Geübt wird eine Mail mit vier Teilen, und zwar in dieser Reihenfolge — eine Betreffzeile, die die Sache benennt, eine Anrede mit Sie und Nachnamen, das Anliegen in *einem* Satz weit oben, und ein Schluss, aus dem hervorgeht, wer da eigentlich schreibt (Vorname, Nachname, Klasse, Schule). Die beiden Fehler, die dabei tatsächlich passieren, sind belegt und verschieden. Der erste ist das Durchschlagen des Chat-Registers — Economidou-Kogetsidis (2011) hat Studierendenmails an Dozentinnen kodiert und fand fehlende Anrede, fehlende Selbstnennung, Wunsch- und Befehlssätze („Schicken Sie mir…", „Ich will…") und „bitte" als einzige Abschwächung; die Empfänger lasen solche Mails als fordernd, obwohl sie nicht so gemeint waren. Der zweite ist das Gegenteil: In der Terminologie von Blum-Kulka und Olshtain (1984) besteht eine Bitte aus dem *head act* und den *supportive moves* — und Lernende häufen die Begleitsätze so an, dass der Kernsatz verschwindet (Edmondson und House nennen das den *waffle*-Effekt). Drei Absätze Entschuldigung vor der Frage sind kein höflicheres Anliegen, sondern ein unauffindbares. Die Form selbst ist Konvention, keine Wissenschaft: Betreff ohne das Wort „Betreff" und ohne Punkt am Ende (DIN 5008), Komma nach der Anrede, danach klein weiter, „Mit freundlichen Grüßen" ohne Komma — das steht so in keiner Studie, sondern in der Norm, und genau deshalb muss es jemand beibringen. Vorbereitet wird die kalte Anfrage beim Praktikumsbetrieb in `miteinander.grade9.praktikum-und-vorstellungsgespraech`, die Rubrik-Stufe „erkennt von selbst, dass diese Nachricht ein anderes Register braucht" und damit die Check-Liste Pc3.
Yara schreibt dem Tierheim wegen eines zweiwöchigen Praktikums im März. Welche Betreffzeile sagt schon vor dem Öffnen, worum es geht?
● Anfrage Schülerpraktikum, 9. bis 20. März
â—‹ Hallo!!
○ Ich bin Yara aus der 7b und wollte fragen, ob ich bei Ihnen im März zwei Wochen Praktikum machen darf, weil ich später gern mit Tieren arbeiten würde
Der Betreff nennt die Sache und den Zeitraum. „Hallo!!" nennt gar nichts, und die dritte Zeile ist schon die ganze Mail — im Postfach bricht sie nach fünf Wörtern ab.
Konstantin hat seinen SchĂĽlerausweis verloren und schreibt ans Sekretariat. Welche Betreffzeile sagt schon vor dem Ă–ffnen, worum es geht?
● Verlorener Schülerausweis — Bitte um einen neuen
â—‹ Frage
○ Ich habe leider gestern meinen Schülerausweis verloren und weiß jetzt nicht, wie ich einen neuen bekomme, können Sie mir da weiterhelfen
Zwei Angaben reichen — was passiert ist und was Konstantin will. „Frage" könnte alles heißen; die lange Zeile gehört in die Mail, nicht in den Betreff.
Amelie schreibt Frau Kessler im Sekretariat, deren Namen sie kennt. Welche Anrede passt?
â—Ź Sehr geehrte Frau Kessler,
â—‹ Hallo Frau Kessler!
â—‹ Liebe Frau Kessler,
„Sehr geehrte" ist die verabredete Form für Leute, die man nicht persönlich kennt — eine Konvention, keine Regel mit Begründung, im Betrieb aber erwartet. „Hallo" ist die Schulflur-Fassung, „Liebe" tut so, als kenne man sich schon.
Fabians Mail beginnt — „Sehr geehrter Herr Brandner, ich möchte fragen, ob ich vom 9. bis 20. März ein Praktikum in Ihrer Praxis machen kann." Damit steht das Anliegen im ersten Satz.
âś“ Wahr
Ja — Anrede, dann sofort die Bitte mit Zeitraum. Herr Brandner kann nach zwei Zeilen entscheiden, was er antwortet.
Malia schreibt der Fahrradwerkstatt Ceylan. Welcher Satz nennt das Anliegen?
● Ich möchte fragen, ob Sie mein Rad bis Freitag reparieren können.
○ Es tut mir leid, dass ich Sie störe, ich weiß, dass Sie viel zu tun haben, und ich hoffe, es macht keine Umstände.
â—‹ Mein Hinterrad hat seit gestern einen Achter, und am Samstag ist in Dachau ein Rennen.
Nur der erste Satz sagt, was Herr Ceylan tun soll. Der zweite entschuldigt sich für die Mail, der dritte erklärt die Lage — beides darf danach kommen, keines ersetzt die Bitte.
Levin schreibt der Musikschule wegen eines Schnupperkurses. Welcher Satz nennt das Anliegen?
â—Ź Ich wĂĽrde gern wissen, ob im Schnupperkurs Schlagzeug im September noch ein Platz frei ist.
â—‹ Ich hoffe, ich schreibe an die richtige Adresse, und falls nicht, tut es mir wirklich sehr leid.
â—‹ Ich spiele seit zwei Jahren in der Schulband und ĂĽbe fast jeden Tag im Keller.
Der erste Satz stellt die Frage, die beantwortet werden kann. Der zweite entschuldigt sich, der dritte erzählt von Levin — aus beiden weiß die Musikschule nicht, was sie tun soll.
Fabian schreibt an die Volkshochschule, wo er niemanden kennt. Welcher Satz passt in die Mail?
● Könnten Sie mir sagen, ob am Freitag noch Plätze frei sind?
â—‹ Schicken Sie mir bitte schnell die Anmeldung.
â—‹ Hey, ist bei euch Freitag noch was frei?
Der erste Satz fragt und lässt der Empfängerin die Antwort offen. Der zweite ist ein Befehl mit „bitte" davor, der dritte redet eine fremde Person mit du an.
Kian schreibt an eine Firma und findet keinen Namen einer Ansprechperson. Welche Anrede passt?
â—Ź Sehr geehrte Damen und Herren,
â—‹ Hallo zusammen,
â—‹ Sehr geehrter Herr oder Frau,
Das ist die Anrede für den Fall, dass man den Namen nicht kennt. „Hallo zusammen" ist Chat, und „Herr oder Frau" gibt es nicht — dann lieber fünf Minuten die Website nach einem Namen absuchen.