Der Anspruchsaufbau

The Structure of a Claim

Wirtschaft und Recht Klasse 13 14 Aufgaben
RechtKerncurriculum

Die Lernenden prüfen Kalteneckers Rechnung über 4 200 € in den drei Stufen jedes Anspruchs — entstanden, nicht erloschen, durchsetzbar — und sehen, dass ein gestohlener Geldbeutel nicht erfüllt und eine verjährte Forderung nur auf Einrede scheitert. Dann ordnen sie Anspruchsgrundlagen in die Reihenfolge Vertrag, Eigentümer-Besitzer-Verhältnis, Delikt, Bereicherung und begründen sie am Laptop (§ 278 gegen § 831). Verdrängt wird „kein Geld, keine Schuld“ und die Prüfung in der Reihenfolge, in der einem die Normen einfallen (Medicus & Petersen). Ziel: der Aufbau jedes der vier Abiturfälle.

„Das Geld ist weg“

Sonntag, 12. Juli 2026, der Morgen nach dem Abiball. Aus Sophies Auto ist die Kasse gestohlen worden, 3 900 € aus dem Abend. Davon wollte sie Kaltenecker bezahlen, der das Buffet geliefert hat: 120 Portionen zu je 35 €, also 4 200 €, fällig zwei Wochen nach dem Ball. Sophie schreibt ihm: „Das Geld ist weg. Dann kann ich auch nichts mehr schulden.“

Der erste Schritt ist aus Kurs 5 bekannt: Wer will was von wem woraus? Kaltenecker will 4 200 € von Sophie, und er stützt sich auf den Vertrag über das Buffet. Weil Kaltenecker das Essen selbst herstellt und liefert, nehmen wir wie in Kurs 10 einen Werklieferungsvertrag an, für den Kaufrecht gilt (§ 650 BGB); seine Anspruchsgrundlage ist dann § 433 Abs. 2 BGB i. V. m. § 650 BGB. Weil seine Aushilfe beim Ball auch ausschenkt, kann man den Vertrag ebenso als Werk- oder gemischten Vertrag lesen; dann trägt § 631 Abs. 1 BGB den Anspruch, und an den Stufen ändert sich nichts. Damit ist die Norm gefunden, aber nicht gesagt, dass Sophie heute zahlen muss. Ein Anspruch muss drei Hürden nehmen, und keine davon steht als Liste im Gesetz:

  • Er muss entstanden sein: Der Tatbestand der Anspruchsgrundlage ist erfĂĽllt.
  • Er darf nicht erloschen sein: Nichts hat ihn nachträglich beseitigt, etwa die ErfĂĽllung oder ein RĂĽcktritt.
  • Er muss durchsetzbar sein: Der Schuldner darf die Leistung nicht verweigern, etwa weil der Anspruch verjährt ist.

Bevor du weiterliest: An welcher Stufe könnte Sophies Satz ansetzen?

Drei Stufen

Entstanden ist der Anspruch mit dem Vertrag vom 3. März. Sophies Satz zielt auf die zweite Stufe, und dort hilft ihr der Diebstahl nicht:

„Das Schuldverhältnis erlischt, wenn die geschuldete Leistung an den Gläubiger bewirkt wird.“
— § 362 Abs. 1 BGB

ErfĂĽllt ist erst, wenn Kaltenecker das Geld hat; dann erlischt der Anspruch von selbst, auch wenn sich niemand darauf beruft. Was Sophie vorher verliert, verliert sie selbst.

Die dritte Stufe funktioniert anders. Ansprüche verjähren in der Regel in drei Jahren (§ 195 BGB), gerechnet ab dem Ende des Jahres, in dem sie entstanden sind und der Gläubiger von ihnen und dem Schuldner erfahren hat (§ 199 Abs. 1 BGB). Kalteneckers Anspruch verjährt also mit dem 31. Dezember 2029. Danach besteht er weiter, aber Sophie ist „berechtigt, die Leistung zu verweigern“ (§ 214 Abs. 1 BGB). Ein solches Recht heißt Einrede: Es wirkt nur, wenn der Schuldner es geltend macht. Prüfe die drei Stufen in der Figur.

Wähle einen Fall, entscheide jedes Merkmal und drücke „Prüfen“: Welche Stufe scheitert, wenn Sophie am 20. Juli überweist – und welche, wenn Kaltenecker erst 2030 klagt?

Sophie schuldet die 4 200 € also weiter. Am selben Abend ist aber auch ihr etwas passiert, und dafür gibt es mehr als eine Anspruchsgrundlage.

Vertrag vor Delikt

Um 17:30 am Abend des Balls hat Tim, Kalteneckers Aushilfe, ein Tablett Bowle über Sophies Laptop gekippt; ein vergleichbarer kostet 600 €. Sophie will das Geld von Kaltenecker. Zwei Grundlagen kommen in Frage. Aus dem Vertrag: Kaltenecker hat die Pflicht verletzt, auf Sophies Sachen Rücksicht zu nehmen (§§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2 BGB), und Tims Ungeschick wird ihm wie eigenes zugerechnet, weil Tim für ihn den Vertrag erfüllt (§ 278 BGB, Kurs 10). Aus Delikt: Wer einen anderen „zu einer Verrichtung bestellt“, haftet für ihn nach § 831 Abs. 1 BGB, aber nicht, wenn er beweist, dass er ihn sorgfältig ausgewählt und angeleitet hat. Hat Kaltenecker Tim sorgfältig ausgesucht, scheitert § 831, und der Vertrag trägt trotzdem.

Deshalb prüft man in einer festen Reihenfolge: zuerst Ansprüche aus Vertrag, dann aus dem Eigentümer-Besitzer-Verhältnis (§ 985 und die Normen danach), dann aus Delikt, zuletzt aus Bereicherung. Ein Vertrag kann ändern, was danach kommt. Er kann eine Haftung verschärfen, wie hier § 278, und er kann einen Herausgabeanspruch sperren: Hätte Mia ihr Rad im Sommer von Jonas zurückverlangt, hätte Jonas aus dem Leihvertrag bis Oktober ein Recht zum Besitz gehabt, und § 985 wäre an § 986 BGB gescheitert (Kurs 8). Wer mit dem Delikt beginnt, übersieht das. Sortiere die Anspruchsgrundlagen aus den Kursen 8 bis 11.

  • 1. Vertrag
  • 2. EigentĂĽmer-Besitzer-Verhältnis
  • 3. Delikt
  • 4. Bereicherung
  • § 433 Abs. 2 i. V. m. § 650 BGB – Kaltenecker will 4 200 €.
  • §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 278 BGB – Sophie will 600 € fĂĽr den Laptop.
  • §§ 437 Nr. 2, 323 BGB – Jana tritt wegen des Handys zurĂĽck.
  • § 985 BGB – Mia verlangt das Rad von Lea.
  • § 833 S. 1 BGB – Mia will 300 € von Frau Sommer.
  • § 823 Abs. 1 BGB – Mia will von Jonas den Wert des Rads.
  • § 816 Abs. 1 S. 1 BGB – Mia will die 900 € von Jonas.
Ordne jede Anspruchsgrundlage einer Gruppe zu und drücke „Prüfen“: In welche Gruppe gehört § 816 – und warum steht § 985 vor § 823?

Mit den drei Stufen und dieser Reihenfolge ist der Aufbau jedes Falls vorgezeichnet. Ein Drittel der Punkte im Abitur fragt aber gar nicht, ob ein Anspruch besteht, sondern ob eine Regel gut ist.

Leicht
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Sophie: „Das Geld ist weg, also schulde ich Kaltenecker nichts mehr.“ An welcher Stufe setzt ihr Einwand an?

  • â—Ź nicht erloschen – sie meint, die Schuld sei untergegangen
  • â—‹ entstanden – sie meint, es gebe keinen Vertrag
  • â—‹ durchsetzbar – sie meint, der Anspruch sei verjährt
Den Vertrag bestreitet Sophie nicht, und von Verjährung ist keine Rede. Sie meint, der Verlust des Geldes beende die Schuld – das ist die Frage der zweiten Stufe. Dort scheitert der Einwand: Erfüllt ist erst, wenn Kaltenecker das Geld hat (§ 362 Abs. 1 BGB).
Wahr / Falsch #2 15s â–¶ Testen

Weil Sophies Kasse mit 3 900 € gestohlen wurde, ist Kalteneckers Anspruch auf 4 200 € erloschen.

âś“ Falsch
Falsch. Ein Anspruch erlischt durch Erfüllung, wenn die geschuldete Leistung beim Gläubiger ankommt (§ 362 Abs. 1 BGB). Gestohlen ist nicht gezahlt; den Verlust trägt Sophie.
Multiple Choice #3 20s â–¶ Testen

Wann ist Kalteneckers Anspruch auf 4 200 € erloschen?

  • â—Ź Sophies Ăśberweisung ĂĽber 4 200 € wird Kalteneckers Konto gutgeschrieben.
  • â—‹ Sophie hebt 4 200 € ab und legt sie fĂĽr Kaltenecker in ihre Schublade.
  • â—‹ Sophie schreibt Kaltenecker, sie werde nächste Woche zahlen.
Erst wenn die Leistung beim Gläubiger bewirkt ist, erlischt das Schuldverhältnis (§ 362 Abs. 1 BGB). Geld in Sophies Schublade oder ein Versprechen erfüllen nichts.
Multiple Choice #4 25s â–¶ Testen

Sophie will von Kaltenecker 600 € für den Laptop, über den sein Helfer Tim die Bowle gekippt hat. Welche Anspruchsgrundlage prüft man zuerst?

  • â—Ź §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 278 BGB
  • â—‹ § 831 Abs. 1 BGB
  • â—‹ § 823 Abs. 1 BGB
Vertrag vor Delikt. Aus dem Vertrag über das Buffet muss Kaltenecker Rücksicht auf Sophies Sachen nehmen, und Tims Verschulden wird ihm nach § 278 zugerechnet. § 831 und § 823 kommen danach.
Mittel
Zahleneingabe #1 30s â–¶ Testen

Kalteneckers Anspruch wurde im Juli 2026 fällig, und Kaltenecker kannte alle Umstände. Mit Ablauf des 31. Dezember welchen Jahres verjährt er (§§ 195, 199 Abs. 1 BGB)?

âś“ Antwort: 2029
Die regelmäßige Frist beträgt drei Jahre (§ 195) und beginnt mit dem Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Gläubiger die Umstände kennt (§ 199 Abs. 1): Ende 2026 plus drei Jahre, also mit dem 31. Dezember 2029.
Wahr / Falsch #2 20s â–¶ Testen

Kaltenecker klagt im März 2030; Sophie sagt vor Gericht nichts zur Verjährung. Das Gericht weist die Klage trotzdem ab, weil der Anspruch verjährt ist.

âś“ Falsch
Falsch. Die Verjährung gibt Sophie nur das Recht, die Leistung zu verweigern (§ 214 Abs. 1 BGB) – eine Einrede, die sie erheben muss. Tut sie es nicht, wird sie verurteilt.
Multiple Choice #3 30s â–¶ Testen

Jana ist wegen eines Mangels wirksam vom Kauf eines Kopfhörers zurückgetreten, den sie noch nicht bezahlt hat. Der Händler verlangt trotzdem den Kaufpreis. Woran scheitert er?

  • â—Ź nicht erloschen: Der RĂĽcktritt hat die Pflicht zur Zahlung beseitigt.
  • â—‹ entstanden: Ein Kaufvertrag ist nie zustande gekommen.
  • â—‹ durchsetzbar: Der Anspruch auf den Kaufpreis ist verjährt.
Der Kaufvertrag bestand, der Anspruch ist also entstanden. Der Rücktritt verwandelt den Vertrag in ein Rückgewährschuldverhältnis (§ 346 Abs. 1 BGB); was noch nicht geleistet ist, muss nicht mehr geleistet werden. Verjährt ist nach wenigen Wochen nichts.
Wahr / Falsch #4 25s â–¶ Testen

Beweist Kaltenecker, dass er Tim sorgfältig ausgewählt und angeleitet hat, scheitert auch Sophies Anspruch aus §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 278 BGB.

âś“ Falsch
Falsch. Die Entlastung durch sorgfältige Auswahl gibt es nur in § 831 Abs. 1 S. 2 BGB. Nach § 278 steht Kaltenecker für Tims Verschulden ein wie für eigenes, ohne Entlastung. Gerade deshalb prüft man den Vertrag zuerst.
Multiple Choice #5 25s â–¶ Testen

Mia verlangt im Juli von Jonas das E-Bike zurück, das sie ihm bis Oktober geliehen hat. Woran scheitert ihr Anspruch aus § 985 BGB?

  • â—Ź an Jonas' Recht zum Besitz aus dem Leihvertrag (§ 986 BGB)
  • â—‹ daran, dass Mia nicht EigentĂĽmerin ist
  • â—‹ daran, dass Jonas nicht Besitzer ist
Mia ist Eigentümerin, Jonas Besitzer. Aber der Leihvertrag gibt ihm bis Oktober ein Recht zum Besitz, und das sperrt § 985 (§ 986 Abs. 1 BGB). Ein Vertrag kann ändern, was nach ihm kommt.
Multiple Choice #6 25s â–¶ Testen

Mia will von Jonas die 900 € aus dem Verkauf ihres Rads, gestützt auf § 816 Abs. 1 S. 1 BGB. An welcher Stelle des Aufbaus prüft man diesen Anspruch?

  • â—Ź zuletzt, als Anspruch aus Bereicherung
  • â—‹ vor dem Delikt, weil er kein Verschulden braucht
  • â—‹ zuerst, weil Mia Geld verlangt
§ 816 steht im Bereicherungsrecht (§§ 812 ff.), der letzten Gruppe nach Vertrag, Eigentümer-Besitzer-Verhältnis und Delikt. Ob ein Anspruch Verschulden braucht oder auf Geld geht, bestimmt die Reihenfolge nicht.
LĂĽckentext #7 30s â–¶ Testen

Norm finden: Kaltenecker klagt 2030, Sophie will wegen der Verjährung nicht zahlen. Die Norm, die ihr das Recht gibt, die Leistung zu verweigern, ist § ___ BGB.

âś“ Antwort: 214
§ 214 Abs. 1 BGB: „Nach Eintritt der Verjährung ist der Schuldner berechtigt, die Leistung zu verweigern.“ Die Frist selbst steht in §§ 195, 199.
LĂĽckentext #8 30s â–¶ Testen

Norm finden: Sophie hat die 4 200 € überwiesen, Kaltenecker schickt trotzdem eine zweite Rechnung. Die Norm, nach der seine Forderung erloschen ist, ist § ___ BGB.

âś“ Antwort: 362
§ 362 Abs. 1 BGB: Das Schuldverhältnis erlischt, wenn die geschuldete Leistung an den Gläubiger bewirkt wird – die Überweisung ist angekommen.
Schwer
KI-bewertete Frage #1 300s â–¶ Testen

Kaltenecker hat am 11. Juli 2026 für Sophie ein Buffet für 4 200 € hergestellt und geliefert, zahlbar zwei Wochen später. Am 12. Juli wird Sophie die Kasse gestohlen; sie schreibt: „Das Geld ist weg, also schulde ich nichts.“ Prüfe in vier bis sechs Sätzen im Gutachtenstil, ob Kaltenecker von Sophie 4 200 € verlangen kann. Gehe dabei die drei Stufen durch.

✓ Antwort: Kaltenecker könnte gegen Sophie einen Anspruch auf Zahlung von 4 200 € aus § 433 Abs. 2 i. V. m. § 650 BGB haben. Der Anspruch ist entstanden, denn beide haben einen Vertrag über ein Buffet geschlossen, das Kaltenecker herstellt und liefert, sodass Kaufrecht gilt. Er könnte durch den Diebstahl erloschen sein; erloschen ist ein Anspruch aber nur, wenn die Leistung beim Gläubiger ankommt (§ 362 Abs. 1 BGB), und Kaltenecker hat kein Geld erhalten. Verjährt ist der Anspruch erst mit dem 31. Dezember 2029, er ist also durchsetzbar. Somit kann Kaltenecker von Sophie 4 200 € verlangen.
Drei Stufen: entstanden (Vertrag), nicht erloschen (kein § 362, ein Diebstahl erfüllt nicht), durchsetzbar (nicht verjährt).
KI-bewertete Frage #2 240s â–¶ Testen

Kalteneckers Helfer Tim hat Bowle über Sophies Laptop gekippt (Wert 600 €). Sophie will das Geld von Kaltenecker. Erkläre in drei bis fünf Sätzen, warum man zuerst §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 278 BGB prüft und erst danach § 831 BGB, und was das für Sophie ändern kann.

✓ Antwort: Im Anspruchsaufbau prüft man zuerst Ansprüche aus Vertrag, dann aus dem Eigentümer-Besitzer-Verhältnis, dann aus Delikt und zuletzt aus Bereicherung, weil ein Vertrag die späteren Ansprüche verändern kann. Aus dem Vertrag über das Buffet muss Kaltenecker auf Sophies Sachen Rücksicht nehmen (§ 241 Abs. 2), und Tims Verschulden wird ihm nach § 278 wie eigenes zugerechnet. Nach § 831 haftet Kaltenecker dagegen nicht, wenn er beweist, dass er Tim sorgfältig ausgewählt und angeleitet hat. Wer mit dem Delikt beginnt, könnte deshalb zu Unrecht verneinen, dass Sophie die 600 € bekommt.
Der Vertrag zuerst: § 278 kennt keine Entlastung, § 831 schon.