Die natürliche Logarithmusfunktion

27 Minuten · 7 Abschnitte

Welche Zahl steckt im Exponenten?

Ein Bestand wächst nach . Wann sind 500 erreicht? Einsetzen hilft hier nicht, und die ln-Taste des Taschenrechners liefert die Antwort, ohne zu sagen, was sie tut. Gesucht ist also der Exponent, der aus e die Zahl 5 macht. Er hat einen Namen: der natürliche Logarithmus, die Umkehrung von eˣ. Wir lernen seinen Graphen kennen, leiten ihn ab, rechnen mit seinen Regeln und sehen, warum er langsamer wächst als jede Potenz.

Der natürliche Logarithmus

Der fehlende Exponent

Die Gleichung fragt nach dem Exponenten, mit dem e zur Zahl 5 wird. Diesen Exponenten nennt man den natürlichen Logarithmus von 5 und schreibt ln 5. Allgemein gilt für positive Zahlen z:

Es ist , denn . Im Graphen liest man ln z als die x-Stelle ab, an der eˣ die Höhe z erreicht. Vorsicht: ln ist kein Kehrwert. ln 5 ist nicht 1/5, auch wenn das Zeichen an ⁻¹ erinnert.

Aus der Einleitung: erreicht 500, wenn eᵗ = 5 ist, also nach t = ln 5 ≈ 1,61 Zeiteinheiten. Für z < 1 ist der Exponent negativ: ln 0,5 ≈ −0,69, weil e^(−0,69) ≈ 0,5 ist.

Verschiebe z. An welcher x-Stelle erreicht der Graph die Höhe z, und was steht dort für z < 1?

Sonderwerte und Aufheben

Aus folgt , aus folgt , und allgemein ist . So ist ln(e³) = 3 und . ln und e-Potenz heben einander auf:

Deshalb löst man durch Potenzieren: . Aus ln x = 2 folgt , aus ln x = −1 folgt . Zu jeder Zahl c gibt es genau ein x, auch für negatives c. Nur ln(−3) oder ln 0 gibt es nicht, denn eˣ ist nie null und nie negativ.

Verschiebe t. Was passiert mit t, wenn du erst eᵗ bildest und dann ln nimmst?

Der Graph von ln

Spiegelung an y = x

Was eˣ tut, macht ln rückgängig. Liegt der Punkt auf dem Graphen von eˣ, so gilt , also : Der Punkt liegt auf dem Graphen von ln. Vertauschte Koordinaten bedeuten eine Spiegelung an der Geraden y = x. Der Graph von ln entsteht also aus dem von eˣ durch Spiegelung an y = x, nicht an einer Achse: (0 | 1) wird zu (1 | 0) und (1 | e) zu (e | 1). Beide Achsen müssen gleich skaliert sein, sonst wirkt das Spiegelbild verzerrt. Zur Probe: Aus (2 | 7,39) auf eˣ wird (7,39 | 2), und tatsächlich ist ln 7,39 ≈ 2.

Verschiebe P auf dem Graphen von eˣ. Wo liegt P′, wenn P links der y-Achse dicht an der x-Achse ist?

Definitionsmenge, Nullstelle und Verlauf

Der Graph von eˣ liegt ganz über der x-Achse und kommt ihr links beliebig nahe. Gespiegelt heißt das: ln ist nur für x > 0 definiert, , und die y-Achse ist senkrechte Asymptote. Weil eˣ jeden positiven Wert annimmt, ist . Die Nullstelle liegt bei x = 1, denn ln 1 = 0. Für 0 < x < 1 ist ln x negativ, für x > 1 positiv. Die Funktion steigt streng monoton, aber immer flacher: ln 10 ≈ 2,30, ln 100 ≈ 4,61, ln 1000 ≈ 6,91. Flach heißt nicht beschränkt, denn ln(e¹⁰⁰) = 100. Für ln x = 10 muss man bis x ≈ 22 026 gehen.

Ziehe x nach rechts und nach links. Wo ist ln x negativ, und wie schnell wächst es rechts?

Die Ableitung von ln

Steigungen im Spiegelbild

Beim Spiegeln an y = x vertauschen Δx und Δy ihre Rollen. Aus der Steigung wird deshalb die Steigung 1/m. Im Punkt hat eˣ die Steigung eᵗ. Im Spiegelpunkt hat ln also die Steigung 1/eᵗ. Mit x = eᵗ heißt das: Die Steigung von ln an der Stelle x ist 1/x. Für t = 1: In (1 | e) hat eˣ die Steigung e ≈ 2,72, in (e | 1) hat ln die Steigung 1/e ≈ 0,37. Auch für negatives t klappt es: In (−1 | 1/e) hat eˣ die Steigung 1/e ≈ 0,37, und in (1/e | −1) hat ln die Steigung e ≈ 2,72.

Verschiebe P mit t. Wie hängen die beiden Steigungen zusammen, und was passiert bei negativem t?

Herleitung mit der Kettenregel

Rechnerisch geht es mit für x > 0. Beide Seiten werden abgeleitet: links mit der Kettenregel (äußere Ableitung e^(ln x), mal innere Ableitung (ln x)′), rechts ist x′ = 1.

Die Ableitung ist positiv, ln steigt also überall; sie wird mit wachsendem x kleiner, der Graph wird flacher. Die Tangente bei x₀ ist , bei x₀ = 1 also y = x − 1. Vorsicht: Erst ableiten, dann einsetzen. Es gilt (ln 5)′ = 0, denn ln 5 ist eine feste Zahl, aber (ln x)′ an der Stelle 5 ist 1/5.

Verschiebe x₀. Die Steigung der Tangente und 1/x₀ stimmen überein; wo ist der Graph steil, wo flach?

Logarithmenregeln

Produkte werden Summen

Von den Potenzen kennst du . Setzt man u = eᵃ und v = eᵇ, so ist ln u = a, ln v = b und u · v = e^(a+b), also ln(u · v) = a + b. Damit gilt:

Beispiel: . Aus u = 1 folgt , etwa ln(1/5) = −ln 5 ≈ −1,61. Das Produkt im Argument wird zur Summe, der Quotient zur Differenz. Beispiel: ln(8/2) = ln 8 − ln 2 ≈ 2,08 − 0,69 = 1,39, und das ist ln 4. Alle Regeln gelten nur für positive u und v.

Verändere u und v. Wie hängen die Höhen bei u, v und u · v zusammen?

Potenzen, und was nicht geht

Aus u = eᵗ folgt uʳ = e^(t · r), also für u > 0. So ist und für x > 0; auch ln 8 = ln(2³) = 3 · ln 2 ≈ 2,08. Für negative x ist x² positiv, ln x aber nicht definiert: gilt für alle x ≠ 0. Für Summen im Argument gibt es keine Regel, und ein Quotient oder eine Potenz von Logarithmen ist etwas anderes als der Logarithmus eines Quotienten oder einer Potenz: , , .

Verändere a und r. Vergleiche die Höhe bei aʳ mit dem r-fachen der Höhe bei a.

Ableiten mit ln

Verkettung: ln(g(x))

Aus wird mit der Kettenregel für einen Term g(x) im ln:

Die innere Ableitung steht im Zähler. Beispiel: für x > −1/3. Für g(x) = x − c ist g′(x) = 1, also : Der Graph ist der von ln, um c nach rechts verschoben, mit der senkrechten Asymptote x = c. Häufiger Fehler: nur 1/g(x) hinzuschreiben und die innere Ableitung zu vergessen. Auch eine negative innere Ableitung ist möglich: für x < 5. Ein weiteres Beispiel: ; der Nenner ist immer positiv, deshalb ist die Funktion für alle x definiert.

Ändere c und x₀. Die Steigung in P und 1/(x₀ − c) stimmen überein; wohin wandert die Asymptote?

Erst vereinfachen, dann ableiten

Mit den Logarithmenregeln geht es oft einfacher. Aus und der Konstanten ln 5 folgt , genau wie bei ln x: Die Graphen sind nur gegeneinander verschoben. Ebenso ist mit der Ableitung 3/x und mit der Ableitung 1/(2x). Vereinfachen ändert den Term, kann aber die Definitionsmenge ändern: ln(x²) = 2 · ln|x| gilt für alle x ≠ 0. Steht ln in einem Produkt, gilt die Produktregel:

Diese Ableitung ist null für ln x = −1, also bei x = 1/e; dort hat der Graph von x · ln x eine waagerechte Tangente.

Ändere k. Wie verhalten sich die beiden Tangenten bei x₀ = 2, und welchen Abstand haben die Graphen?

Funktionen mit ln untersuchen

Definitionsmenge und Nullstelle

Bei muss g(x) > 0 gelten. Für ln(x − 3) folgt x > 3, also ; bei x = 3 liegt die senkrechte Asymptote, denn der Graph von ln ist um 3 nach rechts geschoben, nicht nach links. Für ln(4 − 2x) muss 4 − 2x > 0 sein, also x < 2. Die Nullstelle folgt aus : ln(x − 3) = 0 ⇒ x − 3 = 1 ⇒ x = 4. Bei ist sie . Vorsicht bei Produkten: x · ln x = 0 gilt nur für x = 1, denn x = 0 liegt nicht in D.

Ändere c und d. Was bewegt die Asymptote, und wo liegt die Nullstelle?

Extremstellen

Wie bei jeder Funktion: f′(x) = 0 lösen, die Lösung auf D prüfen, die Art mit f″ bestimmen. Beispiel : liefert x = 1, und . Bei (1 | −1) liegt ein Hochpunkt. Weil −1 der größte Wert von f ist, gilt ln x ≤ x − 1 < x für alle x > 0: Der Graph von ln liegt überall unter der Geraden y = x. Lösungen außerhalb von D werden verworfen; bei x − 2 · ln x ergibt f′(x) = 1 − 2/x = 0 die Stelle x = 2.

Ändere x. Bei welchem x ist der Wert von ln x − x am größten?

ln gegen Potenzen

ln wächst, aber langsam

ln x wird für x → ∞ beliebig groß, aber sehr langsam: ln 1000 ≈ 6,91 und ln 10⁶ ≈ 13,8. Jede Potenz xⁿ mit n > 0 wächst schneller:

Begründung: Mit x = eᵗ (t → ∞) ist ln x / xⁿ = t / e^(nt), und e^(nt) wächst schneller als jede Potenz von t, wie im Kurs über die e-Funktion. Beispiel: Bei x = 10⁶ ist ln x ≈ 13,8, aber √x = 1000; der Quotient beträgt nur 0,014. Selbst x^(1/4) überholt ln x erst bei x ≈ 5500. Flach heißt nicht beschränkt: ln x strebt weiter gegen ∞, nur langsamer als jede Potenz.

Ändere x und p. Wo liegt die Potenz über ln x, und wie verändert sich der Quotient rechts?

Nahe bei null

Für x → 0⁺ geht , aber der Faktor xⁿ drückt gegen null, und er gewinnt:

Mit x = 1/u (u → ∞) wird daraus xⁿ · ln x = −(ln u)/uⁿ, und das strebt nach dem ersten Grenzwert gegen 0. Beispiel: Bei x = 0,001 ist x · ln x ≈ −0,0069. Der Graph von x · ln x kommt aus dem Ursprung, fällt bis zum Tiefpunkt bei x = 1/e mit dem Wert −1/e ≈ −0,37 und steigt dann; bei x = 0 ist f nicht definiert, aber der Graph endet dort im Punkt (0 | 0).

Graph von x · ln x für 0 < x ≤ 2 −0,5 0 0,5 1 1,5 0 0,5 1 1,5 2 x · ln x x
Der Graph von x · ln x: Tiefpunkt bei x = 1/e, Nullstelle bei x = 1.
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Konzepte

Natürlicher LogarithmusLogarithmusEulersche Zahl