bringt
Eine heiĂ gebrĂŒhte Tasse enthĂ€lt rund 9 Millimol SĂ€ure pro Liter, gemessen als die Menge Lauge, die sie bis pH 6 braucht (Rao und Fuller 2018); an diesem Wert hĂ€ngt, wie sauer sie schmeckt. Jedes Hydrogencarbonat-Ion nimmt einer SĂ€ure ihr Proton ab und zerfĂ€llt dabei zu Wasser und COâ, das ausgast. Die Specialty Coffee Association empfiehlt BrĂŒhwasser mit etwa 49 Milligramm Hydrogencarbonat pro Liter, das sind 0,8 Millimol: Es fĂ€ngt 9 Prozent der SĂ€ure ab. MĂŒnchner Leitungswasser hat 150 bis 250 Milligramm, in der Mitte 200 Milligramm oder 3,3 Millimol pro Liter, und nimmt der Tasse gut ein Drittel ihrer SĂ€ure.
Dasselbe Wasser ist mit 15,8 Grad deutscher HĂ€rte âhart"; das sind rund 280 Milligramm Kalk pro Liter, ein Vielfaches der 68 Milligramm, die der SCA-Standard nennt, und es verkalkt jede Maschine. Destilliertes Wasser ist trotzdem keine Lösung: Ohne Calcium und Magnesium wird die Tasse dĂŒnn und leer, darum hat der Standard auch eine Untergrenze. Die Antwort in MĂŒnchen ist ein Kalkfilter, der das Hydrogencarbonat senkt und etwas HĂ€rte ĂŒbrig lĂ€sst.
Koffein und Verkosten
Das Letzte, was im Wasser landet, ist kein Geschmack. Koffein steht nicht auf der Karte: Eine saure, dĂŒnne Tasse aus 30 Gramm Kaffee ist nicht unbedingt koffeinarm, und ein kleiner Espresso ist es auch nicht. In CafĂ©-Espressi wurden zwischen 48 und 317 Milligramm Koffein gemessen (Ludwig et al. 2014). Wie viel davon fĂŒr dich zu viel ist, hĂ€ngt an deinem Körper.
Die EuropĂ€ische Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2015 fĂŒr
Kinder und Jugendliche 3 Milligramm
Darum wird in diesem Kurs auf entkoffeiniertem Kaffee geĂŒbt. Der ist nicht koffeinfrei, ein entkoffeinierter Espresso hat noch 3 bis 16 Milligramm (McCusker et al. 2006), aber er lĂ€sst Platz im Budget. Koffeinhaltigen Kaffee probierst du in kleinen Schlucken und spuckst aus, nie am Abend, und wer nicht mitmachen will, steigt ohne BegrĂŒndung aus.
Die Wörter beim Verkosten sind die Achsen der Karte. Sauer, salzig, kurz heiĂt: zu wenig gelöst, also feiner mahlen oder lĂ€nger brĂŒhen. Schwer und bitter heiĂt: zu stark, also mehr Wasser pro Gramm. Herb, trocken und hohl wie zu lange gezogener Tee heiĂt: zu viel gelöst, also gröber oder kĂŒrzer. WĂ€ssrig heiĂt: zu schwach. Probieren, die Achse benennen, eine einzige GröĂe Ă€ndern, wieder probieren.
Was das Modell weglÀsst
Die zwei Kannen vom Anfang waren zwei Punkte auf derselben Karte. Die saure brauchte einen anderen Mahlgrad, die bittere weniger Kaffee. Ein einziger Regler von âunter" nach âĂŒber" hĂ€tte die bittere Kanne gröber mahlen lassen und sie damit sauer und trotzdem schwer gemacht.
Das Korn in diesem Artikel ist eine Kugel aus gleich groĂen Zellen, und jede Mahlung besteht nur aus solchen Kugeln. Echte MĂŒhlen machen zwei Sorten Teilchen: groĂe Brocken und winzigen Staub unter 0,1 Millimeter, der in wenigen Sekunden ausgelaugt ist (Cameron et al. 2020). Die Geschwindigkeit, mit der Stoffe durch die ZellwĂ€nde wandern, ist die eine Zahl in diesem Modell, die nicht gemessen, sondern angepasst ist: so, dass ein 0,7-Millimeter-Korn in vier Minuten 20 Prozent abgibt. Das Wasser um das Korn gilt als frisch, und es flieĂt ĂŒberall gleich. In einem echten Espressokuchen tut es das nicht: Dort fanden Cameron und Kollegen, dass noch feineres Mahlen die Ausbeute senken kann, weil das Wasser sich KanĂ€le sucht und Teile des Pulvers gar nicht erreicht. Die Wörter auf der Karte schlieĂlich sind Mittelwerte eines Panels, und Menschen mögen verschiedene Ecken.
Zum Weiterlesen: Lockharts Heft The Soluble Solids in Beverage Coffee as an Index to Cup Quality (1957); die Studien von Batali, Frost, Cotter und Guinard an der UC Davis (2020â2023) in Scientific Reports und im Journal of Food Science; die Modelle von Moroney (2015) und Cameron (2020), letzteres in Matter; Hendon und die Colonna-Dashwoods ĂŒber Wasser (2014); das Koffein-Gutachten der EFSA (2015). Der nĂ€chste Kurs, Filterkaffee, legt Handfilter, Stempelkanne und AeroPress auf dieselbe Karte.