Sehen und dazudenken
Seeing and adding
Ein Ereignis besteht aus zwei Teilen, die sich wie einer anfühlen. Der eine Teil ist bei dir angekommen — Bens Schulter hat deine getroffen, die Flasche liegt auf dem Boden, Ben ist weitergerannt. Den anderen Teil hast du hinzugefügt — „er wollte das". Eine Absicht kann man nicht sehen; noch nie hat jemand ein Wollen gesehen. Genau diese Grenze ist Schritt 1 und 2 des Modells von Crick und Dodge (1994), und Dodge (1980) hat gezeigt, dass Jungen sich bei eindeutigen Ereignissen kaum unterscheiden — auseinander gehen die Antworten erst dort, wo etwas dazugedacht werden muss. Geübt wird deshalb ein einziger, sehr konkreter Handgriff — aus einer Erzählung heraussortieren, was tatsächlich gesehen oder gehört wurde, und was schon Deutung ist.
Können & Üben
Absicht oder Versehen — vorhersagen, beobachten, erklären
workshop45 min · once
klassenzimmer
Material — pro Kind zwei Karten, eine rote und eine grüne, sowie eine Strichliste an der Tafel. Fünf kurze Szenen, in denen etwas Unangenehmes passiert und offenbleibt, warum. Beispiele — jemand rempelt im Gang, ein Turm fällt um, eine Nachricht bleibt unbeantwortet, der Ball kommt nicht, ein Platz bleibt frei. Die Szenen enthalten nur, was zu sehen war, kein Wort über ein Wollen. VORHERSAGEN (10 Min). Zuerst die Frage an die Gruppe — bei einer Szene, die alle gleichzeitig hören — wie viele von uns werden „Absicht" sagen? Die Schätzung wird an die Tafel geschrieben, bevor irgendetwas vorgelesen wird. Fast immer schätzt die Gruppe „fast alle" oder „fast keiner", weil sich die Deutung wie eine Beobachtung anfühlt und nicht wie eine Entscheidung. BEOBACHTEN (15 Min). Die fünf Szenen werden einzeln vorgelesen. Nach jeder legt jedes Kind verdeckt eine Karte — rot für Absicht, grün für Versehen — und alle drehen auf ein Zeichen gleichzeitig um. Nur zählen, nicht besprechen, keine Begründungen, nichts kommentieren. Die fünf Ergebnisse stehen am Ende nebeneinander an der Tafel. ERKLÄREN (20 Min). Zuerst der Vergleich mit der eigenen Schätzung. Bei denselben Wörtern liegen im Raum beide Farben — das Ereignis kann die Frage also nicht entschieden haben, sonst wären alle Karten gleich. Leitfrage — was genau stand in der Szene, und was hat jede und jeder dazugelegt? Dann die Zahl dazu: 1 299 Kinder in neun Ländern bekamen zehn solche Geschichten, und in 38,5 % der Fälle lasen sie eine Absicht hinein; nach einer feindseligen Deutung sagten dieselben Kinder fünfmal so oft, sie würden zurückschlagen. Zum Schluss die zwei Gegenproben, damit daraus keine neue Regel „immer das Beste denken" wird — woran würde man Absicht wirklich erkennen (es wiederholt sich, es passiert ohne Aufsicht, die Person schaut auf deine Reaktion), und welcher eine Satz hätte in jeder der fünf Szenen geholfen? Die Sätze der Kinder werden gesammelt und bleiben sichtbar hängen.
bezugsperson
8–26
Voraussetzungen (1)
Ermöglicht (1)
Im Bus stößt Timo gegen Malas Rucksack, der Rucksack fällt runter. Was davon hat Mala wirklich gesehen oder gespürt?
Der Turm aus Bausteinen von Jonas fällt um, als Nele vorbeigeht. Was hat Jonas wirklich gesehen?
Lena kommt in die Umkleide, ihre Jacke liegt unter der Bank. Was hat Lena wirklich gesehen?
Runa sagt — „Der Ball ist gegen meinen Arm geflogen." Das ist etwas, das Runa gesehen und gespürt hat.
Ida sagt — „Tom ist mir auf den Fuß getreten." Das ist etwas, das Ida gespürt hat.
Enis fragt Ayse etwas. Ayse sagt „Hm" und dreht sich weg. Was hat Enis wirklich gehört und gesehen?
Am Gruppentisch steht heute ein Stuhl weniger als gestern, und es ist der Platz von Emil. Was hat Emil wirklich gesehen?
Nach einer langen Nachricht schreibt Sara nur „ok." zurück. Was hat Milan wirklich gelesen?
Paul sagt — „Nora hat mich extra nass gespritzt." Das ist etwas, das Paul gesehen hat.
Levi sagt — „Die anderen wollten mich nicht dabeihaben." Das ist etwas, das Levi gehört hat.
Beim Wettrennen läuft Kim an Yusuf vorbei, kurz danach fällt Yusuf hin. Was hat Yusuf wirklich gemerkt?