Winkel an Geraden und Figuren
Wie viele Winkel kennt man ohne Messen?
Ein Monteur verlegt zwei Rohre, die sich kreuzen. Gemessen hat er nur einen Winkel: 65°. Trotzdem kennt er alle vier Winkel an der Kreuzung – ohne Messgerät. Wie geht das? Und wenn ein drittes Rohr parallel zum ersten läuft, lassen sich noch mehr Winkel bestimmen.
Am Ende steht ein Beweis: Warum ergeben die drei Winkel jedes Dreiecks zusammen 180°? Messen zeigt es nur für einzelne Dreiecke. Wir suchen einen Grund, der für alle gilt.
Scheitel- und Nebenwinkel
Vier Winkel an einer Kreuzung
Zwei Rohre kreuzen sich. An der Kreuzung entstehen vier Winkel. Dreh das eine Rohr und beobachte die Chips: Welche Winkel wachsen zusammen, und welche werden kleiner, wenn andere wachsen?
Diese beiden Beobachtungen haben Namen.
Zwei Rohre kreuzen sich; als Geraden g und h schneiden sie sich im Punkt S. Dabei entstehen vier Winkel.
Zwei von ihnen liegen nebeneinander: Sie haben einen Schenkel gemeinsam, und ihre beiden anderen Schenkel
bilden zusammen eine Gerade. Solche Winkel heißen Nebenwinkel; sie ergänzen sich zu 180°:
Die Farben zeigen es: gleiche Farbe, gleiche Größe. Wie lang die gezeichneten Schenkel sind, spielt keine Rolle – ein Winkel misst nur die Öffnung zwischen den Schenkeln.
Warum das immer stimmt
Messen prüft eine Zeichnung, aber nicht jede Kreuzung. Ein Grund dagegen gilt für alle Kreuzungen:
Das ist ein kleiner Satz mit Begründung: Scheitelwinkel sind gleich groß. Kennst du einen Winkel an der Kreuzung, kennst du alle vier. Misst der Monteur α = 65°, dann ist β = 180° − 65° = 115°, γ = 65° und δ = 115°.
Stufen- und Wechselwinkel
Stufenwinkel an Parallelen
Nun verläuft eine zweite Leitung parallel zur ersten, und eine dritte Leitung t schneidet beide. Diese
Doppelkreuzung hat zwei Schnittpunkte und acht Winkel. Stufenwinkel liegen an beiden
Schnittpunkten in derselben Lage: beide oben rechts, beide unten links. Sind g und h parallel, sind
Stufenwinkel gleich groß:
Diesen Satz beweisen wir nicht. Er ist unser Ausgangspunkt, ein Fundamentalsatz: Alles Weitere bauen wir darauf auf. Die Lage entscheidet, nicht die Größe: Neigst du die Schneidende, ändern sich beide Winkel, doch sie bleiben gleich.
Wechselwinkel
Wechselwinkel liegen zwischen den Parallelen auf verschiedenen Seiten der Schneidenden, etwa unten links bei g und oben rechts bei h. Auch sie sind gleich groß, und diesmal brauchen wir keinen neuen Grundsatz. Der Stufenwinkel des Winkels bei g liegt unten links bei h. Sein Scheitelwinkel liegt oben rechts bei h.
Stufenwinkel sind gleich, Scheitelwinkel sind gleich – also sind auch die Wechselwinkel gleich. Der Satz über Wechselwinkel ist ein abgeleiteter Satz: Er folgt aus Sätzen, die schon feststehen.
Nur an Parallelen
Die Gleichheit gilt nur, wenn g und h parallel sind. Kippe die Gerade h ein wenig: Die Stufenwinkel unterscheiden sich sofort, und zwar genau um den Kippwinkel, den Winkel, um den h aus der parallelen Lage gedreht wurde. Auf ein Zeichenblatt ist dabei kein Verlass: Zwei Geraden, die fast parallel aussehen, sind es oft nicht. Wer Parallelität behauptet, braucht einen Grund, keinen Augenschein.
Winkelsumme im Dreieck
Messen und Abreißen
Zeichne ein Dreieck, miss
Ein Beweis ist es nicht. Gemessen oder abgerissen wurde ein einziges Dreieck, und Messungen sind nie ganz genau. Ein Beweis muss für jedes Dreieck gelten und jeden Schritt begründen. Die Bilder geben aber die Idee: Die Winkel α und β wandern neben γ.
Der Beweis mit einer Hilfslinie
Im Dreieck ABC zeichnen wir durch C die Parallele p zur Seite AB. Diese Hilfslinie steht nicht in der Aufgabe;
sie macht die Argumentation erst möglich. Nun gilt:
Bei C liegen jetzt drei Winkel nebeneinander auf der Geraden p: α, γ und β. Sie bilden zusammen einen gestreckten Winkel, und der misst 180°:
Grundlage und Folgerung
Wir haben Sätze aufeinander gestapelt. Die Gleichheit der Stufenwinkel an Parallelen ist unser Fundamentalsatz: Wir setzen ihn voraus. Daraus folgte der Satz über Wechselwinkel, daraus die Winkelsumme – beides sind abgeleitete Sätze. Man könnte die Reihenfolge auch umkehren und die Winkelsumme als Grundlage nehmen; entscheidend ist, dass jeder Satz nur auf früher festgelegte Sätze zurückgeht.
Jetzt darfst du die Winkelsumme benutzen. Kennst du zwei Winkel, ist der dritte
Winkelsumme im Vieleck
Vom Viereck zum Dreieck
Die Diagonale AC zerlegt das Viereck ABCD in zwei Dreiecke. In jedem Dreieck betragen die Winkel zusammen 180°, also in beiden
zusammen 360°. Diese Winkel bilden genau die vier Innenwinkel des Vierecks: An den Ecken A und C teilt die Diagonale einen Winkel
nur in zwei Teile, sie fügt keinen hinzu. Die Innenwinkelsumme im Viereck beträgt also
Das n-Eck
Dieselbe Idee funktioniert für jedes Vieleck. Von einer Ecke aus ziehst du alle Diagonalen: Ein Fünfeck zerfällt in 3 Dreiecke, ein Sechseck in 4, ein
Siebeneck in 5. Ein n-Eck zerfällt in
Man kann auch einen Punkt im Inneren mit allen Ecken verbinden: Dann entstehen n Dreiecke. Ihre Winkel um den Innenpunkt, zusammen 360°, gehören
aber nicht zu den Innenwinkeln des Vielecks. Das führt auf
Regelmäßige Vielecke
Sind alle Seiten und alle Winkel gleich, heißt das Vieleck regelmäßig. Dann teilt sich die Winkelsumme gleichmäßig auf, und ein
Innenwinkel misst
Winkel in Figuren berechnen
Winkelketten
In Figuren mit mehreren Geraden sind meist nur wenige Winkel gegeben. Die übrigen erschließt du Schritt für Schritt: Aus einem bekannten Winkel
folgt mit einer Beziehung ein neuer, aus dem wieder ein nächster. Im Bild sind g und h parallel; die Punkte P und R liegen auf g, der Punkt Q auf h. Es gilt
Zuerst der dritte Winkel im Dreieck PQR:
Noch eine Beziehung, eine Warnung
Zwischen zwei Parallelen liegen auf derselben Seite der Schneidenden zwei Winkel, die sich zu 180° ergänzen. Das folgt aus Bekanntem: Der eine ist der Nebenwinkel
des Stufenwinkels des anderen. Ist
Und noch eine Warnung: Eine Skizze ist nicht maßstabsgetreu. Ein Winkel, der wie 90° aussieht, ist keiner, solange es nicht dasteht; zwei Geraden, die parallel wirken, sind es nur, wenn es angegeben oder bewiesen ist. Benutzen darfst du nur, was gegeben ist oder was du begründet hast.
Sind die Geraden parallel?
Die Umkehrung
Bisher galt: Wenn g ∥ h, dann sind Stufenwinkel gleich. Jetzt fragen wir umgekehrt: Sind zwei Stufenwinkel gleich groß, folgt dann g ∥ h? Ja, auch diese Umkehrung gilt: Sind Stufenwinkel oder Wechselwinkel gleich groß, sind die Geraden parallel. Ebenso gilt: Ergänzen sich die Winkel auf derselben Seite der Schneidenden zu 180°, sind g und h parallel.
Beide Richtungen sind verschiedene Aussagen, jede muss für sich begründet sein. Für einen Zimmermann bedeutet das: Er misst zwei Winkel an der Querlatte und weiß, ob die Balken parallel liegen, ohne sie bis zum Schnitt zu verlängern.
Welche Winkelpaare beweisen etwas?
Nicht jedes Winkelpaar taugt zum Prüfen. Scheitelwinkel sind an jeder Kreuzung gleich, Nebenwinkel ergänzen sich immer zu 180° – auch wenn die Geraden schief zueinander stehen. Sie sagen nichts über g und h. Nur Winkel an verschiedenen Schnittpunkten zählen: Stufenwinkel, Wechselwinkel und Winkel derselben Seite.
Bei mehreren Kreuzungen berechnest du zuerst mit einer Kette den passenden Winkel und vergleichst erst dann. Ist an h der Nebenwinkel des Stufenwinkels gegeben, bildest du zuerst die Ergänzung zu 180°. Schreibe jeden Schritt mit Grund auf.