Petzen oder Hilfe holen

Telling or tattling

Miteinander und Umgangsformen Klasse 3 14 Aufgaben
MiteinanderSoziale SicherheitKonfliktlösungFehlvorstellungKerncurriculum

Der Irrtum, den dieses Thema abräumt, ist eine Regel, die fast jedes Kind kennt und die keinen Unterschied macht — „Petzen ist gemein“. Sie unterscheidet nämlich nicht zwischen einem Satz, der jemanden *in* Schwierigkeiten bringt, und einem Satz, der jemanden *aus* Schwierigkeiten holt, und genau deshalb hält sie ein Kind auch dann still, wenn es dringend erzählen müsste. Wie teuer das ist, hat Petrosino und Kollegen (2010) an einer landesweiten US-Befragung gemessen — 64 % der befragten Kinder, denen so etwas passiert war, haben es keiner erwachsenen Person in der Schule erzählt, und was das Erzählen vorhersagte, war der Schweregrad, nicht das Geschlecht, nicht die Herkunft, nicht die Noten. Loke und Kollegen (2011, 60 Kinder von 6 bis 11) zeigen, dass die Regel erst erworben wird und mit dem Alter härter wird; deshalb steht dieses Thema in Klasse 3 und nicht später. Der zweite und überraschendere Befund ist die *pluralistische Ignoranz* — Sandstrom, Makover und Bartini (2013) befragten 446 Kinder der 4. und 8. Klasse zur eigenen Haltung und zur vermuteten Haltung der Mitschülerinnen und Mitschüler: Die eigene Haltung fiel verlässlich prosozialer aus als die den anderen unterstellte, und wer die Zustimmung der anderen am stärksten überschätzte, verteidigte am wenigsten und machte am ehesten mit. Ein Raum voller Kinder, die es schlimm finden, erzeugt so eine sichtbare Einigkeit, die niemand hat. Geübt werden drei Dinge — die eine Frage, die Petzen von Hilfe holen trennt; das Lesen des eigenen Schweigens als Nachricht statt als Nichts; und der Machtgefälle-Test, der entscheidet, was überhaupt noch Sache der Kinder ist. Bereitet „Was Zuschauer bewirken“ (Klasse 5) und „Im Gruppenchat dabei“ (Klasse 7) vor.

Können & Üben

Hilfe holen

Holt niemanden — „das ist Petzen".

Erzählt es, wenn eine erwachsene Person gezielt nachfragt.

Holt Hilfe, wenn jemand anderes es vorschlägt.

Holt von selbst eine erwachsene Person und kann sagen, warum das kein Petzen ist.

WeiĂź, wen er oder sie fĂĽr welche Sache holt, und begleitet ein anderes Kind dabei.

Die stille Klasse — vorhersagen, zählen, erklären

workshop

45 min · once

klassenzimmer

Material — pro Kind eine rote und eine grüne Karte, dazu ein Zettel für die eigene Schätzung und eine Strichliste an der Tafel. Vier kurze geschriebene Szenen, in denen ein Kind wieder und wieder von mehreren zugesetzt bekommt. Beispiele — eine Mütze, die täglich weitergeworfen wird; ein Platz, der jeden Mittag weggerückt wird; Nachrichten in einem Gruppenchat; ein Ranzen, der jede Woche versteckt wird. Alle Szenen sind erfunden und werden vorgelesen. Keine Szene aus dieser Klasse, und keine Frage danach, wer was getan hat. VORHERSAGEN (10 Min). Der Ablauf wird zuerst erklärt — gleich wird jedes Kind verdeckt eine Karte legen, rot für „das finde ich schlimm“, grün für „das finde ich in Ordnung“. Vorher schreibt jedes Kind für sich auf einen Zettel: Wie viele von uns werden wohl rot legen? Die Zettel werden eingesammelt und der Durchschnitt an die Tafel geschrieben, bevor die erste Szene vorgelesen wird. Fast immer liegt die Schätzung deutlich unter der späteren Zahl. BEOBACHTEN (15 Min). Die vier Szenen werden einzeln vorgelesen. Nach jeder legt jedes Kind verdeckt seine Karte, und auf ein Zeichen drehen alle gleichzeitig um. Nur zählen, nicht besprechen, keine Begründungen, nichts kommentieren, keine Namen. Die vier Zahlen kommen neben die Schätzung an die Tafel. ERKLÄREN (20 Min). Zuerst der Vergleich — geschätzt so viele, gezählt so viele. Leitfrage: Woher hätten wir voneinander wissen sollen, was wir denken? Antwort der Gruppe abwarten; sie kommt meistens von selbst. Dann die Zahl dazu: 446 Kinder aus der 4. und der 8. Klasse wurden gefragt, was sie selbst davon halten und was wohl ihre Klasse davon hält — fast alle hielten sich selbst für stärker dagegen als die anderen, und alle lagen damit gleichzeitig falsch; und wer den anderen am meisten Zustimmung unterstellte, half am seltensten. Daraus der Satz, der stehen bleibt: Schweigen ist keine Null, sondern eine Nachricht. Zum Abschluss zwei Dinge, in dieser Reihenfolge. Erstens die eine Frage aus dem Artikel an zwei, drei neuen Beispielen — bringt der Satz jemanden in Schwierigkeiten hinein oder aus welchen heraus? Zweitens die ausdrückliche Entlastung, laut vorgesprochen: Niemand in diesem Raum muss dazwischengehen, niemand muss jemanden aufhalten, und niemand hat etwas falsch gemacht, wenn er bisher nichts gesagt hat. Was geübt wird, ist eine erwachsene Person zu holen — und wenn die erste nichts tut, die nächste. Die Namen aus dem eigenen Netz werden zum Schluss noch einmal aufgeschrieben und mitgenommen.

bezugsperson

8–26

Unterthemen (3)

Leicht
Multiple Choice #1 18s â–¶ Testen

Welche von diesen drei Sachen ist Hilfe holen?

  • â—Ź Du sagst Frau Berger, dass Ben die MĂĽtze von Jonas seit Tagen jeden Tag wegnimmt.
  • â—‹ Du sagst Frau Berger, dass Ben gestern seine Jacke im Bus vergessen hat.
  • â—‹ Du sagst Frau Berger, dass Ben in Mathe abgeschrieben hat, weil du sauer auf ihn bist.
Nur bei einem Satz kommt jemand aus etwas heraus — Jonas. Bei den anderen beiden bekommt nur Ben Ärger, und sonst ändert sich nichts.
Multiple Choice #2 16s â–¶ Testen

Welche von diesen drei Sachen ist Hilfe holen?

  • â—Ź Du holst die Sekretärin, weil Lina auf der Treppe liegt und nicht aufsteht.
  • â—‹ Du erzählst, dass Lina heute dieselben Socken anhat wie gestern.
  • â—‹ Du erzählst, dass Lina in der Pause zwei Kekse gegessen hat.
Lina kommt alleine nicht mehr hoch — da holt man jemanden. Socken und Kekse bringen niemanden in eine Lage, aus der jemand herausgeholt werden müsste.
Wahr / Falsch #3 14s â–¶ Testen

Nils erzählt der Lehrerin, dass Paul heute zwei Minuten zu spät gekommen ist. — Das ist Hilfe holen.

âś“ Falsch
Aus dem Zuspätkommen muss niemand herausgeholt werden. Paul bekommt Ärger, und das war der ganze Zweck — das ist Petzen.
Mittel
Multiple Choice #1 22s â–¶ Testen

Acht von zwölf Kindern der Klasse finden es schlimm, wie Jonas behandelt wird. Keines sagt etwas. Was denkt Nora, die es auch schlimm findet, über die anderen?

  • â—Ź „Die anderen finden das wohl in Ordnung.“
  • â—‹ „Die anderen finden das bestimmt auch schlimm.“
  • â—‹ „Die anderen haben es sicher gar nicht gesehen.“
Nora sieht nur das Schweigen, und Schweigen liest sich wie Zustimmung. Deshalb glaubt jedes der acht Kinder, es sei das einzige.
Multiple Choice #2 20s â–¶ Testen

Tim findet schlimm, was mit Jonas passiert, und sagt nichts. Was lesen die anderen elf Kinder aus Tim ab?

  • â—Ź Dass Tim es in Ordnung findet.
  • â—‹ Dass Tim es schlimm findet.
  • â—‹ Dass Tim gerade nichts gemerkt hat.
Tim hat nichts gesagt, aber er hat trotzdem etwas gesendet. Sein Schweigen ist keine Null — die anderen lesen es als Zustimmung.
Multiple Choice #3 20s â–¶ Testen

Welche von diesen drei Sachen ist ein Streit auf Augenhöhe?

  • â—Ź Ali und Ben schreien sich wegen des Balls an, und beide brĂĽllen zurĂĽck.
  • â—‹ Vier Kinder nehmen Emil seit zwei Wochen jeden Tag das Pausenbrot weg.
  • â—‹ Drei größere Kinder lachen Nele jeden Morgen im Bus aus, wenn kein Erwachsener zuschaut.
Bei Ali und Ben gehen die Pfeile in beide Richtungen. Bei Emil und Nele geht nie einer zurück, und es passiert immer wieder — das ist ein Machtgefälle.
Multiple Choice #4 20s â–¶ Testen

Welche von diesen drei Sachen ist ein Streit auf Augenhöhe?

  • â—Ź Lena und Kim wollen beide auf demselben Platz sitzen und diskutieren laut.
  • â—‹ Eine ganze Gruppe schreibt seit Tagen gemeine Nachrichten ĂĽber Yusuf.
  • â—‹ Zwei Sechstklässler nehmen einem Zweitklässler jeden Freitag den Ball weg.
Lena und Kim können beide reden, beide weggehen, beide zurück. Bei den anderen beiden ist einer alleine gegen mehrere oder gegen Größere, und es wiederholt sich.
Multiple Choice #5 20s â–¶ Testen

Es passiert gerade auf dem Pausenhof, und Frau Berger hat Aufsicht am Tor. Welcher nächste Schritt passt hier am besten?

  • â—Ź Zu Frau Berger gehen und ihr sagen, was gerade passiert.
  • â—‹ Abends zu Hause davon erzählen.
  • â—‹ Ben und Kaan sagen, dass sie sofort aufhören sollen.
Es zählt, wer jetzt gerade da ist und die Sache tun kann. Zu Hause ist es erst um vier so weit, und Ben und Kaan aufzuhalten ist nicht die Aufgabe eines Kindes.
Multiple Choice #6 18s â–¶ Testen

Welche von diesen drei Sachen ist Hilfe holen?

  • â—Ź Du erzählst deiner Lehrerin, dass Emil sich seit Tagen in jeder Pause auf dem Klo einschlieĂźt.
  • â—‹ Du erzählst deiner Lehrerin, dass Emil in der Pause heimlich Gummibärchen isst.
  • â—‹ Du erzählst deiner Lehrerin, dass Emil in der dritten Klasse mal geweint hat.
Ein Kind, das sich seit Tagen versteckt, steckt in etwas fest. Die anderen beiden Sätze lassen Emil nur schlecht dastehen.
Wahr / Falsch #7 18s â–¶ Testen

Nora schaut in der Pause weg und sagt nichts. — Die anderen Kinder bekommen dadurch gar keine Nachricht von ihr.

âś“ Falsch
Doch. Sie lesen aus dem Wegschauen „findet es okay“. Nichts zu tun sendet auch etwas — ohne dass Nora es so gemeint hat.
Schwer
Wahr / Falsch #1 20s â–¶ Testen

Mia mag Tom nicht und erzählt der Lehrerin trotzdem, dass Jan Tom jeden Tag sein Geld abnimmt. — Das ist Hilfe holen.

âś“ Wahr
Der Test fragt nicht, wie Mia sich fühlt. Er fragt, wohin ihr Satz Tom bringt — heraus. Gemischte Beweggründe ändern daran nichts.
Multiple Choice #2 22s â–¶ Testen

Lea hat es Frau Berger erzählt. Eine Woche später passiert es immer noch. Welcher nächste Schritt passt hier am besten?

  • â—Ź Es auch der Klassenlehrerin erzählen.
  • â—‹ Nichts mehr sagen, weil Erzählen offensichtlich nichts bringt.
  • â—‹ Selbst dazwischengehen, weil die Erwachsenen nichts tun.
Wenn die erste Tür zu bleibt, geht man zur nächsten. Dass nichts passiert ist, war nicht Leas Fehler — und dazwischenzugehen ist auch dann nicht ihre Aufgabe.
Wahr / Falsch #3 20s â–¶ Testen

Vier Kinder nehmen Emil seit zwei Wochen das Pausenbrot weg. — Emil und die vier sollen sich zusammensetzen und das unter sich klären.

âś“ Falsch
Vier gegen einen ist keine Augenhöhe, und immer wieder ist kein Streit. Hier gehört eine erwachsene Person dazu, nicht ein Gespräch unter Kindern.
Multiple Choice #4 22s â–¶ Testen

Jan will Tim eigentlich nur ärgern, weiß aber, dass Tim seit Wochen im Gruppenchat fertiggemacht wird. Welcher nächste Schritt passt hier am besten?

  • â—Ź Es der Klassenlehrerin erzählen, obwohl Jan Tim nicht mag.
  • â—‹ Nichts sagen, weil Jan es nur aus den falschen GrĂĽnden täte.
  • â—‹ Im Chat zurĂĽckschreiben und die anderen beschimpfen.
Der Test fragt nicht nach Jans Gefühlen, sondern wohin sein Satz Tim bringt — heraus. Und zurückschimpfen holt niemanden aus irgendetwas heraus.