Meine Vertrauenspersonen
The adults I can go to
Nicht *eine* Vertrauensperson, sondern mehrere — und das ist der ganze Punkt. Kinder lernen hier, drei bis fünf erwachsene Menschen zu benennen, zu denen sie gehen können, und dazu die zwei Fragen, die im Ernstfall entscheiden: Wer ist *jetzt gerade da* und kann die Sache tun, um die es geht? Und was mache ich, wenn die erste Person nicht da ist oder nichts tut — nämlich zur nächsten gehen, nicht aufhören. Die deutschen Präventionsprogramme („Mein Körper gehört mir!"; ECHT KLASSE! des Petze-Instituts mit seiner sechsten Botschaft „Ich kann mir Hilfe holen") arbeiten seit Jahrzehnten mit dieser Karte; dass die *Zahl* der Namen bei fünf liegt, ist Verabredung und kein Befund. Befund ist etwas anderes, und er ist unbequem: Die Cochrane-Übersicht von Walsh, Zwi, Woolfenden und Shlonsky (2015, 24 Studien, 5 802 Kinder) fand deutliche Zuwächse bei Wissen (SMD 0,61) und bei Schutzverhalten in *gespielten* Situationen (OR 5,71, allerdings nur zwei Studien mit 102 Kindern) und keine erhöhte Ängstlichkeit — aber sie konnte nicht zeigen, dass dadurch weniger Kindern tatsächlich etwas passiert; Finkelhor (2009) sagt dasselbe. Was solche Programme messbar erhöhen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind erzählt. Und genau da setzt dieses Thema an, denn das Erzählen ist die Stelle, an der es klemmt: Petrosino und Kollegen (2010) fanden in der US-Schulbefragung, dass **64 %** der gemobbten Kinder es keiner erwachsenen Person gesagt hatten — und dass die Quote von 52,9 % in Klasse 6 auf 27,0 % in Klasse 12 fällt. McElvaney (2013) beschreibt dasselbe Muster für Missbrauch: spät, teilweise oder gar nicht, zuerst meist einem anderen Kind, und entscheidend ist, ob es überhaupt *Gelegenheiten zu erzählen* gibt. Ein Netz aus mehreren Türen ist eine solche Gelegenheit, eine einzige Tür ist es nicht — und Garandeau, Poskiparta und Salmivalli (2014) zeigen, dass danach nicht die Härte der erwachsenen Reaktion zählt, sondern dass überhaupt ein Verfahren stattfindet und nachgefasst wird. Das Thema liefert die Adresse, die alle späteren Züge dieser Themengruppe brauchen — „Geheimnisse, die drücken" (Klasse 3) endet an ihr, der Fall „Petzen oder Hilfe holen" (Klasse 3) räumt den Grund weg, sie nicht zu benutzen, und die Rubrik-Stufe *hilfe-holen* wird an ihr abgenommen.
Können & Üben
Hilfe holen
Holt niemanden — „das ist Petzen".
Erzählt es, wenn eine erwachsene Person gezielt nachfragt.
Holt Hilfe, wenn jemand anderes es vorschlägt.
Holt von selbst eine erwachsene Person und kann sagen, warum das kein Petzen ist.
WeiĂź, wen er oder sie fĂĽr welche Sache holt, und begleitet ein anderes Kind dabei.
Merve stĂĽrzt in der Pause, ihr Knie blutet stark. Wen holt sie?
Jonas will Herrn Alvarez etwas erzählen, aber der ist heute krank. Wen holt Jonas?
Ein größeres Kind nimmt Anna seit vier Tagen ihr Pausenbrot weg. Wen holt Anna?
Marek ist auf dem Schulhof hingefallen und kann nicht aufstehen. Wen holt Ida, die daneben steht?
Sofia hat sich in der Turnhalle den Arm verdreht. Sie geht zu Herrn Pohl, der gerade Sport unterrichtet. Das ist hier die richtige Person.
Elif hat es Frau Sahin schon gesagt. Es ist eine Woche her und nichts hat sich geändert. Wen holt Elif?
Am Schultor spricht ein Erwachsener Leo an, den Leo nicht kennt, und will, dass Leo mitkommt. Wen holt Leo?
Zu Hause ist gerade etwas los, das Yusuf jeden Morgen den Bauch zudrĂĽckt. Wen holt Yusuf?
Amira weint seit Tagen in jeder Pause und sagt zu Ida — „Sag es bloß niemandem." Wen holt Ida?
Lina soll drei Namen fĂĽr ihre Vertrauenspersonen-Karte aufschreiben. Wen schreibt sie auf?
Tim wird auf dem Heimweg von zwei Kindern geschubst. Er erzählt es nur seinem Freund Nico und sonst niemandem. Das reicht hier.
Frau Berger, die auf Hannas Karte steht, ist auf Klassenfahrt. Hanna wartet zwei Wochen, bis sie zurĂĽck ist. Das ist hier richtig.
Emre hat es Frau Klein gesagt, und danach hat sich wirklich etwas geändert. Emre muss jetzt niemanden mehr holen.
Ein Erwachsener aus Nelis Sportverein hat etwas gesagt, das Neli komisch fand, und sie soll nichts sagen. Wen holt Neli?
Ben erzählt es einem Erwachsenen. Der sagt — „Ach, das ist doch nicht so schlimm." Es geht aber weiter. Wen holt Ben?