Wut im Körper merken
Noticing anger in your body
Der erste Zug im Streit ist kein Satz, sondern eine Wahrnehmung. Gross' Prozessmodell der Emotionsregulation (1998/2015) ist eine *Zeitleiste* und keine Liste — Situationswahl, Situationsänderung und Aufmerksamkeitslenkung greifen, bevor das Gefühl steht, und nur die letzte Familie (Reaktionsmodulation) greift danach. Webb, Miles und Sheeran (2012, 306 experimentelle Vergleiche) zeigen, warum das die entscheidende Unterscheidung ist — Ablenkung wirkt (d+ = 0,27), das Hineinspüren in das Gefühl wirkt in die falsche Richtung (−0,26), und die späten Züge sind insgesamt schwach. Wer erst merkt, dass er wütend ist, während er schon schreit, hat keine dieser Familien mehr zur Verfügung. Geübt wird deshalb genau eine Sache — das Frühzeichen am eigenen Körper (heißes Gesicht, Fäuste, schnelles lautes Atmen, enger Bauch) von dem zu unterscheiden, was man schon *getan* hat, und von dem, was die andere Person gemacht hat. Ehrlich dazugesagt — Hietanen, Glerean, Hari und Nummenmaa (2016, n = 331, 6–17 Jahre) fanden, dass die Körperkarten der Gefühle bei Sechsjährigen erst grob sind und mit dem Alter schärfer werden; darum werden hier grobe, von außen sichtbare Zeichen geübt und keine feine Innenwahrnehmung. Das Zeichen ist das „Wenn" eines Wenn-dann-Plans, und Wenn-dann-Pläne sind die am besten belegte lehrbare Selbststeuerungstechnik im Kindesalter (Breitwieser & Reinelt, 42 Studien, N = 12 957, g = 0,31). Verbraucht wird das hier Gelernte direkt vom Fall „Abkühlen — was wirklich hilft" (Klasse 3), der die Frage nach dem *Dann* beantwortet, von der Rubrik-Zeile „Abkühlen" und von der Nachbesprechung nach einem echten Vorfall.
Können & Üben
Abkühlen
Merkt die eigene Wut erst, wenn schon etwas passiert ist.
Kommt herunter, wenn eine erwachsene Person danebenbleibt und mitreguliert.
Geht aus der Situation, wenn jemand es vorschlägt.
Merkt das eigene Frühzeichen und geht von selbst kurz raus, bevor es eskaliert.
Kennt die eigenen Auslöser, richtet sich die Lage vorher anders ein und hilft anderen beim Herunterkommen.
Einen Streit nachbesprechen
guided15 min · ad-hoc
klassenzimmer, ruhiger-raum
Am selben Tag, wenn die Wut weg ist und bevor der Tag vorbei ist. Nicht direkt danach — im erregten Zustand ist nichts davon zugänglich. Fünf Fragen, in dieser Reihenfolge, und die Begleitung beantwortet keine davon selbst. 1. Was hast du gesehen und gehört, bevor es losging? (Nur Beobachtbares. „Er ist gemein" ist keine Beobachtung, „er hat meinen Stift genommen" schon.) 2. Was hast du gedacht, was das bedeutet? Und: Gab es eine zweite Möglichkeit, was es bedeuten könnte? 3. Was wolltest du in dem Moment — den Stift zurück, dass er aufhört, oder dass es ihm leid tut? (Das sind drei verschiedene Ziele mit drei verschiedenen Wegen.) 4. Was hättest du tun können? Mindestens drei Möglichkeiten, auch schlechte. 5. Warum ist es die geworden, die es geworden ist? Zum Schluss eine einzige Sache für das nächste Mal, vom Kind formuliert. Wenn jemand zu Schaden gekommen ist, folgt die Wiedergutmachung — aber getrennt und nicht im selben Atemzug. Zwei Befunde dazu, beide belegt und beide anders, als man denkt. Erstens ist es die Wiedergutmachung selbst, die wirkt — bei Drell und Jaswal (2015) fühlten sich Kinder nach einer Entschuldigung nicht besser, sondern erst, als der Turm wieder aufgebaut wurde; die Entschuldigung reparierte die Beziehung, nicht das Gefühl. Zweitens ist „eine angeordnete Entschuldigung schadet" ein oft gesagter Satz ohne Studie dahinter. Belegt ist etwas Schmaleres — Kinder erkennen den Unterschied zwischen freiwillig und angeordnet (Smith u. a. 2018) und verzeihen der freiwilligen leichter. Eine angeordnete Entschuldigung ist also ein schwächeres Signal, kein Schaden. Wer sie anordnet, sollte wissen, dass sie weniger trägt als das Angebot, die Sache in Ordnung zu bringen.
bezugsperson
1–2
Ermöglicht (3)
Yusuf baut einen Turm. Ben stößt ihn um und lacht. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Anton sucht seinen Radiergummi. Ayla hat ihn und gibt ihn nicht her. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Hanna soll ihren Platz räumen, Ilias hat ihre Sachen verschoben. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Karla merkt, wie ihr Gesicht heiß wird. Sie steht auf und holt sich am Waschbecken Wasser. Karla hat ihr Zeichen früh genug gemerkt.
Timo merkt es erst, als Dilaras Heft schon auf dem Boden liegt und er selbst laut schreit. Timo hat sein Zeichen früh genug gemerkt.
Amina spürt ihre Fäuste und ihren engen Bauch, während Jakob noch redet. Sie sagt „Ich bin gleich wieder da" und geht zwei Minuten auf den Gang. Amina hat ihr Zeichen früh genug gemerkt.
Sophie merkt ihre Wut erst, als die Lehrerin fragt, warum Marek weint. Sophie hat ihr Zeichen früh genug gemerkt.
Mira wartet an der Schaukel. Deniz drängelt sich vor. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Klara verliert beim Fußball. Milan ruft ihr etwas hinterher. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Emre malt, Sena kritzelt ihm ins Bild. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Tobias steht in der Pause allein, Levi und Greta lachen zu ihm herüber. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Fatima steht in der Reihe, Moritz tritt ihr auf die Ferse. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Paul und Nuri streiten um den Ball. An welcher Stelle ist es noch früh genug, um kurz rauszugehen?
Marek zeigt auf Elif und sagt — „Mein Zeichen war, dass sie mich geärgert hat." Marek hat sein Zeichen früh genug gemerkt.
Nele spürt ihr Herz klopfen und ihre heißen Ohren, während Bruno noch redet. Sie bleibt sitzen und denkt weiter daran, wie gemein er war. Nele hat ihr Zeichen früh genug gemerkt.