Der Gutachtenstil

The Opinion Style (Gutachtenstil)

Wirtschaft und Recht Klasse 9 16 Aufgaben
RechtKerncurriculum

Die Lernenden schreiben eine Prüfung in vier Schritten auf: Obersatz (die Frage als Hypothese im Konjunktiv, mit Anspruchsgrundlage), Definition des Merkmals, Subsumtion (der Sachverhalt unter die Definition gelegt) und Ergebnis. Sie ordnen Sätze den Schritten zu, bringen die vier Sätze eines Gutachtens in die richtige Reihenfolge und unterscheiden Gutachtenstil („könnte … müsste … also“) vom Urteilsstil („ist …, denn“). Verdrängt wird das Ergebnis-zuerst-Schreiben aus dem Bauch (Valerius 2017; Möllers 2021). Ziel: die vier Fälle der Abschnitte 3–6 werden in genau diesen Schritten gelöst (Stand 2026).

Erst die Frage, dann die Antwort

Nele soll für die Familie aufschreiben, was Herr Albrecht von Ben verlangen kann. Ihr erster Satz: „Ben muss zahlen, weil er die Scheibe kaputt gemacht hat.“ Klingt richtig – aber woher weiß sie das schon im ersten Satz? Sie hat nicht geprüft, ob Ben etwas vorzuwerfen ist, und keine Norm genannt.

Ein juristisches Gutachten geht den umgekehrten Weg. Es beginnt mit der Frage, nicht mit der Antwort. Der erste Satz heißt Obersatz: Er nennt, wer was von wem woraus verlangen könnte – im Konjunktiv, denn ob es stimmt, steht noch nicht fest:

Herr Albrecht könnte gegen Ben einen Anspruch auf Zahlung von 300 € aus § 823 Abs. 1 BGB haben.

Danach folgt, was dafür nötig ist: „Dann müsste Ben …“ – und nun wird jedes Tatbestandsmerkmal der Norm einzeln abgearbeitet, wie im Norm-Check aus Kurs 1.

Definition und Subsumtion

Für jedes Merkmal gibt es drei Sätze. Zuerst die Definition: Was bedeutet das Merkmal genau? Dann die Subsumtion, die du aus Kurs 1 kennst: Der Sachverhalt wird neben die Definition gelegt – passt er? Zuletzt ein Zwischenergebnis. Für das Merkmal Verschulden sieht das so aus:

Ben müsste fahrlässig gehandelt haben. Fahrlässig handelt, wer die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer Acht lässt (§ 276 Abs. 2 BGB). Ben hat in Richtung Wintergarten geschossen, obwohl seine Mutter ihm das verboten hatte. Also hat er fahrlässig gehandelt.

Sind alle Merkmale geprüft, steht am Ende das Ergebnis. Es beantwortet genau die Frage des Obersatzes, jetzt ohne Konjunktiv: „Somit hat Herr Albrecht gegen Ben einen Anspruch …“ – oder „keinen Anspruch“, wenn ein Merkmal fehlt. Ordne die acht Sätze unten den vier Schritten zu:

  • Obersatz
  • Definition
  • Subsumtion
  • Ergebnis
  • Herr Albrecht könnte gegen Ben einen Anspruch auf 300 € aus § 823 Abs. 1 BGB haben.
  • Eigentum wird verletzt, wenn eine fremde Sache beschädigt oder zerstört wird.
  • Die Scheibe gehört Herrn Albrecht und ist durch Bens Ball zerbrochen.
  • Fahrlässig handelt, wer die im Verkehr erforderliche Sorgfalt auĂźer Acht lässt.
  • Ben hat Richtung Wintergarten geschossen, obwohl es ihm verboten war.
  • Somit hat Herr Albrecht gegen Ben einen Anspruch auf 300 €.
  • Herr Albrecht könnte gegen Bens Mutter einen Anspruch aus § 832 Abs. 1 BGB haben.
  • Ein Anspruch aus § 832 Abs. 1 BGB besteht daher nicht.
Ordne jeden Satz einem Schritt zu und drücke „Prüfen“: Woran erkennst du eine Definition, ohne den Fall zu kennen?

Eine Definition nennt keinen Namen aus dem Fall – sie gilt für jeden. Die Subsumtion dagegen spricht von Ben, der Scheibe, dem Verbot.

Gutachtenstil oder Urteilsstil

Neles erster Satz war nicht falsch, er war in einem anderen Stil geschrieben. Ein Gericht schreibt im Urteilsstil: das Ergebnis zuerst, die Begründung danach, verbunden mit „denn“ oder „weil“: „Herr Albrecht hat einen Anspruch aus § 823 Abs. 1 BGB. Denn Ben hat sein Eigentum fahrlässig verletzt.“ Das passt, wenn die Entscheidung schon gefallen ist. Wer einen Fall erst lösen will, schreibt im Gutachtenstil – und erkennt ihn an den Signalwörtern: könnte, müsste, fraglich ist am Anfang; also, somit, folglich am Ende.

Nicht jedes Merkmal braucht alle Sätze. Ist etwas offensichtlich, genügt ein Satz: „Die Scheibe ist eine fremde Sache.“ Ausführlich wird es dort, wo man streiten kann – bei Ben etwa an der Frage, ob ein Neunjähriger schon verantwortlich ist. Dazu braucht es die ganze Prüfung. Genau die folgt jetzt, viermal: Von hier an löst der Kurs jeden Fall der Woche Schritt für Schritt, und vor jedem Schritt sagst du voraus, was kommt.

Leicht
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Welcher Satz ist ein vollständiger Obersatz?

  • â—Ź Herr Sommer könnte gegen Nele einen Anspruch auf 240 € aus § 433 Abs. 2 BGB haben.
  • â—‹ Herr Sommer könnte gegen Nele einen Anspruch auf 240 € haben.
  • â—‹ Nele muss Herrn Sommer 240 € zahlen, weil sie das Handy gekauft hat.
Der Obersatz stellt die Frage als Hypothese im Konjunktiv und nennt alle vier W: wer (Sommer), was (240 €), von wem (Nele), woraus (§ 433 Abs. 2 BGB). Ohne Norm fehlt das Woraus; der dritte Satz nimmt das Ergebnis vorweg.
Wahr / Falsch #2 15s â–¶ Testen

„Jana hat gegen den Shop einen Anspruch auf 600 € aus § 346 Abs. 1 BGB.“ Das ist ein Obersatz im Gutachtenstil.

âś“ Falsch
Falsch. Der Satz steht im Indikativ und behauptet schon das Ergebnis. Ein Obersatz lässt die Frage offen: „Jana könnte gegen den Shop einen Anspruch auf 600 € … haben.“
Multiple Choice #3 15s â–¶ Testen

Welcher Satz ist eine Definition?

  • â—Ź Ein Bildnis ist ein Bild, auf dem eine Person erkennbar ist.
  • â—‹ Auf Tims Foto ist Nele deutlich zu erkennen.
  • â—‹ Also ist Tims Foto ein Bildnis.
Eine Definition sagt allgemein, was ein Merkmal bedeutet, und nennt niemanden aus dem Fall. Der Satz über Tims Foto ist die Subsumtion, der Satz mit „also“ das Ergebnis.
Multiple Choice #4 20s â–¶ Testen

Welcher Satz ist eine Subsumtion?

  • â—Ź Nele ist 15 Jahre alt, also älter als sieben und noch nicht 18.
  • â—‹ Beschränkt geschäftsfähig ist, wer sieben, aber noch nicht 18 Jahre alt ist.
  • â—‹ Nele mĂĽsste beschränkt geschäftsfähig sein.
In der Subsumtion wird der Sachverhalt neben die Definition gelegt: Neles Alter neben die Altersgrenzen der §§ 2, 106 BGB. Der zweite Satz ist die Definition, der dritte leitet das Merkmal ein.
Wahr / Falsch #5 15s â–¶ Testen

„Fahrlässig handelt, wer die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer Acht lässt.“ Dieser Satz ist eine Subsumtion.

âś“ Falsch
Falsch. Der Satz nennt niemanden aus dem Fall – er definiert das Merkmal (§ 276 Abs. 2 BGB) und gilt für jeden. Subsumtion wäre: „Ben hat trotz Verbot Richtung Wintergarten geschossen.“
Multiple Choice #6 25s â–¶ Testen

Welcher Text ist im Urteilsstil geschrieben?

  • â—Ź Ben hat fahrlässig gehandelt, denn er hat trotz Verbot Richtung Wintergarten geschossen.
  • â—‹ Ben mĂĽsste fahrlässig gehandelt haben. Er hat trotz Verbot Richtung Wintergarten geschossen. Also hat er fahrlässig gehandelt.
  • â—‹ Fraglich ist, ob Ben fahrlässig gehandelt hat.
Urteilsstil: das Ergebnis zuerst, die Begründung danach, verbunden mit „denn“ oder „weil“. Die beiden anderen Texte stellen die Frage zuerst („müsste“, „fraglich ist“) – das ist Gutachtenstil.
Mittel
Multiple Choice #1 25s â–¶ Testen

Obersatz: „Herr Albrecht könnte gegen Ben einen Anspruch auf 300 € aus § 823 Abs. 1 BGB haben.“ Alle Merkmale sind erfüllt. Welcher Satz schließt das Gutachten ab?

  • â—Ź Somit hat Herr Albrecht gegen Ben einen Anspruch auf 300 € aus § 823 Abs. 1 BGB.
  • â—‹ Herr Albrecht könnte also gegen Ben einen Anspruch auf 300 € haben.
  • â—‹ Somit hat Ben eine Sachbeschädigung begangen.
Das Ergebnis beantwortet genau die Frage des Obersatzes – jetzt ohne Konjunktiv. Wer im Ergebnis noch „könnte“ schreibt, hat nichts entschieden; die Sachbeschädigung ist eine Frage des Strafrechts, nicht dieses Anspruchs.
Sortieren #2 35s â–¶ Testen

Bringe die vier Sätze zum Merkmal „Eigentum verletzt“ in die Reihenfolge des Gutachtens.

✓ Antwort: Ben müsste Albrechts Eigentum verletzt haben.,Eine Eigentumsverletzung ist jede Beschädigung einer fremden Sache.,Bens Ball hat Albrechts Scheibe zerbrochen.,Also hat Ben Albrechts Eigentum verletzt.
Erst wird das Merkmal als Frage gestellt („müsste“), dann definiert, dann der Sachverhalt darunter gelegt (Subsumtion), zuletzt das Zwischenergebnis mit „also“.
Sortieren #3 35s â–¶ Testen

Bringe die vier Sätze zum Merkmal „Verbraucherin“ in die Reihenfolge des Gutachtens.

âś“ Antwort: Jana mĂĽsste Verbraucherin sein.,Verbraucher ist jeder Mensch beim Kauf fĂĽr private Zwecke.,Jana kauft das Fahrrad fĂĽr den Weg zur Uni.,Also ist Jana Verbraucherin.
Merkmal als Frage, Definition (vereinfacht nach § 13 BGB), Subsumtion mit Janas Zweck, Zwischenergebnis. Wer mit dem Fall beginnt („Jana kauft für die Uni“), weiß noch nicht, worauf es ankommt.
Wahr / Falsch #4 15s â–¶ Testen

„Fraglich ist, ob Ben fahrlässig gehandelt hat.“ Dieser Satz gehört zum Urteilsstil.

âś“ Falsch
Falsch. „Fraglich ist, ob …“ stellt eine offene Frage – ein Signal des Gutachtenstils, wie „könnte“ und „müsste“. Der Urteilsstil beginnt mit dem Ergebnis und begründet mit „denn“ oder „weil“.
LĂĽckentext #5 20s â–¶ Testen

Ergänze das Verb des Obersatzes: Herr Albrecht ___ gegen Ben einen Anspruch auf 300 € aus § 823 Abs. 1 BGB haben.

✓ Antwort: könnte
Der Obersatz steht im Konjunktiv („könnte“), weil das Ergebnis noch offen ist. „Hat“ wäre schon das Ergebnis – Urteilsstil.
Schwer
Sortieren #1 45s â–¶ Testen

Bringe das kurze Gutachten in die richtige Reihenfolge.

✓ Antwort: Nele könnte gegen Paul einen Anspruch auf Herausgabe der Kopfhörer aus § 985 BGB haben.,Dazu müsste Nele Eigentümerin und Paul Besitzer der Kopfhörer sein.,Die Kopfhörer gehören Nele und Paul trägt sie in seiner Tasche.,Somit kann Nele von Paul die Herausgabe verlangen.
Obersatz mit allen vier W, dann die Voraussetzungen des § 985 BGB (Eigentümer gegen Besitzer), die Subsumtion und das Ergebnis, das genau den Obersatz beantwortet.
Multiple Choice #2 35s â–¶ Testen

Nele schreibt: „Ben muss zahlen, weil er die Scheibe kaputt gemacht hat.“ Welcher Satz ist der passende Obersatz?

  • â—Ź Herr Albrecht könnte gegen Ben einen Anspruch auf 300 € aus § 823 Abs. 1 BGB haben.
  • â—‹ Ben könnte gegen Herrn Albrecht einen Anspruch auf 300 € aus § 823 Abs. 1 BGB haben.
  • â—‹ Herr Albrecht könnte gegen Ben einen Anspruch auf 300 € aus § 433 Abs. 2 BGB haben.
Anspruchsteller ist der Geschädigte, Herr Albrecht; Gegner ist Ben. Weil es keinen Vertrag gibt, passt § 823 Abs. 1 BGB, nicht § 433 Abs. 2. Der zweite Satz vertauscht die Rollen.
Multiple Choice #3 30s â–¶ Testen

Ein Mitschüler beginnt sein Gutachten mit: „Herr Albrecht könnte gegen Ben einen Anspruch auf 300 € aus § 303 StGB haben.“ Welche Korrektur braucht der Satz?

  • â—Ź § 303 StGB durch § 823 Abs. 1 BGB ersetzen
  • â—‹ „könnte“ durch „hat“ ersetzen
  • â—‹ „gegen Ben“ durch „gegen den Staat“ ersetzen
§ 303 StGB droht eine Strafe an und gibt niemandem einen Anspruch. Für Albrechts 300 € ist § 823 Abs. 1 BGB die Anspruchsgrundlage. „Hat“ würde das Ergebnis vorwegnehmen; der Staat ist nicht Albrechts Gegner.
KI-bewertete Frage #4 180s â–¶ Testen

Tim (14) postet im Klassenchat ein Foto, auf dem Nele (15) mit schlammverschmiertem Gesicht deutlich zu erkennen ist. Prüfe in vier Sätzen im Gutachtenstil – Merkmal als Frage, Definition, Subsumtion, Ergebnis – nur das Merkmal „Bildnis“ aus § 22 KUG.

✓ Antwort: Tims Foto müsste ein Bildnis sein. Ein Bildnis ist jedes Bild, auf dem eine Person erkennbar ist. Auf dem Foto ist Nele trotz des Schlamms deutlich zu erkennen. Also ist das Foto ein Bildnis im Sinne des § 22 KUG.
Vier Schritte für ein Merkmal: „müsste“ – Definition – Sachverhalt – „also“. Die Definition des Bildnisses kennst du aus Kurs 2: Entscheidend ist, dass die Person erkennbar ist.
KI-bewertete Frage #5 150s â–¶ Testen

Schreibe diesen Text im Gutachtenstil neu, in vier Sätzen: „Nele ist beschränkt geschäftsfähig, denn sie ist 15 Jahre alt (§ 106 BGB).“

✓ Antwort: Nele müsste beschränkt geschäftsfähig sein. Beschränkt geschäftsfähig ist nach §§ 2, 106 BGB, wer das siebente Lebensjahr vollendet hat, aber noch nicht volljährig, also noch nicht 18 ist. Nele ist 15 Jahre alt. Also ist sie beschränkt geschäftsfähig.
Der Urteilsstil beginnt mit dem Ergebnis und begründet mit „denn“. Der Gutachtenstil dreht das um: Frage – Definition – Subsumtion – Ergebnis.