Die Binomialverteilung: von der Urne zum Histogramm

24 Minuten · 7 Abschnitte

Wie wahrscheinlich ist ein Zufallstreffer?

Ein Test hat 10 Fragen mit je vier Antworten, genau eine ist richtig. Wer nur rÀt, hat bei jeder Frage die Trefferwahrscheinlichkeit p = 0,25. Wie wahrscheinlich sind dann genau drei Richtige, und wie viele Richtige erwartet man im Mittel? Die Antwort steckt in einer Verteilung mit nur zwei Zahlen: der Zahl der Versuche n und p. Wir zÀhlen zuerst, rechnen dann und lesen am Ende das Histogramm: Wann ist ein Ergebnis kein Zufall mehr?

Urnenmodelle

Mit ZurĂŒcklegen

Eine Urne enthĂ€lt vier Kugeln mit den Nummern 1 bis 4, wir ziehen zweimal. Legt man die erste Kugel zurĂŒck, ist die Urne vor dem zweiten Zug wieder wie vorher: vier Möglichkeiten im ersten Zug, vier im zweiten, zusammen geordnete Ergebnisse: Jedes der vier Ergebnisse des ersten Zugs verzweigt sich wieder in vier. Bei ZĂŒgen sind es , aus Kugeln allgemein : Die Möglichkeiten werden multipliziert, nicht addiert.

Jeder Punkt im Gitter ist ein Ergebnis mit erster Kugel und zweiter Kugel . Die vier orangefarbenen Punkte auf der Diagonalen sind „dieselbe Kugel nochmals“, die zwölf blauen Punkte zeigen zwei verschiedene Kugeln.

Der Regler schaltet das ZurĂŒcklegen aus. Welche Punkte verschwinden, und wie viele Ergebnisse bleiben?

Ohne ZurĂŒcklegen

Bleibt die gezogene Kugel draußen, wird die Urne kleiner: vier Möglichkeiten im ersten Zug, nur noch drei im zweiten, zusammen Ergebnisse. Es fehlen genau die orangefarbenen Punkte, denn dieselbe Kugel kann nicht zweimal kommen.

Der Baum zeigt es fĂŒr drei Kugeln und drei ZĂŒge: erst drei Äste, dann zwei, dann einer, zusammen Pfade; ein Produkt aller Zahlen bis 1 schreibt man , gesprochen „3 FakultĂ€t“. Bei ZĂŒgen aus Kugeln gibt es geordnete Ergebnisse.

Baumdiagramm: drei ZĂŒge ohne ZurĂŒcklegen aus drei Kugeln1. Zug 2. Zug 3. Zug A B C C B B A C C A C A B B A
Drei ZĂŒge ohne ZurĂŒcklegen aus den Kugeln A, B, C: die Astzahl sinkt von 3 auf 2 auf 1.

Ob man mit oder ohne ZurĂŒcklegen zĂ€hlt, entscheidet eine Frage: Darf sich das Gezogene wiederholen? Zweimal wĂŒrfeln darf dieselbe Augenzahl liefern (). Zwei Namen aus einem Lostopf mit 8 Namen mĂŒssen verschieden sein ().

Der Binomialkoeffizient

Reihenfolge egal

Ein Trainer wĂ€hlt zwei von vier Spielern aus; wen er zuerst nennt, ist egal. Wir ziehen also zwei von vier Kugeln ohne ZurĂŒcklegen, aber die Reihenfolge zĂ€hlt nicht. Von den 12 geordneten Paaren gehören je zwei zur selben Auswahl: und . Es bleiben ungeordnete Auswahlen.

Allgemein lassen sich Kugeln auf Arten anordnen. Jede Auswahl steckt daher -mal in den geordneten Ergebnissen, und man teilt durch .

Schalte „Reihenfolge zĂ€hlt“ aus. Welche Paare verschwinden, und welche bleiben als Auswahl ĂŒbrig?

Der Binomialkoeffizient

Die Zahl der ungeordneten Auswahlen von aus heißt Binomialkoeffizient, gelesen „ ĂŒber “. In Aufgabentexten steht dafĂŒr auch C(n, k):

Wer Kugeln auswĂ€hlt, lĂ€sst liegen, darum gilt : In den SĂ€ulen sind die SĂ€ule k und ihr Partner 5 − k gleich hoch. Zwei RandfĂ€lle: , denn nichts oder alles auszuwĂ€hlen geht nur auf eine Art. Im ZĂ€hler stehen genau Faktoren, bei also und nicht alle Zahlen bis 1. Sind alle Auswahlen gleich wahrscheinlich, teilt man die Zahl der gĂŒnstigen durch : Dass von vier Kugeln genau die Kugeln 1 und 2 gezogen werden, hat die Wahrscheinlichkeit .

WÀhle k. Welche zweite SÀule ist immer genauso hoch wie die gewÀhlte?

Bernoulli-Ketten

Zwei AusgÀnge, gleiches p

Ein Ratetest hat 10 Fragen mit je vier Antworten, genau eine ist richtig. Wer zufĂ€llig ankreuzt, hat pro Frage die Chance , nicht : „richtig“ und „falsch“ sind nicht gleich wahrscheinlich. Jede Frage ist ein Versuch mit nur zwei AusgĂ€ngen, Treffer (richtig) und Niete (falsch).

Wiederholt man einen solchen Versuch -mal, unabhĂ€ngig und immer mit demselben , entsteht eine Bernoulli-Kette der LĂ€nge ; hier ist und . Auch mehr als zwei AusgĂ€nge passen, wenn man sie zusammenfasst: Bei einem GlĂŒcksrad mit fĂŒnf gleich großen Feldern und einem Gewinnfeld ist „Gewinn“ der Treffer, , die vier ĂŒbrigen Felder sind zusammen die Niete.

Nur mit ZurĂŒcklegen bleibt gleich und sind die ZĂŒge unabhĂ€ngig. Ohne ZurĂŒcklegen hĂ€ngt die Chance im nĂ€chsten Zug davon ab, was schon gezogen wurde; dann ist es keine Bernoulli-Kette.

Eine Urne mit 5 Kugeln, 2 davon rot (Treffer), gezogen mit oder ohne ZurĂŒcklegen. Wechsle, ob der erste Zug ein Treffer war: Welches p Ă€ndert sich?

Pfade und ihre Wahrscheinlichkeit

Im Baum trÀgt jeder Ast eine Wahrscheinlichkeit: T (Treffer) hat , N (Niete) hat . Ein Pfad ist eine Trefferfolge, hier zum Beispiel T, N, N. Seine Wahrscheinlichkeit ist das Produkt der Astwahrscheinlichkeiten (Pfadregel):

Die Niete geht mit ein, nicht mit : Wer nur die Treffer multipliziert, vergisst die Nieten. Die Reihenfolge Àndert nichts: T, N, N und N, T, N und N, N, T haben dieselben Faktoren, also denselben Wert.

Baumdiagramm einer Bernoulli-Kette mit n = 3 und p = 0,251. Frage 2. Frage 3. Frage 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 T T T N N T N N T T N N T N TTT 0,015625 TTN 0,046875 TNT 0,046875 TNN 0,140625 NTT 0,046875 NTN 0,140625 NNT 0,140625 NNN 0,421875
Bernoulli-Kette mit n = 3 und p = 0,25. Der Pfad T, N, N ist hervorgehoben; rechts stehen alle acht Pfadwahrscheinlichkeiten.

Die Binomialverteilung

Pfade zÀhlen

Wie wahrscheinlich ist genau ein Treffer bei drei Fragen mit ? Drei Pfade haben einen Treffer und zwei Nieten: T, N, N und N, T, N und N, N, T. Jeder hat die Wahrscheinlichkeit , zusammen also .

Die Drei zĂ€hlt die Pfade: Man wĂ€hlt aus den Stellen die der Treffer aus, ungeordnet und ohne ZurĂŒcklegen, das sind Möglichkeiten (hier , ). Die ZufallsgrĂ¶ĂŸe zĂ€hlt die Treffer. Sie heißt binomialverteilt mit den Parametern und , kurz , und es gilt:

Das ist die Zahl der Pfade, mal die Wahrscheinlichkeit der k Treffer, mal die der n − k Nieten. FĂŒr das Beispiel: . Ohne die Pfadzahl kĂ€me nur heraus, ein falscher Wert.

Drei Pfade mit genau einem Treffer1. Frage 2. Frage 3. Frage 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 0,25 0,75 T T T N N T N N T T N N T N TTT 0,015625 TTN 0,046875 TNT 0,046875 TNN 0,140625 NTT 0,046875 NTN 0,140625 NNT 0,140625 NNN 0,421875
Drei Pfade mit genau einem Treffer (hervorgehoben), jeder mit der Wahrscheinlichkeit 0,1406.

Die Verteilung lesen

Im Ratetest ist . FĂŒr genau vier richtige Antworten gilt .

Rechnet man fĂŒr alle aus, entsteht das Histogramm der Verteilung: Die SĂ€ule bei hat die Breite 1 und die Höhe . Weil einen der Werte 0 bis 10 annimmt, ergeben alle SĂ€ulenhöhen zusammen 1. Das ist eine Kontrolle fĂŒr jede Rechnung: Eine Tabelle, die sich nicht zu 1 summiert, enthĂ€lt einen Fehler.

WÀhle k und lies die Höhe der SÀule ab. Wo liegt der Gipfel, und wie klein werden die SÀulen ab k = 7?

Kumulierte Wahrscheinlichkeiten

Höchstens und mindestens

Wie wahrscheinlich sind im Ratetest höchstens drei richtige Antworten? Man addiert die SĂ€ulen 0 bis 3: . Solche Summen heißen kumulierte Wahrscheinlichkeiten. Die Grenze gehört dazu, das sagt das Zeichen .

„Mindestens vier“ ist das Gegenereignis zu „höchstens drei“, also . Achtung an der Grenze: Das Gegenereignis beginnt bei 4, nicht bei 3. Auch „weniger als vier“ heißt nichts anderes als „höchstens drei“: Bei ganzen Zahlen entscheidet das Zeichen oder ĂŒber eine ganze SĂ€ule.

Schiebe k. Die SĂ€ulen bis k ergeben P(X ≀ k). Wie groß ist der Rest?

Zwischen zwei Werten

FĂŒr nimmt man den Bereich bis 5 und zieht alles unterhalb von 2 ab, also den Bereich bis 1: . Beide Randwerte 2 und 5 gehören zum Bereich.

Dieselbe Summe schreibt das Summenzeichen kurz auf: Der Laufindex lĂ€uft von der unteren Grenze bis zur oberen Grenze ; die Summe hat Summanden. Tabellen und Software liefern fertig, wir mĂŒssen nur die Grenzen richtig ĂŒbersetzen.

Ziehe a und b. Wie viele Summanden hat die Summe, und wie hÀngt der Wert mit den beiden anderen Chips zusammen?

Erwartungswert und Streuung

Der Erwartungswert n · p

Wer im Ratetest zufÀllig ankreuzt, trifft im Mittel ein Viertel der 10 Fragen:

Der Erwartungswert ist kein möglicher Ausgang, niemand hat 2,5 Fragen richtig. Er ist der Mittelwert auf lange Sicht: Schreiben sehr viele Personen den Test, liegt der Durchschnitt ihrer Trefferzahlen nahe bei 2,5. Im Histogramm ist er der Schwerpunkt. FĂŒr eine einzelne Serie sagt er nichts voraus: Bei 20 MĂŒnzwĂŒrfen erwartet man 10 Köpfe, genau 10 treten aber nur mit etwa 18 % ein. Warum ? Jeder der Versuche trĂ€gt im Mittel Treffer bei.

Verschiebe p. Wo steht die rote Marke Ό, und wie liegt sie zum Gipfel des Histogramms?

Die Streuung σ

Wie weit weicht die Trefferzahl typischerweise von ab? Das misst die Standardabweichung. Sie ist die Wurzel der Varianz, der mittleren quadratischen Abweichung von . FĂŒr gilt

Im Ratetest ist und . Die orangefarbenen Marken zeigen , also 1,13 bis 3,87. Meist liegt im Bereich ; Ergebnisse weit außerhalb sind selten. Am grĂ¶ĂŸten ist bei , denn dort ist am grĂ¶ĂŸten; bei sehr kleinem oder großem gehen fast alle Versuche gleich aus.

Erhöhe n bei festem p = 0,25. Wie Ă€ndern sich ÎŒ und σ, und welcher wĂ€chst schneller?

Parameter und Histogramm

Die Wirkung von p

Wir halten fest und Ă€ndern . Der Gipfel des Histogramms folgt dem Erwartungswert : FĂŒr liegt er links und der lange AuslĂ€ufer rechts, fĂŒr in der Mitte, und das Histogramm ist symmetrisch, fĂŒr liegt er rechts. Bei steht er bei , bei bei .

Schalte das Spiegelbild ein: Die orangefarbenen SÀulen gehören zu . Treffer und Niete tauschen die Rollen, deshalb ist bei gleich bei : Das Histogramm wird an gespiegelt.

Verschiebe p und schalte das Spiegelbild ein. Bei welchem p fallen beide Histogramme zusammen?

Die Wirkung von n

Nun bleibt , und wÀchst. Der Gipfel bei wandert nach rechts, das Histogramm wird breiter und die höchste SÀule niedriger: wÀchst mit , aber nur wie : Vervierfacht man von 25 auf 100, verdoppelt sich von 2,5 auf 5.

„Mehr Versuche, also schmaler“ stimmt nur fĂŒr den Anteil : Er streut mit immer weniger. In Trefferzahlen gilt das Gegenteil. Zwei Verteilungen mit verschiedenem ĂŒberlappen sich bei gleichem nur teilweise; genau diesen Überlapp braucht spĂ€ter der Signifikanztest.

Erhöhe n. Wohin wandert die Marke ÎŒ, und wie verĂ€ndert sich die höchste SĂ€ule?
Weiter: Der einseitige Signifikanztest

Konzepte

BinomialverteilungBernoulli-KetteBinomialkoeffizientUrnenmodellErwartungswertKumulative Verteilungsfunktion