Integrale berechnen und deuten

26 Minuten · 6 Abschnitte

Was verrĂ€t eine Änderungsrate ĂŒber das Ganze?

Ein Becken wird befĂŒllt und wieder geleert; gemessen wird nur, wie schnell das Wasser zu- oder abfließt. Wie viel Wasser ist nach sechs Minuten im Becken, und wann war es am vollsten? Die Menge selbst wird nie gemessen. Die Änderungsrate beantwortet beides, sobald man sie integriert. Wir lesen Graphen von Integralfunktionen, lernen drei Integrationsregeln, berechnen FlĂ€chen zwischen Graphen und bis ins Unendliche und das Volumen von Körpern, die beim Drehen einer Kurve entstehen.

Graph der Integralfunktion

Von f zu I: Steigen und Fallen

Der Hauptsatz sagt: Die Integralfunktion hat die Ableitung . Damit lĂ€sst sich ihr Graph aus dem Graphen der Integrandenfunktion f lesen, ohne zu rechnen. Wir nehmen . Die untere Grenze a legt nur den Startpunkt fest; allgemein schreibt man , hier ist und wir kĂŒrzen ab. Es gilt : Der Graph von I beginnt auf der x-Achse.

Wo f positiv ist, steigt I; wo f negativ ist, fĂ€llt I. Bei wechselt f das Vorzeichen von + nach −: I hat einen Hochpunkt, . Bei wechselt f von − nach +: I hat einen Tiefpunkt, . Dazwischen ist f negativ, also fĂ€llt I, auch wenn f ab wieder steigt. Nicht das Steigen von f zĂ€hlt, sondern sein Vorzeichen.

Verschiebe x. Der Chip zeigt f(x) und die Steigung der Tangente an I. Was fÀllt auf?

KrĂŒmmung und der Weg zurĂŒck

Wo f am kleinsten ist, bei mit , fÀllt I am steilsten: Die Steigung ist ihr kleinster Wert. Dort wechselt I von einer Rechts- in eine Linkskurve, es ist ein Wendepunkt. Eine Extremstelle von f ist also eine Wendestelle von I.

Umgekehrt: Ist nur der Graph von I gegeben, ist f(x) die Steigung der Tangente an I bei x. Beim Hochpunkt und beim Tiefpunkt ist die Tangente waagerecht, also sind und Nullstellen von f. Im Wendepunkt hat die Tangente die Steigung .

Eine Skizze von I entsteht so in drei Schritten: Startpunkt festlegen, Steigen und Fallen aus dem Vorzeichen von f ĂŒbernehmen, Wendepunkte bei den Extremstellen von f einzeichnen.

Lies von unten nach oben: Die gestrichelten Linien verbinden die Nullstellen und das Minimum von f mit Hochpunkt H, Wendepunkt W und Tiefpunkt T von I.

Integrationsregeln

Innere Funktion ax + b

Liest man die Kettenregel rĂŒckwĂ€rts, entstehen Integrationsregeln; die erste heißt hier 1/a-Regel. Es gilt : Die innere Ableitung 2 erscheint als Faktor. Also ist keine Stammfunktion von , sondern von . Man gleicht den Faktor aus:

Dabei ist eine Stammfunktion von f. Beispiele: und (einmal durch 3 wegen der inneren Ableitung, einmal durch 3 wegen des Exponenten).

Ändere a. Die FlĂ€che unter e^(ax) von 0 bis 1 ist (e^a − 1)/a; der Chip e^a hilft beim Nachrechnen. Bei a = 2 sind es 3,19.

ZĂ€hler ist die Ableitung des Nenners

Steht im ZĂ€hler die Ableitung des Nenners, gilt die ln-Regel: , denn . Beispiel: hat die Ableitung , also . Fehlt nur ein konstanter Faktor, gleicht man ihn aus: . Bei geht das nicht: Der ZĂ€hler 1 ist kein Vielfaches von 2x. Die Betragsstriche brauchst du, wenn f negativ werden kann, etwa bei .

Stelle b = 3 ein: Die FlĂ€che unter dem Graphen ist ln 10 ≈ 2,303. PrĂŒfe ln(1 + bÂČ) auch bei b = 6.

Ableitung im Exponenten und die Probe

Steht im Exponenten eine Funktion f und davor ihre Ableitung, gilt die e-Regel: . Beispiel: hat die Ableitung , also . Fehlt der Faktor fâ€Č ganz, ist das meist nicht möglich: FĂŒr gibt es keine Stammfunktion, die man als Term aus den bekannten Funktionen schreiben kann.

Welche Regel passt? Suche die Ableitung der inneren Funktion: als ZĂ€hler (ln-Regel), als Faktor vor (e-Regel); steht innen nur ax + b, gilt die 1/a-Regel. Die Probe: Leite die Stammfunktion ab, der Integrand muss herauskommen.

Verschiebe x. Die Tangente an F = e^(−xÂČ) hat die Steigung −2x·e^(−xÂČ): Bei x = 1 zeigt der Chip −0,736.

FlÀche zwischen Graphen

Obere minus untere Funktion

Zwei Graphen schließen eine FlĂ€che ein. Ihr Inhalt ist das Integral der Höhe des Streifens zwischen dem oberen Graphen o und dem unteren u: . Über der x-Achse ist das die FlĂ€che unter dem oberen Graphen minus die FlĂ€che unter dem unteren. Wir nehmen die Parabel und die Gerade .

Die Grenzen sind die Schnittstellen, also die Lösungen von : ergibt und . Welcher Graph oben liegt, zeigt ein Testwert zwischen den Schnittstellen: , die Gerade liegt oben. Wer untere minus obere Funktion rechnet, erhÀlt einen negativen FlÀcheninhalt, und der kann nicht stimmen. Also

Verschiebe die Gerade mit c. Die Grenzen x₁ und x₂ folgen den Schnittstellen; bei c = 2 stehen die Chips auf −1 und 2 und die FlĂ€che auf 4,5.

Wenn sich die Graphen kreuzen

Die Graphen von und schneiden sich bei , und und schließen deshalb zwei FlĂ€chenstĂŒcke ein. Rechnet man , kommt 0 heraus: Die StĂŒcke haben entgegengesetzte Vorzeichen, das Integral ist nur die Bilanz. Der FlĂ€cheninhalt ist nicht 0, denn zwei StĂŒcke, die sich ausgleichen, sind trotzdem da.

Man zerlegt an der Schnittstelle und nimmt in jedem Teil obere minus untere Funktion: Derselbe Gedanke gilt fĂŒr die FlĂ€che zwischen einem Graphen und der x-Achse: Dort trennen die Nullstellen.

Blau liegt f ĂŒber g, orange schraffiert darunter. Die Bilanz gleicht beide StĂŒcke aus, der FlĂ€cheninhalt addiert sie.

Uneigentliche Integrale

Bis b und weiter

Ein Streifen unter dem Graphen von kann nach rechts beliebig weit reichen. Wie groß ist die FlĂ€che ab 0, wenn er unendlich lang ist? Man beginnt mit einem endlichen Ende b: . FĂŒr b = 3 sind das 0,95, fĂŒr b = 5 schon 0,993. LĂ€sst man b wachsen, nĂ€hert sich die FlĂ€che der Zahl 1.

Das uneigentliche Integral ist genau dieser Grenzwert: Das Zeichen ∞ wird nie wie eine Zahl in die Stammfunktion eingesetzt. Man rechnet mit b und bildet danach den Grenzwert.

Verschiebe b. Wie viel fehlt der FlÀche noch bis 1, wenn b = 9 ist?

Den Grenzwert bestimmen

Der Wert entsteht aus und dem Übergang . Beispiel mit : Es ist , und . Der Wert ist 1. Diese Grenzwerte sollte man kennen: fĂŒr n > 0 und ; dagegen wachsen und ĂŒber alle Grenzen.

Strebt gegen eine Zahl, heißt das Integral konvergent, wĂ€chst es ĂŒber alle Grenzen, divergent. FĂŒr eine untere Grenze geht man entsprechend vor.

Die violette Kurve ist die Integralfunktion. Sie nÀhert sich der gestrichelten 1, erreicht sie aber nie.

Konvergent oder divergent

Sowohl als auch gehen fĂŒr gegen 0, und doch verhalten sich ihre FlĂ€chen verschieden. bleibt unter 1. Dagegen wĂ€chst ohne Grenze, wenn auch langsam: Bei b = 30 sind es erst 3,4.

Ein unendlich langer Streifen kann also einen endlichen Inhalt haben. Dass der Graph sich der x-Achse nĂ€hert, reicht dafĂŒr nicht; er muss schnell genug fallen.

Vergleiche die beiden FlÀchen bis b. Welche Kurve bleibt unter der gestrichelten 1?

Bestand und Änderungsrate

Änderung als FlĂ€che

Ein Becken wird befĂŒllt und wieder geleert; gemessen wird nur die Änderungsrate in Litern pro Minute: positiv beim BefĂŒllen, negativ beim Leeren. Die Wassermenge im Becken zur Zeit t heißt Bestand ; r ist ihre Ableitung. Die FlĂ€che zwischen dem Graphen von r und der t-Achse hat die Einheit l/min · min = l, ist also eine Wassermenge. Es ist die GesamtĂ€nderung: Bei sind das von 0 bis 3 Minuten +9 Liter, von 3 bis 6 Minuten −9 Liter, zusammen 0. Das Integral sagt, um wie viel sich der Bestand geĂ€ndert hat, nicht, wie groß der Bestand ist.

Verschiebe t. Bei t = 3 ist die GesamtĂ€nderung mit +9 l am grĂ¶ĂŸten; danach nimmt sie wieder ab.

Den Bestand rekonstruieren

Wie viel Wasser ist zur Zeit t im Becken? Dazu braucht man den Anfangsbestand: Sind anfangs 20 Liter im Becken, gilt . Nach 3 Minuten sind es Liter, nach 6 Minuten wieder 20. Die Steigung von B ist die Rate r: Bei t = 3 ist sie 0. Der Bestand ist dort am grĂ¶ĂŸten, wo r von + nach − wechselt, nicht dort, wo r am grĂ¶ĂŸten ist.

Verschiebe t und vergleiche die Steigung mit dem Wert von r(t) = 6 − 2t.

Weg und Verschiebung

Bei einer Bewegung mit der Geschwindigkeit ist die Verschiebung : RĂŒckwĂ€rtsfahren zĂ€hlt negativ. Der zurĂŒckgelegte Weg ist : Man zerlegt an den Nullstellen von v und addiert die BetrĂ€ge der Teile, wie bei der FlĂ€che zwischen Graphen.

Beispiel: in m/s auf hat die Nullstellen 1 und 3. Die Teilintegrale sind 4, −4 und 4. Die Verschiebung ist 4 m, der Weg 12 m.

Verschiebe b. Bei b = 3 ist die Verschiebung 0, der Weg aber 8.

Rotationskörper

Eine Scheibe dreht sich

Dreht man den Graphen von f ĂŒber um die x-Achse, entsteht ein Rotationskörper. Schneidet man ihn in dĂŒnne Scheiben der Dicke , ist jede Scheibe fast ein Zylinder: Der Radius ist der Funktionswert , die GrundflĂ€che . Also gilt Wichtig ist das Quadrat: Verdoppelt sich der Radius, wird die Scheibe viermal so groß. Im Bild sind es Rechtecke unter ; jedes Rechteck ergibt beim Drehen eine solche Scheibe. Alle Scheiben zusammen fĂŒllen den Körper fast aus, und je dĂŒnner sie sind, desto genauer.

Erhöhe die Anzahl n der Scheiben. Wie Ă€ndert sich die Dicke Δx, und wie gut fĂŒllen die Rechtecke die FlĂ€che?

Volumen als Integral

Addiert man alle Scheiben und lĂ€sst ihre Dicke gegen 0 gehen, entsteht ein Integral: Man quadriert f(x) zuerst und integriert danach. FĂŒr ist , also . FĂŒr ist , nicht , und . Das Volumen ist die FlĂ€che unter dem Graphen von .

Verschiebe b. Die FlĂ€che unter π·x ist das Volumen des Körpers von 0 bis b; bei b = 4 sind es 8π.

Die Probe mit dem Kegel

Ob das Ergebnis stimmt, prĂŒft man an Körpern mit bekanntem Volumen. Die Gerade auf ergibt einen Kegel mit dem Radius 3 und der Höhe 3. Die Integralformel liefert , und die Kegelformel . Bei konstantem folgt , der Zylinder. Stimmt das Ergebnis mit einer bekannten Formel ĂŒberein, ist die Rechnung plausibel.

Kegel mit Radius 3 und Höhe 3, entstanden durch Rotation der Geraden f(x) = x ĂŒber [0 ; 3] um die x-Achse r = 3 h = 3
Die Gerade f(x) = x ĂŒber [0 ; 3] ergibt beim Drehen einen Kegel mit Radius 3 und Höhe 3: V = 9π.
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Konzepte

IntegrationBestimmtes IntegralStammfunktionIntegralfunktionUneigentliches IntegralAkkumulationRotationskörper