Zufall und Laplace-Wahrscheinlichkeit

24 Minuten · 7 Abschnitte

Muss die Sechs jetzt endlich kommen?

Lena wartet beim Spielen seit sieben Runden auf eine Sechs. „Jetzt muss sie doch kommen!“, sagt sie. Muss sie? Und wie oft kommt eine Sechs auf lange Sicht ĂŒberhaupt? Beim WĂŒrfeln, MĂŒnzwerfen und Rad-Drehen scheint der Zufall alles offen zu lassen – und folgt doch Regeln.

Wir beschreiben Zufall mit Fachwörtern, prĂŒfen, wann alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich sind, und berechnen dann Schritt fĂŒr Schritt Wahrscheinlichkeiten – mit Bruch, ZĂ€hlprinzip und Baumdiagramm.

Zufallsexperiment und Ereignis

Ergebnis und Ergebnismenge

Nimm einen WĂŒrfel und wirf ihn. Sag vor jedem Wurf voraus, welche Zahl kommt, und prĂŒfe, wie oft du richtig liegst.

Wirf einmal. Konntest du vorher sagen, was kommt? Wirf dann zehnmal und hundertmal: Was lĂ€sst sich ĂŒber viele WĂŒrfe sagen, was ĂŒber einen einzigen nicht?

Einen einzelnen Wurf kann niemand vorhersagen, und doch lĂ€uft jeder Wurf unter denselben Bedingungen ab. Genau das macht den WĂŒrfel zu einem Zufallsexperiment.

Ein Zufallsexperiment lĂ€sst sich unter gleichen Bedingungen wiederholen, und sein Ausgang steht vorher nicht fest: WĂŒrfeln, eine Kugel ziehen, ein GlĂŒcksrad drehen. Ein deterministischer Vorgang hat einen festen Ausgang, etwa 12 cm Stoff um 5 cm kĂŒrzen. Nicht zu wissen, was herauskommt, macht einen Vorgang noch nicht zufĂ€llig: Die Hauptstadt von Australien zu raten ist kein Zufallsexperiment, die Antwort steht ja fest.

Jeder mögliche Ausgang heißt Ergebnis. Alle Ergebnisse zusammen bilden die Ergebnismenge , jedes Ergebnis kommt darin genau einmal vor. Beim Rad mit vier gleichen Feldern ist . Was ein Ergebnis ist, hĂ€ngt davon ab, was du notierst: die Farbe oder die Nummer des Feldes. Bei zwei MĂŒnzwĂŒrfen sind Kopf-dann-Zahl und Zahl-dann-Kopf zwei verschiedene Ergebnisse.

Dreh das Rad mehrmals. Jede Drehung liefert genau ein Ergebnis aus Ω.

Das Ereignis

Oft zĂ€hlt nicht ein einzelnes Ergebnis, sondern eine Gruppe von Ergebnissen. Ein Ereignis ist eine Teilmenge der Ergebnismenge. Beim WĂŒrfeln ist „gerade Zahl“ das Ereignis . Es tritt ein, sobald eines seiner Ergebnisse fĂ€llt – die 4 genĂŒgt.

Zwei WĂŒrfel haben 36 Ergebnisse, nĂ€mlich die Paare (1. WĂŒrfel | 2. WĂŒrfel). Das Ereignis „Augensumme s“ besteht aus allen Paaren mit dieser Summe. Stelle s ein: Die gefĂ€rbten Punkte sind die Ergebnisse des Ereignisses.

VerĂ€ndere die Augensumme s (waagerecht: W₁, senkrecht: W₂). Wie viele Ergebnisse gehören zum Ereignis, wie viele hat Ω insgesamt?

Das Gegenereignis

Manchmal ist es einfacher zu fragen, was nicht passieren soll. Das Gegenereignis („E quer“) eines Ereignisses E enthĂ€lt alle Ergebnisse von , die nicht in E liegen. Beide ĂŒberschneiden sich nie, und zusammen ergeben sie ganz . Beim WĂŒrfel ist und . Wer weiß, was E enthĂ€lt, kennt damit auch Ē – und umgekehrt.

Mit bezeichnen wir die Anzahl der Ergebnisse von E. Weil E und Ē zusammen genau Ω fĂŒllen, gilt (beim WĂŒrfel mit E = {5, 6}: 6 − 2 = 4)

Verschiebe die Grenze s (W₁ und W₂ sind die beiden WĂŒrfel): E ist „Augensumme mindestens s“. Wie Ă€ndern sich |E| und |Ē|, und was bleibt gleich?

Vorsicht bei Wörtern. Das Gegenereignis ist nicht das „Gegenteil-Wort“, sondern das, was bei E nicht eintritt – ohne die Grenze zu verlieren. Zu „mehr als 3“ gehört „höchstens 3“, nicht „weniger als 3“, sonst fiele die 3 heraus. Zu „mindestens einmal Kopf“ gehört „keinmal Kopf“, nicht „mindestens einmal Zahl“. Und oft ist Ē kĂŒrzer zu zĂ€hlen: Zu „Augensumme mindestens 4“ gehören 33 Paare, zum Gegenereignis „höchstens 3“ nur drei.

Relative HĂ€ufigkeit

Absolut und relativ

Wie oft fĂ€llt die Sechs? Wirf zehnmal, dann hundertmal, und beobachte die orange Linie. Sie zeigt nach jedem Wurf, welcher Anteil aller bisherigen WĂŒrfe eine Sechs war.

DrĂŒck ein paarmal auf „neu“ und wirf jedes Mal zehnmal: Wie verschieden sehen kurze Serien aus? Und wo liegt die orange Linie nach vielen hundert WĂŒrfen?

Die Linie zeigt einen Anteil: die Sechsen, geteilt durch alle WĂŒrfe. FĂŒr die Zahl der Sechsen und fĂŒr diesen Anteil gibt es zwei Fachwörter.

Ein Zufallsexperiment wird n-mal wiederholt, das Ereignis E tritt dabei H-mal ein. Dann ist H die absolute HĂ€ufigkeit von E, und der Anteil

ist die relative HĂ€ufigkeit. Sie liegt zwischen 0 und 1 und lĂ€sst sich als Prozentsatz schreiben. Julia trifft bei 12 FreiwĂŒrfen 7-mal, Ben bei 8 WĂŒrfen 5-mal. Julia hat mehr Treffer, doch ihre Serie ist lĂ€nger. Serien verschiedener LĂ€nge vergleicht man mit der relativen HĂ€ufigkeit: 7/12 ≈ 0,58 gegen 5/8 = 0,625 – Ben ist besser. Jeder Versuch liefert genau ein Ergebnis, deshalb ergeben die relativen HĂ€ufigkeiten aller Ergebnisse zusammen 1, und es gilt .

Vergleiche beide Streifen. VerÀndere die Trefferzahlen: Wann ist Julia besser?

Die Tabelle rechnet mit

Eigene Versuche mit WĂŒrfel oder Rad – oder simulierte – trĂ€gt man in eine Tabellenkalkulation ein. In Spalte B stehen die absoluten HĂ€ufigkeiten von 60 WĂŒrfelwĂŒrfen, in B8 die Summe n = 60. Die Formel in C2 lautet =B2/$B$8. Beim Kopieren nach unten wandert der relative Zellbezug B2 mit (B3, B4, 
), der absolute Zellbezug $B$8 bleibt stehen: Jede Zeile wird durch dieselbe Summe geteilt. Ohne Dollarzeichen wanderte auch der Nenner nach B9, B10, 
 – und dort ist nichts. Die Werte in Spalte C sind Anteile; sie ergeben zusammen 1.

Tabellenkalkulation: Spalte B enthĂ€lt die absoluten HĂ€ufigkeiten von 60 WĂŒrfelwĂŒrfen, B8 die Summe 60; in C2 steht die Formel =B2/$B$8fx=B2/$B$8ABC1AugenzahlHh2180,13332110,1834390,15054120,20065100,16776100,1678Summe60
Die Formel in C2 (markiert) wird bis C7 kopiert. B8 = 60 ist die Summe aller WĂŒrfe.

Gesetz der großen Zahlen

Serien beruhigen sich

Zwei Kinder werfen je eine MĂŒnze und notieren nach jeweils 25 WĂŒrfen die relative HĂ€ufigkeit von Kopf: Serie A und Serie B. Bei wenigen WĂŒrfen springen die Werte, bei vielen liegen sie dicht bei 0,5. Das ist das empirische Gesetz der großen Zahlen: Mit wachsender Zahl der Versuche pendelt sich die relative HĂ€ufigkeit eines Ereignisses um einen festen Wert ein. Kurze Serien sagen wenig – 8-mal Kopf in 10 WĂŒrfen zeigt keine unfaire MĂŒnze.

VergrĂ¶ĂŸere die Zahl der WĂŒrfe n. Wann liegen beide Serien dicht an der gestrichelten Linie 0,5?

Darum nimmt man die relative HĂ€ufigkeit einer langen Serie als SchĂ€tzwert fĂŒr die Wahrscheinlichkeit, wenn man sie nicht berechnen kann: Landet ein Reißnagel bei 1000 WĂŒrfen 575-mal mit der Spitze oben, schĂ€tzt man P ≈ 0,58. Zwei mögliche Lagen heißen nicht, dass jede die Wahrscheinlichkeit œ hat. Bei n Versuchen erwartet man etwa n · P Treffer.

Kein Ausgleich

Nach 6-mal Kopf denken viele: „Jetzt ist Zahl fĂ€llig.“ Doch die MĂŒnze hat kein GedĂ€chtnis, jeder Wurf ist neu. Das Gesetz sagt nur, dass der Anteil sich beruhigt, nicht dass der Unterschied verschwindet. In der Serie unten wĂ€chst der Unterschied zwischen Kopf- und Zahl-Anzahl auf 36 (268-mal Kopf, 232-mal Zahl), obwohl h mit 0,536 nahe an 0,5 liegt: Die Zahl der WĂŒrfe wĂ€chst schneller als der Unterschied.

Liniendiagramm: 50 −2, 100 2, 150 8, 200 6, 250 22, 300 16, 350 16, 400 20, 450 28, 500 36; Hilfslinie bei 0 −10 0 10 20 30 40 50 100 150 200 250 300 350 400 450 500 Kopf minus Zahl (Anzahl) Anzahl der WĂŒrfe n gleich oft
Eine MĂŒnzserie: Kopf minus Zahl nach je 50 WĂŒrfen. Der Unterschied schwankt und wird grĂ¶ĂŸer, er kehrt nicht zu 0 zurĂŒck.

Laplace-Experiment oder nicht?

Gleich wahrscheinlich?

Ein Zufallsexperiment ist ein Laplace-Experiment, wenn es endlich viele Ergebnisse hat und alle gleich wahrscheinlich sind. Das folgt aus Symmetrie: fairer WĂŒrfel, faire MĂŒnze, gleiche Kugeln in einer Urne, gleich große Felder auf dem Rad. Vier Ergebnisse allein genĂŒgen nicht. Dieses Rad hat vier Farben – dreh es oft und vergleiche die ZĂ€hler.

Dreh das Rad mindestens 30-mal. Kommen alle vier Farben etwa gleich oft?

Gleichwahrscheinlichkeit wird geprĂŒft, nicht angenommen. Bei einem Reißnagel, einem Fußballspiel (Sieg, Unentschieden, Niederlage) oder dem Wetter passt das Modell nicht: Drei AusgĂ€nge heißen nicht ⅓ je Ausgang. Dort schĂ€tzt man die Wahrscheinlichkeiten mit den relativen HĂ€ufigkeiten langer Versuchsreihen.

Die richtige Ergebnismenge

Dasselbe Experiment lĂ€sst sich mit verschiedenen Ergebnismengen beschreiben, und nicht jede ist ein Laplace-Modell. Drei faire MĂŒnzen haben acht gleich wahrscheinliche Ergebnisse (KKK, KKZ, 
, ZZZ). Notiert man nur die Anzahl Kopf, ergibt sich – vier Ergebnisse, aber nicht gleich wahrscheinlich: Genau einmal Kopf entsteht auf drei Wegen, keinmal Kopf nur auf einem.

Stelle k ein. Wie viele der acht gleich wahrscheinlichen Ergebnisse gehören zu k-mal Kopf?

Ebenso bei zwei WĂŒrfeln: Die Augensummen 2 bis 12 sind nicht gleich wahrscheinlich, die 36 Paare (1. WĂŒrfel | 2. WĂŒrfel) aber schon. WĂ€hle die feinste Beschreibung, bei der alle Ergebnisse symmetrisch sind. Erst wenn beides stimmt (endlich viele Ergebnisse, alle gleich wahrscheinlich), darf man Wahrscheinlichkeiten ausrechnen; wie, zeigt der nĂ€chste Abschnitt.

GĂŒnstige durch mögliche

GĂŒnstige durch mögliche

Bei einem Laplace-Experiment hat jedes der Ergebnisse dieselbe Wahrscheinlichkeit. Ein Ereignis E umfasst davon, die gĂŒnstigen Ergebnisse. Die Laplace-Wahrscheinlichkeit ist der Anteil an allen möglichen Ergebnissen:

Bei einem fairen WĂŒrfel hat jedes Ergebnis dieselbe Wahrscheinlichkeit 1/6, und fĂŒr E = {2, 4, 6} sind 3 von 6 Ergebnissen gĂŒnstig: . KĂŒrzen Ă€ndert den Wert nicht. Ein Rad hat 12 gleich große Felder, 5 davon sind rot: . Achtung: „5 rote, 7 andere“ ist ein VerhĂ€ltnis von gĂŒnstig zu ungĂŒnstig. Die Wahrscheinlichkeit teilt durch alle Ergebnisse, hier also nicht durch 7.

VerĂ€ndere ZĂ€hler und Nenner. Der Streifen zeigt, welcher Anteil des Ganzen gĂŒnstig ist.

Skala und Gegenwahrscheinlichkeit

Jede Wahrscheinlichkeit liegt zwischen 0 und 1: 0 heißt unmöglich, 1 heißt sicher. Man schreibt sie als Bruch, Dezimalzahl oder Prozentsatz, zum Beispiel . Werte ĂŒber 1 gibt es nicht.

Zahlenstrahl von 0 bis 1: Sieben bei 0, Sechs bei 1/6, gerade bei 1/2, 1 bis 6 bei 10121Siebengerade1 bis 6Sechs
Beim WĂŒrfel: Augenzahl 7 (0), Sechs (1/6), gerade Zahl (1/2), Augenzahl von 1 bis 6 (1).

Weil E und sein Gegenereignis zusammen ganz Ω bilden, ergeben ihre Wahrscheinlichkeiten 1: FĂŒr die Sechs ist , also .

ZĂ€hlprinzip und Baumdiagramm

Das ZĂ€hlprinzip

Bei mehrstufigen Experimenten liegt Ω nicht fertig vor, man zÀhlt es. Hat die erste Stufe m und die zweite n Möglichkeiten, gibt es m · n Ergebnisse: 3 Oberteile und 2 Hosen ergeben 6 Kombinationen. Man multipliziert, man addiert nicht (3 + 2 = 5 wÀre falsch). Bei drei Stufen kommt ein dritter Faktor dazu.

VerÀndere m (waagerecht) und n (senkrecht). Wie viele Punkte, also Kombinationen, entstehen jeweils?

Ohne ZurĂŒcklegen schrumpft die Zahl der Möglichkeiten: Zieht man aus 4 Kugeln nacheinander zwei, hat die erste Stufe 4, die zweite nur noch 3 Möglichkeiten – das sind 4 · 3 = 12 Ergebnisse, nicht 4 · 4.

Das Baumdiagramm

Ein Baumdiagramm zeichnet jede Stufe als Ebene von Ästen. Jeder Pfad von der Wurzel bis zu einem Ende ist ein Ergebnis. In der Urne liegen drei Kugeln R, B und G; zwei werden ohne ZurĂŒcklegen gezogen. Es gibt 3 · 2 = 6 Pfade, und weil jede Kugel gleich wahrscheinlich gezogen wird, sind alle sechs Pfade gleich wahrscheinlich. Ein Ereignis liest man ab, indem man seine Pfade zĂ€hlt: „R zuerst“ (rot markiert) hat 2 von 6 Pfaden, also .

Baumdiagramm, 2 Stufen, 6 Pfade: R → [B, G], B → [R, G], G → [R, B]1. Zug 2. Zug Start R B G B R G G R B
Zwei ZĂŒge ohne ZurĂŒcklegen aus R, B, G: sechs Pfade; die beiden Pfade mit R im ersten Zug sind markiert.

Mindestens einmal

„Mindestens eine Sechs bei zwei WĂŒrfen“ umfasst viele FĂ€lle. ZĂ€hlt man stattdessen das Gegenereignis keine Sechs, ist es eine einzige Rechnung: 5 · 5 = 25 der 36 Paare. Also ist Bei „mindestens einmal“ lohnt sich fast immer der Weg ĂŒber das Gegenereignis „keinmal“.

Gelb: mindestens eine Sechs, blau: keine Sechs (W₁ und W₂ sind die beiden WĂŒrfel). ZĂ€hle beide Farben und prĂŒfe, dass sie zusammen 36 ergeben.

Konzepte

WahrscheinlichkeitRelative HĂ€ufigkeitenZĂ€hlprinzipBaumdiagramme