Ein Stein fällt in einen Brunnen, und die Tiefe wächst mit dem Quadrat der Zeit: s = 5t². Rückwärts rechnen heißt, aus dem Ergebnis die Eingabe zu finden. Wer die Tiefe misst
und die Fallzeit sucht, muss die Quadratfunktion umkehren und
landet bei der Wurzel. Nicht jede Funktion lässt sich so umkehren, und die
Umkehrfunktion hat einen gespiegelten Graphen. Wir klären,
wann es geht, wie man ihren Term findet und wie steil die Wurzelfunktion ist.
Eine Funktion f ordnet jedem x genau ein y zu. Eine
Umkehrfunktion f⁻¹ soll das rückgängig machen: Zu jedem y
gehört dann genau ein x. Bei f(x)=x2 geht das nicht, denn für y = 4 passen
x = 2 und x = −2. Am Graphen sieht man es an der waagerechten Geraden y = 4: Sie schneidet die Parabel zweimal.
Eine Funktion heißt umkehrbar, wenn jede waagerechte Gerade ihren Graphen höchstens einmal
schneidet. Nicht jede Funktion hat also eine Umkehrfunktion.
Verschiebe die waagerechte Gerade mit dem Regler. Bei welchem y trifft sie die Parabel nur einmal?
Streng monoton
Eine Funktion ist streng monoton wachsend, wenn aus x₁ < x₂ immer
f(x1)<f(x2) folgt; bei streng monoton fallend gilt
f(x1)>f(x2). Dann nimmt sie jeden Wert höchstens einmal an und ist umkehrbar,
ob sie steigt oder fällt. Auf einem Intervall folgt strenge Monotonie aus
f′(x) > 0 (oder aus f′(x) < 0). Einzelne Stellen mit
f′(x) = 0 stören nicht: f(x)=x3 hat bei x = 0 eine waagerechte Tangente
und bleibt trotzdem überall streng wachsend.
Bewege P über den Ursprung. Trifft die waagerechte Gerade den Graphen jemals ein zweites Mal?
Definitionsmenge einschränken
Die Parabel ist nicht umkehrbar, aber jeder ihrer Äste ist es. Auf [0;∞[ gilt
f′(x) = 2x > 0 für x > 0, also ist die
Einschränkung streng monoton wachsend. Auf
]−∞;0] ist sie streng monoton fallend und ebenfalls umkehrbar. Die
Einschränkung ist eine neue Funktion mit kleinerer Definitionsmenge; welchen Ast man wählt, ändert die
Umkehrfunktion. Zur Frage „Ist f umkehrbar?“ gehört deshalb immer: auf welcher Menge?
Schneide die Parabel mit dem Regler links ab. Ab welchem a bleibt nur noch ein Schnittpunkt mit y = 4?
Die Funktion f macht aus dem Eingang x den Ausgang y, die
Umkehrfunktion f⁻¹ macht aus diesem y wieder x. Liegt der
Punkt(a∣b) auf dem Graphen von f, so liegt
(b∣a) auf dem Graphen von f⁻¹. Für f(x)=x2 mit x ≥ 0 gilt
f(2) = 4, also f⁻¹(4) = 2. Vorsicht bei der Schreibweise: f⁻¹(x) ist kein Kehrwert. Hier ist
f⁻¹(4) = 2, der Kehrwert 1/f(4) dagegen 1/16. Dasselbe kennst du von sin⁻¹ am Taschenrechner.
Verschiebe P auf dem Graphen von f. Was passiert mit den Koordinaten von P′?
Spiegelung an y = x
Vertauscht man bei jedem Punkt die Koordinaten, wird der Punkt an der Geraden
y = x gespiegelt, der Winkelhalbierenden des I. und III. Quadranten. Punkte auf dieser Geraden bleiben an ihrem Platz.
Der Graph von f⁻¹ entsteht also aus dem Graphen von
f durch Spiegelung an y = x, nicht an der x-Achse und nicht an der
y-Achse. Das gilt für jede Umkehrfunktion, zum Beispiel für f(x)=2x und
f−1(x)=log2x aus der 10. Klasse. Damit das Spiegelbild nicht verzerrt wirkt, müssen
beide Achsen gleich skaliert sein.
Wandere mit P nach links. Wo liegt P′, wenn P sehr nahe an der x-Achse ist?
Definitions- und Wertemenge
Weil Eingang und Ausgang die Rollen tauschen, tauschen auch die Mengen:
D(f−1)=W(f) und W(f−1)=D(f). Bei
f(x)=2x ist D = ℝ und W = ]0; ∞[, bei log₂ x ist es umgekehrt. Für x² auf [0; b]
ist W(f)=[0;b2], also D(f−1)=[0;b2]. Einen Wert
außerhalb von W(f), etwa y = −1 bei 2ˣ, kann f⁻¹ nicht liefern: log₂(−1) ist nicht definiert.
Ändere b. Welche Abschnitte der Achsen sind gleich lang, und wie hängen sie mit D und W zusammen?
Den Term von f⁻¹ findet man in zwei Schritten: Löse
y = f(x) nach x auf, dann vertausche die Namen x und y. Für f(x)=2x+1 gilt
y=2x+1⇒x=2y−1, also
f−1(x)=2x−1. Die
Steigung 2 wird zu ½. Zur Probe setzt man f⁻¹ in
f ein: 2⋅2x−1+1=x. Es muss
f(f⁻¹(x)) = x herauskommen, und ebenso f⁻¹(f(x)) = x. Die Probe fängt Rechenfehler beim Auflösen ab. Man kehrt die Rechenschritte in umgekehrter Reihenfolge um: f multipliziert mit 2 und addiert 1, f⁻¹ subtrahiert 1 und teilt durch 2.
Ändere die Steigung m von f. Wie ändert sich die Steigung von f⁻¹?
Ein Ast der Parabel
Bei f(x)=x2+1 auf x ≥ 0 folgt aus y=x2+1 zuerst
x2=y−1, dann x=y−1; das Minuszeichen entfällt,
weil x ≥ 0 gilt. So ist f−1(x)=x−1 mit
D(f−1)=[1;∞[=W(f). Auf dem linken Ast (x ≤ 0) gilt dagegen
f−1(x)=−x−1. Welches Vorzeichen gilt, legt allein die Definitionsmenge von
f fest. Umgekehrt: Bei f(x)=x−2+1 folgt
x=(y−1)2+2, also f−1(x)=(x−1)2+2, aber nur für x ≥ 1. Auch der Term √(x − 1) passt dazu: Er ist nur für x ≥ 1 definiert, und x² + 1 nimmt nie einen kleineren Wert als 1 an.
Wechsle den Ast von f mit dem Regler. Welche Umkehrfunktion gehört zu welchem Ast?
Auf [0;∞[ ist x² streng monoton wachsend, also umkehrbar. Die
Umkehrfunktion heißt Wurzelfunktion:
f(x)=x mit D=W=[0;∞[. √x ist die einzige
nichtnegative Zahl, deren Quadrat x ergibt, also die Seite eines Quadrats mit dem Flächeninhalt x. Der Graph
entsteht aus dem rechten Parabelast durch Spiegelung an y = x: Er beginnt in (0 | 0), steigt streng monoton und
wird immer flacher. Es gilt √9 = 3, nicht ±3, und für x < 0 ist √x nicht definiert.
Ändere die Fläche x des Quadrats. Wie verhalten sich Fläche und Seitenlänge zueinander?
Verschieben
Der Graph von f(x)=x−c+d geht aus dem der
Wurzelfunktion hervor: um c nach rechts und um d nach oben. Er
beginnt im Startpunkt (c | d), es gilt D = [c; ∞[ und W = [d; ∞[.
Bei f(x)=x+2−1 ist c = −2, denn x + 2 = x − (−2): Der Graph verschiebt sich
nach links, der Startpunkt ist (−2 | −1). Unter der Wurzel muss x+2≥0 gelten,
also x ≥ −2.
Ändere c und d. Wohin wandert der Startpunkt, und wie ändert sich der Rest des Graphen?
Die Steigung der Wurzelfunktion
Ein Spiegelbild macht aus der Steigung m die reziproke Steigung 1/m. Bei (2 | 4) hat x² die
Steigung 4; im Spiegelpunkt (4 | 2) hat √x die Steigung ¼.
Allgemein hat x² bei t die Steigung 2t und √x im Punkt (t² | t) die Steigung 1/(2t). Mit t = √x folgt
(x)′=2x1 für x > 0. Bei x = 0 ist die Tangente senkrecht,
dort gibt es keine Ableitung: Je näher x an 0 rückt, desto steiler wird der Graph.
Bewege t. Wie hängen die beiden Steigungen zusammen, und was passiert für kleines t?
Damit die Potenzgesetze weiter gelten, schreibt man x=x1/2, denn
(x1/2)2=x1. Ebenso ist 3x=x1/3, weil
(x1/3)3=x. Allgemein gilt für x > 0
xm/n=nxm; Beispiele sind x3/2=xx und
x−1/2=x1. Der Exponent r
bestimmt die Form des Graphen: Bei r = 1 ist er eine Gerade, bei
r = ½ die Wurzelfunktion. Die Schreibweise gilt für x > 0; für negative x sind gebrochene Exponenten nicht erklärt.
Ändere den Exponenten r. Für welche r liegt der Punkt bei x = 4 über, für welche unter der Geraden y = x?
Die Potenzregel bleibt
Für jeden rationalen Exponenten r und x > 0 gilt
(xr)′=r⋅xr−1: Der Exponent wird zum
Faktor, der neue Exponent ist um 1 kleiner. Mit r = ½ ergibt sich
21x−1/2=2x1, genau die Ableitung der Wurzelfunktion. Weitere
Beispiele: (x3/2)′=23x1/2 und
(3x)′=31x−2/3. Achte auf den Exponenten: ½ − 1 = −½, und bei
1/x schreibt man zuerst x−1/2, dann leitet man ab.
Stelle x = 1 ein und ändere r. Welche Steigung hat die Tangente dort?
Verkettung, Produkt, Quotient
Steht unter der Wurzel ein Term u(x), liefert die Kettenregel
(u)′=2uu′: äußere Ableitung mal innere. So ist
(2x+1)′=22x+12=2x+11; die innere Ableitung 2
darf nicht fehlen. Bei xx+1 hilft die Produktregel:
x+1+2x+1x=2x+13x+2. Bei einem Bruch wie
x+1x nimmt man die Quotientenregel. Nach dem Ableiten lohnt es sich, auf einen Nenner zu bringen, damit man Nullstellen der Ableitung sieht.
Ändere a und x. Stimmt die Tangentensteigung immer mit der Formel überein?
Bei f(x)=2x−x muss der Radikand x ≥ 0 sein: D=[0;∞[.
Für die Nullstellen wird 2x=x quadriert: 4x = x², also x = 0 oder x = 4; beide
erfüllen die Ausgangsgleichung. Quadrieren ist aber keine Äquivalenzumformung. Aus
2x+3=x folgt x2=2x+3 mit x = 3 oder x = −1, doch nur
x = 3 löst die Wurzelgleichung: √1 = 1 ≠ −1. Die Probe ist
Pflicht. Die Figur zeigt den Grund: Die Scheinlösung liegt auf dem unteren Ast von y² = 2x + 3, also auf
−√(2x + 3), und nicht auf dem Graphen der Wurzel. Die Definitionsmenge legt fest, wo man rechnen darf, und sie zeigt sich später in der Ableitung: 1/√x gibt es nur für x > 0.
Wandere mit x durch den Definitionsbereich. Wo wird der Abstand √(2x + 3) − x null?
Extrempunkt und Rand
Für x > 0 gilt f′(x) = x1−1.
Aus f′(x) = 0 folgt √x = 1, also x = 1 mit f(1) = 1. Für x < 1 ist f′ > 0, für x > 1 ist f′ < 0:
Hochpunkt (1 | 1). Am Rand x = 0 gibt es keine Ableitung, die
Tangente ist senkrecht; (0 | 0) ist ein Randpunkt, kein Extrempunkt durch f′ = 0. Für x → ∞ überwiegt −x, denn √x
wächst langsamer als x: f(x) → −∞. Die Figur deutet f(x) als Abstand der Graphen von 2√x und x. Er ist am größten,
wo beide Graphen gleich steil sind. Zur Kontrolle: f(4) = 2 · 2 − 4 = 0, und f(1) = 1 ist der größte Funktionswert.
Bewege x und vergleiche die beiden Steigungen. Bei welchem x ist der Abstand am größten?