Funktionenscharen und Stammfunktionen

28 Minuten ¡ 7 Abschnitte

Wie untersucht man viele Funktionen auf einmal?

Ein Regler am Mischpult verändert den Klang, ohne dass man das Gerät umbaut. Ein Term mit einem Parameter a arbeitet ebenso: Er beschreibt nicht einen Graphen, sondern unendlich viele, eine Schar. Wir untersuchen die ganze Schar auf einmal: Wo liegen ihre Nullstellen, wo ihre Hoch- und Tiefpunkte? Danach drehen wir die Frage um. Kennen wir von einer Funktion nur die Steigung an jeder Stelle, können wir sie dann zurückgewinnen? Die gesuchte Funktion heißt Stammfunktion.

Scharen und Parameter

Ein Parameter, viele Graphen

Die Funktion kennst du. Wir bauen einen weiteren Buchstaben ein:

Das a heißt Parameter. Für ist , für ist : Jeder Wert von a gibt eine eigene Funktion, alle zusammen bilden die Funktionenschar .

Die Variable bleibt x. Der Parameter ist für einen Graphen eine feste Zahl; erst beim Wechsel zum nächsten Graphen darf sie sich ändern. Beim Punkt P mit gilt : Für liegt P bei −2, für bei 1.

Eine Schar ist also keine Funktion mit zwei Variablen, die man auf einmal zeichnet, sondern eine Familie von Funktionen: Man legt zuerst a fest und zeichnet dann. Erst dadurch bekommt jede Kurve eine eigene Gleichung, mit der man rechnen kann.

Ziehe am Regler fßr a. Was ändert sich am Graphen, was bleibt gleich, solange du a nicht anfasst?

Wo der Parameter steht

Die Stelle von a im Term entscheidet ßber die Wirkung. Als Summand in verschiebt a die Parabel um a nach oben. Als Faktor in streckt a sie; der Scheitel bleibt bei , bei wird sie zusätzlich gespiegelt. In der Klammer von verschiebt a den Scheitel nach , also nach rechts, obwohl ein Minus dasteht.

Ein Punkt des Graphen legt a fest: Liegt auf , gilt , also .

Zum Erkennen hilft eine Testfrage: Wandert der Scheitel? Dann steht a als Summand oder in der Klammer. Wird nur die Öffnung enger oder weiter? Dann steht a als Faktor. Vorsicht bei der Klammer: verschiebt nach rechts; erst bei geht es nach links.

Alle drei Parabeln nutzen dasselbe a. Welche wandert nach oben, welche wird steiler, welche wandert zur Seite?

Nullstellen und feste Punkte

Nullstellen mit Parameter

Nullstellen berechnest du wie immer: setzen und nach x lĂśsen. Bei der Schar klammerst du x aus:

Das Ergebnis enthält a: . Teile nicht durch x, sonst geht die Nullstelle 0 verloren.

FĂźr gibt es drei Nullstellen: , 0 und . FĂźr fallen sie in 0 zusammen, fĂźr hat keine reelle LĂśsung. Darum braucht man eine Fallunterscheidung nach dem Vorzeichen von a.

Probiere es für : gibt , die Nullstellen sind −3, 0 und 3. Für wäre unlösbar, es bliebe nur . Das Ergebnis ist also ein Term, der mit a wächst: Je größer a, desto weiter liegen die äußeren Nullstellen auseinander.

Bewege a durch 0. Wann sind die äußeren Nullstellen da, und was passiert mit ihnen, wenn a kleiner wird?

Ein Punkt fĂźr alle Graphen

Manche Punkte liegen auf allen Graphen der Schar. Man findet sie an einer Stelle, an der a aus dem Funktionswert herausfällt. Bei ist für jedes a: Alle Graphen gehen durch (0 | 0). Bei dagegen ist ; der Wert hängt von a ab, also ist (1 | −2) nur ein Punkt des Graphen zu .

Zum Suchen setzt du eine Stelle x ein und prĂźfst, ob a im Ergebnis noch vorkommt.

Ein solcher Punkt bleibt auf seinem Platz, während sich der Rest der Kurve mit a verformt. Deshalb ist er ein guter Halt, wenn man eine Schar skizzieren will.

Ziehe x₀ nach links und rechts. Bei welchem x sind alle vier Werte gleich?

Ableiten mit Parameter

Der Parameter bleibt Konstante

Abgeleitet wird immer nach der Variablen x. Den Parameter a behandelst du dabei wie eine feste Zahl. In ist nur ein Zahlenfaktor vor x, wie die 6 in :

Falsch wäre ; das wßrde a wie eine zweite Variable ableiten.

Die Stelle von a entscheidet: Als Faktor bleibt a stehen, . Als Summand ohne x ist a eine Konstante und fällt weg, ; ebenso , nicht .

Zur Kontrolle setze eine Zahl ein: Fßr ist mit der Ableitung , und das ist genau fßr a = 2. Der Parameter verhält sich beim Ableiten wie die 6 in .

Verändere a und x₀. Stimmt die gemessene Steigung immer mit 3x₀² − 3a überein?

Die Steigung an einer Stelle

Setzt du in eine Stelle ein, erhältst du die Steigung von dort, als Term in a:

Für ist die Steigung 3, für ist sie −3. Eine Bedingung an die Steigung legt a fest: Soll die Tangente bei waagerecht sein, muss gelten, also .

Wichtig ist die Reihenfolge: erst ableiten, dann die Stelle einsetzen. Aus liest du außerdem ab: Wächst a um 1, sinkt die Steigung bei x = 1 um 3.

Bei welchem a liegt die Tangente in P waagerecht?

Extrempunkte der Schar

Extremstellen in Abhängigkeit von a

Eine Extremstelle braucht die Steigung 0, also . Aus folgt und damit

Die Art liefert : bei positiv (Tiefpunkt), bei negativ (Hochpunkt).

Den y-Wert setzt du in f_a ein, nicht in die Ableitung: . Also H(−√a | 2a√a) und T(√a | −2a√a). Für sind das H(−2 | 16) und T(2 | −16).

Kontrolliere mit einem Wert: Für liegen die Extremstellen bei ±1, für bei ±2, für bei ±3. Die Extrempunkte rücken also mit wachsendem a nach außen und von der x-Achse weg.

Vergrößere a. Wie wandern Hoch- und Tiefpunkt, und welche Koordinate wächst schneller?

Wenn es keine Extrempunkte gibt

Die Gleichung hat nur fĂźr zwei LĂśsungen. FĂźr ist Ăźberall positiv: Der Graph steigt ohne waagerechte Tangente, es gibt keinen Extrempunkt.

FĂźr ist , doch die Steigung wechselt nicht ihr Vorzeichen: Auch dort liegt kein Extrempunkt. Die Antwort lautet daher: Extrempunkte gibt es nur fĂźr .

Eine Fallunterscheidung ist deshalb kein Zusatz, sondern Teil der Antwort: Sie sagt, fĂźr welche a die Frage Ăźberhaupt eine LĂśsung hat. Schreibe daher immer dazu, ob a positiv, null oder negativ ist.

Beide Graphen steigen Ăźberall. Woran sieht man an der Ableitung, dass sie keinen Hoch- oder Tiefpunkt haben?

Vom Graphen von f zu F

HĂśhe wird Steigung

Bisher ging es von f zur Ableitung . Jetzt fragen wir umgekehrt: Zu einer gegebenen Funktion f suchen wir eine Funktion F mit . Sie heißt Stammfunktion. Der Schlüssel: Die Höhe des Graphen von f ist die Steigung von F.

Liegt f über der x-Achse, steigt F; liegt f darunter, fällt F. Beispiel mit : Bei ist , also fällt F dort mit der Steigung −0,75. Die Höhe von F selbst liest du an f nicht ab.

Am Graphen von f liest du F also Stück für Stück ab: Wo f groß und positiv ist, steigt F steil; wo f nahe 0 liegt, verläuft F fast waagerecht.

Fahre mit x₀ über die Achse. Was macht F, wenn P über der x-Achse liegt, und was, wenn P darunter liegt?

Nullstellen von f

Wo f eine Nullstelle hat, ist : F hat eine waagerechte Tangente. Wechselt f dort sein Vorzeichen, hat F einen Extrempunkt: von + nach − einen Hochpunkt, von − nach + einen Tiefpunkt.

Berührt f die x-Achse nur, ohne das Vorzeichen zu wechseln, steigt F auf beiden Seiten weiter: waagerechte Tangente, aber kein Extrempunkt. Bei wechselt f bei 0 von − nach +, F hat dort einen Tiefpunkt T. Bei 2 berührt f nur: F hat in S eine waagerechte Tangente und steigt weiter.

Die Begründung ist immer dieselbe: Sieh auf das Vorzeichen von f links und rechts der Nullstelle. Beim Wechsel von + nach − schlägt das Steigen von F in Fallen um.

Vergleiche f bei 0 und bei 2. Warum ist T ein Tiefpunkt und S keiner?

Viele Stammfunktionen

Verschiebst du F nach oben oder unten, ändern sich die Steigungen nicht. Mit F ist auch eine Stammfunktion von f. Zu f gehÜrt also eine ganze Schar : Die Form liegt fest, die HÜhe nicht. Dass F immer mit C geschrieben wird, ist deshalb keine Formalität.

Man erzeugt die Stammfunktionen durch Verschieben, nicht durch Strecken: Zwei Graphen, die sich um einen Faktor unterscheiden, haben verschiedene Steigungen und gehören zu verschiedenen Funktionen f. Bei liegt jeder Punkt von F um 2 höher, doch die Tangente bei x = 0,5 hat weiter die Steigung −0,75.

Ziehe an C. Welche Größe der Tangente bei 0,5 ändert sich, welche nicht?

Stammfunktionen ganzrationaler Funktionen

Die Potenzregel rßckwärts

Beim Ableiten wird aus der Term . Aufleiten kehrt beide Schritte um: Der Exponent wird um 1 erhĂśht, und dann wird durch den neuen Exponenten geteilt:

Aus wird , denn . Geteilt wird durch 3, nicht durch die alte Hochzahl 2. Auch gehĂśrt dazu: .

Zum PrĂźfen bedienst du den Regler: Bei jedem n ist die Steigung von F an einer Stelle genau der Wert von f dort. Der Nenner sorgt dafĂźr, dass beim Ableiten der Faktor wieder verschwindet.

Wähle n und x₀. Welcher Wert von f gehört zur Steigung von F an derselben Stelle?

Faktor, Summe und Probe

Ein Faktor bleibt stehen, eine Summe wird Glied fĂźr Glied aufgeleitet. FĂźr ergibt sich , und , denn die Konstante ist . Also

Die Probe ist das Ableiten von F: . Stimmt das, ist F eine Stammfunktion; jeder Fehler beim Teilen fällt sofort auf.

Die Probe entlarvt auch den Fehler „die Konstante bleibt Konstante“: Bei wäre ohne das +5, also nicht f.

Aufleiten Term für Term f(x) F(x) ← ableiten · aufleiten → 4x³ x⁴ x³ → x⁴, geteilt durch 4 −6x −3x² x¹ → x², geteilt durch 2 5 5x x⁰ → x¹, geteilt durch 1
Jeder Summand fĂźr sich: Exponent um 1 erhĂśhen, durch den neuen Exponenten teilen, der Faktor bleibt.

Die Konstante C festlegen

Ein Punkt legt C fest

Alle Stammfunktionen von haben die Form

Zwei von ihnen unterscheiden sich nur um eine Konstante. Verlangt man zusätzlich, dass der Graph durch P(2 | 3) geht, bleibt genau eine ßbrig. Man setzt P in F ein: , also .

In f darfst du P nicht einsetzen: ist eine Steigung, keine HĂśhe. Probe: .

Anschaulich sind alle Stammfunktionen dieselbe Kurve auf verschiedenen HĂśhen. Ein einziger Punkt reicht, um die HĂśhe festzulegen; ohne Punkt bleibt C offen.

Stelle C so ein, dass der Graph von F durch P geht. Was liest du am Chip F_C(2) ab?

Vom Tempo zur Strecke

Kennt man nur eine Änderungsrate, rekonstruiert man den Bestand. Ein Wagen fährt mit (Meter pro Sekunde). Eine Stammfunktion ist ; C ist der Anfangsbestand. Liegt der Wagen bei schon bei 4 m, gilt , also

Die Geschwindigkeit allein bestimmt die Strecke nicht; erst der Anfangswert legt C fest.

Das ist die Grundidee der Rekonstruktion: Aus Änderungen lässt sich der Bestand nur gewinnen, wenn man weiß, wo man angefangen hat. Beim Wasserbecken ist es der Füllstand zu Beginn, beim Auto der Kilometerstand.

Verschiebe t₀. Welcher Chip stimmt mit der Steigung von s überein?
Weiter: Die natĂźrliche Exponentialfunktion

Konzepte

AnalysisParameterStammfunktionen