Der Anspruchsaufbau
The Structure of a Claim
Die Lernenden prüfen Kalteneckers Rechnung über 4 200 € in den drei Stufen jedes Anspruchs — entstanden, nicht erloschen, durchsetzbar — und sehen, dass ein gestohlener Geldbeutel nicht erfüllt und eine verjährte Forderung nur auf Einrede scheitert. Dann ordnen sie Anspruchsgrundlagen in die Reihenfolge Vertrag, Eigentümer-Besitzer-Verhältnis, Delikt, Bereicherung und begründen sie am Laptop (§ 278 gegen § 831). Verdrängt wird „kein Geld, keine Schuld“ und die Prüfung in der Reihenfolge, in der einem die Normen einfallen (Medicus & Petersen). Ziel: der Aufbau jedes der vier Abiturfälle.
„Das Geld ist weg“
Sonntag, 12. Juli 2026, der Morgen nach dem Abiball. Aus Sophies Auto ist die Kasse gestohlen worden, 3 900 € aus dem Abend. Davon wollte sie Kaltenecker bezahlen, der das Buffet geliefert hat: 120 Portionen zu je 35 €, also 4 200 €, fällig zwei Wochen nach dem Ball. Sophie schreibt ihm: „Das Geld ist weg. Dann kann ich auch nichts mehr schulden.“
Der erste Schritt ist aus Kurs 5 bekannt: Wer will was von wem woraus? Kaltenecker will 4 200 € von Sophie, und er stützt sich auf den Vertrag über das Buffet. Weil Kaltenecker das Essen selbst herstellt und liefert, nehmen wir wie in Kurs 10 einen Werklieferungsvertrag an, für den Kaufrecht gilt (§ 650 BGB); seine Anspruchsgrundlage ist dann § 433 Abs. 2 BGB i. V. m. § 650 BGB. Weil seine Aushilfe beim Ball auch ausschenkt, kann man den Vertrag ebenso als Werk- oder gemischten Vertrag lesen; dann trägt § 631 Abs. 1 BGB den Anspruch, und an den Stufen ändert sich nichts. Damit ist die Norm gefunden, aber nicht gesagt, dass Sophie heute zahlen muss. Ein Anspruch muss drei Hürden nehmen, und keine davon steht als Liste im Gesetz:
- Er muss
entstanden sein: Der Tatbestand der Anspruchsgrundlage ist erfĂĽllt. - Er darf
nicht erloschen sein: Nichts hat ihn nachträglich beseitigt, etwa die Erfüllung oder ein Rücktritt. - Er muss
durchsetzbar sein: Der Schuldner darf die Leistung nicht verweigern, etwa weil der Anspruch verjährt ist.
Bevor du weiterliest: An welcher Stufe könnte Sophies Satz ansetzen?
Drei Stufen
Entstanden ist der Anspruch mit dem Vertrag vom 3. März. Sophies Satz zielt auf die zweite Stufe, und dort hilft ihr der Diebstahl nicht:
„Das Schuldverhältnis erlischt, wenn die geschuldete Leistung an den Gläubiger bewirkt wird.“
— § 362 Abs. 1 BGB
ErfĂĽllt ist erst, wenn Kaltenecker das Geld hat; dann erlischt der Anspruch von selbst, auch wenn sich niemand darauf beruft. Was Sophie vorher verliert, verliert sie selbst.
Die dritte Stufe funktioniert anders. AnsprĂĽche
Sophie schuldet die 4 200 € also weiter. Am selben Abend ist aber auch ihr etwas passiert, und dafür gibt es mehr als eine Anspruchsgrundlage.
Vertrag vor Delikt
Um 17:30 am Abend des Balls hat Tim, Kalteneckers Aushilfe, ein Tablett Bowle über Sophies Laptop gekippt; ein vergleichbarer kostet 600 €. Sophie will das Geld von Kaltenecker. Zwei Grundlagen kommen in Frage. Aus dem Vertrag: Kaltenecker hat die Pflicht verletzt, auf Sophies Sachen Rücksicht zu nehmen (§§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2 BGB), und Tims Ungeschick wird ihm wie eigenes zugerechnet, weil Tim für ihn den Vertrag erfüllt (§ 278 BGB, Kurs 10). Aus Delikt: Wer einen anderen „zu einer Verrichtung bestellt“, haftet für ihn nach § 831 Abs. 1 BGB, aber nicht, wenn er beweist, dass er ihn sorgfältig ausgewählt und angeleitet hat. Hat Kaltenecker Tim sorgfältig ausgesucht, scheitert § 831, und der Vertrag trägt trotzdem.
Deshalb prüft man in einer festen Reihenfolge: zuerst Ansprüche aus Vertrag, dann aus dem Eigentümer-Besitzer-Verhältnis (§ 985 und die Normen danach), dann aus Delikt, zuletzt aus Bereicherung. Ein Vertrag kann ändern, was danach kommt. Er kann eine Haftung verschärfen, wie hier § 278, und er kann einen Herausgabeanspruch sperren: Hätte Mia ihr Rad im Sommer von Jonas zurückverlangt, hätte Jonas aus dem Leihvertrag bis Oktober ein Recht zum Besitz gehabt, und § 985 wäre an § 986 BGB gescheitert (Kurs 8). Wer mit dem Delikt beginnt, übersieht das. Sortiere die Anspruchsgrundlagen aus den Kursen 8 bis 11.
- 1. Vertrag
- 2. Eigentümer-Besitzer-Verhältnis
- 3. Delikt
- 4. Bereicherung
- § 433 Abs. 2 i. V. m. § 650 BGB – Kaltenecker will 4 200 €.
- §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 278 BGB – Sophie will 600 € für den Laptop.
- §§ 437 Nr. 2, 323 BGB – Jana tritt wegen des Handys zurück.
- § 985 BGB – Mia verlangt das Rad von Lea.
- § 833 S. 1 BGB – Mia will 300 € von Frau Sommer.
- § 823 Abs. 1 BGB – Mia will von Jonas den Wert des Rads.
- § 816 Abs. 1 S. 1 BGB – Mia will die 900 € von Jonas.
Mit den drei Stufen und dieser Reihenfolge ist der Aufbau jedes Falls vorgezeichnet. Ein Drittel der Punkte im Abitur fragt aber gar nicht, ob ein Anspruch besteht, sondern ob eine Regel gut ist.
Voraussetzungen (1)
Ermöglicht (4)
Sophie: „Das Geld ist weg, also schulde ich Kaltenecker nichts mehr.“ An welcher Stufe setzt ihr Einwand an?
Weil Sophies Kasse mit 3 900 € gestohlen wurde, ist Kalteneckers Anspruch auf 4 200 € erloschen.
Wann ist Kalteneckers Anspruch auf 4 200 € erloschen?
Sophie will von Kaltenecker 600 € für den Laptop, über den sein Helfer Tim die Bowle gekippt hat. Welche Anspruchsgrundlage prüft man zuerst?
Kalteneckers Anspruch wurde im Juli 2026 fällig, und Kaltenecker kannte alle Umstände. Mit Ablauf des 31. Dezember welchen Jahres verjährt er (§§ 195, 199 Abs. 1 BGB)?
Kaltenecker klagt im März 2030; Sophie sagt vor Gericht nichts zur Verjährung. Das Gericht weist die Klage trotzdem ab, weil der Anspruch verjährt ist.
Jana ist wegen eines Mangels wirksam vom Kauf eines Kopfhörers zurückgetreten, den sie noch nicht bezahlt hat. Der Händler verlangt trotzdem den Kaufpreis. Woran scheitert er?
Beweist Kaltenecker, dass er Tim sorgfältig ausgewählt und angeleitet hat, scheitert auch Sophies Anspruch aus §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 278 BGB.
Mia verlangt im Juli von Jonas das E-Bike zurück, das sie ihm bis Oktober geliehen hat. Woran scheitert ihr Anspruch aus § 985 BGB?
Mia will von Jonas die 900 € aus dem Verkauf ihres Rads, gestützt auf § 816 Abs. 1 S. 1 BGB. An welcher Stelle des Aufbaus prüft man diesen Anspruch?
Norm finden: Kaltenecker klagt 2030, Sophie will wegen der Verjährung nicht zahlen. Die Norm, die ihr das Recht gibt, die Leistung zu verweigern, ist § ___ BGB.
Norm finden: Sophie hat die 4 200 € überwiesen, Kaltenecker schickt trotzdem eine zweite Rechnung. Die Norm, nach der seine Forderung erloschen ist, ist § ___ BGB.
Kaltenecker hat am 11. Juli 2026 für Sophie ein Buffet für 4 200 € hergestellt und geliefert, zahlbar zwei Wochen später. Am 12. Juli wird Sophie die Kasse gestohlen; sie schreibt: „Das Geld ist weg, also schulde ich nichts.“ Prüfe in vier bis sechs Sätzen im Gutachtenstil, ob Kaltenecker von Sophie 4 200 € verlangen kann. Gehe dabei die drei Stufen durch.
Kalteneckers Helfer Tim hat Bowle über Sophies Laptop gekippt (Wert 600 €). Sophie will das Geld von Kaltenecker. Erkläre in drei bis fünf Sätzen, warum man zuerst §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 278 BGB prüft und erst danach § 831 BGB, und was das für Sophie ändern kann.